PfadnavigationHomePolitikAuslandIran„Seit dem Krieg hat sich alles verändert“ – Was die Hormus-Sperrung für Seeleute bedeutetStand: 09:35 UhrLesedauer: 6 MinutenSchiffen liegen in der Straße von Hormus vor AnkerQuelle: Reuters/REUTERSHunderte Schiffe sitzen an der Straße von Hormus fest. Das belastet die Besatzungen enorm. Tausende Seeleute bitten um Unterstützung, aber kaum jemand darf öffentlich darüber reden. Einer von ihnen hat WELT trotzdem erzählt, wie er den Krieg erlebt.Die Straße von Hormus zählt zu den wichtigsten Handelsrouten der Welt. Seit Beginn des Iran-Krieges sitzen Tausende Seeleute in der Region fest. Nach Angaben der zu den Vereinten Nationen gehörenden International Maritime Organization befinden sich seit dem 28. Februar mehr als 500 international verkehrende Handelsschiffe im Persischen Golf. Insgesamt schätzt die Organisation die Zahl der Seeleute in der Region auf etwa 20.000.Die Hilfsorganisation The International Seafarers’ Welfare and Assistance Network berichtet von einem Anstieg der Hilferufe um 15 bis 20 Prozent, während die International Transport Workers’ Federation nach eigenen Angaben bereits 1900 Unterstützungsanfragen von Seeleuten und ihren Familien erhalten hat. Rund ein Fünftel betrifft Rückholanträge. Öffentlich sprechen dürfen die meisten Seeleute jedoch nicht. Kapitän Shafiqul Islam aus Bangladesch ist einer der wenigen, die trotzdem mit WELT reden. Er liegt mit seinem Frachtschiff „Banglar Joyjatra“ seit Wochen vor der Küste der Vereinigten Arabischen Emirate. WELT: Eigentlich transportierten Sie auf Ihrem Schiff Düngemittel rund um die Welt. Heute sitzen Sie vor der Küste der Emirate fest. Wie hat dieser Krieg Ihr Leben an Bord verändert?Shafiqul Islam: Vor dem Krieg bestand unser Leben aus Routine. Wir hatten unsere Wachen, unsere Navigation, die Kommunikation mit den Häfen und die normalen Abläufe an Bord. Wir fuhren von Hafen zu Hafen, luden und entluden Fracht. Dazwischen hatten wir Freizeit. Wir spielten Spiele, schauten Filme und führten ein normales Leben auf See. Seit dem Krieg hat sich alles verändert. Wir haben Angst. Auch die Konzentration der Crew hat gelitten. Heute besteht unser Alltag vor allem darin, zu warten. Wir haben zwar Fracht an Bord, aber wir können unsere Reise nicht fortsetzen. Stattdessen erledigen wir Wartungsarbeiten, streichen und reinigen das Schiff.Lesen Sie auchWELT: Eigentlich wollten Sie mit Ihrer Ladung nach Südafrika fahren. Doch heute sind Sie immer noch am Golf.Lesen Sie auchIslam: Wir haben mehrfach versucht, die Straße von Hormus zu passieren. Jedes Mal mussten wir wieder umkehren. Die Küstenwache hat uns angewiesen, nicht weiterzufahren. Seitdem liegen wir 17 Seemeilen vor der Küste der Vereinigten Arabischen Emirate und warten. Unsere Regierung versucht ebenso wie unser Charterer aus Singapur, eine Lösung mit den iranischen Behörden zu finden. Aber bisher hat das nicht funktioniert. Wir haben bereits mehrere Frachtaufträge verloren, weil die Situation so unsicher ist.WELT: Wie gefährlich ist die Lage aktuell für Sie und Ihre Crew? Islam: Im März haben wir die Besatzung wegen der Gefahr durch Raketen und Drohnen teilweise nicht mehr auf das offene Deck geschickt. Wenn Angriffe gemeldet wurden, blieben die Crewmitglieder im Inneren des Schiffes. Wenn wir einen Feuerball am Himmel gesehen haben, suchten wir Schutz im Inneren des Schiffes. Wir haben Explosionen gehört und teilweise sogar Erschütterungen auf dem Schiff gespürt.WELT: Ihr Schiff war in der Nähe des Hafens Dschabal Ali in Dubai, als dieser angegriffen wurde. Wie haben Sie diesen Moment erlebt?Islam: Der Angriff auf den Hafen geschah am 1. März gegen 1:30 Uhr nachts. Die Crew war verängstigt. Wir haben sogar darüber nachgedacht, das Schiff zu verlassen. Unsere Regierung hatte vorgeschlagen, dass wir in ein Hotel gehen könnten. Aber wir haben Fracht an Bord. Außerdem war der Hafen praktisch verlassen. Es gab keine Lotsen, keine Schlepper, keine Hafenmitarbeiter. Drei Tage lang ist dort fast nichts passiert. Wir wussten nicht, was als Nächstes geschehen würde. Auch später haben wir die Auswirkungen des Krieges immer wieder gespürt. Man merkt ständig, wie nah der Konflikt tatsächlich ist. Wir haben über Funk gehört, wie Schiffe aufgefordert wurden, anzuhalten, und wie sie zur Umkehr gezwungen wurden.WELT: War das für Sie persönlich der schwierigste Moment in den vergangenen Wochen?Islam: Ja. Als die Explosion neben meinem Schiff stattfand, dachte ich, mein Schiff könnte ebenfalls explodieren. Ich hatte Sorge, dass das Feuer auf unser Schiff übergreift und wir es verlassen müssen. In diesem Moment machte ich mir auch Sorgen um die Versorgung. Ich dachte: Wenn ich den Hafen verlassen muss, bekomme ich möglicherweise kein Trinkwasser mehr. Auch der Treibstoff an Bord war knapp. Wir wussten nicht, was als Nächstes passieren würde. Innerlich hatte ich Angst. Aber ich habe das nicht gezeigt. Sonst wäre auch die Crew in Panik geraten.Lesen Sie auchWELT: Was ist derzeit die größte Sorge der Menschen an Bord?Islam: Dass wir endlich die Straße von Hormus passieren und unsere Reise fortsetzen können. Im Moment warten wir nur. Mitte April wurde uns klar, dass dies keine kurzfristige Störung mehr ist, sondern etwas, das Wochen oder sogar Monate dauern könnte.WELT: Was macht das monatelange Warten mit einer Crew, die eigentlich unterwegs sein sollte?Islam: Einige Crewmitglieder wollen nach Hause. Viele machen sich Sorgen um ihre Familien. Manche fühlen sich einsam. Ein Crewmitglied leidet an einer Hautkrankheit und braucht einen Dermatologen. Aber wir können ihn nicht zum Arzt bringen. Wenn wir einen Hafen anlaufen könnten, wäre das möglich. Doch unter den aktuellen Umständen geht das nicht. Man merkt auch, dass die Moral leidet. Als Kapitän versuche ich, die Crew ruhig zu halten und keinen zusätzlichen Druck zu erzeugen. Bisher funktioniert das, aber natürlich ist die Situation schwierig. Es kann jederzeit etwas passieren.WELT: Wie schwierig ist es, die Versorgung der Crew sicherzustellen?Islam: Wir haben genügend Lebensmittel. Aber wir müssen inzwischen Wasser sparen. Unser Schiff kann normalerweise selbst Frischwasser produzieren, wenn es fährt. Doch wir liegen fest. Deshalb müssen wir Wasser vom Land kaufen. Früher kostete eine Tonne Frischwasser etwa 3,50 Dollar. Zuletzt haben wir 42 Dollar bezahlt. WELT: Welche Rolle spielt Ihre Familie in einer Situation wie dieser?Islam: Wir sind in Kontakt. Jeden Tag, oft mehrmals. Morgens telefoniere ich mit meiner Mutter. Ich spreche jeden Tag per Videoanruf mit meiner Frau. Auch zu meinen drei Kindern habe ich Kontakt. Wenn die Verbindung ausfällt, wissen sie inzwischen, dass sie warten müssen, bis ich mich wieder melden kann. Der Austausch mit der Familie hilft uns sehr, mit der Situation umzugehen.Lesen Sie auchWELT: Wenn Menschen an die Straße von Hormus denken, denken sie an Öl und Geopolitik. Was übersehen sie dabei?Islam: Viele Menschen wissen nicht, wie unterschiedlich die Lage auf den einzelnen Schiffen ist. Mein Reeder unterstützt mich. Wir bekommen Wasser, Lebensmittel und unser Gehalt wird weitergezahlt. Aber ich kenne andere Schiffe, auf denen die Situation deutlich schwieriger ist. Manche Besatzungen haben Probleme mit der Versorgung. Andere warten auf ausstehende Gehälter. Wir Seeleute haben mit diesem Konflikt nichts zu tun. Trotzdem tragen wir die Folgen.WELT: Was beunruhigt Sie am meisten, sollte die Situation noch Monate andauern?Islam: Die Unsicherheit. Wir wissen nicht, wann wir weiterfahren können. Wir wissen nicht, wann wir wieder nach Hause kommen. Viele Menschen verlieren inzwischen das Vertrauen, dass sich die Lage schnell verbessert. Und die Folgen reichen weit über die Schiffe hinaus. Es geht um Öl, um Düngemittel, um Lebensmittel. Die Auswirkungen betreffen Menschen auf der ganzen Welt. Am Ende wünschen wir uns etwas sehr Einfaches: Wir wollen unsere Arbeit machen und nach Hause zu unseren Familien zurückkehren.
Iran: „Seit dem Krieg hat sich alles verändert“ – Was die Hormus-Sperrung für Seeleute bedeutet - WELT
Hunderte Schiffe sitzen an der Straße von Hormus fest. Das belastet die Besatzungen enorm. Tausende Seeleute bitten um Unterstützung, aber kaum jemand darf öffentlich darüber reden. Einer von ihnen hat WELT trotzdem erzählt, wie er den Krieg erlebt.
Über 500 Handelsschiffe mit ~20.000 Seeleuten blockiert seit 28. Februar an der Hormus-Straße durch iranische Küstenwache. Blockade paralysiert Supply Chains, erhöht Shipping-Kosten – direktes Risiko für Tech-Hardware-Beschaffung und Geopolitik-Planning.











