Alain Geiger sagt, wie Roy Hodgson die Schweizer Fussballer einte – und warum es an der WM 1994 trotzdem Probleme gabDas Nationalteam weckte in den 1990er Jahren Begeisterung im Land und nahm an der WM in den USA teil. Erstmals seit 1966. Für den damaligen Captain Geiger ist keine Frage, wer dabei im Zentrum stand: der britische Coach, der von aussen kam.08.06.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenAlain Geiger als Servette-Trainer während einem Super-League-Spiel 2023.Peter Klaunzer / KeystoneAls die Schweizer Fussballer den Sprung an die WM 1994 in den USA schafften, war das wie eine Erweckung eines neuen Gefühls, eine Art nationale Selbstvergewisserung. Plötzlich nächtliche Fussballpartys, Hupkonzerte, selbst in Zürich, der Anfang des Public Viewing. Über ein Vierteljahrhundert war seit der letzten Teilnahme an der WM 1966 verstrichen. So selbstverständlich die Auswahl heutzutage im Weltkonzert mitspielt, so selbstverständlich war sie damals abwesend. Bis 1994.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Der Unterwalliser Alain Geiger wurde 1980 erstmals für ein Länderspiel aufgeboten. Er erlebte lange Jahre des Scheiterns mit. Er blieb dem Nationalteam sogar vorübergehend fern, doch der britische Trainer Roy Hodgson holte ihn 1992 zurück. Als Stütze im Abwehrzentrum, als Captain. So wandelte sich die Länderspielkarriere Geigers, der für den FC Sion, den Servette FC, Xamax, Saint-Etienne und GC gespielt hatte, spät doch noch zum Guten.Der Schweizer Nationaltrainer Roy Hodgson nach dem 4:1-Sieg gegen Rumänien an der WM 1994 in den USA.Neal Simpson / GettyHerr Geiger, warum war der Schweizer Fussball 1994 plötzlich WM-tauglich?Wir waren eine gute Mischung, mit älteren Spielern wie mir und Georges Bregy und etwas jüngeren wie Ciriaco Sforza oder Stéphane Chapuisat. Die waren um die 25. Ganz Junge hatten wir dagegen nicht. Wir versagten in wichtigen Qualifikationsspielen nicht mehr. Wir hatten zwar keinen starken Fussballverband. Aber mit Roy Hodgson einen guten Trainer.Die Stimmung schwappte über, als das Team Ende 1993 im Zürcher Hardturm mit dem 4:0-Erfolg gegen Estland die WM-Qualifikation schaffte.Das war wie eine Befreiung, nach Jahrzehnten des Wartens. Der heimischen WM-Begeisterung waren wir uns 1994 in den USA jedoch nicht bewusst. Dort blieben wir in unserer Blase. Reisen, Spiele, Trainings, keine Mobiltelefone, keine Bilder aus der Schweiz. Ich realisierte erst hinterher richtig, was da in Bewegung gekommen war. Hodgson brachte uns eine Vision. Und setzte diese um.Newsletter «Sport – WM-Spezial»Das Wichtigste von der Fussball-WM auf einen Blick: Unser Spezial-Newsletter liefert Ihnen Eindrücke aus Nordamerika sowie Einordnungen und Hintergründe zu den entscheidenden Entwicklungen.Jetzt kostenlos abonnierenSie sprechen schnell von Hodgson.Ja, er einte uns. Wir streiften den Minderwertigkeitskomplex ab und schafften dazu ein anderes Problem aus der Welt. Was ist die Schweiz? Deutschschweiz, Westschweiz, Tessin. Hodgson brachte die Mentalitäten zusammen.Hatte er keine Angst vor Befindlichkeiten?Er behandelte alle gleich, auch Sforza, Chapuisat, Adrian Knup und Alain Sutter. Die vier spielten in Deutschland. Ihnen gab Hodgson zu verstehen, dass sie wie alle anderen zu arbeiten hätten. Er hat auch sie vor allen zurechtgewiesen. Alle wussten: Es gibt weder Stars noch Kompromisse. Niemand hatte einen Spezialstatus. Auch die Medien nicht.Was heisst das?Niemand genoss bevorzugte Behandlung. Vorher hatte der «Blick» im Nationalteam sozusagen