Herr Undav, wo wird mehr gelacht, im Verein, wo man sich jeden Tag sieht, oder in der Nationalmannschaft, wo jeder weiß: Das ist etwas Besonderes?Man lacht in beiden Situationen viel. Aber hier ist es schon so, dass die Stimmung automatisch ein bisschen besser ist. Einfach weil du die Leute nicht jeden Tag siehst und schon so lange kennst. Jeder versucht, eine Bindung zu den anderen aufzubauen. Und jeder hat eine Geschichte zu erzählen. Da redest du einfach viel miteinander.Ja, das stimmt. Da bin ich gerade von Braunschweig nach Meppen gewechselt, dritte Liga. Im ersten Jahr hatte ich große Probleme und habe nicht so viel gespielt. Da habe ich schon nachgedacht. Es hätte wirklich alles anders laufen können. Deswegen sage ich ja immer: Ich bin ganz anders groß geworden.Was war da so anders?Wir haben nach dem Spiel oder nach dem Training viel mehr zusammen gemacht, weil das, in Anführungszeichen, keiner richtig ernst genommen hat: Ist ja sowieso nur dritte oder vierte Liga. Da war das Freundschaftliche mehr gegeben, ich hatte immer sechs, sieben, acht Mannschaftskollegen, mit denen ich draußen war. In der Bundesliga ist das weniger der Fall, da ist jeder mehr für sich, in seiner eigenen Blase. Da macht jeder sein Ding, auch mit den Familien, das musst du respektieren. Aber wenn es auf den Platz geht, kämpft jeder für den anderen. Diesen Switch hinzubekommen, ist sehr wichtig, das kannte ich vorher so nicht.„Dann schiebst du ihn wieder rein“: Undav braucht im Durchschnitt nur 57 Minuten für ein Tor.dpaIhr Stuttgarter Sturmkollege Ermedin Demirović hat kürzlich darüber gesprochen, dass er und Sie es immer allen hätten zeigen wollen. Würden Sie das auch so formulieren?Ja, hundert Prozent. Man muss sich überlegen: Ich habe diese Saison 39 Scorerpunkte, Demi hat wieder zweistellig getroffen, zwölf Tore. Und trotzdem hast du Woche für Woche Leute, die schlecht über dich reden: Chancentod und so weiter. Da frage ich mich: Wie kann das sein? Ob dir die Spielweise passt oder nicht, ob ich der Schnellste bin oder nicht, ob ich der Athletischste bin oder nicht? Es zählt doch im Endeffekt, ob wir treffen.Das war schon immer so in Ihrer Karriere?Ja, das hat er, das habe ich mein Leben lang getan. Wir haben immer damit zu kämpfen, dass wir es den Leuten beweisen müssen. Aber es muss doch irgendwann einen Punkt geben, an dem es auch mal heißt: ‚Die haben es jetzt über Jahre bewiesen‘ und man zumindest dafür respektiert wird, auch wenn man vielleicht eher auf andere Spielertypen steht – was völlig okay für mich ist.Jetzt sind Sie als der deutsche Kultstürmer bei der WM, oder fühlt sich das für Sie gar nicht so an?Ich spüre, dass ich von den Fans sehr unterstützt werde, und das tut natürlich gut. Das zeigt einem, dass man irgendwas richtig macht.Und was bringt der Kultstürmer Undav sportlich rein?Erst mal bringt es nichts, immer nur zu quatschen, nur um der Kultstürmer zu sein. Das Wichtigste ist, Leistung zu zeigen, sonst wäre ich auch nicht hier. Jetzt ist die Zeit, dass ich meine Nominierung rechtfertige. Als Außenstehender denkt man immer: Als Stürmer musst du treffen, treffen, treffen. Aber es gibt auch andere Dinge, die du beeinflussen kannst.Tore vorbereiten, zum Beispiel.Ja, oder einfach mit guten Trainingsleistungen, mit guten Spielen voranzugehen. Ein Zeichen zu setzen, dass jeder, der reinkommt oder von Anfang an spielt, an die Grenze gehen muss, um erfolgreich zu sein.Hm, warten Sie, ich glaube, knapp 60.Das sind die für ein Tor: 57 sind es exakt nach dem Curaçao-Spiel.Moment, dann sind es vielleicht 50 oder so.Nein, noch weniger, 36.Pro Scorer? Stark!Ja, danach kommen Kai Havertz und Florian Wirtz, aber bei denen sind es mehr als doppelt so viele Minuten pro Torbeteiligung.Das sind trotzdem sehr gute Quoten. Die haben ja auch mehr Spiele, das muss man erst mal aufrechterhalten. Ich finde, es wäre schon gut, unter 100 Minuten zu bleiben.Was wäre Ihnen bei der WM lieber: Von Anfang an spielen oder vielleicht als derjenige, der die Spiele von hinten entscheidet?Als Stürmer willst du immer die Spiele entscheiden, und das natürlich am liebsten von