Der eine träumt von einem neuen Wir-Gefühl, der andere hat Angst, seine Kunden zu verlieren. Wie das Tram Affoltern ein Quartier spaltetAm 14. Juni stimmt Zürich darüber ab, ob die Tramlinie 11 künftig bis nach Affoltern fahren soll. Das Projekt hat überraschenden Widerstand auf sich gezogen.Wird das Tram auch mehr urbanes Lebensgefühl nach Affoltern bringen?Der Mann hat lange und ausserordentlich dünne Beine. Er trägt eine kurze Hose, ein bauchfreies Shirt und über dem Gesicht eine Art Sturmhaube. Aus dem Mund hängt ihm die Zunge heraus. Er ziert als Graffiti-Figur zwei Fassaden eines siebenstöckigen Wohnhauses an der Wehntalerstrasse in Neuaffoltern – und ist zu einem Wahrzeichen des Stadtteils geworden. Der Bau aus den sechziger Jahren erinnert Anwohner daran, dass sich Widerstand lohnen kann.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.2012 hatte die Stadt hier eine Baulinie gezogen, damit künftig einmal ein Tram nach Affoltern verkehren kann. Doch die Pläne der Stadt sahen vor, dass das Wohnhaus abgebrochen werden muss. Dagegen wehrte sich der Besitzer bis vor Bundesgericht – und er hatte Erfolg. Am Ende wurde die Baulinie angepasst, das Tram wird künftig also am Wohnhaus mit der Graffiti-Figur vorbeifahren, wenn die Tramlinie nach Affoltern überhaupt gebaut wird. Denn auch dagegen gibt es Widerstand.Das Graffito ist ein Wahrzeichen in Affoltern, und sein Titel «Create or Destroy» könnte auch für die beiden Haltungen stehen, welche die Quartierbevölkerung zum Tram hat.Diesmal kommt er nicht vom Besitzer des Wohnblocks, sondern von Menschen wie Dominic Arricale. Vom Parkplatz vor seinem Nagelstudio aus ist das grosse Graffito zu sehen. Dort steht er nun und erklärt, wie sich die Umgebung vor seinem Geschäft schon bald verändern könnte. Das Tramprojekt: Es ist so konkret wie nie. Am 14. Juni wird über den Ausbau der Linie 11 abgestimmt. Die Wehntalerstrasse, die jetzt durch ein breites Trottoir und eine Parkplatzreihe von seinem Geschäftslokal getrennt ist, soll dafür um rund 6 Meter verbreitert werden.Die wichtigsten Punkte der Tram-Abstimmungnbe./jhu. Das «Tram Affoltern» sieht eine vier Kilometer lange Gleisstrecke auf der Wehntalerstrasse vor. Das Tram soll im 7,5-Minuten-Takt auf einem teilweise begrünten Eigentrassee in der Mitte der Strasse fahren. Es ersetzt auf dieser Strecke die Buslinie 32, die heute schon stark ausgelastet ist. Das Tram soll 50 Prozent mehr Kapazität bieten und Affoltern direkt mit dem Hauptbahnhof verbinden. Es wird mit Kosten von rund 465 Millionen Franken gerechnet, von denen die Stadt 99,1 Millionen, der Kanton 365,5 Millionen übernimmt. Da die Stadt im Rahmen des Projekts 60 Millionen freiwillig in den kantonalen Verkehrsfonds einzahlt, geht es am 14. Juni um einen Kredit von 159,1 Millionen Franken. Wird die Vorlage angenommen und läuft das Projekt nach Plan, soll das Tram ab 2031 nach Affoltern fahren.Arricale und die anderen Gewerbetreibenden in der Häuserzeile – unter anderem ein Restaurant, ein Schönheitssalon und eine Apotheke – drohen Parkplätze zu verlieren: Von heute 17 sollen sie auf noch 6 reduziert werden. Davon wären 2 für Velos und Motorräder reserviert, es blieben also nur noch 4 für Autos. Für den 47-Jährigen ist das inakzeptabel. «Rund 70 Prozent unserer Kundschaft kommen mit dem Auto», sagt er. Sein Einzugsgebiet erstrecke sich weit über das Quartier hinaus. Darum hat Arricale Einsprache gegen das Projekt erhoben.Seit mehr als zwanzig Jahren führt Dominic Arricale mit seiner Schwester das grösste Nagelstudio in Affoltern.Das Tram würde Parkplätze vor Arricales Nagelstudio verdrängen: «Rund 70 Prozent unserer Kundschaft kommen mit dem Auto», sagt er.Ob er am 14. Juni Ja oder Nein zum Tram sagen wird, hat er allerdings noch nicht entschieden. Im Lagerraum, zwischen Hunderten von Lackfläschchen, Feilen und Geräten, erzählt