EZB-Präsidentin Lagarde schliesst nicht aus, dass sie ihre Amtszeit vorzeitig beendet. Doch dafür müsste die Inflation unter Kontrolle seinAm Donnerstag hat die EZB die Leitzinsen unverändert gelassen, jedoch die Tür für einen Zinsschritt im September weit geöffnet. Lagarde äusserte sich zu Gerüchten über ihren vorzeitigen Abschied.23.07.2026, 17.20 Uhr4 LeseminutenAktualisiertEZB-Präsidentin Christine Lagarde sagte zu Rücktrittsgerüchten: «Der Kapitän bleibt an Bord, wenn Wolken am Horizont sind.»Heiko Becker / ReutersSeit über einem Jahr gibt es Spekulationen, wonach EZB-Präsidentin Christine Lagarde ihre bis Ende Oktober 2027 laufende Amtszeit nicht erfüllen werde. Zuerst hiess es im vergangenen Sommer, sie würde die EZB möglicherweise vorzeitig verlassen, um die Führung des World Economic Forum (WEF) in Davos zu übernehmen. Und dem Vernehmen nach ist Lagarde dort immer noch als neue Chefin im Gespräch.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.In diesem Jahr wurde dann ins Feld geführt, sie werde womöglich frühzeitig ihren Dienst quittieren, damit der französische Präsident Emmanuel Macron bei der Neubesetzung der EZB-Spitze vor den französischen Präsidentschaftswahlen im April 2027 noch mitreden könne. Lagarde selbst hatte sich im Hinblick auf die Gerüchte überwiegend bedeckt gehalten, sie aber auch nie klar dementiert. Allerdings hatte sie Interesse erkennen lassen, im französischen Wahlkampf mitzumischen.Am Donnerstag sagte Lagarde dann während der Medienkonferenz nach der geldpolitischen Lagebeurteilung auf eine entsprechende Frage einer Journalistin: «Erstens werden Sie meinen Rücken nicht vor 2027 sehen. Und zweitens bleibt der Kapitän an Bord, wenn Wolken am Horizont sind.» Mit anderen Worten: Die Präsidentin ist auf dem Absprung. Sie wird die EZB aber frühestens im kommenden Jahr verlassen und auch nur dann, wenn sich das Inflationsgeschehen entspannt hat.Diskussion über weitere ZinserhöhungenDavon kann gegenwärtig längst nicht die Rede sein. Der Kampf gegen steigende Preise im Euro-Raum ist noch nicht zu Ende. Zwar ist die Inflationsrate im Juni gegenüber dem Vormonat entgegen den Erwartungen vieler Beobachter deutlich von 3,2 auf 2,8 Prozent gesunken. Damit zeigte sich erstmals seit Januar eine Trendwende bei der Teuerung. Doch aufgrund der neuerlichen Eskalation des Krieges am Persischen Golf droht nach dem Erdölpreis-Rally im März und April nun ein zweiter Inflationsschock durch steigende Preise.Die EZB hat am Donnerstag auf der letzten turnusmässigen Sitzung vor der Sommerpause dennoch auf eine zweite Zinserhöhung in diesem Jahr verzichtet. Die Aussichten für die Energiepreise seien sehr volatil, lägen aber gegenwärtig in der Nähe des Basisszenarios der von Fachleuten des Euro-Systems im Juni erstellten Projektionen, hiess es.Der derzeit für die Geldpolitik massgebende Einlagensatz notiert weiter bei 2,25 Prozent. Im Juni hatte die EZB erstmals seit Mitte 2025 den Leitzins verändert. Mit dem Zinsschritt um 0,25 Prozentpunkte wollte sie der zunehmenden Inflation im Euro-Raum entgegenwirken.Die Frage, ob dies eine einmalige Zinserhöhung war oder ob weitere folgen, hängt laut der Ansicht von Marktteilnehmern vor allem von der weiteren Entwicklung des Kriegs im Nahen Osten ab. In den letzten zwei Wochen hatten sich die Kampfhandlungen wieder deutlich intensiviert, die zuvor laufenden Friedensgespräche zwischen den USA und Iran stehen still. Das hat die Erdölpreise im gleichen Zeitraum wieder um rund 35 Prozent auf weit über 90 Dollar pro Fass nach oben getrieben, nachdem sie zuvor auf das Vorkriegsniveau zurückgefallen waren.Die EZB kann zwar mit höheren Leitzinsen weder den Iran-Konflikt beenden noch die Strasse von Hormuz öffnen, wodurch die Erdölpreise sinken würden. Mit Zinserhöhungen kann sie aber die Gefahr verkleinern, dass ein relativer Preisschock zu einem dauerhaften Inflationsregime führt, weil Bürger und Unternehmen sich mittelfristig auf eine überdurchschnittliche Teuerung einstellen.