Franz Gertsch im Blow-up-Format – die grosse Retrospektive auf den Schweizer Maler in BernFotografie zeigt, was war, die Malerei zeigt die Wahrheit: Nach dieser Überzeugung schuf der Berner Künstler ein faszinierendes Werk, das jetzt im Berner Kunstmuseum in ganzer Tiefe zu erleben ist.14.08.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenFranz Gertschs fotorealistisches Monumentalwerk «Medici» von 1971/1972 ist so gross wie ein Zimmer: 400×600 cm.Dauerleihgabe der Peter-und-Irene-Ludwig-StiftungBlow-up – das klingt nach grossartig, überdimensional, auch ein wenig nach aufgeblasen, nach Peng! und Bluff. Dabei beschreibt es in der Kunst von Franz Gertsch genau das Gegenteil: nämlich ein Verfahren, mit dem der Schweizer Maler ins Kleine und Allerkleinste ging. Zwar vergrösserte er Fotografien. Er blies Diaplättchen von wenigen Zentimetern auf ins Extremformat. Damit malte er Bilder in den Ausmassen von Zimmerböden. Ihm diente diese Technik aber dazu, ins Detail vorzurücken, dorthin, wo er die Wahrheit der Wirklichkeit sah – und wo sich schliesslich alles auflöst.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Das war für Gertsch kein Widerspruch. Auf seinen riesigen Porträts von jungen Frauen etwa wird jedes Wangenhärchen sichtbar. Und man fragt sich bald, wen man da eigentlich noch vor sich hat in dieser gemalten Auflösung ins schier Unendliche. Diese Frauenporträts sind «Augenspaziergänge durch Gesichtslandschaften», wie es der Künstler selbst nannte, so unwirklich schön wie auch seine berühmten Landschaftsbilder.Hinter dem Schleier der VergrösserungFranz Gertsch (1930–2022) wurde Anfang der siebziger Jahre als europäischer Pionier des Fotorealismus gefeiert. Ihm behagte diese Kategorisierung allerdings nie. Sein Werk geht denn auch weit darüber hinaus. Gleichwohl trat er erstmals mit fotorealistischer Malerei für eine breitere Weltöffentlichkeit in Erscheinung.Mit dem Blow-up «Medici», einem Riesenformat, das jetzt als Hauptwerk im Zentrum der grossen Retrospektive im Berner Kunstmuseum mit dem Titel «Blow-Up» hängt, traf Franz Gertsch einen Nerv der Zeit. Er zeigte das vier auf sechs Meter messende Gemälde 1972 in Kassel an der grossen Kunstausstellung Documenta 5. Und wurde damit schlagartig international bekannt.Schillernde Luzerner Szene, zum Bild gefroren: «Marina schminkt Luciano», 1975, 234×346 cm.Historisches Archiv mit Rheinischem BildarchivMit «Medici» gelang dem Berner Künstler ein kunsthistorischer Coup. Kühn verwandelte er einen fotografischen Schnappschuss in ein Grossformat mit Ewigkeitsanspruch, indem er ein Stück Zeitgeist in ein Gemälde vom Format eines klassischen Historienbildes einfror. Das Ganze verband er durch den Bildtitel, der das italienische Fürstengeschlecht der Renaissance evoziert, mit der gloriosen Vergangenheit abendländischer Malerei.Die langhaarigen Rocker lehnen sich in dem Bild ausgelassen an die Absperrlatte einer Baufirma, die per Zufall denselben Namen wie die florentinischen Mäzene trägt. In Gertschs Bild erscheinen die jungen Männer gleichsam als moderne Emanationen von Botticellis, Raffaels und Tizians gelockten Jünglingen. Damit stellte sich der eigenwillige Schweizer Maler in eine Linie mit den Renaissance-Meistern.Nicht viel anders stehen seine madonnenhaften Frauenporträts in einer Maltradition, die bis zu Leonardo da Vincis Frauenbildnissen wie der «Mona Lisa» zurückreicht. «Ich bin ein Maler mit unerreichbaren Renaissance-Visionen», hat Franz Gertsch einmal von sich gesagt. Dabei hätten seine Riesenbilder von «Johanna», «Silvia», «Doris» oder «Natascha», wie sie alle nur mit Vornamen benannt sind, in ihrer Radikalität zeitgemässer nicht sein können. Gertsch blies seine Fotoporträts in strenger Frontalansicht ins Monumentale auf und neutralisierte den Hintergrund völlig. Obwohl die Vornamen auf ganz konkrete Personen verweisen, stehen sie als gängige Namen für x-beliebige Frauen.Dabei rückt das Blow-up die Frauen dem Betrachter nicht etwa näher, setzt sie in keiner Weise einer Obduktion des Blicks aus. Im Gegenteil: Gertsch fertigte die Gemälde mit dem Pinsel und die Holzschnitte mit dem Hohleisen in Millimeterarbeit an. Das hat zur Folge, dass die Gesichter in eine unbestimmte Ferne entrücken, wo sie hinter dem auratischen Schleier der Kunst wie eine «Mona Lisa» ihr Geheimnis wahren. So schuf Gertsch bei aller präzis eingefangenen Individualität der Abgebildeten gleichsam Ikonen menschlicher, das heisst weiblicher Wesenheit.Franz Gertsch zoomt in seinem Blow-up von «Pestwurz» (2014/2015, 220×320 cm) bis in die Poren des Blattwerks hinein.Sammlung Dr. h. c. Willy MichelKompromisslose MethodeDabei wollte Franz Gertsch mit seinen Riesenbildern vor allem Aufmerksamkeit erlangen. Die Besucher sollten seine Kunst