Die Angst vor der Inflation ist eine zweite Chance für Christine LagardeIm Februar hiess es noch, die Präsidentin wolle die EZB vorzeitig verlassen. Davon ist jetzt keine Rede mehr. Sie muss bleiben. Und Europa vor einer neuen Teuerungswelle bewahren.Cornelius Welp, Frankfurt10.06.2026, 16.59 Uhr6 LeseminutenEZB-Chefin Christine LagardeHeiko Becker / ReutersDa ist zum Beispiel dieses Interview mit der «Elle». Im März hat Christine Lagarde sich ausführlich in dem Modemagazin zu Wort gemeldet. Und auch über sehr persönliche Dinge Auskunft gegeben. Über Erfahrungen mit Sexismus als junge Anwältin. Über mögliche Schuldgefühle als beruflich stark engagierte Mutter. Und über ihren Traum, einmal zwei Monate in einer Lagune zu verbringen, ihren Wunsch, irgendwann wieder Klavierstunden zu nehmen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Anlass für das Gespräch war der Weltfrauentag am 8. März. Etwa zur gleichen Zeit lädt die Präsidentin jedes Jahr auch zu einer Konferenz in die Frankfurter Zentrale der Europäischen Zentralbank (EZB). Deren Ziel sei es «die Kluft zwischen den Geschlechtern bei der finanziellen Bildung zu verringern», sagte Lagarde da. In der aktuellen Weltlage sei das besonders wichtig: «Not trifft Frauen unverhältnismässig stark.»Es sind solche Aktivitäten abseits der Kernaufgaben einer Zentralbankchefin, die Verfechter einer traditionellen Geldpolitik auch nach fast sieben Jahren irritieren. Und in der Meinung bestärken, dass die 70-jährige Französin zwar eine charismatische Persönlichkeit, aber eben doch eine Fehlbesetzung ist. Weitere Belege dafür sind ihre Ideen zu einer «grünen Geldpolitik» und das von ihr fast schon leidenschaftlich forcierte Projekt eines digitalen Euro.Dagegen loben ihre Anhänger gerade ihre Kommunikationsstärke und ihr Verständnis für politische Zusammenhänge. Dass die Juristin, die die ersten 25 Jahre ihres Berufslebens als Anwältin gearbeitet hatte, nicht mit allen Finessen der Geldpolitik vertraut sei, sei ihr sehr bewusst. Da sie empfänglich für Argumente anderer sei, falle das jedoch weniger ins Gewicht.Tatsächlich ist der Notenbank unter Lagardes Führung seit 2019 vor allem ein krasser Fehler unterlaufen. An diesem Donnerstag kann sie zeigen, dass sie aus dieser Erfahrung gelernt hat.Die EZB dürfte die Leitzinsen erstmals seit 2023 erhöhenEs gilt als ausgemacht, dass die EZB den Einlagenzins dann erstmals seit fast drei Jahren um einen Viertelprozentpunkt auf 2,25 Prozent anheben wird. Im Herbst 2023 hatte die Notenbank sie auf 4 Prozent erhöht. Es war der Schlusspunkt einer Serie von Zinsschritten, mit denen die Frankfurter Institution spät, aber entschlossen auf die von ihr zunächst unterschätzte Inflation nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine reagierte. In der Spitze war die Teuerungsrate auf fast 11 Prozent geklettert.Trotz mancher Parallelen zur damaligen Situation ist nicht zu erwarten, dass die Zinsen ähnlich schnell ähnlich stark steigen werden. Beobachter gehen vielmehr davon aus, dass bis zum Jahresende ein, womöglich auch zwei Zinsschritte folgen werden. Sie sind vor allem ein Signal, dass die Notenbank verstanden hat, dass sie handeln muss.Im Mai lag die Inflation in der Eurozone bei 3,2 Prozent und damit deutlich über dem Zielwert von 2 Prozent. In Deutschland zogen die Preise nach den vorläufigen Daten des Statistischen Bundesamts im Vergleich zum Vorjahr um 2,6 Prozent an.Der vergleichsweise niedrige Wert ist eine direkte Folge des Tankrabatts, den die Regierung in Berlin Ende April auf den Weg gebracht hatte. Deshalb kostete Energie im Mai nur 6,6 Prozent mehr als 2025, im April hatte die Differenz noch mehr als 10 Prozent betragen. Bislang ist der Rabatt bis Ende Juni befristet. Europaweit haben die Energiepreise im Mai durchschnittlich um knapp 11 Prozent zugelegt.Mitte Februar sah das alles noch ganz anders aus. Da berichtete die «Financial Times», dass die Präsidentin plane, die EZB vor dem regulären Ablauf ihrer Amtszeit im Oktober 2027 zu verlassen. Der Grund dafür sollte die französische Präsidentschaftswahl im kommenden April sein.Zwar will der Rassemblement National um Marine le Pen und Jordan Bardella anders als früher weder aus der EU noch aus dem Euro austreten. Ein Wahlsieg der nationalistischen Partei dürfte es aber dennoch erheblich erschweren, europäische Spitzenposten in Abstimmung mit den anderen Ländern zu besetzen. Lagardes vorgezogener Abschied, so hiess es, solle eine geordnete Übergabe ermöglichen.Gegenüber der «NZZ» bestätigen Kenner der EZB, dass es diese Überlegungen wohl gab. Allerdings hätten sie sich mittlerweile erledigt. Lagarde habe Vertrauten klar gesagt, dass sie bis zum Ende bleiben werde, heisst es. In der derzeitigen Situation bliebe Lagarde gar