Kapitän Shafiqul Islam will die Fahrt durch die Straße von Hormus vorerst nicht riskieren. Er hat kein Vertrauen, dass die Meerenge nach dem Abkommen mit Iran passierbar sein soll, wie von den USA verkündet. „Wir hören auf die Durchsagen der iranischen Revolutionsgarden“, sagt der Bangladescher der F.A.Z.Und die Iraner haben die Straße von Hormus erst am Samstag wieder für gesperrt erklärt. „Achtung an alle Schiffe! Achtung an alle Schiffe!“, beginnt die von einem Rauschen begleitete Funkdurchsage, die Islams Crew aufgenommen hat. Die Schiffe seien angewiesen, „sich nicht der Straße von Hormus zu nähern“. Sonst würden sie von der iranischen Marine „zerstört“.Oft sind Kapitän Islam und seine Crew in den vergangenen vier Monaten enttäuscht worden. So lange steckt ihr Frachter Banglar Joyjatra im Persischen Golf fest. Sie hätten miterleben müssen, wie die Vereinbarungen eine nach der anderen wieder gebrochen wurden, sagt der Kapitän. Dreimal habe er den Weg durch die Hormus-Straße versucht. „Immer vergeblich“, so Islam.Kapitän Shafiqul Islam vorderste Reihe Zweiter von rechts mit Bart und Kappe (Video: privat)privatCirca 11.000 Seefahrer sitzen aktuell im Golf festNach der Unterzeichnung des Rahmenabkommens zwischen den USA und Iran hatten Tracking-Unternehmen zunächst eine Zunahme des Schiffsverkehrs durch die Meerenge festgestellt. Der Trend hatte sich aber zum Wochenende hin zunächst verlangsamt. Dem US-Militär zufolge hatten am Samstag dann jedoch 55 Schiffe die Straße von Hormus durchquert, mehr als je zuvor seit ihrer Schließung. Es waren demnach aber noch deutlich weniger als die durchschnittlich 130 Schiffe am Tag davor.Der Frachter der staatlichen Bangladesh Shipping Corporation, der rund 37.000 Tonnen für Südafrika bestimmtes Düngemittel geladen hat, ankert seit Wochen vor Sharjah in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Der Kapitän und seine rund 30 Mann Besatzung gehören damit zu den geschätzten 20.000 Seeleuten, die der Internationalen Seeschifffahrts-Organisation (IMO) zufolge im Zuge des Irankriegs im Golf gestrandet waren. Derzeit sollen noch etwa 11.000 Seefahrer und mehr als 500 Schiffe dort liegen, darunter mehr als 200 Öltanker.Die Seeleute leiden unter der Unsicherheit und der schwierigen Versorgungslage. „Es mangelt an Lebensmitteln und an Wasser“, sagt der Kapitän. „Und es hat Auswirkungen auf die psychische Gesundheit.“ Dabei deckt sich das, was er berichtet, mit den Darstellungen anderer Kapitäne und Seefahrergewerkschaften, mit denen die F.A.Z. gesprochen hat. Mohamed Arrachedi, der bei der International Transport Workers’ Federation (ITF) für Iran und den arabischen Raum zuständig ist, spricht von einer „absolut beispiellosen Situation“.Raketen und Drohnen flogen über ihre Köpfe hinwegDer Crew der Banglar Joyjatra gelingt es dem Kapitän zufolge dabei ganz gut, sich die Zeit zu vertreiben. Als Seeleute sind sie eintönige Tage an Bord gewohnt. Eine Gruppe sei auf der Kommandobrücke beschäftigt, eine andere im Maschinenraum, wieder andere putzen, kochen und führen Wartungsarbeiten durch, sagt Islam. Sie spielen Karten, schauen Filme, die Fußball-Weltmeisterschaft und spielen Tischtennis. Mehrmals täglich sprechen sie über das Internet mit ihren Familien – solange das Netz nicht wieder zusammenbricht, so der Kapitän.Unterbrochen wurde die Routine aber regelmäßig durch die Angriffe, die die Seeleute im Kriegsgebiet erlebten. Immer wieder flogen Raketen und Drohnen über ihre Köpfe hinweg. Manchmal sahen sie, wie die Geschosse in der Luft von Abfangraketen zerstört wurden. Der Kapitän hat Videos geschickt, auf denen leuchtende Punkte im schwarzen Nachthimmel zu sehen sind. Dann folgen Explosionen und Vibrationen an Bord. Berichten zufolge sind auch Dutzende Seeleute getötet worden. „Gott sei Dank lebe ich noch. So viele Seeleute sind bereits ums Leben gekommen“, sagt Islam.Am ersten Kriegstag erlebte die Crew im Hafen von Dschabal Ali, wie eine Rakete in ein Öllager einschlug, das sich direkt neben ihrem Schiff befand. Das Feuer brannte 20 Stunden lang. „Wenn ein Tank explodiert, dann trifft es auch mein Schiff. Doch wohin sollten wir fliehen?“, fragt er. Als Trump dann abermals mit der „Auslöschung“ Irans gedroht hatte, vermutete er, dass Iran aus Vergeltung auf US-Angriffe auch die Schiffe von Drittländern angreifen könnte. An dem Abend hatte er stark erhöhten Blutdruck. „Ich konnte in der Nacht nicht schlafen.