Deutschland reist 1994 als Titelverteidiger zur WM in den USA – und scheitert gegen Bulgarien. Guido Buchwald und Thomas Helmer erinnern sich an ein Turnier voller Nebengräusche, brutaler Hitze und Effes Stinkefinger.Es ist 32 Jahre her, dass letztmals eine Fußball-WM in den USA stattgefunden hat. Brasilien sicherte sich den Titel, während für die deutsche Nationalmannschaft als Titelverteidiger bereits im Viertelfinale nach einem 1:2 gegen Bulgarien Schluss war. Guido Buchwald, inzwischen 65 Jahre alt, und Thomas Helmer (61), der während der kommenden Fußball-WM als Experte für WELT-TV fungiert, zählten 1994 zum deutschen WM-Kader. Sie berichten von einem Turnier, bei dem Fußball im deutschen Lager eine eher untergeordnete Rolle spielte – und bei dem es am Ende der Vorrunde zu einem Eklat kam. WELT: Was sind die ersten Bilder, die Ihnen in den Kopf kommen, wenn Sie an die WM 1994 in den USA denken?Guido Buchwald: Ich habe das Hotel vor Augen, ein Golf-Hotel in der Nähe von Chicago – riesengroß war das. Aber wir waren da nur eine kleine Gruppe in dieser Anlage. Wir waren umgeben von ganz normalen Touristen, die da Urlaub gemacht haben. Ein richtiges WM-Gefühl ist da nicht aufgekommen. Ein völliger Unterschied zur WM vier Jahre zuvor in Italien. Da waren wir unter uns. In Amerika indes nicht. Ich glaube, einige Leute in unserem Hotel haben gar nicht gewusst, dass wir WM-Teilnehmer sind, geschweige denn, wer wir überhaupt sind. Die meisten Gäste waren gar nicht fußballaffin. Es war kein Event, bei dem jeder über Fußball gesprochen hat, es war ein Event wie jedes andere in Amerika auch.WELT: Nochmal zum Verständnis, Sie haben damals Seite an Seite mit Touristen in einem Hotel gewohnt? Thomas Helmer: Ja, aber das hat ja gepasst. Wir haben uns selbst wie Touristen gefühlt und teilweise verhalten.Lesen Sie auchBuchwald: Das war so natürlich nicht üblich. 1990 hatten wir unser eigenes Hotel. Das war vom DFB und Franz Beckenbauer (der damalige Teamchef – d. R.) perfekt organisiert. Und in Amerika war das eben komplett anders. Thomas hat es ja gesagt, da waren Leute, die nicht gewusst haben, wer wir sind.Helmer: Und bei uns ging es um alles andere, aber nicht um Fußball. Wir hatten so viele Baustellen. Das fing mit dem Hotel an, dann war da die Hitze – und die ganze Frauenproblematik. WELT: Was hatte es damit auf sich?Helmer: Obwohl die Frauen, die mitgereist waren, nicht in unserem Hotel untergebracht gewesen sind, waren sie viel zu häufig ein Thema. Mal hieß es, dass wir doch mal zu ihnen hinübergehen sollten, dann hieß es, dass wir ihnen Essen bringen sollen. Also wurde ihnen Essen gebracht. Die Frauen waren ein permanentes Thema. Und das hat letztlich auch ein wenig abgelenkt vom Wesentlichen, dem Fußball.WELT: Aber das Turnier lief doch verhältnismäßig gut an. Auf ein 1:0 gegen Bolivien folgte das 1:1 gegen Spanien und dann das 3:2 gegen Südkorea.Buchwald: Ja, das stimmt. Aber der Thomas hat Recht, das Frauen-Thema war viel zu groß. Da haben sich dann einige noch beschwert, dass sie kein Auto haben, um damit herumzufahren. Aber da hätten wir dann auch mal was sagen und eingreifen müssen. Denn wir waren bei einer Weltmeisterschaft, bei der wir den Titel verteidigen wollten. WELT: Im letzten Vorrundenspiel kam es dann zum großen Knall. Nachdem Stefan Effenberg den mitgereisten deutschen Anhängern den Mittelfinger zeigte, wurde er vom Verband nach Deutschland zurückgeschickt.Buchwald: Aber da muss ich den Effe ein wenig verteidigen. Wir hatten bei dem Spiel in Dallas gefühlt 50 Grad im Stadion und haben eine richtig gute erste Halbzeit gespielt. Wir führten 3:0. In der zweiten Halbzeit fühlte es sich an, als würdest du gegen eine Wand laufen, eine Mauer. Es war unfassbar heiß. Die Südkoreaner haben das wahrscheinlich ganz anders wahrgenommen, aber wir konnten uns kaum noch bewegen und haben das Spiel am Ende gerade noch so mit 3:2 gewonnen. Obwohl wir weitergekommen sind, sind wir dann ausgepfiffen worden. Effe ist dann offenbar von irgendeinem Zuschauer angemacht worden. Dann hat er halt so reagiert, was mit Sicherheit nicht gut war, aber auch ein wenig verständlich. Wir waren alle happy, konnten uns gerade noch in die Kabine schleppen und dann wirst du beschimpft.Helmer: Guido hat die Hitze angesprochen. Das waren extreme Bedingungen. In der Halbzeitpause habe ich Karl-Heinz Riedle Wadenwickel gemacht, damit er ein wenig abkühlt. Das war nicht normal, was wir dort ertragen mussten. Guido, ich saß ja auf der Bank und weiß noch, wie du in der zweiten Halbzeit kämpfen musstest. Du bist in Zeitlupe über den Platz gelaufen. (lacht) Die Südkoreaner hingegen hatten noch ganz viel Power. Und was Stefan angeht: Er wurde provoziert, das muss man schon mal sagen. Das war nicht in Ordnung. WELT: Hat es Sie überrascht, dass der DFB so hart durchgreift und ihn nach Hause schickt?Helmer: Egidius Braun (DFB-Präsident, d. Red.) und Berti Vogts (Bundestrainer, d. Red.) haben damals eine Sitzung einberufen und darum gebeten, dass alle Spieler, die Kinder haben, daran teilnehmen sollen. Ich hatte damals auch schon einen Sohn. Obwohl ich kein Stammspieler war, musste ich also dahin. Alle, die da waren, haben dann ziemlich schnell zu verstehen gegeben, dass wir doch jetzt nicht über einen Spieler von uns richten. Ich fand das unmöglich.WELT: Sollten alle Familienväter daran teilnehmen, weil es um die Vorbildrolle ging?Buchwald: Ich denke schon. Aber Thomas hat es bereits gesagt, wir haben sehr schnell signalisiert, dass es nicht die Aufgabe der Mannschaft ist, in dem Fall eine Entscheidung zu treffen.WELT: Berti Vogts hatte damals einen schweren Stand in der Öffentlichkeit. Es gab viel Kritik.Helmer: Das war übertrieben – und teilweise nicht gerecht. Wie gesagt, es gab zu viele Nebengeräusche bei uns. Sie können sich doch vorstellen, wie es einem Trainer geht, der ein sportliches Ziel vor Augen hat, dann aber mit Dingen konfrontiert wird, die mit Fußball nichts zu tun haben. Ständig hatten irgendwelche Spielerfrauen Sonderwünsche. Dann ging es darum, dass einige Spieler morgens noch vor dem Frühstück Golf spielen wollten. Berti hätte ab und an durchgreifen müssen, aber das hat er kaum getan. Insgesamt ist es schade, dass das Turnier so verlaufen ist, denn ich finde, dass die Mannschaft von den einzelnen Spielern her sogar noch besser war als die von 1990. Doch wir waren keine Mannschaft. Maurizio Gaudino zum Beispiel war damals dabei. Noch sehr jung, aber unglaublich brillant am Ball. Jeder Spieler hat im Training gesehen, wie gut er ist. Doch er hat nie eine Chance bekommen zu spielen.Buchwald: Ich habe die Kritik an Berti nie verstanden. 1992 hat er Deutschland bei der EM ins Finale geführt. Die Dänen, die ja kurzfristig aus dem Urlaub für das Turnier nachnominiert worden waren, haben zwar gewonnen. Ein Erfolg war es dennoch. Und was die WM zwei Jahre später in den USA betrifft: Die Titelverteidigung war natürlich unser Ziel, aber so etwas ist nicht einfach. Mal abgesehen davon, dass es bei uns auch noch die ganzen Störfeuer gab. Wer weiß, wie weit wir es geschafft hätten, wenn alles ganz normal verlaufen wäre. Außerdem sind wir ja auch nicht untergangen. Wenn das zweite Tor im Viertelfinale gegen Bulgarien von Rudi Völler zählt, führen wir 2:0. Ich glaube nicht, dass die Bulgaren das Ding noch gedreht hätten. Doch dann machen die zwei perfekte Standardtore und wir sind raus. Ich hoffe, dass die aktuelle Nationalmannschaft nicht die Probleme hat, die wir damals hatten. Aber es sind ja viele Jahre vergangen. Ich denke, sie werden bestens organisiert sein.WELT: Das Hotel, das der deutsche Tross beziehen wird, soll sehr abgeschottet sein.Buchwald: Wenn du dich auf deine Arbeit konzentrieren willst, brauchst du Ruhe. Dann passt das doch. In Italien waren wir 1990 auch abgeschottet. Wir hatten eine Oase, konnten aber auch mal raus, damit uns die Decke nicht auf den Kopf fällt.WELT: Wie beurteilen Sie die Chancen der deutschen Mannschaft bei der WM?Buchwald: Ich glaube, sie wird sehr gut performen. Wir haben einige tolle Fußballer, Joshua Kimmich beispielsweise ist ein absoluter Leader. Das hat er beim FC Bayern schon ganz oft gezeigt. Und mit Jamal Musiala und Florian Wirtz haben wir zwei außergewöhnlich gute Fußballer, von denen es nur ganz wenige auf der Welt gibt. Vorausgesetzt, sie sind bei der WM in Top-Form. Es wird darauf ankommen, einen guten Teamgeist zu entwickeln. Wir zählen aktuell zwar nicht zu den Favoriten auf den Titel, aber wenn alles optimal für uns läuft, können wir auch mit den weltbesten Nationen mithalten. Aber es gibt eben auch bei uns die eine oder andere Position, die nicht so gut besetzt ist. Ich würde schon sagen, dass wir hinten links eine Baustelle haben. Aber mal schauen, vor der WM 2014 hat auch niemand gedacht, dass Benedikt Höwedes auf der Position so ein starkes Turnier spielen wird.Lesen Sie auchHelmer: Mir fehlt mit Blick auf die Mannschaft noch ein wenig die Phantasie. Ich finde auch, dass wir sehr viele gute Einzelspieler haben, doch ich denke, nicht alle wissen aktuell so richtig, woran sie sind. Und bislang sehe ich noch keine Achse. Die Mannschaft ist noch nicht eingespielt, weshalb man die Entwicklung abwarten muss.WELT: Trauen Sie Julian Nagelsmann den ganz großen Wurf denn zu?Buchwald: Was heißt zutrauen. Letztlich kommt es auf die Mannschaft an. Und wie gesagt, die Mannschaft braucht einen guten Teamgeist, für den auch der Trainer verantwortlich ist. Ihm muss es gelingen, alle Spieler für die Sache zu begeistern. Das Ego muss hintenanstehen. Nur die Gruppe zählt, nicht der einzelne. Alle Spieler müssen an einem Strang ziehen. Aber man muss abwarten und schauen, inwiefern beispielsweise das Torwartthema Spuren hinterlassen hat. Dass Manuel Neuer der beste Torhüter ist, steht außer Frage. Aber Oliver Baumann hat sich nichts zuschulden kommen lassen, er war die klare Nummer eins. Nun ist alles wieder anders. Das musst du als Mannschaft auch erst einmal verstehen, gerade mit Blick auf die Kommunikation.WELT: Wenn er das mit dem Kader hinbekommt, dann kann man auch eine gute WM spielen, das ist ganz klar.Helmer: Für einen Trainer stellt so ein Turnier eine große Herausforderung dar. Denn es kann sehr lange dauern. Von außen betrachtet habe ich den Eindruck, dass die Stimmung schon mal viel positiver war. Insofern ist es an Julian Nagelsmann, seinen Teil dazu beizutragen, dass sich das wieder ändert.Lars Gartenschläger ist Fußball-Redakteur. Er berichtet seit 2004 über die Nationalmannschaft, war bei sechs EM–Turnieren – und steht vor seiner sechsten WM. Das Turnier 1994 verfolgte er vor dem TV.