Analyse

Nach Jahren der Bewertungskorrektur zeichnen sich im Schweizer Medtech-Sektor Chancen ab. Die nächste Aufschwungphase dürfte aber nicht mehr von breiter Euphorie getragen werden, sondern von Unternehmen, die Marktführerschaft und neue Wachstumsfelder miteinander verbinden. The Market nennt die Favoriten. Schweizer Medtech-Aktien gehörten einst zu den Lieblingen an der Börse. Doch die zunehmenden Zollforderungen aus Washington, der starke Franken, enttäuschende Wirtschaftsdaten und die Euphorie rund um künstliche Intelligenz (KI) drängten die Branche fast vollständig aus dem Fokus der Anleger.Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen

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Bitte passen Sie die Einstellungen an.Nun erwachen Titel wie Tecan, Straumann und Sonova langsam aus ihrem Winterschlaf.Und auch die kleinen, wachstumsstarken Unternehmen Ypsomed, Medacta und Medartis lenken das Interesse der Anleger auf sich.Die jüngste Erholung folgt auf eine schmerzhafte Korrektur nach der Covid-Zeit. Während der Pandemie profitierten viele Unternehmen von historisch tiefen Zinsen, reichlich Liquidität und starker Nachfrage, was die Bewertungen in die Höhe schnellen liess. Teilweise waren Gesellschaften wie Straumann mit dem 66-Fachen des Ebitda bewertet. Es folgte ein bitterer Niedergang.«Mit dem Ende dieser Sonderkonjunktur änderte sich das Bild schlagartig. Höhere Finanzierungskosten, der Abbau von Lagerbeständen, eine schwächere Investitionsbereitschaft sowie zunehmende geopolitische Spannungen führten zu einer grundlegenden Neubewertung des Sektors», erklärt Dieter Meyer, Medtech-Experte und Partner bei der Unternehmensberatung Bain & Company in Zürich, im Gespräch mit The Market.Hinzu kamen die Unsicherheit um Chinas staatliche Beschaffungsprogramme sowie Handelszölle in den USA. China und die USA gelten als die wichtigsten Märkte für Schweizer Medtech-Unternehmen. Ihre Aktien, die zuvor als unangreifbare Wachstumswerte galten, wurden plötzlich kritischer betrachtet.«Der Sektor befindet sich jetzt in einer wichtigen Phase der Differenzierung. Während Anleger früher bereit waren, nahezu jedes Medtech-Unternehmen mit einem hohen Gewinnvielfachen zu bewerten, wird heute deutlich genauer zwischen strukturellen Gewinnern, Turnaround-Kandidaten und Gesellschaften mit begrenztem Innovationspotenzial unterschieden», führt Meyer aus.Straumann kam gut durch die KorrekturInteressant erscheint in diesem Zusammenhang Straumann. Das Basler Dentalunternehmen hat die Korrektur vergleichsweise gut überstanden und überzeugt mit operativem Wachstum. Die Premium-Zahnimplantate bleiben das Herzstück des Geschäfts und profitieren von hohen Eintrittsbarrieren, starker Kundenbindung und einer global führenden Marktposition. Trotz einiger Herausforderungen konnte Straumann auch in China die Marktstellung verteidigen, während viele westliche Medtech-Konzerne dort unter dem zunehmenden Preisdruck leiden.Gleichzeitig hat Straumann früh erkannt, dass künftiges Wachstum nicht allein aus dem Premium-Segment kommen wird. Mit der brasilianischen Tochter Neodent wurde ein zweites Standbein im Value-Segment aufgebaut. In Schwellenländern, aber auch in westlichen Gesundheitssystemen mit zunehmenden Kostendruck wächst die Nachfrage. Die Trennung zwischen Premium- und Value-Angeboten könnte sich langfristig als wichtigster Erfolgsfaktor erweisen.