InterviewMit seinen Bildern hat er 33 Jahre lang das NZZ Folio geprägt; nun hört Gerhard Glück auf. Der Meister der liebenswürdigen Gnadenlosigkeit erzählt, wie er in die komische Kunst gerutscht ist und weshalb seine Farben im Moment vertrocknen.03.07.2026, 05.30 Uhr12 LeseminutenLass uns mit dem letzten Bild beginnen, das du für uns gemalt hast.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Abschied.Genau. Es zeigt einen Vater mit seiner Tochter an der Hand, die einem Kreuzfahrtschiff nachwinkt. Darunter der Text: «Herr Röder hat nicht damit gerechnet, dass seine Frau wirklich Kapitänin werden wollte!» Erschienen ist es im NZZ Folio zum Thema «Emanzipiert» im Juli 2024. Danach hofften wir lange, dass du zurückkommst.Damals wusste ich noch nicht genau, ob es weitergeht oder nicht. Aber mittlerweile haben die Probleme zugenommen.Ist es Zufall, dass das Bild einen Abschied zum Thema hatte?Nein, in Gedanken war ich schon weiter weg und spielte mit der Vorstellung aufzuhören.Du hast 33 Jahre unseren Cartoon gemalt. Gefällt dir dein letztes Bild fürs Folio?Leider nicht so ganz.Warum nicht?Es ist etwas platt in der Ausführung.Handwerklich?Ja, denn eine klare Aussage hat es.Herr Röder hat nicht damit gerechnet, dass seine Frau wirklich Kapitänin werden wollte.Erinnerst du dich daran, wie das Malen schwierig wurde?Ja, das war kurz zuvor. Ich bekam Probleme mit der Hand und mit der Konzentration. Ich habe dann noch ein bisschen geübt und mir kurzerhand einen Modellbausatz gekauft. Eine gotische Kirche mit zwei Türmen, um zu gucken, wie ich die filigranen Details hinkriege.Und, wie ist der Test verlaufen?Es hat noch geklappt, liegt aber schon eine Weile zurück. Mittlerweile gehe ich am Stock. Es ist nicht lustig, alt zu werden, aber das stammt nicht von mir.Zur PersonGeboren 1944 in Frankfurt, studierte Gerhard Glück Grafikdesign und Kunsterziehung in Kassel. Nach kurzen Engagements in der Werbegrafik unterrichtete er Kunst. Gleichzeitig machte er sich einen Namen mit seinen atmosphärisch gemalten Cartoons. Er arbeitete für viele grosse Zeitungen, Zeitschriften und Buchverlage – 33 Jahre lang auch für NZZ Folio. Glück wurde vielfach ausgezeichnet – dreimal mit dem Deutschen Karikaturenpreis –, und seine Werke werden regelmässig in Museen ausgestellt. Er hat zwei erwachsene Kinder und wohnt mit seiner Frau in Kassel.In deinen Cartoons tauchten ja schon immer viele ältere Leute auf. Jetzt bist du in sie hineingealtert.In der Tat, junge Leute hatten für mich weniger Bedeutung. Sie sind zu glatt.Ausser Babys, die kommen auch manchmal vor bei dir.Ja, aber die sind schwierig.Was ist schwierig an Babys?Ihr Kopf sieht aus wie eine Murmel. Wenn man sie lebendig machen will, braucht es schon ein bisschen mehr, als eine Kugel zu zeichnen. Und dann besteht immer die Gefahr, dass sie aussehen wie alte Leute als Kinder.Wie viel von dir steckt in deinen Figuren?Viel. Auch meine Schüchternheit, die ich schon immer hatte. Die verstecke ich hinter meiner etwas burschikosen Art. Ich war als Kind rotzfrech und gleichzeitig eine Mimose. Meine Tante brachte es auf den Punkt. Sie sagte einmal: «Gerd ist der