72 von 104 Spielen bei der größten Fußball-Weltmeisterschaft sind gespielt – und die Welt ist immer noch nicht viel schlauer. Nach dem Vorrundenende reduzierte sich das Teilnehmerfeld wieder von 48 auf 32 Mannschaften, so viele waren es auch vor der Erweiterung dieses Turniers insgesamt. Nur dass es mit dieser Zahl an Teams jetzt ins Sechzehntelfinale geht. Von nun an geht es also in jeder Partie um alles: ausscheiden oder weiterkommen?Unter den 16 Nationen, die ausgeschieden sind, befindet sich keine große Überraschung – außer Uruguay, das ohne Sieg in Gruppe H blieb. Dem Team von Marcelo Bielsa reichten zwei Punkte nicht, um unter die besten acht von den zwölf Gruppendritten zu kommen. In der F.A.Z.-Prognose von Daniel Memmert und Fabian Wunderlich hatten die Südamerikaner aber auch nur eine Wahrscheinlichkeit von einem Prozent, 2026 Weltmeister zu werden.Ansonsten verabschiedeten sich Teams, deren Werte noch geringer waren. Auch an der Spitze hat sich durch die Vorrunde wenig geändert. „Im Prinzip sind die Favoriten unverändert. Spanien, Frankreich und England, die vor dem Turnier die Top Drei waren, liegen immer noch unter den vier Teams mit der höchsten Titelwahrscheinlichkeit“, sagt Memmert. Dennoch gab es ein paar Verschiebungen durch die Ergebnisse im Vergleich zum WM-Start.„Im Vergleich zum Turnierstart haben sich die Chancen von Argentinien deutlich verbessert, die von Portugal und Spanien verschlechtert“, sagt er. Drei Gründe hat Wunderlich identifiziert: das Scheitern eines Favoriten, die Leistungen und der Turnierbaum. „Jetzt, wo feststeht, welche Teams auf dem Weg zum Titel potentiell als Gegner lauern, können und müssen die Wahrscheinlichkeiten natürlich noch einmal neu bewertet werden“, sagt er.Daniel Memmert (links) und Fabian WunderlichKenny Beele / PrivatEine Debatte gab es vor dem Turnier, ob die Erweiterung des Feldes nicht zu einem Qualitätsverlust führen könnte. „Wenn wir diese Frage aus der ganz speziellen Perspektive der Prognose betrachten, lässt sich schon feststellen, dass – auch im Vergleich zur Euro 2024 – die Qualitätsunterschiede größer waren“, sagt Memmert. Zu erkennen sei das an den Wahrscheinlichkeiten bei einigen deutlichen Einzelprognosen und den teilweise hohen Ergebnissen.„Gleichzeitig hat sich bewahrheitet, dass die Topteams aufgrund des Modus kaum ein Ausscheiden zu befürchten haben“, sagt er. Ein positiver Aspekt sei natürlich, dass durch das Weiterkommen der Gruppendritten auch viele kleinere Teams auf einmal realistische Chancen auf die K.-o.-Runde hatten. Die Demokratische Republik Kongo oder Kap Verde wären beim früheren Modus eine noch größere Sensation gewesen als jetzt durch ihren Einzug ins Sechzehntelfinale.„Auf Einzelspielebene gab es natürlich Überraschungen – die größte mit Sicherheit der Punktgewinn von Kap Verde gegen Spanien, verbunden dann sogar mit der sensationellen Qualifikation für die K.-o.-Runde“, sagt Wunderlich. „Wenn wir die Wahrscheinlichkeiten vor dem Turnier noch mal betrachten und schauen, wer weitergekommen und ausgeschieden ist, dann war der Verlauf absolut erwartbar.“Von den Teams unter den besten zwanzig in der Prognose vom Turnierstart sind nur Uruguay und die Türkei gescheitert. Von den zehn Teams mit der initial kleinsten Titelchance ist nur Kap Verde weitergekommen. Auch bei den Gruppensiegern haben sich in elf von zwölf Fällen die Teams durchgesetzt, die vor dem Turnier Favorit waren – einzige Ausnahme ist Kolumbien.„Durch die vielen erwartbaren Gruppensieger sind auch die starken Teams im Turnierbaum weitgehend so verteilt, wie es vor dem Turnier prognostiziert wurde“, sagt Wunderlich. „Nur der Turnierbaum für Argentinien, die unter anderem Portugal aus dem Weg gehen, ist deutlich einfacher als erwartet, der Turnierbaum für Spanien hingegen etwas schwerer, da sie nun eben schon früh auf Portugal treffen können.