«Genau hier zeichnet sich ein grösserer Trend ab. Value-orientierte Medtech-Anbieter gewinnen weltweit an Bedeutung. Das Wachstum kommt zunehmend aus Lateinamerika, Asien und anderen Emerging Markets, wo Kosteneffizienz wichtiger ist als technologische Spitzenleistungen», so Meyer, der die Branche seit über zwanzig Jahren beobachtet.Wie Straumann so MedartisWie stark das Value-Segment in den Fokus gerückt ist, zeigt auch der jüngste Zusammenschluss im Orthopädiemarkt. Mit dem Erwerb von knapp über 50% am brasilianischen Implantathersteller NeoOrtho hat Medartis aus Basel das Angebot im günstigeren Marktsegment erweitert und sich strategisch für Wachstum in Schwellenländern positioniert, wie am Investorentag vergangene Woche deutlich wurde.Die Produktionskosten für die orthopädischen und neurochirurgischen Implantate von NeoOrtho (die übrigens derselben Eigentümerfamilie wie einst Neodent gehört) in Brasilien sind laut Medartis-CEO Matthias Schupp gut dreimal niedriger als in der Schweiz, wodurch sich attraktives Margenpotenzial in Märkten mit hoher Preissensitivität ergibt. Schupp plant in Lateinamerika nun eine selektive Expansion und will sich auf Regionen konzentrieren, in denen Value-Implantate mehr als 60% des Gesamtmarktes ausmachen. Nachdem Mexiko erfolgreich erschlossen worden ist, stehen nun Argentinien und Peru im Fokus.In Europa werden derzeit die regulatorischen Anforderungen für Polen und Deutschland analysiert. Der Eintritt in den US-Markt hat im Value-Segment keine Priorität, da dort günstige Implantatsysteme einen Marktanteil von lediglich rund 15% erreichen.Parallel schafft Medartis die operativen Voraussetzungen für Wachstum der Premium-Produkte. Nach bestandener FDA-Inspektion soll der Anteil der lokal für den US-Markt hergestellten Produkte bis 2027 auf 80% steigen. Als Reaktion auf die Zollankündigungen wurde bereits vergangenes Jahr damit begonnen, mehrere Fräsmaschinen für Knochenimplantate in die USA zu verschicken, um die Produktion dort zu stärken.Am Kapitalmarkttag wurde mehr als deutlich, dass Medartis sich «operativ und strategisch in einer ausgesprochen dynamischen Phase befindet», kommentiert Ed Hall, Analyst beim Finanzdienstleister Stifel.Medacta fordert die grossen Anbieter herausWährend Medartis sich auf orthopädische Schrauben und Platten für Kopf, Hand, Arm und Fuss spezialisiert, stellt die kotierte Medacta orthopädische Implantate für Hüfte, Knie, Schulter und Wirbelsäule her. Das Tessiner Unternehmen hat sich hier vom Nischenanbieter zu einem Herausforderer von US-Schwergewichten wie Zimmer Biomet oder Stryker entwickelt.Medacta steht wie kaum eine andere Schweizer Medtech-Gesellschaft für organisches Wachstum, chirurgische Innovation und eine familiengeführte Strategie. Mit einer Betriebsgewinnmarge auf Stufe Ebitda von rund 25% und einem stabilen Cashflow ist sie operativ solide aufgestellt.Sie investiert stark in Schulungsplattformen und digitale Planungssysteme, wodurch sie sich langfristig zum Partner von Spitälern macht. Weil sie einen grossen Teil des Umsatzes mit wiederkehrenden Einnahmen aus Implantaten, Serviceverträgen und Schulungen erzielt, lässt sich dieser Cashflow gut prognostizieren.Medartis und Medacta überzeugen vor allem mit ihren Wachstumsperspektiven und den starken Margen.Gleichzeitig befinden sich beide noch in einer entscheidenden Expansionsphase.Ypsomed kann mehr als GLP-1Ebenfalls beeindruckendes Wachstum finden Anleger bei Ypsomed, wie das abgeschlossene Geschäftsjahr 2025/26 gezeigt hat. Das Unternehmen aus Burgdorf entwickelt und produziert Autoinjektoren, Pens und weitere Verabreichungslösungen für Pharma- und Biotech-Gesellschaften – ein Geschäft mit hoher Visibilität, attraktiven Margen und langfristigen Kundenbeziehungen. Der grösste Wachstumstreiber war die enorme Nachfrage nach Medikamenten gegen Diabetes und Fettleibigkeit, von Herstellern wie Novo Nordisk und Eli Lilly, weshalb viele Analysten Ypsomed bloss als Profiteur des GLP-1-Booms wahrnahmen, was zu einer ungerechtfertigten Kurs- und Bewertungskorrektur führte.Tatsächlich sind die Kunden- und die