an der Wand einer Ausstellung nicht einfach im Sekundentakt abnicken können, sondern von ihr zum Innehalten gezwungen und regelrecht aufgesogen werden.Das erinnert an die heutigen Kunst-Licht-Shows. Um dem Publikum im digitalen Zeitalter noch effektvoller van Gogh, Klimt oder Picasso näherzubringen, werden ganze Hallen mit sich bewegenden Projektionen von deren Kunstwerken geflutet, in welchen die Betrachter regelrecht ins ultimative Kunsterlebnis eintauchen. Gertschs fotorealistische Blow-up-Kunst nahm das Prinzip immersiver Kunstinszenierung vorweg.Allerdings waren auch ganz banale Umstände Ursache für seinen Gang ins Grosse. Gertsch griff nicht zuletzt aus reiner Not auf das Blow-up-Verfahren zurück. Anfang der siebziger Jahre wurde er von Jean-Christophe Ammann, dem damaligen Leiter des Luzerner Kunstmuseums, eingeladen, nach dem Umbau zur Wiedereröffnung des Museums 1972 eine grosse Einzelausstellung zu bestreiten. Gertsch fürchtete, nicht genug Arbeiten zeigen und damit das Museum füllen zu können.So entstand für diese Schau nicht nur das Grossformat «Medici», das übrigens den Künstler Luciano Castelli mit seiner Luzerner Clique vor der Absperrung des sich im Umbau befindenden Kunstmuseums zeigt. 1971 malte Gertsch auch auf einer Leinwand, die aus zusammengenähten Bettlaken besteht, das Riesenformat «Maria mit Kindern». Es zeigt, auf einem Schnappschuss basierend, Gertschs Frau mit den vier Kindern beim Picknick auf einer Wiese.Nichts ist dabei vom Maler komponiert, zurechtgerückt, korrigiert, ergänzt und beschönigt. Das Bild ist genau so gemalt, wie es auf der Vorlage existiert. Weshalb sich auch Gertschs älteste Tochter, die Künstlerin Silvia Gertsch, später beklagte, dass ihr Kopf abgeschnitten ist. Gertsch begründete das kompromisslose Vorgehen damit, es habe ihn entlastet, nichts erfinden zu müssen, sondern sich ganz der Malerei widmen zu können.Die Szene erhält durch die schiere Grösse eine Bedeutung, die in der Malerei traditionell religiösen Themen vorbehalten ist. Ein privater Moment von der Dauer eines Augenaufschlags bekommt mit der räumlichen Überdehnung auch zeitlich eine ganz neue Dimension: jene des Zeitlosen.Diese Malerei basiert indes nicht auf Effekthascherei durch schiere Grösse. Es sind nicht die Masse allein, die Gertschs Kunst ausmachen. Zu seiner eigenen Methode fand der Maler nach einer Schaffenskrise durch eine hellsichtige Eingebung. 1969 wurde ihm während einer einsamen Wanderung auf dem Monte Lema im Tessin klar, dass man sich ohne eigenes Zutun der visuellen Erscheinung der Wirklichkeit unterwirft: «Es geht gar nicht mehr um mich: Ich bin nur noch das Werkzeug, das diese Bilder malt.» Die Basis seiner Malerei war fortan die Fotografie.Ein privater Augenblick wird zum Monument: Franz Gertschs Gemälde «Maria mit Kindern», 1971, 400×600 cm.Dauerleihgabe Nachlass Franz GertschDie Ewigkeit im AugenblickAlles malen, wie es ist: Das war sein Prinzip. Gertsch wusste, dass bereits die Grossen wie Caravaggio, Canaletto, Dürer, Vermeer die Bilder, die sie malen wollten, mit optischen Apparaturen auf die Leinwand warfen, um sie dann mit dem Pinsel nachzuzeichnen. Er selber perfektionierte diese schwierige Technik in stoischer Geduld zur Meisterschaft. Dabei musste er die realen Farben aus der Erinnerung finden, da die stark vergrössernde Projektion alles ausbleicht.«Mit dem Bild das Bild ins Bild malen» nannte dies der Berner Kunsthalle-Kurator und Documenta-5-Leiter Harald Szeemann. Was in der fotografischen Vorlage einer Sechzigstelsekunde bedurfte, verlangte für ein Grossformat die Zeitspanne von manchmal bis zu achtzehn Monaten. «Slow Painting» nannte dies Gertsch.Franz Gertsch wurde nicht müde, zu betonen, die Fotografie zeige, wie etwas gewesen sei, die Malerei aber zeige die Wahrheit. Hinter dieser Aussage könnte seine Begeisterung für Michelangelo Antonionis Film «Blow-Up» von 1966 stehen. Es ist ein Thriller um einen Mord in einem Londoner Park. Dabei geht es um Wahrheit und Lüge der Fotografie und um die Hoffnung auf Enthüllung der Wahrheit durch fotografische Vergrösserung (Blow-up). Die Crux dabei: je stärker die Vergrösserung, desto unkenntlicher das Sujet aufgrund der zunehmenden Körnung, die alles auflöst.Im Blow-up-Verfahren fand Franz Gertsch zu seiner eigenen Wahrheit: einer Malerei, die von fern gesehen fotorealistisch, von nahem aber abstrakt ist. Und nicht zuletzt im Augenblick die Ewigkeit aufscheinen lässt.Franz Gertsch 1998 in seinem Atelier vor dem Gemälde «Silvia I».PDFranz Gertsch – Blow-Up, Kunstmuseum Bern, bis 17. Januar 2027. Katalog: Fr. 48.–. Screening von Michelangelo Antonionis Film «Blow-Up» mit Einführung der Kuratorin Kathleen Bühler: 8. September, 18 Uhr, Kino Rex (Schwanengasse 9), Bern.Passend zum Artikel