Das Kreuz mit der Kunst: Valentin Carron spürt dem trügerischen Kult um das Original nachDer Walliser Künstler spielt mit unserer Wahrnehmung. Seine oft ironischen Einfälle schärfen den Blick für die Illusion des Echten.20.06.2026, 05.30 Uhr8 LeseminutenSein Heimatort Martigny ist für ihn eine Fundgrube der Ideen: Valentin Carron in seinem Atelier in Martigny im Juni 2026.Angefangen hat alles mit einem Kreuz. Je nachdem, wie es verwendet wird, ist es in den Augen des Künstlers ein provokatives Symbol oder auch ein Zeichen der Einkehr. Eines seiner Kreuze hatte seine Galeristin Eva Presenhuber vor 20 Jahren auf der Art Basel in Miami Beach gezeigt – nicht um für Einkehr zu sorgen an dem bunten Kunstrummel unter Floridas Sonne, sondern eher für ein wenig Provokation bei den Sammlern. Sie wollte auf den damals 29 Jahre jungen Künstler aus der Schweiz aufmerksam machen: mit einem starken Zeichen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das ist der Zürcher Galeristin gelungen. Valentin Carron wurde zum Shootingstar nicht nur der jungen Schweizer Kunstszene. Bald hatte er Ausstellungen in Paris, Rom und New York. Mittlerweile ist Carron in namhaften Sammlungen wie jener von Michael Ringier und in wichtigen Museen vertreten: Ein Kreuz, wie es 2006 in Miami zu sehen war, befindet sich im Kunsthaus Aarau.Aufgrund seines Erfolgs figuriert Valentin Carron auch heute noch in Presenhubers Programm. Zurzeit feiert sie in ihrer Galerie auf dem Zürcher Maag-Areal die zwanzigjährige Zusammenarbeit mit dem Künstler aus dem Wallis. Zu sehen ist eine Retrospektive auf Carrons gesamtes Schaffen.Eine Skulptur von Valentin Carron im Museum im Bellpark in Kriens während einer Ausstellung des Künstlers im Jahr 2021.Pius Amrein / CH MediaKunst im WallisSeit dem Auftritt in Miami ging es mit der Karriere steil bergauf. Um einiges grösser war sein Kreuz im Jahr 2009. Damals stellte Carron eine monumental wirkende Version, zehn Meter hoch, ganz in Schwarz und selbstbewusst mit dem eigenen Namen «Carron» als Werktitel, auf den Basler Messeplatz, direkt vor die Tore der Muttermesse Art Basel.Das Kreuz wurde Carron nicht mehr los. Es zieht sich wie ein roter Faden durch sein Werk. Seit je schon hatte es ihn verfolgt, sozusagen auf Schritt und Tritt, überall in seiner Heimat, in allen Dörfern, an den Wanderwegen, in den Häusern. «Natürlich hat das Kreuz im Wallis Tradition. Auf jedem Hügel steht eines, und bis vor kurzem hing es noch in jedem Schulzimmer», sagte Carron einmal zu seiner Fixierung auf das christliche Kruzifix.Nicht dass er besonders religiös wäre. Das hängt bei ihm von der Tagesverfassung ab: «Mein Verhältnis zur Religion ist ebenso wie mein Verhältnis zur Kunst schwankend», sagt er dieser Zeitung. Was ihn am Thema des Kreuzes interessiere, sei die Geschichte seiner Symbolik. «Das beginnt mit der Umdeutung seiner Funktion als Instrument der Folter und Unterdrückung durch eine Gruppe von Menschen, die es sich als Symbol der Hoffnung und der Dankbarkeit aneignet.»Das Kreuz steht für die Erlösung der Menschheit. Ob das auch Kunst leisten kann? Es sei ihm als Betrachter eines Kunstwerks durchaus schon passiert, dass er eine Art Gnadenzustand erlangt habe, einen Moment, in dem starke und einzigartige Emotionen die Illusion einer gewissen Zufriedenheit, ja sogar von Erfüllung vermitteln konnten. «Das ist mir als flüchtiges