«Lasst ja nicht die Köpfe hängen!»: Die SVP muss sich nur kurz schütteln. Dann greift sie wieder anDie Enttäuschung über das Nein zur 10-Millionen-Initiative scheint sich bei der Volkspartei in Grenzen zu halten.14.06.2026, 19.00 Uhr4 LeseminutenDie SVP-Parteigrössen Thomas Matter, Mike Egger und Thomas Aeschi (vorne, von links) warten auf die Hochrechnungen bei SRF.Peter Schneider / KeystoneFür gewöhnlich ist an Abstimmungssonntagen Bern der «place to be». Dort treffen sich die Parteien und Verbände zum Polit-Public-Viewing, dort dreht das Fernsehen Sondersendungen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die SVP aber trifft sich an diesem Sonntag im Hotel und Restaurant Krone in Aarberg im Kanton Bern. 4603 Einwohner, 15 Prozent Ausländeranteil. Der Weg dorthin führt über Landstrassen, vorbei an Feldern und Bauernhöfen, an Plakaten, die für den Buurezmorge, frische Kirschen oder das Grümpeli in Radelfingen werben. Irgendwann breiten sich Murtensee und Bielersee im Tal aus. Willkommen in der Postauto- und Postkartenschweiz, die die SVP mit ihrer Nachhaltigkeitsinitiative schützen wollte.Am Tag der Entscheidung zieht sich die Partei in ein bewährtes Umfeld zurück.Angriff Nummer dreiDie SVP war schon einmal in der «Krone» in Aarberg: am 9. Februar 2014. An jenem Tag stimmte die Schweiz über die Masseneinwanderungsinitiative der SVP ab. Auch weil die Partei Ausschreitungen befürchtete, ging sie nach Aarberg, wo sie dann einen der grössten Erfolge ihrer Geschichte feiern konnte. 50,3 Prozent der Bevölkerung stimmten dafür, die Zuwanderung künftig mit Höchstzahlen und Kontingenten zu steuern.In der «Krone» in Aarberg feierte die SVP im Jahr 2014 die Annahme der Masseneinwanderungsinitiative.Peter Schneider / KeystoneDoch das Parlament setzte die Initiative nur schwach um. Es verzichtete auf Kontingente und führte lediglich den «Inländervorrang light» ein, um das Personenfreizügigkeitsabkommen mit der Europäischen Union (EU) nicht zu gefährden. 2020 griff die SVP das Abkommen darum erneut an, mit der damaligen Begrenzungsinitiative allerdings noch direkter. Und erfolglos: Das Volk sagte Nein.Die Nachhaltigkeitsinitiative war nun Teil drei des SVP-Angriffs auf die Verträge. Die Vorlage kombinierte die beiden ersten Initiativen miteinander. Sie forderte explizit die Kündigung der Personenfreizügigkeitsabkommen, wollte diese aber erst in Zukunft umsetzen. Und auch nur dann, wenn das Land zwei Jahre am Stück über zehn Millionen Einwohner zählt.Entstanden ist die Vorlage 2022 im «Haus der Freiheit», der Beiz, die die SVP-Ständerätin Esther Friedli gemeinsam mit ihrem Mann, dem ehemaligen SVP-Parteipräsidenten Toni Brunner, im Toggenburg führt. Damals sassen die SVP-Nationalräte Thomas Matter, Manuel Strupler, Mike Egger und Thomas Aeschi zusammen und schufen die Idee eines 10-Millionen-Deckels.Dänische Journalisten angereistAn diesem Sonntag kommt das Quartett wieder zusammen. Matter, Egger und Aeschi sitzen in der Mitte eines grossen Saals in der «Krone» in Aarberg, wo die Zeit eine Schleife schlägt und die Partei den Geist von 2014 beschwört. Auf den Tischen sind Broschüren zur Nachhaltigkeitsinitiative ausgelegt, als müssten die Leute hier noch überzeugt werden. Sie haben die Broschüren selbst geschrieben, ihre Zahlen und