Trump geht in Sachen Medikamentenpreise gegen Deutschland vor – für die Schweiz sind das keine guten NachrichtenDie USA erhöhen den Druck auf die anderen Industrieländer und fordern eine höhere Beteiligung an den Kosten für Arzneimittel.20.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenPatienten in den USA würden fast viermal höhere Preise für Originalpräparate bezahlen, als in Deutschland verlangt würden, behauptet die amerikanische Regierung.Annick Ramp / NZZMit der geplanten Gesundheitsreform und den darin vorgesehenen Preissenkungen für Medikamente hat Deutschland Donald Trump eine Steilvorlage geliefert. Der US-Präsident sieht sich in seiner Auffassung bestätigt, dass amerikanische Patienten den Löwenanteil der Forschungs- und Entwicklungskosten von Arzneimitteln bezahlen – während andere Industrieländer deutlich weniger für dieselben Produkte ausgeben würden.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Nun wollen die Amerikaner mit einer sogenannten Section-301-Untersuchung klären, ob diese Praxis diskriminierend ist oder die US-Handelsaktivitäten behindert, wie es in einer Mitteilung des Handelsbeauftragten vom Donnerstag heisst. Welche Massnahmen drohen, falls dem so wäre, führt die Behörde nicht aus.Die jüngsten Bestrebungen, mit denen die deutsche Regierung die Gesundheitskosten senken möchte, sind für die Amerikaner der Beweis für die Trittbrettfahrerei Deutschlands. So nimmt auch eine Gruppe von Senatoren in einem Brief vom 16. Juni an den US-Handelsbeauftragten Jamieson Greer und den Handelsminister Howard Lutnick explizit auf die geplante Reform Bezug. Diese sei eine «unverschämte» Ausweitung unfairer Praktiken.Das Timing ist perfekt: So schreiben die Politiker, die USA sollen rasch ein starkes Signal senden, bevor Deutschland die Gesundheitsreform offiziell beschliesse. Dieser Beschluss im Bundestag hätte eigentlich in der kommenden Woche erfolgen sollen, doch das Geschäft wurde unterdessen auf den 10. Juli verschoben, den letzten Sitzungstag vor der Sommerpause. Grund: Beratungsbedarf.Allein der Aspekt der Medikamentenpreise dürfte noch einiges zu diskutieren geben. Erst Anfang Juni haben die beiden Pharmakonzerne Eli Lilly und Boehringer Ingelheim publikumswirksam verkündet, dass sie geplante Investitionen am Standort Deutschland drastisch kürzen werden.Was passiert in der Schweiz?Dass sich Donald Trump beim Thema Medikamentenpreise mit dem Angriff auf Deutschland begnügt, ist nicht anzunehmen. In dem Brief der Senatoren werden explizit auch Japan und andere Länder mit einem hohen Einkommen genannt. Es braucht wenig Phantasie, um sich auszumalen, dass da auch die Schweiz gemeint sein könnte.Die Untersuchung der Amerikaner gegen Deutschland liefert der hiesigen Branche ein gewichtiges Argument, um gegen unerwünschte Vorhaben zu kämpfen – zum Beispiel gegen die geplanten Mengenrabatte bei umsatzstarken Medikamenten im Rahmen der Reform der Krankenversicherungsverordnung (KVV).Solche Zwangsrabatte könnten die Amerikaner analog zu Deutschland als Verschärfung einer – aus ihrer Sicht – ohnehin unfairen Preispolitik der Schweiz interpretieren. Ob eine Verzögerung oder gar Sistierung dieser Massnahme reichen würde, um eine Section-301-Untersuchung abzuwenden, ist allerdings unklar.Bis jetzt sei kein solches Verfahren wegen Medikamentenpreisen gegen die Schweiz eingeleitet worden, sagte am Freitag ein Sprecher des Eidgenössischen Departements für Wirtschaft, Bildung und Forschung (WBF) auf Anfrage der NZZ.Drohende Zölle wegen ÜberkapazitätenIn Bern wartet man hingegen nach wie vor mit Spannung auf die Ergebnisse einer Untersuchung, welche die US-Regierung ebenfalls im Rahmen der Section-301-Bestimmungen im vergangenen März gegen die gesamte Schweizer Industrie in die Wege leitete. In diesem Verfahren, das die Vereinigten Staaten auch gegen zahlreiche andere Handelspartner eröffneten, geht es um die Untersuchung von angeblichen Überkapazitäten. In Washington hat man den Verdacht, diverse Länder würden solche