Ereignis in Erinnerung geblieben. Der Glaube an die Kunst aber wird für mich immer ein Work in Progress bleiben.»Fasziniert aber ist Valentin Carron zweifelsfrei von der Form: «rechte Winkel und Geraden – eine Art Mondrian», wie er sagt. Denn was ist ein Kreuz auch noch ausser einem Symbol der christlich-abendländischen Kultur? Ein abstraktes Relief zweier sich schneidender Linien. Die Begegnung mit einem Werkverzeichnis von Piet Mondrian jedenfalls hinterliess beim Künstler bereits 1992 in der Bibliothek von Sitten einen nachhaltigen Eindruck.Carron wurde 1977 in der Nähe von Sitten, in Martigny, geboren. Er zeichnete schon als Kind. Und gewann in der Primarschule einen Zeichenwettbewerb, indem er schlau die Kirche im Dorf des Lehrers abbildete. Weil er als Teenager keine Handwerkerlehre machen und nicht ins Kleingewerbe seiner Eltern eintreten wollte, besuchte er die Kunstmittelschule von Sitten und dann die Lausanner Kunsthochschule. Er war begeisterter Skater, bedruckte T-Shirts mit originellen Logos und war Fan der amerikanischen New-Wave-Band Sonic Youth, die Musikinstrumente zweckentfremdete, akustischen Lärm zur Kunst erklärte und Kunst mit Rock kurzschloss.In Martigny, wo er heute noch lebt, hat Carron sein grosses, mit Werken übervolles Atelier: Es erinnert an eine Fundgrube. Da stehen auch restaurierte Ciao-Mofas. Auch diese hatte Carron schon ausgestellt: und zwar in Anlehnung an Marcel Duchamps Readymades im Kunsthaus Aarau.Die wahre Fundgrube für seine künstlerischen Ideen aber sei der Ort Martigny selber. Er mag die zersiedelte Ortschaft mit ihren hässlichen Bauten aus den 1960er und 1970er Jahren und der postmodernen Kreiselkunst. Einmal kopierte der Künstler den auf eine Hausmauer gemalten Sternenhimmel. Dann stellte er das Werk in der Zürcher Kunsthalle aus.Im Wallis ist alles von touristischer Bedeutung, selbst die Kunst. Dies insbesondere in Martigny. Die Fondation Gianadda, die um die Überreste eines keltischen Tempels gebaut wurde, zeigt nicht nur die archäologischen Funde der Ortschaft: Originale und Repliken historischer Artefakte. Wechselausstellungen zur Klassischen Moderne bringen jeweils ganze Busladungen von Kulturtouristen in die Kleinstadt.Kunst mit Humor: Ein Werk im Bellpark in Kriens während einer Ausstellung von Valentin Carron im Jahr 2021.Pius Amrein / CH MediaKunst und TourismusCarron findet die Wechselbeziehung zwischen Kunst und Tourismus spannend: Die touristische Vermarktung von Kunst sei eine Art Aneignung, nicht viel anders, als sie auch er selbst praktiziert. So hat er wiederholt Plastiken geschaffen, die sich auf Arbeiten beziehen, die mit der Fondation Gianadda in Zusammenhang standen.Carron sah sich auch schon dem mit einer Busse verbundenen Plagiatsvorwurf ausgesetzt. Sein Werk «The Dawn», ausgestellt im Herbst 2014 an der Kunstmesse Fiac in Paris, ahmt in Kunstharz eine Eisenskulptur mit demselben Titel von Francesco Marino di Teana nach. Das Werk von 1977 ist auf dem Vorplatz des Kunstmuseums Neuenburg aufgestellt. Die Version von Carron: dasselbe Format, derselbe Titel, nur das Material, Kunstharz, ist anders.Mit solchen Werken rebelliert Carron auf eine ironische Art gegen die sakrosankte Vorstellung vom Original. Dabei greift er immer wieder in die Wundertüte der jüngeren Kunstgeschichte und auf die Avantgarden der Moderne – auf Dada, Minimalismus, die Pop-Art – zurück. Seine plattgewalzten Blechinstrumente zum Beispiel erinnern an die zerdrückte Kunst der französischen Nouveaux Réalistes, etwa an diejenige Césars, der aus Autoschrott Skulpturen machte.Allerdings verwendet Carron nicht einfach verschrottete Instrumente. Er zertrampelt die auch auf die Vereinsembleme in den Gaststuben seiner Walliser Heimat verweisenden Trompeten und Saxofone in einer punkigen Geste der Destruktion. Dies aber, um dann den malträtierten Instrumenten wiederum seinen Respekt zu zollen, indem er sie in Bronze nachgiessen lässt.Das tat er 2013 für den Schweizer Pavillon an der Biennale von Venedig. Dort hingen die Blasinstrumente wie Flachreliefs an den Wänden. Auch eine doppelköpfige, gusseiserne Schlange war dort zu sehen. Sie bewegte sich, 80 Meter lang und dünn wie ein Wasserschlauch, durch den gesamten, 1952 von Diego Giacometti errichteten Bau in den Giardini der Lagunenstadt. Ein Kopf blickte über die Oberkante der Mauer des Pavillons hinweg, der andere bewachte die Eingangstür.Beide Köpfe sind durch einen langen, schlanken Körper verbunden, der sich durch das gesamte Gebäude und den Innenhof schlängelte und als das 18. Werk die 17 ausgestellten Kunstwerke verband. Das doppelzüngige Reptil aus der Geschichte des menschlichen Sündenfalls nun mit zwei Köpfen: Was wollte der Vertreter der Schweiz an der weltweit grössten Kunstschau mit dem symbolbeladenen Tier sagen?Wie alle guten Künstler macht er sich darüber gar nicht so viele Gedanken, sondern folgt seiner Intuition. Er sehe in der Schlange aber kein besonderes Symbol. Symbole gebe es schon genug, sagte Valentin Carron damals. Und meinte ganz lapidar: Der Weg sei wichtiger als das endgültige Ziel. Oder heute, auf seine Person zugeschnitten, vielleicht auch so interpretiert: Aus dem Paradies vertrieben, kommt es darauf an, was man unterwegs in der Welt macht und dabei aus der Welt macht – zum Beispiel Bestehendes neu sehen und Gesehenes neu darstellen.Das tut Valentin Carron laufend, Dinge neu sehen. Er tat es sogar mit Werken von Alberto Giacometti, jenem grossen Schweizer Künstler, der ein Leben lang versuchte, alles ganz neu zu sehen. So sieht zwar Carrons Skulptur aus Kunstharz eines dünnen Mannes auf den ersten Blick aus wie eine Plastik von Giacometti. Bei Carron heisst das Werk aber nicht etwa «Schreitender Mann» («L’homme qui marche») wie Giacomettis berühmte Bronzeplastik, sondern «L’homme qui swing». Und die Skulptur schwingt tatsächlich einen Golfschläger.«Ich wollte mit diesem Werk den Schwung eines Golfers, die schöne Bewegung, mit der existenzialistischen Reflexion von Alberto Giacometti verschmelzen, die sich in seiner Herangehensweise an die Bildhauerei in der Nachkriegszeit widerspiegelt», meint Carron zu seinem künstlerischen Streich.Als Vertreter der sogenannten Appropriation Art will er sich aber nicht verstanden wissen. «Ich habe mir diese Kunstform der Aneignung zu eigen gemacht, weil es mir zu einem bestimmten Zeitpunkt gelegen kam, sie zu nutzen.» Aneignung der Kunst der Aneignung wäre das bei Carron. Um simple Imitation oder Illusionismus geht es ihm nicht.