Statistiken in den vergangenen Monaten in unzähligen Podiumsdiskussionen und Interviews heruntergebetet. Betont sachlich, um auch Wähler in der Mitte anzusprechen.Der Zürcher Nationalrat Thomas Matter gehört zu den Erfindern der Initiative.Peter Schneider / KeystoneKurz vor zwölf Uhr blicken die Erfinder dieser Initiative nach vorne zur Leinwand, wo das Abstimmungsprogramm von SRF läuft. Um den Tisch herum haben sich Kameraleute und Journalisten verteilt, sie blitzen und filmen, schreiben und beobachten. Die ARD berichtet, zwei Reporter sind eigens aus Dänemark angereist, «eine Sensation», sagt der eine, bevor er wieder auf Sendung geht. Es heisst, sogar die BBC sei hier.Aeschi rückt jetzt das Jackett zurecht, Egger trommelt auf den Tisch, Matter verzieht das Gesicht. In einer Ecke steht der Parteipräsident Marcel Dettling vor einem Bistrotisch und schaut zur Leinwand.Es ist halb eins, als SRF die ersten Hochrechnungen des Meinungsforschungsinstituts GfS präsentiert. Der Politologe Lukas Golder sagt im Fernsehen: «Diese Initiative wird abgelehnt werden.» Der Saal verstummt.Während Golder die Gründe erklärt, ist es mucksmäuschenstill in der «Krone». Dettling ist der Erste, der sich wieder fängt. Als Golder vom «Stadt-Land-Graben» referiert, nickt er zustimmend, ehe er die Hände verwirft und sich wegdreht. Kann-man-nichts-machen-Gestus. Die Partei muss sich nur kurz schütteln.2032 die nächste Initiative?Dann gibt Matter dem Bundesrat Beat Jans die Schuld für das Nein, er habe Abstimmungskampf betrieben. Matter findet das Resultat angesichts dieses «David-gegen-Goliath-Kampfes» gut. In dieser Rolle fühlt sich die Partei wohl: Wir gegen den Rest. Zu den Leuten im Saal sagt Matter: «Lasst ja nicht die Köpfe hängen! Fast die Hälfte der Bevölkerung hat gesagt: ‹Wir haben die Nase voll.›»«Lasst ja nicht die Köpfe hängen», sagt Thomas Matter den Gästen im Restaurant Krone in Aarberg.Peter Schneider / KeystoneIn der «Krone» wird Ghackets mit Hörnli geschöpft, während die Parteifunktionäre von Interview zu Interview eilen. Als Dettling zum nächsten Gespräch muss, fragt er ein Parteigspänli: «Kannst du mir noch etwas Positives geben?» Er lacht. «Graubünden vielleicht?» Aber auch die Bündner haben Nein gestimmt.Die SVP braucht an diesem Tag nicht lange, um wieder zu sich zu finden. Fast kommt einem der Gedanke: Was hätte sie eigentlich gemacht, wäre diese 10-Millionen-Initiative angenommen worden? Sie hätte alle ihre grössten Gegenspieler, die Zuwanderung, die EU-Verträge, auf einen Schlag bodigen können. Es ist eines der Paradoxe dieser Partei, dass sie von jenen Themen lebt, die sie am stärksten bekämpft.Ob Pascal Schmid, der Asylchef der Partei, genau das weiss? Er wirkt an diesem Sonntag in der «Krone» jedenfalls vergleichsweise entspannt. Im Kopf ist er schon bei der nächsten Mission der SVP: die Sicherheit-Sondersession am Dienstag, bei der auch Asylthemen verhandelt werden. Und die nächste Initiative gegen die Personenfreizügigkeit kommt bestimmt. Wenn die SVP den Rhythmus beibehält, müsste sie nach 2014, 2020 und 2026 im Jahr 2032 zur Abstimmung kommen. Dettling sagt: «Wenn schon, dann müssten wir eher eine Initiative machen, um sämtliche Asylbewerber in der Stadt zu verteilen.» Man werde diese Idee nun «ernsthaft prüfen».Passend zum Artikel