er von seinem Dilemma. Arricale ist ein Alteingesessener. Als er 14 Jahre alt war, zog seine Familie von Schwamendingen nach Affoltern. Seit mehr als 20 Jahren führt er mit seiner Schwester das grösste Nagelstudio im Quartier mit 16 Angestellten.Die Wehntalerstrasse zieht sich durch sein Leben. Seine Mutter hatte ein Coiffeurgeschäft zwei Kilometer weiter westlich, am Zehntenhausplatz. Er selbst wohnt an der Ausfallstrasse, in einer der zahlreichen neuen Genossenschaftssiedlungen, die in den letzten zwei Jahrzehnten in Affoltern entstanden sind.Obwohl das Quartier gewachsen sei, habe sich Neuaffoltern gar nicht so sehr verändert, sagt er. Wenn, dann habe sich die Zentrumsfunktion akzentuiert: Es gebe hier inzwischen deutlich mehr Geschäfte als am Zehntenhausplatz, sagt er. Eine Tramverbindung in die Stadt findet Arricale eigentlich eine gute Sache: moderner und leistungsfähiger als die Busverbindung. Aber die Art und Weise, wie das Projekt nun vorangetrieben worden sei, missfällt ihm.Die «Salamitaktik» der VBZEr erzählt von mehreren Sitzungen mit den Verkehrsbetrieben Zürich (VBZ), an denen er als Präsident der IG Neuaffoltern die Bedürfnisse der Gewerbetreibenden eingebracht habe. «Ich hatte das Gefühl, wir können mitreden», sagt er. Im Ergebnis aber fühlen er und seine Mitstreiter sich nicht gehört. «Im Vorprojekt war noch von 8 Parkplätzen die Rede», sagt er, «das hätten wir akzeptiert.» In der öffentlichen Ausschreibung seien es aber dann plötzlich nur noch 6 gewesen – und 2 davon nicht für Autos nutzbar. «Die VBZ haben eine Salamitaktik betrieben», sagt er.Und es gibt weitere Faktoren, die Arricale nicht überzeugen. Die Planung der unmittelbaren Umgebung der neuen Strasse sei vernachlässigt worden, sagt er. «Was haben wir denn hier auf dem breiten Trottoir künftig?» Er gibt die Antwort gleich selbst: «Nichts ausser Beton. Aber wie wäre es zum Beispiel mit Bänken?» Das Zentrum von Affoltern, es wird in seinen Augen abgewertet.Arricales Widerstand ist erst mit der Zeit entstanden – und gewachsen. Er ist im Quartier gut vernetzt und hat den Eindruck, dass die Zahl derer, die das Projekt kritisch sehen oder ablehnen, in letzter Zeit eher zugenommen hat.Unter den Rekurrenten ist er kein typischer Fall. Die Mehrheit der etwas mehr als hundert Personen, die gegen das Tramprojekt Einsprache erhoben haben, sind Grundstückbesitzer, die wegen der Verbreiterung der Wehntalerstrasse einen Teil ihres Bodens verlieren.Arricale ist Mieter: in seiner Privatwohnung wie auch mit seinem Nagelstudio. Er kann sich darum nicht vorstellen, dass die VBZ ihm ein finanzielles Angebot machen, wie sie das bei vielen Grundstückbesitzern tun. Vor etwa einem Jahr war er von den VBZ eingeladen worden, um ein paar Fragen zu seiner Einsprache zu klären. Er habe sieben Personen gegenübergesessen, die ihn davon hätten überzeugen wollen, seinen Widerstand aufzugeben. Er hat es im Moment nicht vor.Einer, der Affoltern lieben lernteAffoltern hat in den letzten Jahren einen rasanten Wandel durchgemacht. Vom dörflichen Aussenquartier zu einem der grossen städtischen Entwicklungsgebiete. Lebten vor 20 Jahren noch gut 18 000 Menschen in diesem Stadtteil, sind es nun schon bald 30 000, und das Wachstum soll in den nächsten Jahren gemäss Prognosen der Stadt weitergehen.Oliver Dredge ist einer jener Menschen, die ins boomende Affoltern zugezogen sind. Eigentlich wollte er gar nicht. «Weg aus der Stadt, das konnte ich mir nicht vorstellen.» Damals war seine Frau hochschwanger mit dem ersten Kind, und sie mussten ihre Wohnung am Klusplatz verlassen. Sie schlug Affoltern vor. «Ich sagte, wir gehen sicher nicht in die Agglo.» Und sie gingen doch.Dreizehn Jahre später sitzt Oliver Dredge, selbständiger Kulturmanager, im begrünten Innenhof jener Genossenschaftssiedlung, die er seither sein Zuhause nennt. Es ist angenehm kühl an