AnalyseSchweizer Frühzykliker haben an der Börse einen Lauf, obwohl die industrielle Erholung in Europa fragil bleibt. Gewinnt die europäische Konjunktur nach der Entspannung zwischen den USA und Iran an Schwung, könnten Bossard, SFS und Ems-Chemie noch deutlicher in den Fokus rücken.2025 war für die Schweizer Frühzykliker Bossard, SFS und Ems-Chemie ein Jahr zum Vergessen. Die Hoffnung auf eine industrielle Erholung wurde durch den Zollschock am «Liberation Day» ausgebremst. Anfang 2026 sorgte US-Präsident Donald Trump mit dem Angriff auf Iran für konjunkturellen Gegenwind.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenThemarket.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Umso überraschender ist, wie stark die Aktien seit Anfang April angezogen haben. Bossard legten rund 36% zu. Auch SFS und Ems-Chemie gewannen deutlich, wobei ihre Erholung bereits früher eingesetzt hatte.Auf den zweiten Blick gibt es gute Gründe: Die globale Industrie hat seit Jahresbeginn an Schwung gewonnen. Ein wichtiger Treiber ist der KI- und Halbleiterboom. Zunächst profitierten vor allem exportorientierte Länder in Asien, inzwischen hat der Impuls die Industrie breiter erfasst.Auch in der Eurozone überschritt der Industrie-Einkaufsmanagerindex im Frühjahr die Wachstumsschwelle von 50 Punkten. «Dabei hat zweifellos auch das deutsche Fiskalpaket geholfen, was sich mitunter in Rückenwind beim deutschen Auftragseingang des verarbeitenden Gewerbes niedergeschlagen hat», sagt Daniel Hartmann, Chefökonom beim Vermögensverwalter Bantleon.Der Nahostkonflikt hat den Aufschwung zuletzt gebremst: Die Unsicherheit nahm zu, die Inputpreis-Komponente des Einkaufsmanagerindex stieg deutlich. Damit ist im Juni ein Rückschlag beim Industrie-PMI der Eurozone möglich. Nach der Entspannung zwischen Iran und den USA könnten jedoch die positiven Treiber erneut überwiegen. Hartmann erwartet deshalb nach einer Durststrecke zur Jahresmitte wieder mehr Schwung gegen Jahresende.In den USA und China ist die Ausgangslage günstiger. In den USA hat der KI-Boom die Investitionen der Industrie stark belebt: Der Industrie-PMI erreichte im Mai ein Vierjahreshoch. China schlägt sich trotz US-Strafzöllen und zeitweise höheren Energiepreisen überraschend gut.Damit bleiben Frühzykliker in einer guten Ausgangslage. Welche Titel besonders interessant erscheinen und wie sich ihre Profile unterscheiden, zeigt die folgende Übersicht.InhaltsverzeichnisBossard wartet auf den Europa-HebelSFS ist breiter aufgestelltEms-Chemie profitiert vom SubstitutionstrendBewertung spricht nicht gegen FrühzyklikerDrei Qualitätszykliker, drei unterschiedliche ProfileBossard wartet auf den Europa-HebelBossard beschafft global bei über 6400 Herstellern mehr als 1 Mio. Verbindungselemente wie Schrauben, Muttern und kundenspezifische Teile und vertreibt sie weltweit. Ergänzend bietet die Gruppe massgeschneiderte Logistik- und Engineeringdienstleistungen an, um Effizienz und Produktivität ihrer Kunden nachhaltig zu steigern.Der Verbindungstechnikspezialist gilt als Pulsmesser der Industrieproduktion. Schwächeln Maschinenbau, Halbleiter- oder Elektronikindustrie, spürt er dies rasch. Die Visibilität bleibt gering, da viele Kunden kaum mehr als einen Monat verlässlich planen können. «Das erste Quartal war ermutigend, ebenso der Start ins zweite Quartal», beurteilt Finanzchef Stephan Zehnder die Ausgangslage.Adrian Lechthaler und Manuel Bottinelli, Fondsmanager bei Peter J. Lehner & Partner, verweisen auf die Stabilisierung in Europa, solides Wachstum