Dieser Vorgang hat nicht nur die Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in den vergangenen Tagen beschäftigt: Ein Gastbeitrag des thüringischen Ministerpräsidenten Mario Voigt, der in der F.A.Z. erschienen war, musste aus dem Netz genommen und im Archiv gesperrt werden. Der Text enthielt Zitate von Dritten, die so nie gesagt oder geschrieben worden waren. Es handelte sich um „Halluzinationen“ einer Künstlichen Intelligenz (KI).Kurz darauf wurde bekannt, dass Bundesdigitalminister Karsten Wildberger mehrere Reden und Gastbeiträge – auch einen in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung– von KI hatte schreiben lassen. Auch diesen Text haben wir von unserer Online-Seite genommen.Bislang beruhte das Instrument des Gastbeitrags auf Gegenseitigkeit – das Medium bietet die Bühne, der Autor liefert eine durchdachte, vor allem aber eigene Argumentation. Doch dieses Modell wird entwertet, wenn der Inhalt auf Knopfdruck generiert und im schlimmsten Fall von einem Algorithmus halluziniert wird.Für die F.A.Z.-Redaktion gilt selbstverständlich weiter: Wir schreiben unsere Artikel selbst und tragen dafür die Verantwortung. Das heißt aber nicht, dass der Einsatz von KI-Instrumenten verboten wäre, im Gegenteil.KI kann bei der Recherche helfen, beim Durchforsten und der Prüfung der Fakten und von Widersprüchen in der Argumentation, auch bei der Rechtschreibkontrolle. Sie liefert, wenn gewünscht, eine Kurzfassung des Artikels oder den Vorspann. Doch der Text stammt von einem Menschen, der die Idee dazu hatte und seine Gedanken aufgeschrieben hat. Der Autor muss die inhaltliche Hoheit über den Text behalten. Es ist jedoch nicht verboten, ihn durch den Einsatz von KI besser zu machen.40 Jahre technischer WandelWer 40 Jahre lang im Journalismus tätig ist, hat zahlreiche technologische Umbrüche miterlebt. Am Anfang waren da noch die lauten Redaktionsstuben, in denen das Klappern der mechanischen Schreibmaschinen den Takt der Nachrichtenproduktion vorgab. Dann kam der Umbruch zu elektronischen Redaktionssystemen. Es folgte der Übergang von der Analog- zur Digitalfotografie, bei dem die Dunkelkammer Speicherkarten und Bildbearbeitungsprogrammen weichen musste, was entsprechende Manipulationen möglich machte, die indes zuvor auch nicht ausgeschlossen waren.Die moderne Textverarbeitung etablierte sich, schnelles Umbauen und auch das Kopieren von Texten wurde möglich. Schließlich schien die Disruption des Internets den Schlusspunkt zu setzen. Doch weit gefehlt.Im Zuge dieser Veränderungen gibt es immer wieder Warner, die den Untergang des journalistischen Handwerks befürchten. Aber der richtige Weg war nie Verweigerung, sondern die kluge Aneignung. Es galt stets, die neuen Werkzeuge zu beherrschen, um das eigene Handwerk zu verbessern und das Geschäft betriebswirtschaftlich wettbewerbsfähig zu halten.Die KI ist nun der nächste und bisher gewaltigste Schritt in dieser Kette. Der richtige Weg aber ist auch hier der bewusste und von Menschen kontrollierte Einsatz von KI im redaktionellen Alltag. Eine moderne Redaktion muss lernen, ein „Chef“ für die KI zu sein. Die KI dient zum Beispiel auch als Assistentin zur Analyse gewaltiger Datenmengen, zur Erkennung von Mustern in komplexen Dokumenten, der Programmierung und Vertonung von Texten oder der Transkription von Interviews und ihrer Übersetzung. Wer diese Potentiale ignoriert, macht einen Fehler.KI ist ein exzellentes Arbeitsmittel, aber sie ist eben kein Redakteur. Ob zur Einordnung einer Nachricht oder wegen seiner Fähigkeit, eine stringente, auf menschlichen Erfahrungen basierende Argumentation in einem Kommentar aufzubauen: Der Journalist wird im KI-Zeitalter nicht überflüssig. Die Flut an rein maschinell erzeugten Inhalten, die unkontrolliert das Netz überschwemmt, verlangt nach ihm mehr denn je.Sam Altman, der Chef von OpenAI und damit einer der treibenden Akteure hinter der KI-Revolution, ist davon überzeugt, dass Menschen sich immer vor allem dafür interessieren werden, was andere Menschen über sie denken. Niemand schaue im Fernsehen einer Schach-Weltmeisterschaft von Computern zu, hat er schon vor Jahren auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos gesagt. Wir alle suchten nach menschlicher Resonanz.Der Mensch will wissen, was andere Menschen denkenDiese Überzeugung muss auch im Mittelpunkt der Überlegungen zum Einsatz von Künstlicher Intelligenz stehen. Sie, die Leser, wollen von uns wissen, was unsere Autoren denken. Deren Texte können durch Erkenntnisse bereichert werden, bei denen die KI kontrollierte Hilfestellung geleistet hat. Aus dem eigenen Alltag weiß man inzwischen, wie gewinnbringend das sein kann. Doch gilt nach wie vor: Bei uns schreibt nicht die Maschine, sondern der Mensch.