Als Deniz Undav vor dem ersten Spiel der deutschen Fußball-Nationalelf bei dieser Weltmeisterschaft beschreiben sollte, was der Bundestrainer von ihm erwartet, fackelte er so lange, wie es ein Stürmer machen sollte, dem ein Ball vor die Füße fällt: gar nicht. „Wenn wir Tore brauchen: Tore machen.“Als Undav im ersten Spiel dieser WM in der 64. Minute vom Bundestrainer eingewechselt wurde, brauchte es keine Tore. Nicht mal ein Tor. Deutschland führte schon mit 4:1 Toren gegen Curaçao. Undav fackelte trotzdem nicht lange: Vier Minuten später legte er den Ball per Hacke zu Nathaniel Brown, der ihn volley im Tor versenkte. Zehn Minuten später traf Undav nach einem Querpass von Joshua Kimmich selbst. Und wieder zehn Minuten später legte er Kai Havertz den Ball in den Lauf, der mit einem Lupfer vollendete. 7:1. Oder wie Undav eher sagen würde: Bamm, bamm, bamm.Vierundzwanzig Minuten, zwei Torvorlagen, ein Tor – Undav sorgte in Houston gleich für eine deutsche Überproduktion in der WM-Torfabrik.Undav ist keiner dieser typischen Stürmer, wenn es darum geht, dass dieser sehr schnell oder sehr kopfballstark oder sehr technisch versiert – oder alles zusammen – ist. Aber Undav ist einer dieser typischen Stürmer, die Zahlen sprechen lassen. Und die des Quotenstürmers Undav sprechen für sich, vor allem in der Nationalelf. Er war schon 27 Jahre alt, als er im März 2024 sein Debüt gab. Seitdem spielte er längst nicht immer, aber wenn er spielte, produzierte er Tore: sieben in zehn Länderspielen, vier Vorlagen.Dreißig Länderspiele hätten es sein können, doch Undav war auch ein On-off-Stürmer in Julian Nagelsmanns Auswahl: oft off, aber wenn on, dann auch richtig on fire. Im Herbst 2024 fabrizierte er drei Tore und eine Vorlage. Dann war die Maschine wieder off. In der WM-Qualifikation machte Undav kein Spiel, weil er verletzt war, dann, weil Nagelsmann ihn nicht nominierte.Weil die Bilanz des Saisonarbeiters jedoch ein Quotenhoch war – 46 Spiele, 25 Tore und 14 Torvorlagen in der vergangenen Spielzeit für den VfB Stuttgart –, hatte Nagelsmann keine Wahl. In diesem Sommer produzierte Undav auch wieder „Made in Germany“, vier Tore und drei Torvorlagen. Nagelsmann, der die Leistung des Stuttgarter Stürmers im März im Testspiel gegen Ghana bis zum Siegtor als „nicht gut“ bewertete (und dafür später um Entschuldigung beim Spieler bat), nannte sie gegen Curaçao „sehr, sehr gut“.Muss sich bei diesem Lob und dieser Quote nicht die Frage stellen, ob dieser Undav im zweiten WM-Spiel gegen die Elfenbeinküste am Samstag (22.00 Uhr MESZ im F.A.Z.-Liveticker zur Fußball-WM, im ZDF und bei MagentaTV) in Toronto von Beginn an spielen muss?Deniz Undav braucht nur 57 Minuten für ein TorSie muss nicht gestellt werden, die deutsche Mannschaft schoss auch ohne Undav vier Tore. Sie darf aber gestellt werden. Doch in der Antwort finden sich Gründe, warum Undavs vermeintlich starke Bewerbung für eine Rolle in der Startelf doch eher eine starke Bewerbung für die Rolle als Joker war.Kein anderer deutscher Stürmer kommt so schnell auf Touren mit Toren: Kai Havertz braucht 159 Minuten im Schnitt für einen Treffer, Florian Wirtz 241, Jamal Musiala 264, Leroy Sané 276. Undav reichen 57. Doch mehr Spielzeit, etwa von Beginn an, würden nicht automatisch zu noch mehr Toren führen. Diese These vertrat Nagelsmann schon bei seiner Kritik im März, als er sich fragte, ob Undav den Ball zum Siegtor gegen Ghana erreicht hätte, „wenn er vorher 70 Minuten marschiert“ wäre, „bei 42 Grad“.Abseits der Statistik spielt auch die Statik der Mannschaft eine Rolle. Undav ist einer fürs Zentrum, nicht für die Außen. In der Mitte setzt Nagelsmann auf den schleichenden Mittelstürmer Havertz, der gegen Curaçao zwei Tore erzielte, und den schlängelnden Mittelfeldmann Musiala, der einmal traf.Beide hat der Bundestrainer neben Torwart Manuel Neuer, Kapitän Kimmich und Wirtz als die fünf Stützen im WM-Gerüst genannt. Musiala ist nach der schweren Verletzung nicht in Bestform. Noch nicht. Er soll sich ihr bei der WM über möglichst viele Spielminuten nähern, das ist Nagelsmanns Plan.Null EM-Tore und null WM-Tore für Leroy SanéEin offensiver Schwachpunkt, sofern er bei sieben Toren in einem WM-Spiel so genannt werden darf, war gegen Curaçao eher die rechte Offensivseite mit Sané. Er zeigte mit seiner Leistung, dass die These, er hätte vermutlich nicht gespielt, wenn Lennart Karl hätte spielen können, nicht allzu weit hergeholt war. Weil Karl allerdings verletzt fehlt bei der WM, war Sané doch wieder Nagelsmanns erste Wahl, agierte aber fahrig, teils leichtsinnig, als Wirtz seinen missglückten Hackentrick in der eigenen Hälfte ausbügeln musste.Zwei Chancen hatte Sané, beide vergab er, erst traf er den Ball nicht richtig, danach schoss er, allein vor dem Torwart, vorbei. So stehen neben null Toren bei der EM auch null Tore bei der WM – keine Bilanz eines Quotenstürmers.Sané nahm es locker: „Ich mache mir keinen Stress“, sagte er. „Wenn es passt, passt es.“ Am Sonntag passte es nicht so richtig. Noch nicht? Nicht nur Karls Fehlen, schon das WM-Aus von Serge Gnabry, ebenfalls wegen einer Verletzung, hatte Nagelsmann eine Option genommen. Gnabry spielte eine starke Saison, könnte, anders als Undav, gut außen wie innen spielen.Havertz sieht dennoch „generell viele Konstellationen in der Mannschaft, viele Spieler, die reinkommen, viele, die das Spiel beginnen können“. Doch wer genau hinhörte, der hörte bei Havertz ein kleines Plädoyer für die Joker-Rolle Undavs, der in ein Spiel kommt und gleich erfolgreich ist. „Dafür ist er hier“, sagte Havertz. „Wenn man so eine Waffe hat, muss man sie nutzen.“ Vor allem dann, wenn die Deutschen wirklich einmal Tore brauchen.