Indikationsbasis deutlich breiter. Das Unternehmen arbeitet mit mehr als 130 Kunden zusammen und verfügt über 80 zugelassene Indikationen. Unterstützt durch den Ausbau der Produktionskapazitäten in Deutschland, China und den USA ergibt sich erhebliches mittel- bis langfristiges Wachstumspotenzial.Für 2026/27 erwartet das Management ein Umsatzwachstum von 12 bis 15% sowie eine Betriebsgewinnmarge auf Stufe Ebit von 210 bis 230 Mio. Fr. «Die Breite der Anwendungsmöglichkeiten der Injektionssysteme von Ypsomed wird vom Markt unserer Meinung nach noch immer unterschätzt. Ypsomed ist für uns nicht nur ein GLP-1-Proxy, sondern ein interessanter Marktführer in einer wachsenden Nische des Biopharmamarktes», kommentieren die Analysten der Helvetischen Bank.Sonova könnte an Dynamik verlierenIm Fall von Sonova stellt sich zunehmend die Frage nach der Innovationsdynamik des Geschäfts. Die Innovationssprünge fallen kleiner aus als in früheren Jahren, während Wettbewerber mit tieferen Preisen und alternativen Angeboten auf den Markt drängen.Hinzu kommt, dass strategische Entscheidungen in der Vergangenheit nicht vollständig überzeugt haben. Die Übernahme des Consumer-Audio-Geschäfts von Sennheiser etwa wird von Analysten rückblickend kritisch beurteilt.Zwar zeigte Sonova im zurückliegenden Geschäftsjahr 2025/2026 ein organisches Wachstum von 5%, während der Gesamtmarkt nur rund 3% vorankam. «Sonova gewinnt Marktanteile. Wir glauben aber, dass diese Zahlen eine Ausnahme waren», sagt Sylvain Bornand, Portfoliomanager der Waadtländischen Kantonalbank, im Gespräch mit The Market. Gemäss Bornand wird der Wettbewerb stärker. Viele Konkurrenten bringen ebenfalls innovative Produkte auf den Markt, die Unterschiede seien für Konsumenten kaum mehr wahrnehmbar.Tecan ist ein Turnaround-FallEine völlig andere Ausgangslage findet sich beim Laborausrüster Tecan. Während der Coronajahre profitierte er von hoher Nachfrage aus Biotechnologie und Diagnostik. Nach dem Ende dieses Investitionszyklus folgte eine ebenso drastische Ernüchterung. Mehrere Gewinnwarnungen führten zu einer massiven Bewertungskorrektur.Gerade darin könnte jedoch die Chance liegen. Während Straumann und Sonova trotz Rückschlägen weiter zu einem anspruchsvollen Bewertungsvielfachen gehandelt werden, dürfte bei Tecan ein erheblicher Teil der Enttäuschung eingepreist sein.Investoren diskutieren seit längerem über strategische Optionen, darunter die Abspaltung einzelner Geschäftsbereiche oder den Verkauf Tecans an Private Equity. Der Antritt der neuen CEO Monica Manotas und der Einstieg des Finanzinvestors Spectrum Entrepreneurial Ownership haben nun Turnaround-Fantasie geweckt. Sollte es gelingen, die Kostenbasis zu optimieren, die Nachfrage zu stabilisieren und das Produktportfolio klarer zu positionieren, könnte Tecan zu den Überraschungen des Sektors gehören.Normalisierung der Bewertungen bringt ChancenAus Anlegersicht ergibt sich ein differenziertes Bild des Schweizer Medtech-Sektors. «Die Zeit, in der Unternehmen mit Höchstbewertungen gehandelt wurden, dürfte vorbei sein. Künftige Kursgewinne werden stärker von operativer Exzellenz, Innovationskraft und strategischer Positionierung abhängen. Gleichzeitig aber hat die Normalisierung der Bewertungen den Boden für neue Chancen geschaffen», folgert Unternehmensberater Meyer.Aus Sicht von The Market bieten sich diese Chancen bei Tecan. Straumann erscheint langfristig als der ausgewogenste Vertreter des Schweizer Medtech-Sektors. Überdurchschnittliches Wachstum finden Anleger bei Medartis, Medacta und Ypsomed, aber vermutlich nicht bei Sonova.Zudem könnten sich Medtech-Aktien angesichts der jüngsten Marktturbulenzen als stabilisierendes Element im Portfolio gegen eine Schwächephase im Tech-Umfeld erweisen.