systematisch in Kauf nehmen und so der amerikanischen Wirtschaft schaden.Bei einem positiven Nachweis könnten die USA neue länderspezifische Zölle verhängen. Ob und in welchem Ausmass es auch die Schweiz trifft, dürfte in den nächsten Wochen klar werden.Zudem versucht die Schweiz nach wie vor, mit der Regierung von Präsident Donald Trump ein bilaterales Abkommen abzuschliessen, um vor allem die Frage der Zölle abschliessend zu regeln.Roche und Novartis schliessen separate Abkommen abWas die Einfuhr von Medikamenten betrifft, haben die USA einen Zollsatz von 100 Prozent beschlossen. Allerdings gibt es zahlreiche Ausnahmen auf Länderebene ebenso wie auf der Stufe einzelner Unternehmen. So hat Grossbritannien, im Gegenzug für höhere Ausgaben für Medikamente, die Befreiung von Zöllen auf sämtlichen Pharmaprodukten für den Zeitraum vom 1. Januar 2026 bis zum 19. Januar 2029 erwirkt. Ein solches Zugeständnis würden sich die Senatoren in dem eingangs erwähnten Brief auch in den Abkommen mit anderen Ländern wünschen.Die beiden Schweizer Pharmakonzerne Roche und Novartis erhielten im vergangenen Dezember die Zusicherung, ebenfalls während dreier Jahre keine Zölle entrichten zu müssen. Zugleich erklärten sie sich bereit, die Preise neuer Medikamente, die sie in den USA auf den Markt bringen, nach dem Prinzip der Meistbegünstigung festzusetzen. Dies bedeutet, dass die Präparate nicht mehr teurer sein dürfen als in acht Vergleichsländern. Der Korb setzt sich aus lauter Industriestaaten zusammen und umfasst unter anderem auch die Schweiz, Deutschland und Grossbritannien.Beim Preisvergleich soll künftig auch die Kaufkraft in den jeweiligen Ländern einfliessen. Auf dieser Basis lägen die Preise für patentgeschützte Medikamente in der Schweiz um knapp 17 Prozent unter dem Durchschnittsniveau europäischer Vergleichsländer, hat Interpharma, der Verband der Schweizer Pharmaindustrie, errechnet. Die Lobbyorganisation leitet daraus ab, dass die Schweiz künftig mehr für neue Arzneimittel bezahlen muss, um von der Versorgung nicht abgeschnitten zu werden.Milliardenschwere Investitionen in den USAEin weiteres Zugeständnis von Novartis und Roche an die Trump-Regierung waren milliardenschwere Zusagen für den Bau neuer Fabriken und Forschungseinrichtungen in den USA. Dass die Vereinigten Staaten mit hohen Preisen grosse Teile der Medikamentenforschung finanzieren, zugleich aber ein Nettoimporteur von Arzneimitteln sind, stört Trump schon lange. Laut den Marktforschern von BAK Economics steuern die USA zwar 50 Prozent zum weltweiten Umsatz mit Pharmaprodukten bei, vereinen aber nur 30 Prozent der globalen Wertschöpfung in diesem Bereich auf sich.Novartis hat Investitionen von insgesamt 23 Milliarden Dollar über fünf Jahre in den Vereinigten Staaten angekündigt. Die Bauarbeiten seien an sämtlichen Standorten mittlerweile im Gang, meldete der Konzern Anfang Mai. Insgesamt will er zehn Produktionsstätten und Laborgebäude entweder neu bauen oder erweitern.Auch Roche expandiert in den USA. Allerdings besitzt das Unternehmen dank seiner amerikanischen Tochterfirma Genentech bereits ein deutlich grösseres Produktionsnetz in den Vereinigten Staaten als Novartis.Beide Firmen verfolgen das Ziel, künftig so viele Medikamente in den USA zu produzieren, dass sie bei der Versorgung dieses Markts weitgehend unabhängig von Importen sind. Die US-Regierung scheint fest damit zu rechnen, dass Lieferungen aus Schweizer oder deutschen Pharmafabriken künftig der Vergangenheit angehören werden.Diese industriepolitischen Bemühungen werden auch in der Kommunikation hervorgehoben. Es gehe darum, dass die Medikamentenhersteller faire Preise für ihre Produkte erhalten würden, die amerikanische Arbeiter fertigten, heisst es im Mediencommuniqué zur Einleitung der Section-301-Untersuchung gegen Deutschland. Vor allem zeigt die Massnahme einmal mehr: Die Vereinigten Staaten schotten den Absatzmarkt für Pharmazeutika ähnlich wie für viele andere Produkte nach Kräften ab.Passend zum Artikel