Der andere Blickvon Susanne Gaschke, BerlinKI in Politik und Medien: wie man es nicht machen sollteDer Springer-Chef Mathias Döpfner desavouiert mit einer KI-Demonstration seine besten Schreiber. Das ist nicht nur widersprüchlich, sondern ignoriert auch, dass der politische Diskurs eine Seele braucht.15.06.2026, 17.58 Uhr3 LeseminutenMathias Döpfner, KI-Fan und Chef der Axel Springer SE.Kay Nietfeld / dpaSie lesen einen Auszug aus dem Newsletter «Der andere Blick am Abend», heute von Susanne Gaschke, Autorin der NZZ Deutschland. Abonnieren Sie den Newsletter kostenlos. Nicht in Deutschland wohnhaft? Hier profitieren.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Dieser Text beginnt mit einer Beleidigung, die Sie im Alltag kostenlos verwenden können: Grundwassermedien. In den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts war es ja von interessierter Seite her Mode geworden, die traditionellen Zeitungen als Holzmedien zu schmähen. Sollte heissen, dass sie klimaschädlich und in gewisser Weise auch geistig zurückgeblieben («Holzkopf») seien – gegenüber der schönen neuen digitalen Schnurlosöffentlichkeit.Heute können die Holzmedienknechte wenigstens ein bisschen zurückkoffern, denn die Rechenzentren der Tech-Konzerne verkanistern viele Millionen Liter Wasser pro Tag, für die Kühlung ihrer, nun ja: Gehirne. Also, ihr Grundwassermedien, kommt uns gefälligst nicht mehr auf der Öko-Schiene.Fragwürdig verstandene «Professionalität»Sodann: In Deutschland ist eine erbitterte Debatte über den Einsatz von künstlicher Intelligenz (KI) in journalistischen und politischen Texten entbrannt. Entzündet hat sie sich an Artikeln, die der thüringische Ministerpräsident Mario Voigt offenbar nicht selbst verfasst, sondern von Mitarbeitern hat verfassen lassen, die dafür KI einsetzten – aus Faulheit, Dummheit oder fragwürdig verstandener «Professionalität».Die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» depublizierte deshalb einen Gastbeitrag des CDU-Mannes, andere deutsche Politiker stehen ebenfalls in der Kritik, allen voran Digitalminister Karsten Wildberger. Intellektuelle Schwergewichte wie der Chef des Axel-Springer-Konzerns Mathias Döpfner oder der Berliner Publizist Gabor Steingart werfen sich nun in den Schützengraben des scheinbaren Fortschritts: Die KI darf, soll sogar unsere Artikel schreiben!Dagegen bestehen alte Qualitätsschlachtrösser wie die «Frankfurter Allgemeine Zeitung» darauf, dass unter den Namen von Autoren tatsächlich nur Texte von Autoren, also Menschen, veröffentlicht werden.Dazu ist Folgendes zu sagen: Das politische Elend unserer Zeit wurzelt massgeblich in der Abwesenheit von Persönlichkeiten und Charakteren; im Fehlen von Verantwortungsbereitschaft, Humor und Grosszügigkeit – und in einem entsprechenden Schwund von Authentizität. Gerade und ganz besonders dieser Mangel an Echtheit führt zu jenem erschütternden Vertrauensverlust, den Politik und Journalismus heute gleichermassen erleben.Politiker, die nur noch floskelphrasenhafte Klischeestereotype von sich geben, überzeugen ihre vernünftigen Mitbürger und Wähler nimmermehr. Journalisten, die ihre herdenhaften Allerweltsanalysen nun auch noch von Rechenverfahren zusammentackern lassen, tun das erst recht nicht. Durch den dreist als avantgardistisch etikettierten Einsatz von KI als Autor graben sie weiter an einem Vertrauensgrab, das bereits beängstigend tief ist.Um nicht missverstanden zu werden: Politikerbeiträge für Zeitungen wurden auch früher nicht immer von den Amtsträgern selbst verfasst, sondern oft von deren Referenten. Aber wenigstens die mussten sich Mühe geben.Plastiktexte? Nein, dankeUnd selbstverständlich: Ludditentum ist Unfug. Ein maschinell gestrickter Cashmerepullover trägt sich meist besser als ein handgeklöppeltes Wollvlies. Aber: Man darf Pressglas auch nicht als Murano-Glasbläserkunst verkaufen. Und Plastiktexte eben nicht als wahrhaftige Meinung echter Journalisten.Irgendwie wissen die Medien das auch, denn sie pushen ja neuerdings ihre Ankerpersonen, Global Reporters, Podcast-Hosts, Leitartikler und Anlehnkolumnisten. Aber wie, lieber Axel-Springer-Chef, kann es dann gleichzeitig egal sein, ob eine dieser klugen Persönlichkeiten einen Text verfasst hat – oder ein Algorithmus?Im politischen Betrieb braucht es ebenfalls helle Köpfe, die ihre Parteien halbwegs ernsthaft nach aussen repräsentieren können. Deren Personalrekrutierung ist mittlerweile aber so nachhaltig verkorkst, dass man schon froh sein muss, wenn aufstrebende Politiker nicht nur in Textbausteinen sprechen.Dieser Trend trägt übrigens zu den bejammerten Umfrageergebnissen der AfD bei, die sich kaum jemand der hier ausdrücklich Gemeinten erklären kann. Aber in Journalismus und Politik gibt es doch auch noch – wenigstens einige – Leute, die etwas Eigenes zu sagen hätten. Vielleicht sogar von Zeit zu Zeit etwas anderes, Neues, Interessantes. Weil Menschen eine veränderliche Seele haben. Und weil der politische Diskurs eine Seele braucht, um lebendig zu bleiben, und nicht nur Netz, Rechenzentren und Strom.1 KommentarNick Hofer vor 3 MinutenAls würde das Menschliche ausgesourct oder besser gesagt entfernt. Wir werden effizienter dank AI. Aber sowas wie eine Seele oder Charakter hat sie halt eben doch nicht, diese dolle AI.