«Die Risiken für die Inflationsaussichten sind aufwärtsgerichtet», sagte Lagarde. Der Energieschock könne sich weiter verschärfen und seine Auswirkungen auf andere Preise und die Löhne könnten stärker ausfallen als zurzeit erwartet. Sie ergänzte zudem: «Je länger die Energiepreise auf hohem Niveau bleiben, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie die allgemeine Inflation durch indirekte Auswirkungen und Zweitrundeneffekte in die Höhe treiben.»Laut Bankökonomen würden besonders drohende Zweitrundeneffekte für weitere Leitzinserhöhungen sprechen: Das wäre der Fall, wenn sich die Energiepreisinflation auf weitere Wirtschaftsbereiche auswirken würde, zum Beispiel auf andere Güterpreise oder Löhne. Die Arbeitslosenquote im Euro-Raum notiert mit nur 6,2 Prozent derzeit auf dem niedrigsten Niveau seit der Einführung des Euro 1999. Ein enger Arbeitsmarkt gekoppelt mit einer höheren Inflation könnte daher schnell zu höheren Lohnforderungen von Arbeitnehmern führen, was wiederum die Teuerung anheizen würde.Gegen einen voreiligen Zinsschritt spricht laut Beobachtern die flaue Wirtschaftslage in Europa. Zudem seien die Zinsen an den Kapitalmärkten bereits geklettert, und Geschäftsbanken verschärfen weiterhin ihre Kreditstandards, was zu einem Rückgang der Kreditnachfrage führt. Diese Entwicklungen sollten die Inflation in den kommenden Monaten tendenziell dämpfen.Die EZB teilte dazu am Donnerstag weiter mit, dass die Unsicherheit nach wie vor hoch sei und die Auswirkungen des Energieschocks auf die Inflation noch nicht vollständig zum Tragen gekommen seien. Der EZB-Rat beobachte daher die Intensität und die Dauer des Schocks sowie seine indirekten Auswirkungen und Zweitrundeneffekte genau.Analyse der Reden von EZB-VertreternZur Beantwortung der Frage nach möglichen weiteren Zinserhöhungen versuchen manche Marktteilnehmer, die Reden der Mitglieder des EZB-Rats systematisch dahingehend zu analysieren, ob diese auf eine Straffung oder Lockerung der Geldpolitik hindeuten. Ein solcher Index der Nachrichtenagentur Bloomberg bewegt sich gegenwärtig auf einem Niveau, welches mit einer weiteren Zinserhöhung in Einklang steht.Das Gleiche gilt für ein ähnliches Barometer, mit dem die Ökonomen der Commerzbank die Reden von EZB-Vertretern mithilfe von künstlicher Intelligenz analysieren. Auch dieser Index zeigt eine anhaltend restriktive Rhetorik der EZB-Ratsmitglieder an.Diese Einschätzungen passen zu den Erwartungen von Marktteilnehmern, die sich aus der Entwicklung von Finanzderivaten ableiten lassen. Danach rechnen Marktteilnehmer bis Ende des Jahres mit ein bis zwei weiteren Zinserhöhungen der EZB.Für viele Bankökonomen ist es gegenwärtig sehr realistisch, dass die Währungsbehörde auf ihrer nächsten Sitzung am 10. September einen weiteren Zinsschritt um 0,25 Prozentpunkte auf dann 2,5 Prozent vornehmen wird. An dieser Sitzung wird die EZB auch ihre neuesten Prognosen für die Entwicklung der Inflation und Konjunktur im Euro-Raum vorstellen. Ein weiterer Zinsschritt könnte im Dezember folgen.Sie können Michael Rasch auf den Plattformen X, Linkedin und Xing folgen.Passend zum Artikel
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Am Donnerstag hat die EZB die Leitzinsen unverändert gelassen, jedoch die Tür für einen Zinsschritt im September weit geöffnet. Lagarde äusserte sich zu Gerüchten über ihren vorzeitigen Abschied.











