Was will Christine Lagarde? Die amtierende EZB-Chefin heizt Spekulationen über ein vorzeitiges Ende ihrer Präsidentschaft anDie Gerüchte über einen vorzeitigen Abgang kursieren schon seit über einem Jahr. Jetzt flammt die Diskussion zur Unzeit wieder auf. Daran ist die wankelmütige Französin selbst schuld.20.07.2026, 16.59 Uhr5 Leseminuten«Should I Stay or Should I Go», sang einst die britische Rockband The Clash. Diese Frage stellt sich derzeit auch für Christine Lagarde, die offiziell noch bis Ende Oktober 2027 amtierende EZB-Präsidentin.Heiko Becker / ReutersDie Diskussion über einen vorzeitigen Abgang von Christine Lagarde als Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB) ist wieder in Schwung gekommen. Dabei handelt es sich um mehr als ein Sommerloch-Thema, denn Lagarde hat die Spekulationen jüngst selbst befeuert.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die EZB-Präsidentschaft gehört zu den Spitzenpositionen in der EU. Um das sensible nationale Machtgefüge in Europa zu wahren, erfolgt die Besetzung stets im Kontext verschiedener personeller Weichenstellungen. Eine Diskussion über Neubesetzungen direkt vor der Sommerpause ist daher weder für die EZB noch für die EU hilfreich.Das gilt umso mehr, als die 70-jährige Französin, flapsig gesagt, ziemlich herumeiert. Erste Spekulationen über ein vorzeitiges Ende ihrer EZB-Amtszeit, die regulär im Oktober 2027 auslaufen würde, waren bereits im Juni 2025 aufgekommen. Damals hatte Klaus Schwab, Gründer des World Economic Forum (WEF), bei der «Financial Times» ausgeplaudert, mit Lagarde über einen Wechsel von Frankfurt nach Davos gesprochen zu haben. Zwar hatte die EZB daraufhin beteuert, Lagarde sei entschlossen, ihre Amtszeit zu beenden. Doch die Spekulationen waberten weiter.Angst vor einem Sieg von Marine Le PenMitte Februar berichtete dann wieder die «FT», Lagarde würde erwägen, vorzeitig die Präsidentschaft der EZB niederzulegen. Hintergrund der Spekulation war diesmal die näher rückende Präsidentschaftswahl in Frankreich im April 2027. Dem amtierenden Präsidenten Emmanuel Macron wurde nachgesagt, in seiner Amtszeit unbedingt noch bei der Neubesetzung der EZB sowie der Banque de France mitreden zu wollen.Das gilt umso mehr als die rechtsgerichtete Partei Rassemblement national (RN) unter Marine Le Pen oder Jordan Bardella die französischen Präsidentschaftswahlen gewinnen könnte. Zwar will das RN im Gegensatz zu früher keinen Austritt Frankreichs mehr aus der EU und der Euro-Zone. Doch die Partei sieht die Zentralisierung der Macht in Brüssel und den deutschen Einfluss dort kritisch. Sie könnte die Besetzung der EZB-Spitze wohl zumindest behindern, um andere politische Ziele zu erreichen. Die EZB teilte im Februar mit, es gebe keine Entscheidung über einen vorzeitigen Abgang von Lagarde.«Ideal wäre es, wenn Lagarde ihre Amtszeit zu Ende führen würde, die Nachfolge jedoch bereits vor den französischen Präsidentschaftswahlen entschieden würde», sagt Holger Schmieding im Gespräch, Chefökonom der deutschen Berenberg Bank. So könne man einer möglichen Blockade entgegenwirken. Doch wäre eine vorzeitige Regelung aus politischem Machtkalkül nicht fragwürdig aus demokratischer Sicht? Schmieding sagt: «Es ist unüblich, aber es ist eine Verfahrensweise, die man verantworten kann, um Le Pen zu umgehen».Anfang des Jahres wurde spekuliert, dass Lagarde die derzeitige französische Regierung in die Gespräche über ihre Nachfolge einbeziehen wolle, sagt Nick Kounis, Chefökonom von ABN Amro. «Falls dem so war – wir wissen es nicht –, würde das einige Fragen aufwerfen».Der französische Notenbank-Gouverneur François Villeroy de Galhau trat allerdings tatsächlich im Juni mehr als ein Jahr vor dem regulären Ende seiner Amtszeit zurück, um die Leitung einer katholischen Wohltätigkeitsorganisation zu übernehmen. Damit machte er den Weg frei für Emanuel Moulin, einen Vertrauten von Präsident Macron. Würde also auch Lagarde tatsächlich vorzeitig ihren Abschied für eine Neubesetzung der EZB-Spitze bekanntgeben?Lagarde tätigt widersprüchliche AussagenIn einem Interview mit der Tageszeitung «Les Echos» Anfang Juli schloss