KommentarErpresser überall: Die Diskussion um Medikamentenpreise läuft aus dem Ruder – zum Nachteil der SchweizDie Pharmaindustrie nutzt den Druck der Regierung Trump geschickt, um in Europa für teurere Arzneimittel zu lobbyieren. Statt sich nur darüber zu empören, muss die Schweiz klären, was sie eigentlich will.09.07.2026, 05.35 Uhr6 LeseminutenIllustration Simon Tanner / NZZDer Roche-Präsident Severin Schwan kann ziemlich deutlich werden. Zu dem Abkommen, das der Pharmakonzern mit der amerikanischen Regierung geschlossen hatte, sagte er: «Wenn jemand eine Waffe auf einen richtet und sagt: ‹Wenn du nicht unterschreibst, gibt es morgen 200 Prozent Zölle›, dann würde ich das nicht unbedingt als Deal bezeichnen.» Und weiter: «Im juristischen Sinne ist das vielleicht eine Vereinbarung, aber im Grunde ist es kaltblütige Erpressung.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Mit seiner Aussage, die er kürzlich auf der Bühne des Swiss Economic Forum in Interlaken gemacht hat, prangert der Manager den Druck von US-Präsident Donald Trump an. Dieser fordert von den Pharmakonzernen eine Verlagerung der Produktion in die USA und tiefere Medikamentenpreise.Die Wortwahl von Schwan spiegelt die aufgeheizte Debatte. Man könnte sie auch indirekt als Replik auf den Ton lesen, der der Industrie aus der Verwaltung entgegenschlägt. Ein hoher Beamter aus dem Bundesamt für Gesundheit (BAG) hatte kurz zuvor der Pharmabranche laut der «NZZ am Sonntag» an einer Fachtagung «Drohgebärden» und «Abzocke» vorgeworfen. Nicht nur die Industrie fühlt sich von Trump erpresst, sondern auch die öffentliche Hand von der Industrie.Trump verschiebt den Streit auf die globale BühneDarüber, wie viel wir für innovative Medikamente bezahlen sollen, wird schon lange gestritten. Wegen Trump ist die Frage noch dringlicher geworden. Zudem findet das Feilschen jetzt nicht mehr nur innerhalb der einzelnen Länder statt, sondern im globalen Kontext.Trump zieht gerne den Vergleich zur Sicherheitspolitik: Bei den Medikamenten hätten die Europäer wie bei der Nato viel zu lange von der finanziellen Grosszügigkeit der Amerikaner profitiert.Diese komplexe Gemengelage lädt geradezu ein, sich in der Debatte um die Medikamentenpreise mit markigen Worten Gehör zu verschaffen. Überall tauchen Begriffe wie Trittbrettfahrer, Profiteure, Bürokraten, Sozialisten oder eben Erpresser auf.Diese Kakofonie ist ein Problem für die Schweiz, weil sie den Blick aufs Ganze erschwert. Sie birgt das Risiko, dass vorschnell falsche Entscheide getroffen oder die richtigen verschlafen werden – zum Beispiel beim geplanten Kostendämpfungspaket für das Gesundheitswesen. Auf dem Spiel stehen neben der Versorgung mit neuen Medikamenten auch Arbeitsplätze.Als kleines Land mit einer starken Pharmaindustrie – sie zeichnet für gut sechs Prozent des Bruttoinlandprodukts verantwortlich und beschäftigt rund 50 000 Personen – ist die Schweiz ein wichtiger Akteur. Das macht uns angreifbar. Wer viel hat, kann auch viel verlieren.Leider ist dieser Umstand im Innendepartement und im BAG noch nicht überall durchgedrungen. Allzu oft sind die Pharmakonzerne in Bundesbern aus ideologischen Gründen noch immer ein Feindbild – und politisch der dankbarste Sündenbock für die hohen Gesundheitskosten.Unbezwingbares GesundheitsmonsterTrump hat recht mit der Feststellung, dass amerikanische Patientinnen und Patienten für Medikamente viel mehr bezahlen als Menschen anderswo. Doch die Schuld dafür liegt bei den USA selber.Die Situation ist die Folge davon, dass das Land den Pharmakonzernen bei der Preisfestsetzung freie Hand gelassen hat. Dadurch ist ein komplexes System aus Zwischenhändlern, Rabatten und Versicherungsmodellen entstanden, in dem jeder Mitspieler etwas für sich abzweigt. Milliardenausgaben für TV-Werbung und Rechtsrisiken, wie sie Europa so nicht kennt, runden das Bild ab.Bis jetzt ist noch jeder amerikanische Präsident daran gescheitert, dieses Monster zu zerschlagen. Zu stark ist die Lobby der Gesundheits- und der Versicherungsindustrie. Zu schwach sind die Einflussmöglichkeiten der Regierung. Es ist diese Erfahrung, die die grossen internationalen Pharmafirmen hoffen lässt, dass die Preise in den USA nicht von heute auf morgen sinken.Weil es um die Gesundheit der Amerikaner geht, wissen die Konzerne zudem genau, dass das Weisse Haus kein ernsthaftes Interesse daran hat, die Branche zu schwächen, einen Versorgungsengpass zu provozieren oder die Erforschung neuer Medikamente zu verhindern.Darum konnten die Firmen in den Vereinbarungen mit der Regierung auch deren Extremforderungen abwenden. So müssen sich «nur» die Preise neu eingeführter Medikamente am tieferen Niveau im Ausland orientieren. Jene von bereits existierenden Arzneimitteln sind ausgenommen. Der «Erpresser» liess also durchaus mit sich reden.Wie viel Gewinn steht auf dem Spiel?Doch leider fehlt es an Transparenz. Die Verträge sind geheim. Selbst grobe Schätzungen dazu, wie viel vom Gewinn