Lauteste, Frechste und Dreckigste auf der Strasse.»Deine Figuren sind häufig Kleinbürger mit einer Ordnungssehnsucht und einem Belehrungsbedürfnis. Sie stehen dem Leben etwas reserviert gegenüber. Du auch?Gegen aussen bin ich aufgeschlossen, aber innerlich etwas zittrig. Dazu gehört auch, dass ich manchmal Dinge sage und mich später darüber ärgere, dass ich sie gesagt habe.Du leidest auch unter einer ausgesprochenen Flugangst.Ich hatte tatsächlich einmal einen ganz schlimmen Flug nach Athen. Seither fliege ich so wenig wie möglich. Ich bin auch schon meiner Reisegruppe, die nach Rom flog, im Zug nachgereist.Hast du auf diesem schlimmen Flug Todesangst verspürt?Ich dachte schon: Hoffentlich kommen wir heil runter. So ganz in der Nähe von Todesangst.In deinen Cartoons kommt der Tod auch immer wieder vor. Was hast du für ein Verhältnis zum Tod?Ein gebrochenes. Ich hoffe, dass er noch eine Weile wegbleibt. Aber es ist nicht so einfach. Je älter du wirst, desto mehr zählst du die Tage und Wochen und Monate. Man muss ja damit rechnen, dass es bei einem auch bald so weit sein könnte. Das ist schon hart.Um zu dokumentieren, wie krank sie sich fühlt, kommt Frau Koller stets in Begleitung zur Sprechstunde.Malst du denn jetzt noch?Nee.Gar nicht?Nee.Auch nicht für dich?Nee. Schlimm, oder? Ein Pappkarton voller Farben, die langsam trocknen.Genügst du deinen eigenen Ansprüchen nicht mehr?Das ist es nicht. Es ist eher das Inhaltliche, das mir abhandenkommt. Ich denke dann: Das musst du jetzt nicht malen.Auf die Frage, was du in deiner Freizeit tust, hast du einmal geantwortet: «Malen.»Ich malte immer, auch in den Ferien. In der Bretagne, wenn die anderen baden gingen, sass ich im Ferienhaus und malte.Hast du schon als Kind viel gezeichnet?Ja, aber das sah noch etwas anders aus. Eines meiner Lieblingsthemen waren Jäger mit Gewehren, einer Rauchwolke, Blitz und Donner. Vielleicht ein bisschen orientiert an Wilhelm Busch. Einmal wurde ich gefragt: Worauf schiesst er denn? Auf ein Wildschwein. Und wo ist das Wildschwein? Das ging nicht mehr aufs Blatt.Haben deine Eltern gern gesehen, dass du so viel zeichnest?Sie hatten zumindest nichts dagegen, solange ich in der Schule einigermassen mitspielte. Mein Vater war Apotheker und vielleicht etwas traurig, dass ich nicht in seine Fussstapfen getreten bin, meine Mutter war Hausfrau. Als Einzelkind war ich ihr Liebling.Wolltest du schon immer Maler werden?Nein, nein. Eher Pilot oder Rennfahrer, aber ich habe immer gezeichnet. Mit 13 hatte ich eine Idee, wie Jagdflugzeuge bei der Landung den Schub umkehren könnten, für die Landung auf einer kürzeren Piste. Die Pläne dafür habe ich an die Heinkel-Flugzeugwerke geschickt, die mir einen liebevollen Brief zurückgeschrieben haben. Diesen Brief besitze ich immer noch samt einem Buch über Ernst Heinkel. Ich habe auch sehr viele Modelle gebaut.An diesem Arbeitsplatz im ersten Stock seines Hauses brütete Gerhard Glück über seinen Entwürfen. «Ich phantasiere mir Dinge zusammen. Wie soll ich das beschreiben? Es kommt einfach über mich.» Im Regal seine Sammlung Spielzeugautos.Zur Konfirmation hast du dann einen Ölmalkasten geschenkt