in Amerika und anhaltende Dynamik in Asien. Hinzu kommen die vereinzelte Aufstockung von Lagern, etwa in der Luftfahrtindustrie, sowie wachsende Endmärkte wie Bahn, Aerospace, Rechenzentren und halbleiter- oder elektroniknahe Anwendungen. Bossard verzeichnet inzwischen seit drei Quartalen in Folge sequenzielles Wachstum.Auch Elektrofahrzeuge lieferten im ersten Quartal positive Impulse – weniger über einzelne Hersteller als über das breitere Ökosystem aus Komponenten, Batterien und Ladeinfrastruktur.An den Mittelfristzielen der Strategie 200 hält Bossard derweil fest: Über den Zyklus strebt sie mehr als 5% organisches Wachstum pro Jahr an sowie eine Ebit-Marge von 12 bis 15%. Entscheidend ist der Zusatz «über den Zyklus» – die Zielspanne gilt nicht für jedes einzelne Jahr. 2025 lag die Ebit-Marge bei rund 10%.Mit der «Strategie 200» hat Bossard die Basis für mittel- bis langfristiges Wachstum gelegt. Der Fokus auf strukturell attraktive Endmärkte wie Luftfahrt, Bahn, Elektromobilität, Robotik, Medizinaltechnik, Rechenzentren sowie halbleiter- und elektroniknahe Anwendungen soll das Wachstum stützen.Entscheidend bleibt Europa mit rund 60% Umsatzanteil. «Im Vergleich zu Amerika und Asien hätte eine Beschleunigung der Nachfrage in Europa aufgrund der Marktgrösse eine stärkere Hebelwirkung auf die Ertragsentwicklung der Gruppe», betont Zehnder.SFS ist breiter aufgestelltIm Handels- und Logistikgeschäft überschneidet sich das Heerbrugger Unternehmen teilweise mit Bossard, doch bleibt der Wettbewerb begrenzt: SFS fokussiert sich stärker auf industrielle Werkzeuge. Zudem produziert sie in Engineered Components und Fastening Systems selbst kunden- und anwendungsspezifische Komponenten und Systemlösungen.Mit rund 150 Vertriebs- und Produktionsstandorten in 35 Ländern verfügt SFS über ein dichtes Netz in Asien, Europa und Nordamerika. Die reinen Materialkosten fallen meist kaum ins Gewicht. Der grössere Teil der Wertschöpfung entsteht in der Entwicklung kundenspezifischer Lösungen, von Prototypen über Kleinserien bis zu Serienfertigung und Logistikbewirtschaftung. Dadurch ist SFS stärker industriell integriert als Bossard.2025 erzielte die Gruppe 21% des Umsatzes mit der Automobilindustrie, 20% mit der Bauindustrie und knapp 27% mit der industriellen Fertigung. Elektro- und Elektronikindustrie, Medizinaltechnik sowie weitere Endmärkte steuerten den Rest bei. Diese Diversifikation federt einzelne Schwächen ab, ändert aber nichts daran, dass SFS stark an der industriellen Nachfrage hängt.Ein zentraler Ergebnis- und Wachstumstreiber ist Engineered Components. Das Segment steuerte 2025 rund 37% zum Umsatz und 51% zum Ebit bei und profitierte zuletzt von der Belebung in der Elektronik. «Insbesondere wurden Komponenten für mobile Geräte und Festplatten zuletzt stark nachgefragt», sagen Lechthaler und Bottinelli. SFS liefert zudem Komponenten für Server-Racks und profitiert damit vom Ausbau der Rechenzentren.Die Elektronikimpulse kommen vor allem aus Asien. Dort profitiert SFS auch von chinesischen Autoherstellern. «Die Hülle ist chinesisch, aber viele westliche Unternehmen liefern den Inhalt», sagt Philipp Murer, Fondsmanager bei Reichmuth & Co. SFS ist etwa mit in Nantong hergestellten Bremssystemen gut vertreten. Die Automobilindustrie bleibt für das Segment wichtig, wobei viele Komponenten in antriebsunabhängigen Anwendungen wie Sensorik- oder Bremssystemen eingesetzt werden.Ems-Chemie profitiert vom SubstitutionstrendDie Aktien von Ems-Chemie haben sich von dem im November 2025 erreichten Mehrjahrestief gelöst. Fundamental wird die Erholung von einer operativen Aufhellung im ersten Quartal gestützt. Mit einem organischen Wachstum von 0,7% in Lokalwährungen lag der Umsatz erstmals seit dem vierten Quartal 2024 wieder leicht im positiven Bereich.