aufgrund tieferer Preise tatsächlich wegbrechen könnte, lassen sich den Pharma-Managern nicht entlocken. Entsprechend haben auch die Börsenkurse bisher nicht gelitten. All das gilt es im Hinterkopf zu behalten, wenn die Branche die Zukunft in düsteren Farben malt.Denn die Pharmaindustrie nutzt das Momentum der Trump-Panik für ihre Interessen meisterhaft und über die Grenzen hinweg.Ein aktuelles Beispiel ist die Bekämpfung der deutschen Gesundheitsreform, die Medikamentenpreissenkungen vorsieht. Darauf kündeten zwei Konzerne fast gleichzeitig publikumswirksam eine Reduktion ihrer Investitionen in Deutschland an. Kurz danach bat eine Gruppe US-Senatoren die Regierung Trump, rasch ein starkes Signal zu senden, bevor die deutsche Reform beschlossen wird. Gut eine Woche später starteten die USA eine Section-301-Untersuchung gegen Deutschland in Sachen Medikamentenpreise.Ein ähnliches Szenario könnte auch der Schweiz drohen. Hier plant der Bund im Rahmen des Kostendämpfungspakets unter anderem sogenannte Kostenfolgemodelle. Bei diesen müssen die Pharmafirmen immer grössere Rabatte gewähren, je mehr Umsatz sie mit einem Medikament erwirtschaften.Mit den USA im Guten und im SchlechtenMachen wir uns nichts vor: Ohne das Geld, das auch die Schweizer Konzerne in den USA dank den hohen Preisen über Jahrzehnte verdient haben, stünden in Basel weder die Roche-Türme noch der Novartis-Campus. Und über die abgelieferten Firmensteuern, die letztlich der ganzen Schweiz zugutekommen, hat sich bis jetzt noch niemand beschwert. Aus diesem Grund hat die Höhe der Medikamentenpreise in den USA Auswirkungen auf die Schweiz, ob wir das gut finden oder nicht.Und falls es Trump tatsächlich schafft, internationale Referenzpreise («most-favored nation», kurz MFN) einzuführen, wird diese Abhängigkeit noch viel direkter – und vertrackter. Im MFN-System darf der Preis für ein Medikament in den USA nicht höher sein als in einem Korb von anderen Industrieländern, darunter die Schweiz.Das bedeutet: Entweder müssen die Pharmakonzerne ein Produkt in den USA zu dem viel tieferen, an Europa orientierten Preis verkaufen und damit auf einen grossen Teil der Einnahmen verzichten. Oder die Firmen bringen die Europäer dazu, künftig Preise auf US-Niveau zu bezahlen.Eine dritte Möglichkeit ist es, dass ein Pharmakonzern ein innovatives Medikament in Europa gar nicht erst auf den Markt bringt, um sich nicht mit einem tiefen Referenzpreis die Marge in den USA kaputtzumachen. Wählt ein Unternehmen diese Variante, dürfte es ihm leichter fallen, auf einen kleinen Markt wie die Schweiz zu verzichten als auf einen grossen wie Deutschland.Ein unglückliches TimingIn dieser ausserordentlichen Situation darf sich die Schweiz nicht in internen Grabenkämpfen zwischen den Herstellern, dem Bund, dem Parlament und den Krankenversicherern verlieren. Das heisst nicht, dass sie irgendwelche Mondpreise für neue Medikamente einfach abnicken soll. Aber die Politik muss sich ehrlich überlegen, welches Medikamenten-Menu sie Patienten zu welchem Preis anbieten will und was die Folgen für den Standort sind.Gibt man sich damit zufrieden, innovative und darum teurere Therapien erst mit ein paar Jahren Verzögerung verfügbar zu haben? Falls nicht, was dann? Und wie liesse sich das finanzieren?In so einem Umfeld wäre es angezeigt, Weichenstellungen im Licht der jüngsten Entwicklungen vorzunehmen – oder zumindest damit zu warten, bis klar ist, wohin die Reise geht.Anstatt das geplante Kostendämpfungspaket für das Gesundheitswesen um jeden Preis schon per Anfang 2027 in Kraft zu setzen, sollte Bern die Vorlage unter Einbezug der neuen Realitäten anschauen.Denn es ist ein unglückliches Timing: Die Vernehmlassung dazu ist bereits abgeschlossen. Doch was noch fehlt, ist der Input der Arbeitsgruppe zum Pharmastandort.Der Bundesrat hatte diese Arbeitsgruppe im Januar eingesetzt – notabene erst, nachdem ihn National- und Ständerat dazu gezwungen hatten. Das Gremium mit Vertretern der Industrie, der Kantone und der Bundesverwaltung soll prüfen, wie die Schweiz bestmögliche Rahmenbedingungen für die Life-Sciences-Industrie schaffen kann. Der Bericht dazu ist bis Ende Jahr in Aussicht gestellt. Es wäre fahrlässig, diese Erkenntnisse nicht einfliessen zu lassen oder übereilt an der Preisschraube zu drehen.Wie ungewiss die Situation mit den USA bleibt, hat sich eben erst gezeigt. Statt mit Zusicherungen der Amerikaner kehrte Bundespräsident Guy Parmelin nur mit einer unilateralen Absichtserklärung der Schweiz aus Washington zurück.Auch alles nur auf Trump zu schieben und zu hoffen, der Sturm ziehe irgendwann vorüber, wäre gefährlich. Spätestens während der Pandemie haben viele Länder den Wert einer eigenen Pharmaforschung und -produktion erkannt. Das hat den Standortwettbewerb verschärft.Die Schweiz muss deshalb die Diskussion um die Medikamentenpreise und zur Bedeutung der Pharmaindustrie so oder so führen. Ganz ohne Erpresser-Vokabular.Passend zum Artikel