bekommen.Ja, zu der Zeit wollte ich dann Rembrandt werden. (Lacht.) Hat nicht ganz geklappt.Damals hattest du den Traum vom «ernsthaften» Künstler.Absolut. Das war die Pubertät. Die Tragik von van Gogh! Fehlte nur, dass ich mir noch das Ohr abgeschnitten hätte. Ich skizzierte mit Rohrfeder, wie van Gogh, und malte mit Ölfarben.Warst du denn auch einmal in Südfrankreich wie er?Ja, wir sind oft im Frühjahr in die Provence gefahren. Zum Leidwesen meines Vaters mussten meine Malsachen mit. Die klemmten vor dem Reserverad des VW-Käfers. Er hat mich dann einmal auf dem Mont Ventoux abgesetzt. Die Föhren rauschten, ganz oben lag noch Schnee. Ich baute meine Sachen auf, vor mir das Rhonetal. Und wie ich so dasass und malte, sah ich eine Katze. Und ich hatte irgendwie Schiss, weil ich dachte, das könnte eine Wildkatze sein oder eine mit Tollwut. Als sie näher kam, habe ich die Nerven verloren und mit der Terpentinflasche nach ihr geworfen. Natürlich habe ich nicht getroffen.Du wolltest es den grossen Künstlern gleichtun.Wahrscheinlich, nur hatten die keine Angst vor Katzen. Einmal habe ich ein Bild von einem wunderschönen Felsbogen gemalt. Ich habe es intensiv mit Farben bearbeitet, und es wurde schlimmer und schlimmer. Da habe ich das Bild in die Ardèche geworfen. Wahrscheinlich schwimmt es heute noch irgendwo.Hast du die Bilder damals schon verkauft?Hin und wieder. Ich habe auch Kopien von Kunstwerken angefertigt. Dabei habe ich viel gelernt: Wie baut sich eine Landschaft auf oder die Technik, wie man Laub darstellt. Auch Motive von van Gogh. Und dafür hat der eine oder andere die Brieftasche gezückt und hundert Mark bezahlt. Das war nicht schlecht für ein Bildchen von der Grösse. Das Kopieren fiel mir relativ leicht. Aber ich habe nicht mit Vincent unterschrieben.Ein Lehrer sagte einmal zu dir: «Ganz toll – aber hundert Jahre zu spät.» Wie ist es denn gekommen, dass du dich der komischen Kunst zugewandt hast?Gute Frage. Das Seriöse war mir suspekt.Warum?Das passte nicht zu mir, irgendwo war ich immer auch ein bisschen Clown, schon in der Schule. Mich begeisterten schon früh Zeichner, die handwerklich gut waren und gute Ideen hatten.Hattest du als Kind eine komische Seite, die du in deiner seriösen Phase nicht ausgelebt hast?Ich glaube schon. Ich habe wohl schon als Kind komische Bilder gezeichnet. Als Fünfjähriger zum Beispiel meine Mutter mit einem riesigen Hintern auf dem Sozius eines Motorrades. Mein Vater hat das Bild einem befreundeten Psychiater gezeigt. Der sagte bloss: «Der Junge hat Humor.»Wie gehst du vor, wenn du einen Cartoon produzierst? Gibt es die «Methode Gerhard Glück»?Hmm. Schwierig zu beantworten. Ich sitze meistens am Schreibtisch und habe irgendwelche Visionen. Wirklich, ich sehe Sachen vor mir. Als Bildidee, manchmal noch ohne Pointe. Das Anstrengende ist, in diese Situation einzusteigen, in der du in «Trance» vor dich hin brütest. Ich phantasiere mir Dinge zusammen. Wie soll ich das beschreiben? Es kommt einfach über mich.Ist es einfacher, wenn das Thema wie beim Folio vorgegeben ist, als wenn du völlig frei bist?Teilweise schon. Mit einem Thema tappst du nicht im Dunkeln