Der Tagesspiegel hat verkündet, bis auf Weiteres nicht mehr mit dem „Editor at Large“ der Zeitung, dem Journalisten Stephan-Andreas Casdorff, zusammenzuarbeiten. Grund dafür ist, dass Casdorff mehrere Artikel mithilfe von Künstlicher Intelligenz erstellt habe, heißt es in einer Mitteilung der Chefredaktion. Die entsprechenden Texte habe man „bis zum Abschluss der genauen Prüfung“ vorerst depubliziert. Ein Blick auf eine archivierte Version des Autorenprofils von Casdorff zeigt, dass alleine mehr als zehn Artikel aus den vergangenen Wochen nicht mehr abrufbar sind, darunter Kommentare zur Pflegereform, der AfD und Papst Leos KI-kritischer Enzyklika.Es handele sich bei dem Vorgehen von Casdorff um einen klaren Verstoß gegen die redaktionellen Richtlinien, so die Chefredaktion in ihrer Erklärung: „KI ist auch für unsere Redaktion ein Werkzeug, das uns hilft, einzelne redaktionelle Arbeitsschritte zu vereinfachen und auch zu verbessern. Sie ist aber definitiv kein Mittel, das den Kern unserer Arbeit übernehmen darf.“ Casdorff selbst zeigt sich reuevoll: „Ich habe einen Riesenfehler gemacht, habe dem Haus geschadet und mir“, wird er vom Tagesspiegel zitiert.Die jüngste Debatte wurde durch den KI-Einsatz von Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt entfachtDer Fall ist auch deshalb brisant, weil Casdorff eine leitende Figur der Zeitung ist: Von 2004 bis 2018 war er Chefredakteur, von 2018 bis 2024 Herausgeber. Er hat den Tagesspiegel über Jahrzehnte stark publizistisch geprägt, zuletzt vor allem Meinungsbeiträge veröffentlicht.Vor wenigen Tagen erst hatte die Frankfurter Allgemeine Zeitung einen Gastbeitrag des Thüringer Ministerpräsidenten Mario Voigt (CDU) depubliziert, weil er offenbar mit KI verfasst worden war. Anders als Carsdorff sah der Politiker darin allerdings kein Problem. Andere Medienhäuser sind in ihrem Umgang mit Künstlicher Intelligenz deutlich offensiver: Springer-Chef Mathias Döpfner veröffentlichte in der Welt am Freitag einen angeblich komplett mit KI generierten Kommentar, in dem er anführte, dass es schon immer Ghostwriter gegeben habe, und die FAZ mit der Postkutschenlobby verglich, die sich dem Fortschritt durch Autos verschloss. Der Artikel endet mit dem Zusatz: „Dieser Text wurde zu hundert Prozent mit KI, genauer von Gemini (Google) generiert. Die Erzeugung dauerte ungefähr eine Sekunde. (...) Mathias Döpfner verbürgt sich dafür, am vorgeschlagenen Text von Gemini nichts geändert zu haben.“