Wer wird Fußball-Weltmeister 2026? Gute Frage. Klar ist kurz vor dem Start des Turniers, das an diesem Donnerstag (21.00 Uhr MESZ im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM, im ZDF und bei MagentaTV) mit dem Eröffnungsspiel Mexiko gegen Südafrika beginnt, nur, wer es nicht wird. Italien zum Beispiel. Oder Dänemark. Chile. Kamerun auch nicht. Bekannte Namen, die fehlen.Das Ausschlussprinzip hilft ein wenig weiter, der Kreis mit 48 Mannschaften, die erstmal an der noch größeren Weltmeisterschaft teilnehmen, ist jedoch immer noch sehr groß. Zwei, die weiterhelfen können, sind Daniel Memmert und Fabian Wunderlich von der Deutschen Sporthochschule in Köln. Weil sie sich ungern auf ihr Bauchgefühl oder Raten verlassen, sondern die Sache mit einem wissenschaftlichen Ansatz angehen. Also: Wer wird Weltmeister?Daniel Memmert (links) und Fabian WunderlichKenny Beele / PrivatBevor beide über die Antwort auf die Frage aller Fragen, zumindest für die nächsten fünfeinhalb Wochen, sprechen, spricht Memmert zunächst einmal über die simplere Frage, wer ein Spiel gewinnt. „Die eigene subjektive Einschätzung ist natürlich eine Möglichkeit, wir würden aber immer empfehlen, diese um objektive Indikatoren zu erweitern.“ Die liefern sie, wie schon bei früheren großen Turnieren, exklusiv für die F.A.Z.Vier Indikatoren werden aufgelistet: das Abschneiden bei der WM 2022, die Position in der aktuellen Weltrangliste, der durchschnittliche Marktwert der Spieler und die Daten vom Wettmarkt. Letztere seien der „objektiv genaueste Indikator, denn hier können alle Informationen sowie zusätzlich komplexe datenbetriebene mathematische Modelle einfließen und werden implizit zu einer Prognose kombiniert“, sagt Memmert.„Die klarste Prognose kann mal daneben liegen“Dennoch, auch das sagt Wunderlich, gibt es weitere Faktoren, die ein Spiel und sein Ergebnis beeinflussen. Der größte sei „eindeutig der Zufall“. In einer Studie zur englischen Liga fanden er und Memmert heraus, dass „bei fast jedem zweiten Tor ein Zufallsmerkmal“ im Spiel war. Insgesamt nehme der Einfluss von Zufall ein wenig ab, „bleibt aber massiv und wird – vor allem im Nachhinein – oft verklärt“. Insgesamt aber bleibt nichts anderes übrig, als einzugestehen: „Die klarste Prognose kann mal daneben liegen.“Die Europameisterschaft 2024 in Deutschland mit zehn Eigentoren war ein gutes Beispiel für den Faktor Zufall. Das sei zwar eine besondere Häufung, sagt Memmert. Dennoch sagen die Zahlen in seiner Datenbasis: 3,5 Prozent aller Treffer sind Eigentore, bei 7,7 Prozent gab es unkontrollierte Abpraller. Zum Vergleich: 7,1 Prozent sind Elfmeter, 8,5 fallen nach Freistößen. „Bei aller Systematik im modernen Fußball dürfen die Spieler und Trainer daher nicht außer Acht lassen, Chaos zu kreieren und so den Zufall herauszufordern.“Die Bewertung von Länderspielen ist, sagt Memmert, im Vergleich zu Partien in Ligen nicht ganz simpel, schlicht, weil Nationalmannschaften nicht so oft spielen und die Bewertung indirekt darauf beruhen muss, welche Spieler im Kader stehen und wie gut diese in ihren Vereinen spielen. So zeigt auch das Abschneiden bei der bisher letzten WM kein genaues, aktuelles Bild mehr.Etwas genauer, weil aktueller, ist die Weltrangliste, die der Weltverband FIFA regelmäßig erstellt. Die Punktzahl basiert auf dem mathematischen Konzept der Elo-Zahl. Dieses Ranking kommt der Frage, wer Weltmeister wird, daher schon näher. Hier liegt Argentinien knapp vor Spanien und Frankreich. Das ist der Stand vom 1. April, am Donnerstag publiziert die FIFA neue Werte.Ein beliebter Wert ist seit einigen Jahren auch der Marktwert der Spieler. In Zeiten des Transferjournalismus spielen bisweilen News und Gerüchte über mögliche Wechsel beinahe eine größere Rolle als das Ergebnis des nächsten Spiels. Bei den Werten von transfermarkt.de liegen vor allem europäische Teams vorne, die in den finanzkräftigen Ligen des Kontinents spielen.Den besten Indikator sehen Memmert und Wunderlich aber im Wettmarkt. „Im Prinzip kann jeder Marktteilnehmer durch seine Wette den Markt ein kleines Stück beeinflussen“, sagte Wunderlich. Dazu kommt der finanzielle Anreiz, richtige Entscheidungen zu treffen. Informationen würden flexibel und effizient in die Bewertung eingehen. „Empirisch können wir eindeutig nachweisen, dass Wettquoten viel bessere Prädiktoren sind als Tore oder Punkte und selbst besser als mathematische Modelle wie das Elo-Rating.