oder in den Abgrund, sondern hast eine Klammer. Aber wenn dir das Thema nicht schmeckt, dann bist du immer dabei, in Gedanken auszubrechen.Ist es anders, unter Druck zu arbeiten, mit einer Deadline?Oh, ja. Manchmal rief die Bildredaktion der Wochenzeitung «Die Zeit» am Freitag an: «Herr Glück, können Sie uns bis morgen Entwürfe für dieses oder jenes Thema liefern?» Dann sass ich da und habe gezeichnet und zerknüllt und gezeichnet und zerknüllt. Es ist erstaunlich, was man unter Druck hinbekommt. Ich habe die Entwürfe dann gefaxt, die Redaktion hat ausgewählt, und ich habe ausgeführt.Mit welchen Farben arbeitest du?Ich male mit Acryl.Nicht mit Ölfarben?Nein, Ölfarben trocknen sehr langsam. Ich arbeite mit Acrylfarben. Mit einem Föhn darüber härtet die Farbe rasch aus, und du kannst weiterfahren. Aber das Malen kann immer noch einige Stunden dauern. Und du hast immer die Angst im Nacken, dass du etwas falsch machst oder den Kaffee aufs Blatt schüttest. Am Montagmorgen ging ich dann zum Bahnhof Kassel und habe das Original dem Kurier im Intercity-Express übergeben, damit es rechtzeitig in Hamburg ankam. Das war ein Ritt über den Bodensee.Gerhard Glück vor einem von vielen Bücherregalen im Haus. Die Acrylfarben trocknen langsam aus. Glück hat immer gerne Modelle gebaut. Als Kind Flugzeuge, später eine Modelleisenbahnanlage.Gibt es Dinge, die aufwendiger zu malen sind als andere?Bäume mit vielen Blättern oder Maschinen mit Details, zum Beispiel Zahnräder. Das macht auch keinen Spass.Was macht Spass?Am liebsten würde ich Landschaften mit Rehen malen. Die sind einfach, aber das war mir selten vergönnt.Manchmal gab es auch erboste Reaktionen auf deine Cartoons.Genau, zum Beispiel von Tierschützern und der Kirche, das war mein Lieblingspublikum.Zum Beispiel?Für das Folio über alternative Geschichtsschreibung habe ich Jesus gemalt, wie er erfolglos versucht, seine Biografie zu verkaufen. Die Zeile lautete: «Nach seiner Begnadigung heiratete Jesus Maria M. und schrieb seine Memoiren, die ein absoluter Flop waren.» Das fanden gewisse Leute gar nicht lustig.Was haben sie denn geschrieben?«Blasphemie!» – «Beim Jüngsten Gericht werden Sie bestraft werden für diesen Cartoon!» Ich war erstaunt über die Aggression der Reaktionen. Der Federballspieler, der mit einer Blaumeise spielte, kam auch nicht überall gut an.Eine Blaumeise als Federball?Ein Mann schlägt mit einem Federballschläger einen kleinen Vogel über ein Netz. Die Zeile darunter lautete: «Amseln und Krähen sind etwas zu gross, aber mit Elfi, der Blaumeise, spielt Fritz B. gern mal eine Partie Federball.» Ein Hotelbesitzer aus der Schweiz hat daraufhin geschrieben, in sein Hotel müsse ich also nicht kommen.Nach seiner Begnadigung heiratete Jesus Maria M. und schrieb seine Memoiren, die ein absoluter Flop waren.Amseln und Krähen sind etwas zu gross, aber mit Elfi, der Blaumeise, spielt Fritz B. gern mal eine Partie Federball.Der Ablauf unserer Zusammenarbeit war immer derselbe: Wir haben dir das Heftthema des Folios bekanntgegeben, du hast uns drei, vier Entwürfe gefaxt, und wir haben einen davon ausgewählt. Manchmal fanden wir keinen lustig, dann