Im Juni des Jahres 2014 war Deniz Undav nicht nur einer von zigtausend Juniorenfußballern in Deutschland, sondern auch ein vorbildlicher Anhänger der deutschen Nationalmannschaft. Aus der U 19 des SC Weyhe in der Nähe Bremens war er gerade in die U 19 des TSV Havelse in der Nähe Hannovers gewechselt, eine Stunde Autofahrt entfernt. Aber bevor er dort in seine zunächst höchst unscheinbare Karriere startete, saß er erst mal mit der Familie vor dem Fernsehapparat und schaute WM-Fußball. Jedes Spiel der deutschen Mannschaft beim World Cup in Brasilien haben die Undavs gemeinsam geguckt, und der junge Deniz stieg anschließend ins Auto und fuhr hupend und Fahne schwenkend durch die Gemeinde, bis am Kreisel der Verkehr kollabierte.So hat es Undav, 29, am Freitagabend in einem Hörsaal der Wake Forest University in Winston-Salem erzählt, bevor er die Hoffnung ausdrückte, dass sich die Geschichte in den nächsten Wochen wiederholen möge und die Leute in Weyhe und Havelse wieder hupend durch ihre Gemeinden fahren. Der größtmögliche Erfolg soll es werden, sagt er. Dann wäre es für ihn ein doppelter Feiertag. Am Tag des Finales, am 19. Juli, wird er 30 Jahre alt.Deutschland gegen Curaçao:Drei Kokosnüsse für ...Vor dem Auftaktspiel der DFB-Elf am Sonntag vergleicht die SZ den deutschen WM-Kader mit dem des ersten Gruppengegners Curaçao – und bewertet beide in landestypischen Baumfrüchten.Bevor der Wettkampf losgeht, sind selbstverständlich alle Träume erlaubt. Vor allem dann, wenn die Vertretung des Inselstaats Curaçao der Gegner im ersten Spiel ist. Am Sonntag um 13 Uhr Ortszeit ist Anpfiff unter dem Dach der vollklimatisierten, runtergekühlten WM-Arena in Houston, Texas, und es spricht nicht viel gegen die Erwartung, dass Undav dann sein WM-Debüt erlebt. Entweder als Einwechselspieler, was die wahrscheinlichere Variante ist. Oder von Anfang an, was auch keine abwegige Fantasie darstellt, weil er Nick Woltemade in der hausinternen Angreifer-Rangliste offensichtlich überholt hat. Der in Varel, Friesland, geborene Mittelstürmer zählt sowohl zu den Saison-Gewinnern als auch zu den Gewinnern der WM-Vorbereitung. Sein Stellenwert in Julian Nagelsmanns Spielplanungen ist erkennbar gestiegen.Das hat ein bisschen damit zu tun, dass ihm der Bundestrainer etwas schuldig war, nachdem er rund ums Länderspiel im März ein paar unfreundliche Sätze über den Angreifer des VfB Stuttgart gesagt hatte. Doch Undav ist nicht in den USA, weil ihn Nagelsmann wegen Gewissensbissen eingeladen hat. Sondern weil er in 46 Punkt-, Pokal- und Europacup-Spielen für den VfB Stuttgart 25 Tore geschossen und mindestens genauso beachtliche 14 Tore vorbereitet hat. Weshalb ihm sein Klub einen neuen, stattlich dotierten Vertrag vorgelegt hat, den er pünktlich vor dem Abflug mit seiner Unterschrift ratifiziert hat. „Das ging relativ schnell, bam, bam, bam, und jetzt kann ich mich auf die WM fokussieren“, sagte er am Freitag. Er habe ohnehin beim VfB bleiben wollen – beim VfB hätten sie das klare Bekenntnis gern etwas früher gehört.„Tore machen, das ist mein Job“, sagt Undav auf die Frage, ob er lieber Stamm- oder Einwechselspieler wäreIm unlängst beidseitig gespannten Verhältnis zwischen Spieler und Bundestrainer haben sich die Beteiligten eine Politik der Entspannung verordnet. Ein gewisser Argwohn bleibt jedoch. Befragt zu Nagelsmanns Führungsstil, nahm Undav die Haltung eines Spitzendiplomaten ein: „Der Bundestrainer hat eine Spielidee und bringt die auch an den Mann.“ Wenn ihm wieder das Thema angetragen wird, ob er nicht lieber Stamm- als Einwechselspieler wäre, muss er Anspruch und Selbstbewusstsein und das Gebot zur taktischen Vorsicht ins Gleichgewicht bringen. Bloß keine Debatte. „Tore machen, das ist mein Job“, erklärte er nun unverfänglich, als er seine Rolle im Kader definieren sollte. Im Grunde sei er ja auch der Schützenkönig der Liga geworden und nicht bloß auf dem zweiten Platz gelandet, scherzt er: „Weil Harry (Kane) zählt nicht – das ist unfair.“Deniz Undav versteht sich zwar als Mann für Späße und Sprüche, weshalb er in den Medien sein Witzbold-Image hat, das auch von der Social-Media-Abteilung des DFB gepflegt beziehungsweise strapaziert wird. Doch er ist, sagen sie in Stuttgart, durchaus zu schlechter Laune imstande, wenn er nicht wie gewünscht zum Zuge kommt.