mittrainiert. Das hörte auf. Hodgson war weniger beeinflussbar.Brachte er den Röstigraben weg?Den Röstigraben gibt’s immer, da muss man sich nichts vormachen. Verschiedene Ideen sind nicht problematisch. Sie können vielmehr von Vorteil sein, weil Debatten guttun. Aber man braucht als Mannschaft die Person, die das zusammenführt. Hodgson sprach Englisch, nicht schlecht Französisch und sogar etwas Deutsch. Er besuchte mich in den Walliser Bergen und sagte mir: Ich möchte dich als Leader, als Captain. Das gab Kraft. Das hatte ich zuvor nie gehört. Yvan Quentin und ich waren 1992 mit dem FC Sion Meister geworden, danach stiessen Dominique Herr und Marc Hottiger dazu. An der WM 1994 bildete der FC Sion en bloc die Verteidigung des Nationalteams. Das ist heute undenkbar.Wie waren die Trainings mit Hodgson?Er war im taktischen Bereich strikt, zuerst die Theorie, mit prägnanten Worten in allen Sprachen. Das 4:4:2-System und Laufwege wurden geübt und geübt, in langen Trainings, in der Repetition, bis zum Umfallen. Aber mit Klarheit. Es kam nicht mehr vor, dass einer wie René Botteron auch auf der linken Seite jeden Ball mit dem rechten Fuss spielte. Alain Sutter kam als Linksfuss auf die linke Seite. Hodgson ging damals so vor, wie es heute üblich ist: Er legte ein Profil fest und suchte danach den dafür prädestinierten Spieler. Egal, aus welchem Landesteil.War er so stur, wie es ihm hinterher nachgetragen wurde?Man merkte gut, wie ehrgeizig er war. Er machte das für uns – und für sich. Er war damals noch nicht 50-jährig. Auch er wollte Anerkennung und wollte mit der Schweiz seine Karriere richtig lancieren. Wie wir wissen, gelang ihm das vorzüglich.Alain Geiger bejubelt den Cup-Sieg 1991 mit dem FC Sion, er wird umarmt vom Torhüter Stephan Lehmann. Nach einem 0:2-Rückstand gewinnen die Walliser in Bern gegen YB 3:2.KeystoneDer Schweizer Fussball als Ganzes gewann sichtbar Anerkennung.Davor hatte es wenig Vertrauen gegeben unter den Spielern und keines zwischen dem Publikum und dem Team. Einmal fuhr ich in den 1980er Jahren nach einem Länderspiel mit Heinz Hermann zurück nach Neuenburg. Wir spielten beide für Xamax. Wir kamen von einem Länderspiel, dem fast niemand zugeschaut hatte. Hermann sagte mir: «Ich höre auf, das ergibt keinen Sinn mehr.» Beim ersten Hodgson-Länderspiel 1992 gegen Bulgarien waren übrigens ungefähr 2000 Leute im Wankdorf. Also niemand.Zwei Jahre später folgte die WM in den USA. Wie begann das Abenteuer?Unser Camp war in Montreal, danach weilten wir in Detroit. Wir waren eingeschlossen, irgendwo im Niemandsland. Aber es war meistens auch sehr heiss, feucht, über 40 Grad. Wohin hätten wir denn gehen wollen? Die Atmosphäre war rund um die Spiele aufregend. Viele Polizeiwagen als Begleitung, dazu Helikopter in der Luft. Andererseits wussten viele Leute gar nicht, was wir da weshalb tun. Soccer? Sie kannten die Sportart kaum. Und uns schon gar nicht. Ausserhalb der Stadien war wenig bis keine WM.Wie waren die sportlichen Erwartungen?Zunächst gleich wie heute: die Gruppenspiele überstehen. Dem 1:1 gegen die USA folgte der famose 4:1-Sieg gegen Rumänien. Das war unser Schlüsselspiel. Hodgson stellte uns komplementär auf. Ich und Dominique Herr im Abwehrzentrum, der alte Bregy und der junge Sforza im Zentrum, rechts der unscheinbare Läufer Christophe Ohrel, links der Künstler Alain Sutter, vorne die unterschiedlichen Spielertypen Knup und Chapuisat. Sutter war wegen seiner Kreativität wichtig, brach sich gegen die USA aber eine Zehe. Gegen Rumänien ging’s mit