«Erfolgreiche und profitable Neugeschäfte kompensieren das herausfordernde Umfeld», sagen Lechthaler und Bottinelli von Peter J. Lehner & Partner. Die 2023 lancierte Verkaufsoffensive zahle sich zunehmend aus.Der wichtigste Absatzmarkt bleibt die Automobilindustrie, auf die rund 60% des Umsatzes entfallen. Das Umfeld ist dort weiterhin anspruchsvoll. Für Ems-Chemie ist jedoch nicht allein die Zahl der produzierten Fahrzeuge entscheidend.Besonders im Metallersatz werden immer mehr Anwendungen mit Ems-Hochleistungskunststoffen erschlossen. Mit ihren Polymeren ersetzt Ems in zahlreichen Anwendungen Metallteile durch leichtere Kunststofflösungen. Dadurch lassen sich Produktionskosten, Gewicht und Energieverbrauch senken. Dieser Mehrwert rechtfertigt die hohen Preise, die die Kunden zahlen.Gerade in der Automobilindustrie ist dieser Substitutionseffekt bedeutend. Leichtere Bauteile erhöhen die Energieeffizienz, sowohl bei Verbrennern als auch bei Elektrofahrzeugen. Bei E-Fahrzeugen kommt hinzu, dass geringeres Gewicht die Reichweite verbessert oder die Batteriekapazität effizienter nutzbar macht. «Ems profitiert deshalb nicht nur von höheren Fahrzeugvolumen, sondern auch davon, wenn pro Fahrzeug mehr Kunststofflösungen eingesetzt werden», betont Walter Bamert, Analyst bei der ZKB.Wichtig sind dabei enge Entwicklungspartnerschaften mit Herstellern und Zulieferern. Ems entwickelt Materialien häufig gemeinsam mit den Kunden. Wenn sich zeigt, dass die Lösungen trotz höherer Materialpreise die Gesamtkosten senken, steigt die Akzeptanz. Ein Beispiel sind Beschichtungslösungen für die Automobilindustrie, die Prozesse vereinfachen und weniger hohe Trocknungstemperaturen benötigen.Auch deshalb bleibt Ems-Chemie trotz des schwierigen Branchenumfelds gut positioniert. Sie besticht durch Kundenbeziehungen zu allen wesentlichen Automobilherstellern. In China etwa ist sie strategischer Entwicklungspartner von Geely und Schlüssellieferant von BYD. Bei BYD sind etwa hundert Anwendungen mit Ems-Komponenten ausgerüstet.Bewertung spricht nicht gegen FrühzyklikerTrotz des Kursanstiegs erscheinen die drei Frühzykliker historisch betrachtet nicht überzogen bewertet. Vielmehr werden sie weiterhin mit einer attraktiven Bewertung gehandelt, wie Marc Hänni, Leiter Schweizer Aktien bei Vontobel, betont. Alle drei Gesellschaften überzeugen ihn mit überdurchschnittlicher Qualität, etwa in Bezug auf globale Marktführerschaft, Unternehmenskultur, Technologie oder Bilanzstärke.Bei Ems-Chemie liegt das Kurs-Gewinn-Verhältnis auf Basis der Konsensschätzungen für die nächsten zwölf Monate bei 34, der Unternehmenswert entspricht dem 25-Fachen des Ebitda.Damit notiert Ems-Chemie zwar über dem Zehnjahresdurchschnitt. Doch unter CEO Magdalena Martullo-Blocher geniesst die Gruppe grosses Vertrauen am Markt. Das Unternehmen verfolgt eine langfristige, antizyklische Strategie und legt grossen Wert auf finanzielle Solidität. Es operiert schuldenfrei.Auch bei SFS spricht die Bilanzqualität für das Unternehmen. Die Eigentümerfamilien legen grossen Wert auf finanzielle Robustheit. Im vergangenen Jahr wurde die Nettoverschuldung auf 165 Mio. Fr. halbiert. Mit einer Eigenkapitalquote von 64% und einem Verhältnis von Nettoverschuldung zu Ebitda von 0,35 ist