Das Kunstmuseum Basel rückt mit einer grossartigen Retrospektive die bei uns noch zu wenig beachtete New Yorker Malerin Helen Frankenthaler in den Blick.Gerhard Mack31.05.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenGelegentlich scheinen auf ihren Bildern die Dielenbretter des Ateliers durch: Helen Frankenthaler in New York, 1974. Im Hintergrund das Werk «April Mood».Alexander Liberman / J. Paul Getty TrustEine revolutionäre Tat kann ganz einfach sein. Im Oktober 1952 kauft sich Helen Frankenthaler eine grosse Rolle Leinwand, rollt sie am Boden aus, verdünnt Ölfarbe stark mit Terpentin und beginnt von allen Seiten zu malen. Die Leinwand steht nicht auf einer Staffelei, die gerade einmal 23 Jahre alte Malerin steht nicht mit Pinsel und Palette davor. Sie schüttet die Farbe aus dem Kübel und verstreicht sie mit Schwämmen, Bürsten und anderen Werkzeugen, die man nicht unbedingt mit Malerei in Verbindung bringt. Die dünne Farbe bleibt nicht auf der Leinwand stehen, sondern sinkt in sie ein und verbindet sich mit ihr zu einer Einheit. Als «soak stain» wird die Technik bezeichnet. Das Bild nennt die Künstlerin «Mountains and Sea». Der Kunsthistoriker John Elderfield wird es später als die «Demoiselles d’Avignon des 21. Jahrhunderts» bezeichnen, weil er ihm eine genauso revolutionäre Wirkung zuschrieb wie Picassos berühmtem Gruppenbild, mit dem er den Kubismus einläutete.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Als ein halbes Jahr später die Maler Kenneth Noland und Morris Louis das Gemälde in Frankenthalers Atelier sahen, verstanden sie sofort, dass die junge Kollegin ein neues Kapitel in der Malerei aufgeschlagen hatte. Sie setzten die Technik selber um und galten als Erfinder der Farbfeldmalerei. Doch erfunden hatte die Technik Helen Frankenthaler, sie praktizierte sie auch immer wieder bis ins hohe Alter, wenngleich sie bis zu ihrem Tod 2011 vieles andere ausprobierte.Dass man am Boden malen konnte, auf die Leinwand treten, Farbe rinnen lassen und Flecken bilden durfte, hatte sie bei Jackson Pollock gesehen. Helen Frankenthaler kam aus einem grossbürgerlichen jüdischen Haushalt in New York, wo man ihr künstlerisches Talent früh gefördert hatte. Anekdoten berichten, dass sie den mütterlichen Nagellack im Lavabo auf Wasser geträufelt hat, wo er Schlieren und Muster bildete, nicht unähnlich der Farbe auf ihren späteren Gemälden. Sie konnte die besten Kunstschulen besuchen, lernte bei einer Abschlussausstellung den viel älteren Grosskritiker Clement Greenberg kennen und ging mit ihm eine Beziehung ein.Greenberg führte sie in die New Yorker Kunstszene ein. Bald war sie mit Pollock und dessen Frau Lee Krasner befreundet. Doch das gestische Pathos eines Pollock mochte sie nicht. Sie ging behutsamer zu Werk, war offener für das, was die Farbe machte, reagierte, änderte, drehte auch einmal die Leinwand um und malte auf der Rückseite weiter. Gelegentlich scheinen auf ihren Bildern die Dielenbretter des Ateliers durch. Mit ihrer Neugier und Entschiedenheit konnte sie sich im Männerklub der New Yorker Kunstszene behaupten und galt bald als eine der wichtigsten Positionen der amerikanischen Nachkriegsmalerei.Ihre kraftvollen Bilder sind nun in einer grossartigen Ausstellung im Kunstmuseum Basel zu sehen. Bis zu sechs Meter breit dehnen sich Farben, lagern sich in Schichten, reissen auf, werden durch feine Linien verbunden. Erinnerungen, Gefühle gaben zu ihnen Anlass. Jetzt werden diese zu Ereignissen aus Licht und Farbe. Das Museum bekam von der Nachlassstiftung 2024 das epochale Werk «Riverhead» von 1963 geschenkt. Blau, Pink, Gelb, Grün und Schwarz türmen sich zu einem dramatischen Geschehen, in dem man sich gerne verliert. Im Spätwerk werden die Farbschichten oft dicker, und Bezüge zur Malereigeschichte treten ins Zentrum. Diesen intellektualisierten Werken ist ein Teil der Retrospektive gewidmet.Helen Frankenthaler: Kunstmuseum Basel, bis 23. 8.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»