Schmerzspritzen, nachher war aber bald fertig. Sein Ausfall schwächte uns empfindlich. Heute hat die Schweiz viel mehr Leistungsdichte, es steht und fällt nicht mehr mit elf Spielern, die du kaum adäquat ersetzen kannst.Der «Künstler» Alain Sutter feiert ein Tor an der WM 1994 gegen Rumänien. Links mit der Nummer 5: der Captain Alain Geiger. Rechts mit der Nummer 2: Marc Hottiger.ImagoNach dem Zauber gegen Rumänien begannen in den USA jedoch die Probleme. Weshalb?Unsere Frage lautete: was jetzt? Selbst Roy Hodgson war unerfahren, ganz zu schweigen von den Spielern und dem Verband. Wir fühlten nach dem Rumänien-Match grosse Befriedigung. Hodgson ging mit dem Goalie-Trainer Mike Kelly golfen. Ich war als Captain gefragt, weil einige Spieler über zu lange Trainings murrten. Ich sagte ihnen: «Das Golfen ist nicht unser Problem, der Trainer hat einen anderen Job als wir. Wenn er beim Golfen Inspiration findet, ist das doch gut.»Haben Sie den Trainer oft verteidigen müssen?Ja. Einige Spieler machten Probleme. Aber das war nicht die Zeit dazu. Die WM in den USA war nicht die beste Periode von Hodgson. Auch er kam in die Sprungbrett-Situation. Ein solcher Erfolg mit einem kleinen Land heisst auch für den Trainer: Er will auf die nächste Stufe. Das dritte Spiel gegen Kolumbien verloren wir 0:2, im Achtelfinal gegen Spanien 0:3.Was hat da nicht mehr funktioniert?Das begann damit, dass die Verbandsoberen Rückflüge auf das Ende der Gruppenphase terminiert hatten. Wenige rechneten damit, dass der Weg weitergehen könnte. Nach zwei Wochen wurde es im Team schwieriger.Weshalb?Hodgson setzte auf elf bis vierzehn Spieler, es gab wenig Wechsel. Die Aussichten für die Ersatzspieler waren schlecht. Nach zwei Wochen lebten wir uns auseinander, die Ersatzspieler wollten nur noch nach Hause. Wir waren naiv, unerfahren. Und Spanien war der Angstgegner.Kann man so schnell auseinanderfallen?Man muss sich vorstellen: Die meisten von uns waren in der Schweiz unter Vertrag. Heute spielt Manuel Akanji für Inter Mailand. Granit Xhaka ist in der Premier League, alle Nationalspieler sind im Ausland. Früher brachte uns der Coach viel bei, gab uns etwas mit. Etwas übertrieben gesagt: Jetzt sind es die Spieler aus Topligen, die dem Coach etwas mitgeben können. Wir waren damals am Maximum, wie an der Decke. Wir hatten wenig Kenntnisse vom WM-Niveau und waren als Neulinge zu sehr auf das Turnier fixiert. Das galt auch für den Trainer. Zu viel Strenge, zu wenig Freude.Grosse Freude nach dem 3:0 gegen Ungarn, die Qualifikation für die EM 1996 ist geschafft. Der Trainer Roy Hodgson in der Mitte, Alain Geiger rechts.KeystoneSie hatten 1996 an der Euro in England Ihr 112. und letztes Länderspiel. Warum liess die nächste Endrundenqualifikation danach bis 2004 auf sich warten?Hodgson schaffte noch die Qualifikation für die Euro 1996 und wechselte vor dem Turnier zu Inter Mailand. Die Zeit danach begann schlecht. Der Hodgson-Nachfolger Artur Jorge war zwar auch unabhängig, kommunizierte aber generell wenig. Jorge sagte beim Frühstück nicht einmal Guten Tag. Der «Blick» nutzte das aus und startete vor der Euro eine unheimliche Kampagne gegen den Portugiesen. Das war schrecklich.Aber nach Jorge wurde es ja nicht besser.Die Nationaltrainer Rolf Fringer, Gilbert Gress und Enzo Trossero fielen teilweise wieder in alte Muster der Parteinahme zurück. Erneute Spaltungen waren die Folge. Ich komme immer wieder auf Hodgson zurück. Letztlich hatten wir mit ihm Resultate. Und die haben seine Unabhängigkeit begünstigt.Passend zum Artikel