Am frühen Morgen des 2. Juni 1958 erfreuen sich im Hamburger Hauptbahnhof Berufspendler an einem überraschenden Anblick. Sie sehen 16 junge Männer, olivgrüne Sakkos, graue Hosen, Filzhüte, mit leichtem Gepäck beschwingt den D-Zug nach Großenbrode besteigen. Und, etwas dahinter, zwei nicht mehr ganz so junge Männer, die sich schnaufend mit ihren riesigen Koffern abmühen. Kein Zweifel, es ist die deutsche Auswahl für die WM in Schweden. Und ebenso kein Zweifel: Die zwei Kofferträger sind Fritz Walter und Helmut Rahn, die berühmtesten „Helden von Bern“, dem WM-Finalsieg gegen Ungarn 1954.Eine Pistole unter Beckenbauers kaiserlichem KopfkissenSepp Herberger hat seine beiden Lieblingsspieler für die Nationalelf reaktiviert. Das Extrafitnesstraining auf dem Bahnsteig aber haben die Veteranen sich durch Verspätung am Treffpunkt selbst eingebrockt, während die Koffer der Kollegen schon vorausgeschickt worden sind auf die umständliche Reise nach Schweden: Abfahrt 6.56 Uhr, fünfmaliges Umsteigen auf Fähren und Busse auf der „kleinen Vogelfluglinie“ über die Ostsee durch Dänemark nach Schweden. Der Überlieferung zufolge wollen Rahn und Walter schon da am liebsten gleich wieder heim. Sie gehen dann aber doch mit auf die Reise. Wie jede Reise zu einer WM wird sie eine ins Ungewisse. Niemand weiß vorher, wo und wann sie enden wird.