Anfang an.Ist das so natürlich? Die Rolle als erster Einwechselspieler könnte doch auch attraktiv sein: Der Sixth Man in der NBA gilt ja als besonders wertvoll.Was die Rolle ist, kann sich in einem Turnier komplett ändern. Ob das jetzt Sixth Man ist oder Startspieler: Ich werde versuchen, jede Rolle, die mir zugeteilt wird, zu 100 Prozent zu erfüllen. Wie diese dann aussieht, hängt ja immer auch vom Gegner ab.Kann losgehen: Undav macht sich für den Einsatz bereit – bald auch von Anfang an?dpaIst die Mannschaft wirklich so gefestigt, dass sie die Formation an den Gegner anpasst? Wäre nicht erst einmal eine klare Struktur besser?Ich bin nicht der Bundestrainer, aber er weiß, dass er viele Möglichkeiten hat. Ich kann auf der Zehnerposition spielen, Kai (Havertz) kann mal auf der Zehn spielen, Nick (Woltemade) kann auf der Zehn spielen. Du hast mit Leroy, Jamal, Flo, Jamie, Maxi (Sané, Musiala, Wirtz, Leweling, Beier) viele Außenspieler, jetzt ist Assan (Ouédraogo) dazugekommen. Da kannst du schauen, was du brauchst: Du kannst aufs Körperliche gehen mit Jamie, du kannst auf Technik gehen mit Jamal, mit Flo, mit Leroy, du hast einen groß gewachsenen Stürmer, der Zehner spielen kann. Das sind echt viele verschiedene Typen.Und Sie?Ich bin nicht groß, aber ich bin körperlich stark, ich bin eiskalt vor dem Tor und auch spielintelligent, um Räume zu ziehen für die anderen Spieler.In Stuttgart haben Sie mit Demirović einen kongenialen Partner. Wie wichtig ist das für Sie?Demi und ich haben schon eine besondere Connection. In Stuttgart machen wir viel zusammen, weil sich auch unsere Frauen und unsere Kinder gut verstehen. Auf dem Platz verstehen wir uns fast blind. Und wir gönnen uns alles. Uns juckt es nicht, wer trifft, Hauptsache, wir sind erfolgreich. So muss es auch hier sein, wenn einer von uns keine Tore macht, wir aber Weltmeister werden, ist es auch egal. Und top verstanden habe ich mich auch mit Serhou (Guirassy), obwohl wir außerhalb nichts gemacht haben. Mit Nick (Woltemade) war es das Gleiche.Sie wissen, was Christoph Kramer, der Weltmeister von 2014, als TV-Experte über Sie gesagt hat?Ja, „Wildschwein“ hat er mich genannt. Ich hab ja schon mal gegen ihn gespielt.Hat offenbar Eindruck hinterlassen.Was hat er genau gesagt? „Den kannst du nicht wegdrücken“, oder so? Ja, Körper gegen Körper, da bin ich schon sehr selbstbewusst. Das ist aber nicht nur am Boden so. Ich setze das auch in den Zweikämpfen in der Luft ein. Wenn ich da meinen Körper ausspiele, ist es selten so, dass der Innenverteidiger einen Kopfball drückt. Das sehen wenige. Aber das kann schon helfen, einen Ball entscheidend zu verlängern.Körper gegen Körper: Weltmeister Christoph Kramer sieht bei Undav ein „Wildschwein“ am Werk.AFPKann Ihre Physis bei diesem Turnier, mit diesen Temperaturen und vielen Spielen, so etwas wie eine Spezialkraft sein?Möglich. Bei den Wetterbedingungen kann viel passieren. Du kannst müde werden, der Gegner kann müde werden. Wir müssen versuchen, in jeder Situation bei 100 Prozent zu sein und nicht zwei Prozent nachzulassen. Du darfst auch nicht denken, dass der Gegner mal zwei, drei Prozent weniger gibt. Sonst kann schnell etwas passieren.In der WM-Qualifikation waren Sie gar nicht dabei, erst verletzt und dann nicht eingeladen. Der Bundestrainer hat erzählt, dass er Ihnen dann ein Maßnahmenpaket mitgegeben hat. Was steckte drin?Konkrete Gesprächsinhalte bleiben natürlich intern. Aber es war auch gar kein großes Paket: Ich hatte ja getroffen bis zu dem Zeitpunkt. Es ging im Allgemeinen darum, dass ich weitermachen und verletzungsfrei bleiben soll und ich es, solange ich weiter treffe, anderen schwer mache, an mir vorbeizukommen.Und stimmt es, dass Sie ihm gesagt haben: „Ich weiß schon, was ich tun muss, ruf mich erst wieder an, wenn die Nominierung klappt“?Nicht ganz. Er hat mir gesagt, was er von mir wollte, und dann habe ich gesagt: Ich bin kein Typ, der es braucht, dass er mich jeden Tag anruft. Ich weiß, was ich machen muss, das weiß er auch. Mein Job ist es, Tore zu schießen. Wenn ich das mache, wird es fast unmöglich sein, mich nicht mitzunehmen.