haben wir dich in eine zweite Runde geschickt. Wie war das für dich?Manchmal war mir das willkommen. Wenn man in einem Vogelnest sitzt ohne Aussenkontakt, kann man sich darüber täuschen, was die Menschen mögen. Manchmal verstand ich euch aber auch nicht. Dann dachte ich: Es tut mir leid, aber das ist eine gute Idee. Ich fand eure Einwände dann auch schlecht begründet.Sie sind ja auch schwierig zu begründen.Bei Witzen sowieso.Hat sich über die Jahre verändert, was du lustig findest?Ich bin sparsamer geworden bei den Figuren. Weniger theatralisch, manchmal eher statisch. Und die Figuren haben kürzere Nasen.Warum kürzere Nasen?Ich weiss nicht, plötzlich dachte ich: Spinnst du? Du kannst deinen Figuren doch nicht so lange Nasen machen. Das war mir am Anfang gar nicht aufgefallen.Gibt es Leute, die deine Cartoons überhaupt nicht verstehen?Ja, sicher. Es gibt Leute, die keinen Sinn für so etwas haben.Könntest du mit so jemandem befreundet sein?Weder befreundet noch verheiratet. Da hast du ja keine gemeinsame Basis.Diskutierst du mit deiner Frau Ingrid deine Ideen?Halbfertige Sachen zu diskutieren, finde ich schwierig.Und am Ende? War sie eine strenge Kritikerin?Ja, aber sehr sachlich. Manchmal haben wir gemeinsam falschgelegen.Wie habt ihr einander eigentlich kennengelernt?Das war 1966 während der Ausbildung. Ich war an der Werkkunstschule in Kassel, und sie studierte Kunsterziehung. Ich war eingeladen bei einem Kommilitonen. Da kam Ingrid rein, mit ihren blauen Augen. Ich dachte nur: Das isses, das isses. Dranbleiben! Dranbleiben!War sie auch gleich an dir interessiert?Ach Gott. Das ist doch immer dasselbe bei den Hühnern und den Hähnchen. Die Hähnchen rasen in der Gegend rum, und die Hühnchen gucken desinteressiert in die Luft. 1970 haben wir geheiratet. Wir sind seit sechzig Jahren zusammen.Kommt Ingrid in deinen Cartoons vor?Nein, eigentlich nicht, ich wollte sie nicht ärgern. (Ruft seiner Frau zu: Ingrid, habe ich dich irgendwann mal in einem Bild untergebracht?) . . . Doch, einmal, als Gerlinde.Ah, die Frau, deren Kleid genau die gleiche Struktur hat wie die Säule, neben der sie steht, mit dem Text «Mein schönstes Urlaubsfoto: Gerlinde inmitten ihrer geliebten Antike.» Und du selbst?Auch einmal als Karikaturist, der einem iranischen Mullah versucht seinen Witz zu erklären. Das war nach diesem Streit um die Mohammed-Karikaturen.Karikaturist versucht seinen Witz zu erklären.Mein schönstes Urlaubsfoto: Gerlinde inmitten ihrer geliebten Antike.Du hast auch in der Werbebranche gearbeitet.Ich wollte in den Semesterferien der Kunstschule Geld verdienen. Man hörte damals tolle Sachen von Werbeagenturen. Aber an der Schule haben wir nie erfahren, wie die Welt da draussen funktioniert. Also meldete ich mich bei einer grossen Agentur als Praktikant, und sie nahmen mich. Da konnte man locker 800 Mark im Monat bekommen. Der Art-Director schaute sich meine Zeichnungen an und fragte: «Wollen Sie wirklich nochmals zurück in die Schule? Sie könnten gleich bei uns anfangen!»Und?Ich war ja erst im dritten Semester und hatte in der Zwischenzeit erfahren, dass in der Agentur enorm viele Leute verschlissen