Verhöre, Arrestzellen und Spürhunde: Die Regierung von Donald Trump hält auch im Vorfeld der WM an der rigiden Einwanderungspolitik festDer Fifa-Präsident Gianni Infantino vermeidet es, die USA zu kritisieren. Über den ausgewiesenen somalischen Schiedsrichter sagt er, man solle einfach mal chillen.Ronny Blaschke11.06.2026, 14.41 Uhr4 LeseminutenDer somalische Fifa-Schiedsrichter Omar Abdulkadir Artan (Mitte) wird in Mogadiscio wie ein Held empfangen. In die USA durfte er trotz Visum nicht einreisen.Feisal Omar / ReutersFür Spieler, Trainer und Schiedsrichter ist die Fussball-WM der Höhepunkt ihres beruflichen Lebens. Doch für einige von ihnen begann dieser Höhepunkt mit einem Schock. Der irakische Stürmer Aymen Hussein wurde am Flughafen von Chicago sieben Stunden von Beamten befragt, ehe er einreisen durfte. Ein Fotograf der irakischen Mannschaft, Talal Salah, wurde hingegen abgewiesen und musste zurückfliegen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Teams aus Südafrika, Marokko oder Côte d’Ivoire berichteten ebenfalls von längeren Kontrollen und intensiven Befragungen, die sie in dieser Form noch bei keinem anderen Turnier erlebt hatten. Überdies wurden auch Spieler aus Usbekistan vor einem Testspiel in New York bereits im Bus abgetastet. Und Spürhunde schnüffelten an ihren Taschen.Es sind nicht ausschliesslich, aber überwiegend Mannschaften aus Afrika und dem Nahen Osten, die nun in den USA offenbar eine besondere Strenge erdulden müssen.Newsletter «Sport – WM-Spezial»Das Wichtigste von der Fussball-WM auf einen Blick: Unser Spezial-Newsletter liefert Ihnen Eindrücke aus Nordamerika sowie Einordnungen und Hintergründe zu den entscheidenden Entwicklungen.Jetzt kostenlos abonnierenEine Million Menschen pro Jahr abschiebenSo verdichten sich die Anzeichen dafür, dass die Regierung von Donald Trump auch im Vorfeld der WM an der rigiden Einwanderungspolitik festhält. Nach Angaben des Ministeriums für Inlandsicherheit und des Weissen Hauses wurden allein im Jahr 2025 rund 600 000 Menschen ausgewiesen. Unabhängige Wissenschafter von der University of California halten diese Zahl zwar für stark übertrieben. Trump selbst hat aber das Ziel ausgegeben, mindestens eine Million Menschen pro Jahr abzuschieben.«Es ist, als wolle die Regierung die Welt von der Weltmeisterschaft fernhalten», sagte Tanya Greene, die US-Programm-Direktorin von Human Rights Watch, an einer Pressekonferenz: «Was mit Spielern, Mitarbeitern und Fans geschieht, die zur Weltmeisterschaft in die USA kommen, ist repräsentativ für die Schrecken, die Millionen von Menschen in den USA unter diesem Regime erleben.»Anfang des Jahres hatte die US-Regierung ihre verschärften Einreisebedingungen auf 39 Staaten ausgedehnt. Für Angehörige dieser Länder ist die Einreise in die USA vollständig untersagt oder nur unter massiven Einschränkungen möglich. Zudem hat das Aussenministerium für 75 weitere Staaten die Vergabe von Einwanderungsvisa zeitweilig ausgesetzt. Es handelt sich bei den meisten um Schwellen- und Entwicklungsländer.Mogadiscio empfängt den Schiedsrichter Artan wie einen HeldenEiner der Staaten, die besonders im Fokus stehen, ist Somalia. In einer Kabinettssitzung im Dezember bezeichnete Trump Einwanderer aus dem ostafrikanischen Land als «Müll». Vor diesem Hintergrund erscheint es wenig überraschend, dass der somalische Schiedsrichter Omar Abdulkadir Artan an der WM-Teilnahme gehindert wurde.Nach einem stundenlangen Verhör sass Artan in einer Arrestzelle und musste wieder nach Hause fliegen. Amerikanische Regierungsbeamte teilten mit, dass Artan mit mutmasslichen Terroristen in Kontakt stehe, ohne aber Details zu nennen.Artan wurde bei seiner Rückkehr in Mogadiscio wie ein Held empfangen, wie internationale Medien berichteten. Doch die US-Regierung unter Trump scheint nur auf die innenpolitischen Folgen zu blicken. In Minnesota lebt die grösste somalischstämmige Gemeinschaft der USA, mit rund 100 000 Menschen. Insbesondere im Grossraum Minneapolis hat die Einwanderungsbehörde ICE Anfang des Jahres mehrere Razzien durchgeführt. Hunderte Menschen somalischer Herkunft wurden ausgewiesen.Donald Trump könnte die Ausweisung von Artan, Afrikas Schiedsrichter des Jahres 2025 und offizieller Fifa-Schiedsrichter, als eigene Stärke auslegen. Doch Aktivisten wie der ehemalige australische Nationalspieler Craig Foster deuten diese Politik anders: «Dieses Klima der Angst, das die Fifa den US-Präsidenten Donald Trump hat schaffen lassen, ist etwas, das wir so noch nie gesehen haben.»An der Pressekonferenz einen Tag vor WM-Beginn vermeidet es der Fifa-Präsident Gianni Infantino, die USA zu kritisieren.Imago«Manchmal ist es gut, einfach zu chillen»Gianni Infantino, seit zehn Jahren Fifa-Präsident, bewarb diese Weltmeisterschaft immer wieder als die «inklusivste WM» der Geschichte. Bei seiner Eröffnungspressekonferenz am Mittwoch in Mexiko-Stadt vermied er Kritik an der US-Regierung. Über den Einfluss der Fifa sagte er: «Wir müssen respektieren, dass wir nicht die Könige der Welt sind, die über Regierungen und die Polizei bestimmen. Wir sind eine Sportorganisation.» Infantino äusserte sich auch über den Schiedsrichter Artan: «Wir versuchen, wir werden diskutieren, wir werden sprechen. Manchmal ist es gut, einfach zu chillen, zu relaxen.»Für Menschenrechtsorganisationen wie Human Rights Watch klingt das wie Hohn. Nach ihren Angaben sollen seit dem Amtsantritt von Trump allein in den elf WM-Austragungsorten der USA mehr als 160 000 Menschen von ICE vorübergehend festgesetzt worden sein. Die Fifa hatte überdies umfangreiche Menschenrechtskonzepte angekündigt, aber letztlich haben nur vier von sechzehn Standorten ein solches Konzept veröffentlicht.Zumindest rund um das Stadion von Los Angeles scheinen sich Mitarbeiter, die für Catering und Service zuständig sind, nicht auf die Fifa verlassen zu wollen. Sie drohen mit Streik, sollten Mitarbeiter von ICE im Stadionumfeld nach Aufenthaltspapieren fragen. «Es ist wichtig, der Politik von Trump etwas entgegenzusetzen», sagt Andrea Florence von der Sports and Rights Alliance. «Die Stadien sollten Orte der Freude sein und nicht der Angst.»Passend zum Artikel