diesem heissen Frühsommertag, in den Bäumen zwitschern Vögel. Er zeigt auf seinem Handy Bilder, die er im Frühling aus seiner Wohnung im fünften Stock geschossen hat. Sie zeigen den Innenhof von oben: ein Meer aus Kirschblüten.Früher hielt Oliver Dredge Affoltern für die «Agglo», heute ist er glücklich hier und hofft, dass das Tram das Quartiergefühl noch stärken wird.Dredge ist glücklich hier. Er schwärmt vom nahe gelegenen Katzensee: «nur zehn Minuten zu Fuss»; von der Freiheit für seine Kinder: «Sie können draussen spielen, ohne dass wir uns Sorgen wegen des Verkehrs machen müssen»; und der Gemeinschaft: «Wir haben hier Freunde fürs Leben gefunden.»Affoltern ist vom Rest der Stadt getrennt durch den Käferberg. «Meine Freunde hatten das Gefühl, ich würde gar nicht mehr in der Stadt wohnen, und wollten anfangs nicht zu uns hinausfahren», sagt Dredge. Auch wenn er am Rand der Stadt lebt, fühlt sich Dredge immer noch als Stadtzürcher – «vielleicht gerade, weil wir ans städtische ÖV-Netz angeschlossen sind». Mit dem Bus und der S-Bahn fährt er ins Zentrum, geniesst das pulsierende Leben und zieht sich wieder ins ruhigere Affoltern zurück, wenn er genug hat.Doch dass Affoltern in den letzten Jahren dichter geworden sei, das spüre man. «Die Busse sind zu den Stosszeiten extrem voll, die S-Bahn auch, weil zugleich Regensdorf rasant wächst.» Der Bus stecke zudem oft im Stau und sei zur Rushhour chronisch unpünktlich. Das Wachstum an sich stört ihn nicht, aber man müsse gute Lösungen für die negativen Begleiterscheinungen finden. Die neue Tramverbindung wäre für ihn eine solche Lösung.Neben den offensichtlichen Vorteilen, zu denen für ihn auch der ökologische Aspekt zählt, werde das Tram auch barrierefrei sein, sagt Dredge. Ihn beschäftigt dieses Thema besonders, weil sein achtjähriger Sohn wegen eines Geburtsgebrechens auf den Rollstuhl angewiesen ist. Aber nicht nur deshalb: «Um Barrierefreiheit sind wir spätestens im Alter alle froh.»Oliver Dredge wird am 14. Juni auch Ja stimmen, weil er hofft, dass Affoltern stärker mit der Stadt zusammenwächst und zugleich mehr zu einem eigenen Quartiergefühl findet. Beim Ausbau der Tramlinie sollen auch Plätze und Parks gebaut werden, «genau solche Orte der Begegnung fehlen uns», findet Dredge. Die Wehntalerstrasse sei eine reine Durchfahrtsschneise. «Wenn ich in ein gutes Café will, muss ich heute nach Oerlikon fahren.» Es brauche Treffpunkte, damit sich in Affoltern ein Stadtleben entwickle, sagt er.Die Kritiker, die von AL, Grünen und SVP kommen, monieren, das Projekt sei städtebaulich misslungen, Grünraum und Bäume verschwänden, die Velostreifen seien zu schmal und die Enteignungen unverhältnismässig.Wird die Vorlage angenommen und läuft das Projekt nach Plan, wäre Affoltern schon ab 2031 ans städtische Tramnetz angeschlossen.Dredge kann dem wenig abgewinnen. Klar werde die Strasse breiter, aber mit neuen Velostreifen auch sicherer für die Velofahrer. Die Verbreiterung sei der Preis dafür, dass alle Verkehrsteilnehmer Platz fänden. Zudem würden zusätzliche Bäume gepflanzt. Längerfristig werde dies das Quartier aufwerten. Natürlich sei der Eingriff mit den nötigen Enteignungen massiv. Und er kann nachvollziehen, dass sich einige Ladenbesitzer Sorgen machen. «Aber am Ende geht es hier um ein Generationenprojekt, das auch für das Gewerbe neue Chancen bietet.»In Affoltern geht es am 14. Juni also auch um verschiedene Ideen davon, was Affoltern für ein Quartier sein soll. Es ist eine der seltenen Gelegenheiten, bei denen die Stimmbevölkerung der Stadt direkten Einfluss auf die Entwicklung eines Stadtteils nehmen kann.Passend zum Artikel
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Am 14. Juni stimmt Zürich darüber ab, ob die Tramlinie 11 künftig bis nach Affoltern fahren soll. Das Projekt hat überraschenden Widerstand auf sich gezogen.