Lagarde jüngst einen vorzeitigen Rückzug aus dem Amt zumindest nicht aus. Beobachter wurden stutzig, weil sie sehr vage auf die konkrete Frage antwortete, ob sie bei der Wahl in Frankreich einen Kandidaten aktiv unterstützen könnte oder gar selbst Ambitionen auf die Präsidentschaft habe. Wenige Tage später erklärte sie dann beim TV-Sender «Euronews», sie sei «keine Kandidatin für irgendwas».Der Zickzackkurs erstaunt insofern nicht, als es Lagarde als frühere Politikerin gewohnt ist, sich alle Optionen offen zu halten. Dem Vernehmen nach gilt sie immer noch als eine Top-Kandidatin für die WEF-Spitze. Zeitweise hatte sie jedoch betont, sie wolle die EZB nicht verlassen, solange die Inflation nicht völlig unter Kontrolle sei. Ähnlich äusserte sie sich auch im erwähnten Fernsehinterview.Zwar bewegt sich die Teuerung im Euro-Raum nach dem Anstieg infolge des Iran-Kriegs mit derzeit 2,8 Prozent wieder in Richtung des Niveaus von 2 Prozent, das die EZB mit Preisstabilität verbindet. Doch ein aufflammender Krieg am Persischen Golf könnte die Erdölpreise schnell wieder in die Höhen treiben – und die Inflation anheizen.Es mag zwar ehrenwert sein, dass Lagarde als Kapitänin der EZB nicht vor Bord gehen will, solange die Inflation nicht sicher unter Kontrolle ist. Doch die Diskussion über einen vorzeitigen Abgang schaden der EZB und auch der EU. Ohnehin wird der Amtszeit von Lagarde stets der Makel anhaften, dass die Notenbank unter ihrer Führung in den Jahren 2021/22 viel zu spät auf den Anstieg der Inflation in Europa reagiert hat. Die EZB heizte die Teuerung sogar noch mit ihrer extrem expansiven Geldpolitik an. Die Folge davon war, dass die Inflationsrate in der Euro-Zone im Oktober 2022 bis auf 10,6 Prozent gestiegen ist, in einigen Mitgliedsländern hatte sie sogar weit über 20 Prozent gelegen.Sollte Lagarde bekanntgeben, dass sie ihre Amtszeit nicht voll erfüllen will, wäre sofort die Diskussion über ihre Nachfolge im Gang. Da solche Spitzenposten in der EU in der Regel im Paket vergeben werden, kämen auch für andere Positionen sofort Personaldiskussionen auf. Kommendes Jahr laufen die Mandate von Chefökonom Philip Lane und seiner deutschen Kollegin im Direktorium Isabel Schnabel aus.Als mögliche Nachfolger an der Spitze der EZB gelten der frühere spanische Notenbank-Chef und jetzige Leiter der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel, Pablo Hernàndez de Cos sowie der frühere niederländische Notenbank-Gouverneur Klaas Knot. Auch zwei Deutschen werden Chancen eingeräumt, nämlich EZB-Direktorin Schnabel sowie Bundesbank-Präsident Joachim Nagel. Der Grund dafür ist allerdings hauptsächlich, dass Deutschland seit der Gründung der EZB noch nie den Präsidenten gestellt hat.Mögliche Kandidaten für die EZB-SpitzeSchnabel sei zweifellos eine exzellente Ökonomin und bringe genau die richtige Erfahrung für diese Position mit, sagt Kounis von ABN Amro. «Aber kann man wirklich eine Deutsche als EZB-Präsidentin und eine Deutsche als Kommissionspräsidentin haben? Ich glaube nicht, dass Europa schon so weit ist, dass das keine Rolle mehr spielt». Kounis meint weiter, es werde bei den verschiedenen europäischen Positionen einige Verhandlungen geben. Das mache es kompliziert, welches Land welche Position bekommen werde? Hinzu komme, dass es Überraschungen geben könne – wie schon bei der Wahl von Lagarde.«Gut wäre es aus meiner Sicht, wenn Bundesbank-Chef Nagel an die Spitze der EZB gelangen würde und Frau Schnabel an jene der Bundesbank», sagt Schmieding von der Berenberg Bank. Aus deutscher Sicht sei das die eleganteste Lösung. Mit ihr könne seiner Ansicht nach auch Spanien leben, da mit Nagel jemand an der EZB-Spitze wäre, der für eine gemeinsame Schuldenaufnahme der Euro-Mitgliedsländer offen sei und dies in Deutschland vertreten könne.Wie auch immer, am Donnerstag findet der letzte turnusmässige Zinsentscheid der EZB vor der Sommerpause statt. In der anschliessenden Medienkonferenz wird sich Lagarde sicher mit Fragen nach einem vorzeitigen Ende ihrer Präsidentschaft konfrontiert sehen.Sie können Michael Rasch auf den Plattformen X, Linkedin und Xing folgen.Passend zum Artikel