keine andere Wahl. Im Vergleich zum Jahresanfang sieht die Lage schliesslich auch für die Notenbank dramatisch anders aus.Der Krieg am Golf hat alles verändertAls die Mitglieder des EZB-Rats Anfang Februar zusammentrafen, lag die Inflation bei 1,7 Prozent, die Energiepreise waren im Vergleich zum Vorjahr gesunken. Die allermeisten Beobachter gingen davon aus, dass der Einlagenzins das ganze Jahr über bei zwei Prozent bleiben würde. Bei der turnusmässigen Pressekonferenz sagte Lagarde, dass sich die Notenbank «in einer guten Position» befinde. Sie hätte auch sagen können: Es ist gerade etwas langweilig.Mit dem Angriff der USA und Israels auf Iran und der anschliessenden Blockade der Strasse von Hormuz änderte sich Ende Februar alles. Öl wurde auf einmal knapp und teuer. Im März hob die EZB ihre Jahresprognose für die Inflation deshalb von 1,9 Prozent auf 2,6 Prozent an. Lagarde sprach von «deutlich unsicheren Aussichten», betonte aber auch, dass die EZB «gut gerüstet» sei.Zinserhöhungen sind seither eine reale Option. Vorschnell agieren wollten die Zentralbanker aber nicht. In den folgenden Monaten betonten sie immer wieder, dass sie zunächst ausreichende Daten benötigten und diese dann analysieren müssten. So wollen sie sicherstellen, dass sie genau wissen, ob sich die Inflation verfestigt oder vorübergeht.Von letzterem waren sie noch Anfang 2022 irrtümlich ausgegangen. Nach dem Ende der meisten Corona-Massnahmen hatten zunächst Lieferengpässe die Preise steigen lassen. Nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine Ende Februar verteuerte sich Energie sprunghaft. Noch im März aber warnte Chefvolkswirt Philip Lane davor, voreilig zu handeln und damit die wirtschaftliche Erholung zu gefährden. Gegen einen kurzfristigen Energiepreisschock, so sein Argument, könne die Zinspolitik der Notenbank nichts ausrichten. Erst als die Inflation im Sommer ausser Kontrolle zu geraten drohte, korrigierte die EZB den Kurs.Lagarde will ihre Lektion gelernt habenBeteiligte berichten, dass sich Lagarde damals stark auf die Expertise ihres Vertrauten Lane und andere Ratsmitglieder verlassen habe. Zudem sei der Handlungsspielraum der Notenbank durch frühere Ankündigungen eingeschränkt gewesen. Vor Zinserhöhungen habe die EZB zunächst die Käufe von Anleihen beenden müssen. Die Kehrtwende habe Lagarde dann allerdings auch gegen Widerstände im Rat entschlossen durchgezogen. Auch wenn das Manöver letztlich erfolgreich war, hat es die Reputation der EZB doch beschädigt. Bei ihren jüngsten Auftritten hat Lagarde deshalb immer wieder betont, dass die Notenbank ihre Lektion gelernt habe.Über den aktuellen Kurs dürfte es im Rat der EZB kaum zu Streitereien kommen. Eine aktuelle Auswertung des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung zeigt, dass sich alle Mitglieder des Gremiums in der Kommunikation vor der entscheidenden Sitzung einig sind. Bei Lagardes Vorgänger Mario Draghi sah das anders aus. Dem Italiener bescheinigen selbst seine Gegner, ein intellektuell überaus brillanter Ökonom zu sein. Davon war er aber auch selbst überzeugt. Andere in seine Entschlüsse einzubinden, sei nicht immer seine Sache gewesen. Draghi war oft hart in der Sache, barsch im Ton.Auch Lagarde hat in der EZB nicht nur Freunde, frühere Mitarbeiter und Gesprächspartner loben jedoch ihre stets freundliche und dennoch verbindliche Art des Umgangs. «Christine Lagarde hat unterschiedliche Interessengruppen miteinander verbunden, sie ist nahbar aufgetreten und hat so auch in die Gesellschaft hinein gewirkt», sagt der frühere Bundesbankvorstand Andreas Dombret. «Sie ist eine politische Präsidentin – im positiven Sinne.»Auch an die Bundesbank hat sich Lagarde angenähert. Ende April schwärmte sie von einer «wundervollen Veranstaltung» der deutschen Institution. Deren Anlass war der 90. Geburtstag des früheren EZB-Chefvolkswirts Otmar Issing. Der hatte sich immer wieder kritisch über den lockeren Kurs der EZB geäussert. Lagarde betonte nun, dass sein Glaube an die Unabhängigkeit der Notenbanken die Institution noch heute leite.Ein Foto auf der Plattform «X» zeigt sie gemeinsam mit dem strahlenden Senior, auf einem zweiten sind unter anderem auch noch der frühere Bundesbankpräsident Axel Weber und der aktuelle Amtsinhaber Joachim Nagel zu sehen. Dass Lagarde eifrig die sozialen Medien bespielt, auch auf Instagram aktiv ist, sehen ihre Anhänger als weiteren Beleg ihrer Kommunikationsstärke. Ihre Gegner irritiert auch das.Passend zum Artikel
Inflation als Wendepunkt – EZB-Chefin Lagarde muss ihre zweite Chance nutzen
Im Februar hiess es noch, die Präsidentin wolle die EZB vorzeitig verlassen. Davon ist jetzt keine Rede mehr. Sie muss bleiben. Und Europa vor einer neuen Teuerungswelle bewahren.















