PfadnavigationHomeSportFußballWMNationalmannschaftUndav witzelt über „Freigang“ – und spricht ungewohnt vorsichtig über seine RolleStand: 22:44 UhrLesedauer: 4 MinutenBundeskanzler Friedrich Merz wünscht der DFB-Elf per Video viel Erfolg bei der WM, reist aber nicht zum Auftaktspiel in die USA. Kolumnist Robin Alexander ordnet die politische Zurückhaltung ein: „Sollte Deutschland ins Endspiel kommen, dann fliegt er.“Im WM‑Camp in North Carolina sorgt Deniz Undav erst mit einem Versprecher für Gelächter – und zeigt sich dann ungewohnt zurückhaltend. Zwischen Hitze, Konkurrenzkampf und einer Erinnerung an 2014 wird spürbar, wie weit er gekommen ist.Beim Thema Hitze sorgte er für einen Lacher. In Winston-Salem sind es mittags derzeit deutlich über 30 Grad, deswegen geht Deniz Undav zwischen den Trainings wenig raus. Und wenn die Spieler „mal Freigang“ hätten, ziehe er lange Kleidung und eine Kapuze über, sagte der Stürmer am Freitag auf einer Pressekonferenz im deutschen WM-Trainingscamp in North Carolina. Gelächter im Saal.Die Pressesprecherin des Verbandes saß neben ihm auf dem Podium und machte ihn lachend darauf aufmerksam, dass dieses Wort eher im Zusammenhang mit Häftlingen genutzt wird. Undav lachte dann auch und sah natürlich ein, dass es „Ausgang“ besser getroffen hätte.Der Angreifer des VfB Stuttgart trat wie immer humorvoll und selbstbewusst auf. Die Kältewesten eines Sponsors trage er nicht, sagte er. Er wisse auch nicht genau, wie die funktionieren. Deniz Undav – immer launig und ehrlich. Doch bei einem Thema zeigte er sich demütiger und zurückhaltender als noch vor wenigen Wochen – beim Thema Spielzeit und Rolle innerhalb der Mannschaft.Im vergangenen April hatte die Personalie Undav für heftige Diskussionen gesorgt. Nach dem Testspiel gegen Ghana (2:1) hatte der eingewechselte Angreifer zum Sieg getroffen und nach Abpfiff gesagt, er kenne seine Rolle, könne sie aber mit Toren ändern. Bundestrainer Julian Nagelsmann war im Interview danach von dem Thema genervt und entschuldigte sich später für kritische Äußerungen über den Stürmer.Thomas Müller und Jürgen Klopp stellten als Experten für MagentaTV gerade ihre deutsche Wunsch-Elf für das Auftaktspiel gegen Curacao in Houston/Texas am Sonntag (19 Uhr, ARD, MagentaTV und Liveticker auf WELT) auf. Die Überraschung: Sie setzten Undav auf „die Zehn.“ Und nicht Offensivstar Jamal Musiala vom FC Bayern.„Egal, wer von Anfang an spielt“, sagt Deniz Undav„Das hat mich sehr gefreut. Das zeigt, dass ich etwas richtig mache. Der Bundestrainer hat viele Möglichkeiten“, so Undav. Und betonte: „Im Endeffekt ist es egal, wer von Anfang an spielt. Man kann sich auf diejenigen verlassen, die spielen werden. Und jetzt mal schauen, wer spielt.“WELT fragte Undav: Sind Sie in der Form Ihres Lebens? Oder kommt die erst bei der WM? Undav erzielte in der vergangenen Saison 19 Tore, wurde hinter Superstar Harry Kane vom FC Bayern (36 Treffer) Zweiter in der Torjägerliste. „Also gefühlt bin ich bester Torjäger geworden, weil Harry zählt nicht. Das ist unfair“, sagte Undav lachend. Und sagte dann ohne Lachen und mit entschlossenem Blick: „Ich bin sehr gut drauf.“ Lesen Sie auchEr habe sich in internationalen Spielen bewiesen. Und wolle jetzt auf höchstem Niveau seine Leistungen bestätigen. „Falls ich Spielzeit bekomme“, so Undav. Auch hier wieder: Keine Forderung, keine großen Töne, Betonung auf falls. Dafür Teamgeist und Demut.Lesen Sie auchUndavs Fußballgeschichte ist sehr besonders. Vor sechs Jahren spielte er noch für den SV Meppen in der Dritten Liga, erst mit 27 Jahren debütierte er in der Nationalmannschaft. Undav spielte nie für ein deutsches U-Auswahlteam. Jetzt, mit 29 Jahren, ist er ein wichtiger Faktor in der Nationalelf, spielt seine erste WM – und ist der Liebling der Fans. Aufgrund seines Tordrangs und seiner lockeren Art. „Wenn ich überlege, wo ich vor vier Jahren war ... Da hätte ich es mir nie erträumen können, hier dabei sein zu können“, sagte Undav. „Ich habe noch den gleichen Schaden wie vor 15 Jahren“, antwortete der Offensivprofi lachend auf die Frage eines Reporters, der früher mit ihm in einer Liga spielte. Nur ein paar graue Haare seien dazu gekommen. Im emotionalen Nominierungsvideo für den WM-Kader sagte Undavs Frau, sie könne nicht in Worte fassen, wie stolz die Familie auf ihn sei. „Ich freue mich sehr“, sagte Undav mit Blick auf die WM.Nagelsmann lobt ihn als „Straßenkicker.“ Bei der WM 2014, als Deutschland in Brasilien den Titel gewann, war Undav 17 Jahre. „Wir haben bei meinen Eltern jedes Spiel geschaut. Danach sind wir mit dem Auto raus. Wir haben es genossen.“ Jetzt will er selbst seine WM-Erfolgsgeschichte schreiben.Er kennt auch den berühmten „Neuville-Moment“ von 2006. Bei der WM in Deutschland bereitete der eingewechselte David Odonkor in der 91. Spielminute mit einer Flanke das entscheidende 1:0 des ebenfalls eingewechselten Oliver Neuville im zweiten Gruppenspiel gegen Polen vor. Der Jubel im Dortmunder Stadion war enorm.„Es ist mein Job, Tore zu machen. Ob es von der Bank ist oder nicht. Für solche Momente können aber auch andere bei uns sorgen. Solche Momente wollen wir erzeugen, da müssen wir dann da sein“, so Undav. Er könne beide Positionen spielen, „egal ob neun oder zehn.“ Sein Ziel sei es einfach, Tore zu erzielen oder vorzubereiten.Die besondere Lebensgeschichte des Spätstarters Deniz Undav würde damit noch besonderer werden.Julien Wolff und Lars Gartenschläger sind Redakteure im Sportkompetenzcenter. Sie berichten für WELT seit vielen Jahren über die Nationalmannschaft. Seit über einer Woche sind sie für die Redaktion in den USA und schreiben von dort aus über die WM-Vorbereitung der deutschen Auswahl.