“Und wer wird Weltmeister? „Der große Gewinner ist eindeutig Argentinien, das aufgrund der starken Ergebnisse und des relativ einfachen Turnierbaums die Titelwahrscheinlichkeit auf 17,5 Prozent fast verdoppeln konnte“, sagt Memmert. „Auch Frankreich hat durch starke Leistungen seine Chancen gesteigert und ist nun klarer Topfavorit.“Portugal und Spanien als Verlierer nach Vorrunde„Große Verlierer sind hingegen die Portugiesen“, sagt er. In der K.-o.-Phase warten nun im schlimmsten Fall hintereinander Kroatien, Spanien, Belgien und Frankreich, die sie ausschalten müssten, um ins Finale zu kommen. „Hinzu kommen die nicht allzu starken Leistungen in der Vorrunde mit nur einem Sieg. Insgesamt ist die Titelwahrscheinlichkeit daher auf 6,6 Prozent gesunken.“Ähnliches gelte für Spanien, das im Sechzehntelfinale mit Österreich einen kniffligen Gegner hat und danach bereits auf Portugal treffen würde. „Die Titelwahrscheinlichkeit von Spanien ist dadurch auch deutlich reduziert und nur noch bei 11,3 Prozent.“Nun kann jedes Spiel die Titelwahrscheinlichkeit vom bisherigen Wert auf null setzen. „Es wird erst jetzt richtig spannend, insbesondere für die Topteams, die in der Gruppenphase wenig zu befürchten hatten, aber nun eine K.-o.-Runde mehr als früher absolvieren müssen“, sagt Wunderlich.„Immer noch gibt es keine Mannschaft, deren Titelchance deutlich über 20 Prozent liegt (Frankreich bei 21,1 Prozent / Anmerkung der Redaktion). Selbst die beste Prognose hilft also nicht, um sich jetzt schon genauer auf den nächsten Weltmeister festzulegen.“ Das ist erst am 19. Juli möglich.Wer führt die WM-Prognose durch?Daniel Memmert, Mathematiker, Professor und geschäftsführender Institutsleiter am Institut für Trainingswissenschaft und Sportinformatik, kennt insbesondere auch die psychologischen Tücken von Vorhersagen und konnte in eigener Forschung belegen, dass sich Experten dabei regelmäßig überschätzen. Daher empfiehlt er, statt auf einzelne Expertenmeinungen lieber auf die Prognosen von datenbasierten Modellen zu vertrauen. Seine weiteren Arbeitsschwerpunkte liegen in der Bewegungswissenschaft (Kognition und Motorik), in der Sportpsychologie (Aufmerksamkeit und Motivation) sowie in der Sportinformatik (Big Data, ML, KI). Sein Institut kooperiert mit verschiedenen Fußball-Bundesligavereinen und Dax-Unternehmen und organisiert den ersten internationalen Weiterbildungs-Masterstudiengang „Spielanalyse“ sowie das Zertifikat „Sportdirektor im Amateur- und Nachwuchsleistungsfußball“.Fabian Wunderlich, Mathematiker, hat mehrere Jahre im Sportwettenbereich gearbeitet und an der Deutschen Sporthochschule Köln zum Thema Vorhersagemodelle im Sport promoviert. Seine primäre Expertise liegt in der Anwendung von mathematischen und informatischen Verfahren auf Sportdaten und seine Forschungsschwerpunkte unter anderem in den Bereichen Vorhersagemodelle, Sportwetten, Wettquoten sowie Zufallseinflüsse im Sportspiel.Gemeinsam haben sich beide in einem Übersichtsartikel mit Vorhersagemodellen im Sport befasst und in einer aktuellen Studie den hohen Zufallseinfluss im Fußball nachgewiesen, der letztendlich die Vorhersagen so schwierig macht. Darüber hinaus wissen sie, wie wichtig Wettquoten im Vorhersagebereich sind, und haben den Nutzen von Wettquoten für die Analyse von Leistungsstärken und in der Vorhersage von Fußballspielen untersucht. Weitere aktuelle Studien befassen sich mit der Frage, inwiefern Positionsdaten oder Social-Media-Daten Vorhersagemodelle für Fußballspiele verbessern können.