Manchmal veränderte er ein Kunstwerk mit einem leichten FusskickUrs Frei war ein Schweizer Künstlerstar der 1990er Jahre. Nun wird er in St. Gallen wiederentdeckt.Gerhard Mack26.07.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenUrs Frei: Ohne Titel, 1990, Lackfarbe auf Stoff. Sammlung Luigi ArchettiLuigi ArchettiEs passiert nicht oft, dass die Zürcher Kunstgemeinde den Weg nach St. Gallen auf sich nimmt. Bei der Eröffnung der Retrospektive zu Urs Frei war das anders. Da waren ziemlich viele von denen gekommen, die in der Kunstszene Rang und Namen haben. Es galt einen zu würdigen, mit dem man ab den frühen 1980er Jahren ein Stück Weg geteilt, den man begleitet und bewundert hatte, bevor er dann, zumindest in der Welt der Ausstellungen, so ziemlich vergessen wurde.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Umso verdankenswerter ist es, dass das Kunstmuseum St. Gallen sich nun dieses Werks annimmt. Das Museum besitzt bereits ein schönes Konvolut, das 2006 durch die Sammlung Ricke verstärkt wurde. Der Kölner Galerist Rolf Ricke war einer derjenigen, die Frei international Beachtung verschafft haben. Als er einen Grossteil seiner Sammlung an das Kunstmuseum St. Gallen, das Kunstmuseum Liechtenstein und das Museum für Moderne Kunst in Frankfurt zu günstigen Konditionen zu gemeinsamem Eigentum verkaufte, übernahm das St. Galler Haus die Werke von Urs Frei. Ricke ist dem Museum auch deshalb noch besonders verbunden – was im Falle einer künftigen Schenkung nicht von Nachteil sein dürfte. Anlässlich der Ausstellung hat Eva Presenhuber, Freis frühere Zürcher Galeristin, dem Museum einige weitere Werke geschenkt.Urs Frei, der 2023 viel zu früh verstorben ist, war in den achtziger und neunziger Jahren ein Künstler der Stunde, der nicht nur gesehen hat, was in der damaligen Kunstwelt angesagt war, sondern auch spürte, wie er es nutzen und für seine eigene Recherche verwenden konnte. So findet man immer wieder Anklänge an internationale Positionen. Dass der Zürcher Künstler beispielsweise Richard Tuttle sehr schätzte, zeigt die Rekonstruktion seines ersten Ateliers, das er in einem Kellerraum an der Leutholdstrasse hatte: Dort richtete Frei 1982 seine erste Ausstellung ein und hielt sie mit Fotos fest.Auf dem Boden und an den Wänden sind Objekte verteilt, die aus gebrauchten Baulatten gefertigt sind. Offene und geschlossene Winkelformen waren in Spannungs- und Dialogverhältnissen zueinander platziert und definierten Raumverhältnisse. Tuttle hatte etwas Ähnliches mit Formen aus Blech gemacht, die er als «Tin Alphabet» bezeichnete, das performativ auf dem Boden verteilt werden kann. Freis Arbeiten sind, bei aller Resonanz, jedoch roher, er gehört einer jüngeren Generation an. Das Post-Minimal der Amerikaner ist eine Anregung, mehr nicht.Urs Freis Werke in der aktuellen Schau im Kunstmuseum St. Gallen.Stefan AltenburgerDenn da kommen weitere Positionen ins Spiel. Raum zu strukturieren durch die Platzierung weniger Werke, vielleicht ihn sogar erst sichtbar zu machen, indem man ein paar rudimentäre Formen aus Metall, Stoff oder Holz hineinstellt oder -hängt, war bereits ein Anliegen von Minimal-Künstlern wie Donald Judd und Carl Andre. Bei Frei kommt das aber lockerer daher. Er ist viel weniger am Resultat als am Prozess, am Herstellen interessiert. Bei Ausstellungen konnte er eine Arbeit, die die Museumsleute sorgfältigst mit Handschuhen platziert hatten, mit einem leichten Fusskick verschieben und verändern. Da hat es wohl manchen Schweissausbruch gegeben.Und schliesslich hat sich Urs Frei fast ohne Begrenzungen der Farbe zugewandt. Wie sie dreidimensional wirkt, zur Form beiträgt, hat er in einer Reihe von knallbunten Kissenobjekten erkundet. Wie sie verschiedenste Fundmaterialien von Karton bis zu Matratzen und Metallteilen zu Objekten von verwirrender Vielfalt zusammenbindet, kann man in der grossen Installation im St. Galler Oberlichtsaal bewundern. Da ist ein Künstler wiederzuentdecken, an den auch junge Kunstschaffende anknüpfen können: von der Verwendung alltäglicher Gebrauchtmaterialien und der Verwandlungskraft des Museums über das Recycling von Werken nach Ausstellungen bis hin zum Spiel zwischen Körper, Linie und Farbe.★★★★★ Urs Frei. A–Z, Kunstmuseum St. Gallen, bis 13. 9.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel