PfadnavigationHomeSportFußballDoku über die WM 1994„Wir waren lange noch nicht frei“, sagt SammerStand: 07:28 UhrLesedauer: 4 MinutenMatthias Sammer 1994 bei einer Trainingseinheit der deutschen Nationalmannschaft. Die Temperaturen waren extrem: um die 35 Grad und eine Luftfeuchtigkeit von über 90 Prozent Quelle: picture-alliance/dpa/Berg OliverDie WM 1994 in den USA wird für die deutsche Nationalmannschaft zum Alptraum. Als Titelkandidat angereist, ist überraschend schon im Viertelfinale Schluss. Im Mittelpunkt der Malaise: Bundestrainer Berti Vogts. Eine Doku zeigt sein Dilemma.Es ist einer dieser Sätze, die eine Epoche besser erklären als jede historische Einordnung. „Wichtig ist – seh' ich gut aus?“ Der lächelnde Maurizio Gaudino sagt ihn in Manfred Oldenburgs vierteiliger Doku „WM 1994: Elf Helden – ein Albtraum“ in die Kamera. Gespielt hat er bei dieser Weltmeisterschaft in den USA kein einziges Mal. Aber dieser erste Satz trifft den Ton. Weil er von einer Nationalmannschaft erzählt, die an sich selbst, der neuen Zeit und ihrem Trainer zerbrach. Und natürlich an Stefan Effenbergs Mittelfinger.Oldenburgs Serie, die ab 2. Juni in der ARD-Mediathek läuft, ist weit mehr als eine Fußballchronik. Sie ist eine Milieustudie über die frühen neunziger Jahre, über ein wiedervereinigtes Deutschland zwischen Rostock-Lichtenhagen und RTL-Unterhaltung, zwischen Helmut Kohl und Stefan Raab, zwischen altem Pflichtgefühl und neuer Ego-Gesellschaft. Im Zentrum steht Berti Vogts, jener oft verspottete Bundestrainer aus Kleinenbroich, der in dieser schillernden Welt wie ein Relikt wirkt.Der Filmemacher zeichnet Vogts als tragische Figur. Als Mann mit althergebrachten Werten, geprägt von Kriegskind-Elternhaus, Verlust und Bescheidenheit. Als jemanden, der noch an Ehrlichkeit, Disziplin und Herbergers Elf-Freunde-Mantra glaubt, während um ihn herum längst eine andere Republik entsteht. Eine der Marken, Medien und Selbstinszenierungen.„Wir müssen den Sport wieder in den Mittelpunkt stellen. Der Sport, und nicht das Geld verdienen, steht an erster Stelle“, lautet ein Vogts-Satz aus der Doku. Der Reporter antwortet trocken: „Das hört sich heutzutage etwas weltfremd an.“ Genau davon erzählt diese Serie.Das Teamhotel der DFB-Elf? Ein „Betonbunker ohne Atmosphäre“Oldenburg arbeitet die Gegensätze fein heraus. Da ist Vogts in der Sportschule Malente, die Mario Basler rückblickend eine „Vollkatastrophe“ nennt, während Vogts schwärmt, man könne dort „konzentriert arbeiten“. Da sind die Wolkenkratzer Chicagos und das Teamhotel Oak Brook Hills, von Lothar Matthäus als „Betonbunker ohne Atmosphäre“ beschrieben. Da singt die Mannschaft bei „Wetten, dass..?“ den Popsong „Far Away in America“, während Deutschland herauszufinden versucht, was dieses neue Land nach der Wiedervereinigung eigentlich sein will.Besonders stark ist die Doku immer dann, wenn sie Fußball und Gesellschaft miteinander verknüpft. Etwa die neue Rolle der sogenannten Spielerfrauen. Oder die Integration der ostdeutschen Kicker – erzählt an Matthias Sammer. Jenem Sammer, der bei seinem ersten DFB-Länderspiel nach der Wiedervereinigung nicht die Hymne mitsingt und verbittert nach unten auf den Rasen starrt. „Für mich war ganz klar, dass ich in dem Moment nicht die Nationalhymne mitsingen kann. Es geht nicht.