wurden: Nachtarbeit und Whisky. Also lehnte ich ab.Worin bestand deine Arbeit bei der Agentur?Ich habe zum Beispiel Putzteufelchen gezeichnet für Scheuermittelwerbung. Später war ich beim Spielehersteller Ravensburger. Die hatten mich damit gelockt, eigene Spiele entwickeln und illustrieren zu können. Es stellte sich heraus, dass ich bloss Covers für deutsche Lizenzausgaben umbauen musste. Nach einem halben Jahr war ich wieder weg. Da habe ich gesagt, Schluss, aus, ich studiere weiter, Kunsterziehung. Und dann habe ich am Gymnasium Kunst unterrichtet, also Kunstgeschichte, Design, Architektur. 28 Jahre lang und gern.Gleichzeitig hast du deine Karriere als komischer Künstler vorangetrieben.Ja, zuerst klopfte ich bei der hiesigen Zeitung an. Die nahmen ein paar Zeichnungen für 24 Mark das Stück. Später kamen Verlage und Magazine dazu. Und irgendwann kam der Punkt, wo sie in Farbe druckten. Da lebte ich auf.Ein Vollpensum als Lehrer und professionell Cartoons zeichnen: Ging das gut miteinander?Es war anstrengend, 2003 liess ich mich ohne Gehaltsansprüche beurlauben. Ich war ja Beamter auf Lebenszeit. Als solcher unterlag ich strengen Regeln, wie viel ich arbeiten durfte. Ich hatte einen Brief vom Kultusministerium: «Hiermit gestatten wir Herrn Glück das Malen und Zeichnen von Karikaturen im Rahmen von dreissig Stunden pro Monat.» Anfangs musste ich auch Rechenschaft ablegen: NZZ Folio, zwei Stunden. Aber die hatten ja keine Ahnung, welcher Zeitaufwand realistisch war.Aus dem Leben der Mona Lisa.In weiser Vorausschau hatte Herr Bilstein auch schon einen grossen Friedhof gebastelt.Die Verlage bezahlen jeweils für das Abdruckrecht. Hast du auch Originale verkauft?Früher schon. Leider zu viele.Warum leider?Geld ist vergänglich, aber die Originale fehlten dann, wenn ich eine Ausstellung hatte. Das Bild «Aus dem Leben der Mona Lisa» zum Beispiel wurde in einer Galerie für 4000 Mark verkauft. Für eine spätere Ausstellung wollte der Kurator unbedingt das Original. Nach einigen Recherchen fanden wir die Käuferin. Das Bild stand in ihrem Kleiderschrank. Das hat sich überhaupt niemand mehr angeguckt.Passiert das mit vielen Bildern?Ich weiss es nicht. Viele sind seit Jahren spurlos verschwunden, in privaten Sammlungen. Ich weiss nicht einmal, wie es den Bildern geht. Vielleicht stehen sie im Kleiderschrank. Vielleicht sind sie verschimmelt. Oder wurden weggeschmissen. Oder man benutzte sie als Malvorlage für die Kinder. Andere sind in Museen gelandet. Etwa im Museum Wilhelm Busch in Hannover oder im Cartoonmuseum Basel.Was glaubst du, wirst du irgendwann wieder ein Bild malen?Vielleicht. Vielleicht. Die NZZ-Leute in meinem Garten nach dem Interview, das wäre einfach zu malen, euch zwei von hinten. Aber ob das lustig wird?Blick in den üppigen Garten.Ein Artikel aus der «NZZ Folio»Passend zum Artikel
33 Jahre Cartoons: Gerhard Glück über seine Arbeit für NZZ Folio
Mit seinen Bildern hat er 33 Jahre lang das NZZ Folio geprägt; nun hört Gerhard Glück auf. Der Meister der liebenswürdigen Gnadenlosigkeit erzählt, wie er in die komische Kunst gerutscht ist und weshalb seine Farben im Moment vertrocknen.