«Ich betrachte meinen Dilettantismus als eine Übung. Er ermöglicht es mir, mit Leichtigkeit über Motive und Formen und den damit einhergehenden Ernst hinwegzugleiten.» Und da ist immer auch ein Quentchen Provokation darin. So hat Carron auch einmal Giacomettis berühmte Bronzehand mit einem Stinkefinger versehen.Hat den Blick auf seine Heimat zu einer zärtlichen Neugier entwickelt. Valentin Carron in seinem Atelier im Juni 2026.Kunst der IrritationSo wie er Kunstwerke in synthetischen Werkstoffen nachbildet, überführt er auch andere Objekte der Lebenswelt in neue Materialien. Neben christlichen Kreuzen können das auch Holzbalken von typischen Walliser Chalets sein.Mit Werken wie den imitierten Balken stellt er die Authentizität von Objekten und Gegenständen infrage. Carron rüttelt an ihren gewohnten und ganz selbstverständlich gewordenen Bedeutungen. Und erinnert daran, dass alles, auch die Identität von Dingen, letztlich nur ein Konstrukt ist.Allerdings sind die Walliser Balken selbst bereits eine Art von Imitationen. Die Holzhäuser seiner Heimatregion dienen heute der Nostalgie und einem romantischen Bild, um Touristen zu erfreuen.Die Traditionen des Wallis als Ferienkanton sind zur touristischen Attraktion verkommen. Dazu meint der Künstler: «Im Wallis geboren zu sein und zu leben, bietet mir die Möglichkeit, Phänomene des Echten zu beobachten. Dabei haben sich mein Blick und meine künstlerische Praxis von einer erst kritischen Ironie zu einer zärtlichen und pathetischen Neugier entwickelt.»So auch für das im Wallis omnipräsente Kreuz. Es steht bei Carron auch schon einmal für eine Alkoholleiche. Über die symbolträchtige Form jedenfalls stolpert man jetzt in der Galerie Eva Presenhuber. Ein «Bottle Man» liegt dort am Eingang des Ausstellungsraums am Boden. Genauer: insgesamt 142 grüne, braune und weisse Flaschen unterschiedlicher Grösse, die die Umrisse einer menschlichen Figur formen, die die Arme ausbreitet und die Beine von sich streckt.Das Motiv geht auf Fotos zurück, die Carron im Internet fand. Sie zeigen Schnapsleichen, wie sie von ihren Trinkgenossen in Anlehnung an kriminalpolizeiliche Tatortmarkierungen mit leer getrunkenen Flaschen umstellt und fotografiert worden sind.In ihrer simplen Nüchternheit, aber auch in ihrer etwas bösartigen Ironie ist diese Arbeit symptomatisch für Carrons Schaffen. Der Künstler liebt es, Vorgefundenes leicht zu verändern – mit kleinen Abweichungen vom Original zu versehen. So merkt man es zwar nicht, aber die Flaschen von Carrons sturzbetrunkenem Flaschenmann sind alle speziell von Glasbläsern angefertigt worden. Bierflaschen, Weinflaschen und Wodkaflaschen bekannter Marken standen Modell dafür.Durch solch subtile Eingriffe entsteht für Valentin Carron Kunst. Er fragt nach dem Echten. Und fühlt insbesondere in einer digitalisierten Welt, in der sich alles um die Vervielfachung von Realität dreht, dem Original auf den Zahn. «Bereits Dürer, der auch ein grosser Grafiker war, vervielfachte und nummerierte seine Welt», sagt er dazu.Überdies habe er eine Schwäche, nämlich die, an die Einzigartigkeit der «lebendigen und sprechenden Wesen» zu glauben, wie er es mit einem Zitat von Jacques Lacan formuliert. Er sei ein Mensch, der eher zur Einsamkeit neige, und habe «unendliches Vertrauen in die Originalität des anderen, auch wenn dieser die Besonderheit besitzt, vielfältig zu sein».Passend zum Artikel
Valentin Carron gestaltet die NZZ. Der Walliser Künstler spürt dem trügerischen Kult um das Original nach
Der Walliser Künstler spielt mit unserer Wahrnehmung. Seine oft ironischen Einfälle schärfen den Blick für die Illusion des Echten.







