Der Stürmer Ermedin Demirovic hat kürzlich im Plural über sich gesprochen. Sie seien einst „von irgendwelchen Jugendtrainern ausgemustert“ worden, erzählte er, „wahrscheinlich, weil die den langsamen, dicken Jungen in uns gesehen haben“. Beim Hamburger SV konnten sie im Jahr 2014 nichts mehr anfangen mit dem 16-jährigen Demirovic, bei Werder Bremen zwei Jahre zuvor nichts mehr mit dem 16-jährigen Deniz Undav. Beide beschlossen daraufhin, ihre Karrieren nicht mehr von den Analysen anonymer Akademiker abhängig zu machen, sie haben sich in die freie Wildbahn gestürzt und trotzig durchs Unterholz geschlagen.Inzwischen stürmen sie gemeinsam für den VfB Stuttgart in der Champions League, und bei der WM könnten sie sich nun im Sechzehntelfinale begegnen, Demirovic mit Bosnien-Herzegowina, Undav mit der DFB-Elf. Sehr wahrscheinlich ist dieses Duell aufgrund diverser Konstellationen nicht, aber was ist schon wahrscheinlich in der Karriere des Deniz Undav?Weltmeisterschaft in Mexiko, Kanada und den USA:Spielplan der Fußball-WM 2026: Alle Gruppen, Spiele und TermineDie Fußball-WM 2026 läuft, Deutschland gewinnt den Auftakt klar gegen Curaçao, Lionel Messi und Harry Kane zeigen sich in Top-Form. Der Spielplan mit allen Spielen, Terminen und Gruppen.Es hat eine gewisse Ironie, dass sich der Akademietrainer Julian Nagelsmann beim 2:1 gegen die Elfenbeinküste von einem Stürmer retten lassen musste, der nie eine Akademie betreten hat. Die Karriere von Undav, 29, ist ein Plädoyer für den zweiten Bildungsweg, so wie es einst die Karriere von Miroslav Klose gewesen ist. Nach seiner Ausmusterung in Bremen begab sich Undav auf eine Pilgerreise und gelangte über die Stationen SC Weyhe, TSV Havelse und Eintracht Braunschweig II zum Drittligisten SV Meppen, wo er erweiterten Profifußball spielte und im niedersächsischen Landespokalfinale gegen die SV Drochtersen/Assel verlor. Während er noch in Havelse spielte, schloss er eine Ausbildung zum Maschinenführer ab, er verdiente 600 Euro plus 400 Euro als Fußballer, wovon 400 Euro für die Miete draufgingen. Er habe nie vergessen, „wie hart es für mich war, zwei Wochen lang oft nur Toastbrot und Krautsalat zu essen, weil ich kein Geld hatte“, hat er mal erzählt. An guten Tagen kam noch Mayonnaise obendrauf.Jedes von Undavs Toren lässt sich als Kommentar zum Scheitern des deutschen Fußballs bei den vergangenen WM-Kampagnen lesenViele Gleichaltrige lernten in dieser Zeit in den Nachwuchsleistungszentren der Profiklubs, wie man zur ballfernen Seite verschiebt und wo man in der Heatmap den xG-Wert ablesen kann. Undav dagegen besuchte die Gerd-Müller-Schule und schärfte seine Instinkte im praktischen Strafraumleben. Er lernte, das Spiel zu fühlen und Tore auf eine intuitive Art zu schießen, Woche für Woche, bis er es über den belgischen Profiklub Union St. Gilloise und einen kurzen Boxenstopp bei Brighton & Hove Albion zum VfB Stuttgart schaffte. Und am Ende sogar in den WM-Kader von Julian Nagelsmann, dem der unverbildete Näschenfußball dieses Sturmknubbels bis vor Kurzem noch fremd und unheimlich war.So lässt sich jedes von Undavs Toren auf dieser großen Bühne auch als Kommentar zum Scheitern des deutschen Fußballs bei den vergangenen WM-Kampagnen lesen. Der DFB hat seine Talente lange nach Schema S ausgebildet (S wie Spanien) und ist dabei unempfänglich geworden für alternative Biografien. So dürfen alle Quereinsteiger und Spätentwickler nun frisch ermutigt zu Deniz Undav schauen, der sich mit seinem neuen Vertrag beim VfB Stuttgart (angeblich 5,5 Millionen Euro pro Jahr) mehrere Tonnen Toastbrot inklusive Krautsalat leisten kann.
Deniz Undav bei der WM 2026: Tore aus der Gerd-Müller-Schule
Was man in Drochtersen/Assel für die WM lernen kann: Die Karriere von Deniz Undav ist ein Plädoyer für den zweiten Bildungsweg, den der deutsche Fußball lange ignoriert hat.