“Lesen Sie auchOssis, Wessis, die Nachwehen waren spürbar, natürlich auch im Sport. „Wir waren lange noch nicht frei“, sagt Sammer rückblickend, während Vogts damals zunächst geglaubt habe, die Einheit sei mit dem Anpfiff vollzogen. In diesen Momenten wird die Serie groß: weil sie zeigt, dass die Nationalmannschaft damals tatsächlich ein politischer Resonanzraum war.Über allem schwebt die Macht der Medien. Vor allem die der „Bild“. Der eng mit dem Blatt verknüpfte Franz Beckenbauer, die ewige Lichtgestalt, stichelt gegen seinen Nachfolger. Vogts wirkt daneben wie ein Mann ohne Rüstung, dem Spott wehrlos ausgesetzt. Nach dem Turnier-K.o. druckt die Zeitung sogar ein fiktives Rücktrittsschreiben. „Berti war der Buhmann der Nation, das war brutal“, sagt Basler.Und dann ist da natürlich der ausgestreckte Mittelfinger Stefan Effenbergs in Richtung des deutschen Anhangs. Der Tiefpunkt dieses Turniers, detailreich aufgearbeitet, obwohl von der Szene selbst keine Aufnahmen existieren: der weite Flug nach Dallas, die brutale Hitze, das chaotische Spiel gegen Südkorea, die Pfiffe der eigenen Fans, der Affekt, das Nachspiel. Effenberg, der stur bleibt, Vogts, der durchgreift. Erstmals so richtig und zu spät, wie ihm vorgeworfen wird.Der Bundestrainer sorgt sich um das Bild Deutschlands in der Welt. Denn auch dieses Deutschland wird in der Doku gezeigt: Der Mann im Nationaltrikot, den Arm zum Hitlergruß erhoben. Rostock-Lichtenhagen 1992, die rassistischen Ausschreitungen. Oldenburg deutet an, dass Vogts' Moralismus auch aus dieser politischen Atmosphäre heraus zu verstehen ist.Vielleicht ist das die eigentliche Pointe der Serie: Dass Berti Vogts am Ende moderner war, als viele damals glaubten. Nicht taktisch. Nicht rhetorisch. Aber in seinem Beharren darauf, dass Fußball mehr ist als Unterhaltung und Geschäft. Dass Haltung zählt. Dass eine Mannschaft auch Verantwortung trägt – erst recht für ein Land mit dieser unheilvollen Geschichte.Die WM 1994 endet im Viertelfinal-Desaster gegen Bulgarien, im öffentlichen Spießrutenlauf und beinahe im Rücktritt von Vogts. „Was ich durchgemacht habe '94, wünsche ich meinem schlimmsten Feind nicht“, sagt er. Doch Oldenburg erzählt die Geschichte nicht als Niedergang, sondern rundet sie mit dem EM-Triumph von 1996 ab.Am Ende bleibt ein lächelnder Vogts, der sagt: „Fußball ist doch die schönste Sportart, die es gibt.“ Nach vier Teilen, die voller Intrigen, Eitelkeiten und Demütigungen stecken, wirkt dieser Satz so kitschig wie unglaublich. Und trifft vielleicht genau deshalb ins Herz.pk/dpa
Fußball-WM 1994 in den USA: „Wir waren lange noch nicht frei“, sagt Sammer - WELT
Die WM 1994 in den USA wird für die deutsche Nationalmannschaft zum Alptraum. Als Titelkandidat angereist, ist überraschend schon im Viertelfinale Schluss. Im Mittelpunkt der Malaise: Bundestrainer Berti Vogts. Eine Doku zeigt sein Dilemma.