“Auf dem Wettmarkt gab es zuletzt keine großen Änderungen, aber doch interessante Verschiebungen. „Insbesondere ist die Titelwahrscheinlichkeit der Franzosen angestiegen und die der Spanier leicht gesunken“, sagt Wunderlich. Die Gründe? Lassen sich nicht eindeutig belegen. „Wir vermuten aber stark, dass insbesondere die Leistungen der Nationalspieler in den europäischen Wettbewerben entscheidenden Einfluss haben.“Bei Klubs spielt der Heimvorteil eine Rolle. Nun gibt es erstmals drei WM-Ausrichter. Haben die besonders gute Chancen? Wunderlich beantwortet die Frage mit „Ja und nein“. Der Heimvorteil sei unbestritten und robust belegt. „Selbst während Corona war der Heimvorteil nachweislich nicht komplett verschwunden.“ Das kann also den USA, Kanada und Mexiko in ihren Spielen schon helfen. „Insgesamt sind die drei Teams allerdings nicht stark genug eingeschätzt, als dass der Heimvorteil sich in relevanter Weise auf die Turnierfavoriten auswirken würde.“Drei Ausrichter, 48 Teams – haben die Vergrößerung und der neue Modus mit einer K.-o.-Runde mehr Folgen? Vor der EM 2016 gab es, als das Feld von 16 auf 24 Mannschaften wuchs, Befürchtungen, die Qualität könne sinken. „Dies war unbegründet“, sagt Memmert. „Selbst die größten Außenseiter konnten sehr gut mithalten.“ Bei der WM sei das nun jedoch anders. „Hier sehen wir riesige Qualitätsunterschiede, die sich auch in der Prognose einzelner Spiele widerspiegeln werden.“Der Modus hat weitere Folgen: „Das Risiko für ein Vorrundenaus ist für die großen Teams auf ein absolutes Minimum reduziert.“ Platz drei reicht unter Umständen schon zum Weiterkommen. „Richtig spannend wird es dann aber nach der Gruppenphase“, sagt Wunderlich. „Hier kann der Turnierbaum die Titelwahrscheinlichkeiten gehörig durcheinander wirbeln.“Und dann kommt es womöglich zum Elfmeterschießen. Ist der Ausgang denn vorhersehbar? Bedingt, gibt Wunderlich zu. „Zum Elfmeterschießen haben wir in Studien herausgefunden, dass bessere Teams im Schnitt auch besser Elfmeter schießen. Auch Druck spielt dabei eine entscheidende Rolle. Aber am Ende des Tages bleibt ein Elfmeterschießen kaum vorhersehbar.“Und wer wird nun Fußball-Weltmeister? „Spanien, Frankreich und England sind die Top drei, gefolgt von den südamerikanischen Teams Brasilien und Argentinien“, sagt Memmert. „Deutschland gehört zu den acht Mannschaften mit den höchsten Chancen, somit also nur zum erweiterten Favoritenkreis.“ Der vereint zusammen rund 80 Prozent Titelwahrscheinlichkeit auf sich, die anderen 40 Mannschaften die restlichen zwanzig Prozent.Wer führt die WM-Prognose durch?Daniel Memmert, Mathematiker, Professor und geschäftsführender Institutsleiter am Institut für Trainingswissenschaft und Sportinformatik, kennt insbesondere auch die psychologischen Tücken von Vorhersagen und konnte in eigener Forschung belegen, dass sich Experten dabei regelmäßig überschätzen. Daher empfiehlt er statt auf einzelne Expertenmeinungen lieber auf die Prognosen von datenbasierten Modellen zu vertrauen. Seine weiteren Arbeitsschwerpunkte liegen in der Bewegungswissenschaft (Kognition und Motorik), in der Sportpsychologie (Aufmerksamkeit und Motivation) sowie in der Sportinformatik (Big Data, ML, KI). Sein Institut kooperiert mit verschiedenen Fußball-Bundesligavereinen, Dax-Unternehmen und organisiert den ersten internationalen Weiterbildungs-Masterstudiengang „Spielanalyse“ sowie das Zertifikat „Sportdirektor im Amateur- und Nachwuchsleistungsfußball“.Fabian Wunderlich, Mathematiker, hat mehrere Jahre im Sportwetten-Bereich gearbeitet und an der Deutschen Sporthochschule Köln zum Thema Vorhersagemodelle im Sport promoviert. Seine primäre Expertise liegt in der Anwendung von mathematischen und informatischen Verfahren auf Sportdaten und seine Forschungsschwerpunkte unter anderem in den Bereichen Vorhersagemodelle, Sportwetten, Wettquoten sowie Zufallseinflüsse im Sportspiel.Gemeinsam haben sich beide in einem Übersichtsartikel mit Vorhersagemodellen im Sport befasst und in einer aktuellen Studie den hohen Zufallseinfluss im Fußball nachgewiesen, der letztendlich die Vorhersagen so schwierig macht. Darüber hinaus wissen sie, wie wichtig Wettquoten im Vorhersagebereich sind, und haben den Nutzen von Wettquoten für die Analyse von Leistungsstärken und in der Vorhersage von Fußballspielen untersucht. Weitere aktuelle Studien befassen sich mit der Frage, inwiefern Positionsdaten oder Social-Media-Daten Vorhersagemodelle für Fußballspiele verbessern können.