“ Am nächsten Morgen sah er, dass Trump den Angriff zurückgezogen hatte.Foto von brennendem Öltank nach Angriff im Hafen von Dschabal Ali, fotografiert von dem Schiff Banglar JoyjatraprivatEs mangelt an Wasser und LebensmittelnDabei sind die Seeleute in der Region schon einiges gewohnt. Der philippinische Ex-Kapitän Edgardo Flores, der mit vielen Landsleuten im Persischen Golf in Kontakt stand, weiß, was sie durchmachen. In fünf Jahrzehnten als Seefahrer hatte er unter anderem zur Zeit des Kriegs zwischen Iran und Irak in den Achtzigerjahren auf einem Tanker gearbeitet. Er hatte mehrfach an der Insel Kharg angelegt, von der Iran seine Ölexporte abwickelt. „Es war sehr gefährlich, denn jede Nacht fanden dort Luftangriffe statt“, berichtet er der F.A.Z. Bis heute bekomme er Gänsehaut, wenn er an die Leichen denkt, die nach einem Angriff auf ein Schiff im Meer trieben, und die Seeleute, die um ihr Leben schwammen.Angst und psychische Belastung sind das eine Problem, die alltäglichen Versorgungsprobleme ein anderes. Simran Gill, der Kapitän eines Spezialschiffs, der seine Crew vorübergehend im Golf zurücklassen musste und an seinen Arbeitsstandort in Singapur zurückgereist war, steht mit zahlreichen Seeleuten im Persischen Golf in Kontakt. Viele Schiffe könnten es sich nicht leisten, ihrer Besatzung ausreichend Proviant und Wasser zur Verfügung zu stellen. „Die Leute auf einem Schiff erwähnten, dass sie sogar Wasser sammelten, das von den Klimaanlagen runtertropfte“, sagt Gill. Sie hätten das Wasser danach abgekocht und benutzt.Eine Tonne Trinkwasser kostet 42 DollarAuf vielen Schiffen wird daher streng rationiert. „Wir haben jeden Tag nur 15 Minuten lang Wasser“, sagt Kapitän Islam. Oft verzichte er auf Mahlzeiten, weil er seine Hände nicht waschen könne, sagt der Bangladescher. Eine Ursache für die schlechte Versorgung sind die hohen Preise, so der Kapitän. Eine Tonne Trinkwasser habe zuletzt 42 Dollar gekostet, normalerweise nur drei bis vier Dollar. Viele Seeleute bekämen nur eine Mahlzeit am Tag und oft nur Linsen und Reis, berichten mehrere Gesprächspartner.Der Gewerkschafter Arrachedi führt die Engpässe unter anderem darauf zurück, dass viele Schiffe in internationalen Gewässern liegen. „Um Essen und Wasser zu bestellen, muss man sich im Hoheitsgebiet eines Landes befinden“, sagt er. Manoj Yadav von der indischen Seefahrergewerkschaft FSUI berichtet, dass zu Kriegsbeginn einige Schiffe nur noch für zwei Tage Proviant gehabt hätten. Die Dienstleister, die sonst die vor Anker liegenden Schiffe versorgten, hätten zu viel Angst vor Angriffen gehabt und deshalb keine Boote geschickt.Die Lage nach dem Abkommen zwischen den USA und Iran, fotografiert auf dem Schiff Banglar Joyjatra. Es befinden sich kaum Schiffe in der Straße von Hormus.privat„Wir gehen mit dem Gefühl der ständigen Gefahr ins Bett“Arrachedi sagt, indem er das Schicksal der gestrandeten Seeleute sichtbar mache, lenke der Irankrieg den Fokus auch auf längst bekannte Missstände in der internationalen Schifffahrt. „Leider sind diese Probleme nicht neu“, sagt der Spanier, der sich aus Bilbao für die Seefahrer einsetzt. Immer häufiger komme es vor, dass Reeder ihre Crews im Stich lassen, sie nicht bezahlen, ohne Vorräte zurücklassen oder Rückführungskosten nicht übernehmen. Laut Arrachedi waren es im Jahr 2024 noch 312 Fälle, im Jahr 2025 schon 410.Der Spanier spricht von „moderner Sklaverei“. Er bekommt täglich Nachrichten von gestrandeten Seeleuten aus dem Persischen Golf, die ihn um Hilfe bei der Rückkehr in ihre Heimatländer bitten. Während des Interviews pingt fast ununterbrochen sein Handy. Hunderten hat er helfen können, aber nur unter großen Schwierigkeiten mit Visa, ausstehenden Löhnen und fehlendem Geld für den Transport.Der bangladeschische Kapitän Islam sagt, er habe in 30 Jahren im Beruf als Seefahrer noch nicht so eine verfahrene Situation erlebt. Japan, USA, China – er war seinen Angaben nach schon fast überall. „Wir lagen vor Anker – an so vielen Ankerplätzen, 50 Tage, 60 Tage – das gehört dazu“, sagt er. „Aber ich kannte keine Angst um mein Leben. Hier ist die Situation jedoch anders. Wir gehen mit dem Gefühl der ständigen Gefahr ins Bett“, so der Kapitän.Natürlich ist die Hoffnung nun groß, dass das lange Warten bald ein Ende haben könnte. Aber auch wenn Kapitän Islam dem Frieden noch misstraut, bietet das Abkommen zwischen den USA und Iran Gelegenheit zur Reflexion. Nur weil zwei Länder sich nicht vertragen, sollte dies nicht auf die Matrosen zurückfallen, findet der Kapitän. Und: „Seeleute sollten nicht als Verhandlungsmasse missbraucht werden“, sagt er, bevor er sich wieder seiner täglichen Arbeit zuwendet. Später schickt er dann noch ein Update per Textnachricht: „Es bewegt sich nichts, alle Schiffe warten noch.“
Hormus: Alltag der Seeleute, die seit vier Monaten feststecken
Seit Februar steckt Kapitän Islam mit seiner Crew im Nahen Osten fest. Die Raketen über ihren Köpfen zermürben die Seeleute.
