die Bilanz in sehr solidem Zustand.Vor diesem Hintergrund erscheint die Bewertung fair, zumal sie nahe am historischen Durchschnitt liegt.Bossard wird mit einem KGV von 20 und einem Unternehmenswert von rund dem 13-Fachen des Ebitda bewertet. Gemessen an der eigenen Bewertungshistorie erscheint dies moderat. «Im Vergleich zur direkten Konkurrenz Fastenal und Bufab handelt Bossard zu einem Discount», betonen Lechthaler und Bottinelli.Drei Qualitätszykliker, drei unterschiedliche ProfileBossard, SFS und Ems-Chemie erfüllen zentrale Kriterien von Qualitätsunternehmen: Sie sind unternehmerisch geführt, solide finanziert und verfügen über langfristig orientierte Ankeraktionäre. Bei Bossard kontrollieren die Familien Bossard über die Kolin Holding 56% der Stimmrechte, bei Ems-Chemie halten Magdalena Martullo-Blocher und ihre Schwester Rahel Blocher die Mehrheit, und bei SFS besitzen die Familienaktionäre 53% des Aktienkapitals.Für Investoren ist die Ausgangslage dennoch unterschiedlich. SFS ist am breitesten aufgestellt. «Meiner Meinung nach dürfte SFS im Vergleich zu Bossard stärker von einer Deeskalation zwischen den USA und Iran profitieren», sagt Christian Bader, Analyst bei der ZKB. Grund ist der Umsatzanteil von rund 20% in der Bauindustrie, die stark von Zinsen und Energiekosten abhängt. Zudem hat SFS mehr Spielraum für Akquisitionen als Bossard.Bossard bietet dafür den grösseren operativen Hebel. Nach Lagerabbau, schwacher Industriekonjunktur und geopolitischen Belastungen könnte sich eine Nachfrageerholung rasch positiv auf die Marge auswirken, da zusätzliches Volumen über die bestehende Infrastruktur und Organisation abgewickelt werden kann. Zudem weist die Aktie im Schweizer Industriesektor historisch eine der höchsten Korrelationen zu den PMI auf, betont Hänni.Ems-Chemie bleibt trotz des hohen Automobilanteils gut positioniert. Neue Anwendungen, die Substitution von Metall durch Hochleistungskunststoffe, Mixeffekte und Preissetzungsmacht stützen das Geschäft. Zudem hat Ems-Chemie starke Zahlen vorgelegt, ist für weiteres Wachstum gut positioniert, erzielt eine hohe Rendite auf das investierte Kapital und zahlt eine attraktive Dividende. Nach vier schwachen Aktienjahren ist der Titel reif für eine Gegenbewegung.Auch Reichmuth-Fondsmanager Philipp Murer sieht bei allen drei Unternehmen langfristige Qualitäten. Die steigenden Einkaufsmanagerindizes sollte man zwar nicht überbewerten, doch die Talsohle in Europa scheint durchschritten. Viele Kunden von Bossard und SFS haben ihre Lager abgebaut, ohne den Lieferanten zu wechseln. Bei einer Erholung kann daraus Nachholbedarf entstehen.SFS ist am defensivsten aufgestellt, Ems-Chemie bleibt eine langfristige Wachstumsperle. Das grösste Aufholpotenzial sieht Murer derzeit jedoch bei Bossard, weil SFS und Ems-Chemie bereits stärker gelaufen sind und damit mehr Erholung vorweggenommen haben. Zykliker seien oft dann am aussichtsreichsten, wenn sie wegen einer Margen- und Gewinndelle optisch teuer wirkten und kaum jemand sie haben wolle.«Wir erwarten bei allen drei Unternehmen für die kommenden Monate positive Umsatz- und Gewinnrevisionen», fügt Hänni an. Das grösste Kurspotenzial sieht er bei Bossard, dahinter folgt SFS.Auch The Market ist überzeugt, dass Schweizer Frühzykliker wieder an Attraktivität gewonnen haben. In dem sich graduell verbessernden Umfeld erscheint Bossard wegen des Aufholpotenzials derzeit besonders interessant, während SFS defensiver positioniert ist und Ems-Chemie als langfristiger Wachstumstitel überzeugt.