ErklärtSeit Jahrzehnten redet Zürich von einem Tram für Affoltern – nun stimmt die Stadt über einen Teil der Finanzierung abAffoltern ist eines der letzten Zürcher Quartiere, die nicht durch ein Tram erschlossen sind. Das soll sich in den nächsten Jahren ändern, denn das Quartier wächst rasant. Was Sie zur Abstimmung vom 14. Juni wissen müssen.18.05.2026, 05.08 Uhr4 LeseminutenDas Tram Affoltern soll in grossen Teilen der Wehntalerstrasse ein Eigentrassee bekommen. Dafür – und für beidseitige Velostreifen – muss die Strasse um rund sechs Meter verbreitert werden.Visualisierung Stadt ZürichWorum geht es?Die Stadt Zürich wächst – vor allem an ihren nördlichen Rändern. Affoltern gehört zu den Quartieren mit dem schnellsten Zuwachs: Nach dreieinhalb Jahrzehnten der Stagnation geht die Zahl der Anwohner seit dem Jahr 2000 stetig nach oben. Die Prognosen gehen davon aus, dass bis 2040 noch einmal 5000 Personen dazukommen und rund 31 000 Menschen in Affoltern wohnen könnten. Das Quartier im Kreis 11 gilt als grün und familienfreundlich – und relativ gut an die Innenstadt angebunden. Allerdings ist es, neben Witikon, das letzte Quartier der Stadt, das noch nicht durch eine Tramlinie erschlossen ist. An der Idee eines «Tram Affoltern» wird seit bald zwanzig Jahren gearbeitet; darüber gesprochen wurde auch schon nach dem Zweiten Weltkrieg. Jetzt ist es konkret. Nachdem das Stadtparlament im März dem städtischen Anteil an der Finanzierung des Projekts zugestimmt hat, soll nun die Stadtzürcher Stimmbevölkerung darüber befinden.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Was sind die Eckpunkte des Projekts?Das «Tram Affoltern» sieht eine vier Kilometer lange Gleisstrecke auf der Wehntalerstrasse vor. Das Tram soll im 7,5 Minuten-Takt auf einem teilweise begrünten Eigentrassee in der Mitte der Ausfallstrasse fahren. Es ersetzt die Buslinie 32, die heute schon zu Stosszeiten stark ausgelastet ist. Das Tram soll künftig rund 2200 Personen pro Stunde befördern können und damit 50 Prozent mehr Kapazität bieten als der Bus. Sieben neue Haltestellen sollen von der Linie 11 befahren werden und damit Affoltern direkt mit dem Hauptbahnhof verbinden. Es wird inzwischen mit Kosten von rund 465 Millionen Franken gerechnet, von denen die Stadt 99,1 Millionen, der Kanton 365,5 Millionen übernimmt. Da die Stadt im Rahmen des Projekts 60 Millionen freiwillig in den kantonalen Verkehrsfonds einzahlt, geht es am 14. Juni um einen Kredit von 159,1 Millionen Franken.Die Stadt Zürich will die Bauarbeiten auf der Strasse nutzen, um Leitungen und Kanäle zu modernisieren. Dafür rechnet sie mit einem zusätzlichen Aufwand von 113,5 Millionen Franken.Wie argumentieren die Befürworter?Die Hauptargumente der Befürworter, unter anderem SP, die Mitte und FDP, stützen sich auf das starke Wachstum des Quartiers und die zu Stosszeiten bereits stark ausgelasteten Busse. Mit dem Tram erhalte Affoltern eine umweltfreundliche, verlässliche und leistungsstärkere ÖV-Anbindung an die Innenstadt, ohne dass der Autoverkehr reduziert werde. Ein zusätzliches Argument ist die Sicherheit, vor allem für Velofahrer. Diese haben heute auf der stark befahrenen Strasse keinen Raum. Neben Velostreifen in beide Richtungen soll auch eine Velovorzugsroute umgesetzt werden. Zum Projekt gehören auch ein 30 Prozent grösserer Baumbestand sowie zwei Grünanlagen – laut den Befürwortern wird das Gebiet Wehntalerstrasse damit aufgewertet.Wie argumentieren die Gegner?Die Grünen sprechen sich gegen das Projekt aus, weil sie sich an der Verbreiterung der Strasse – noch mehr Beton – und der Abholzung von 682 Bäumen stören. Sie fordern ein überarbeitetes Tramprojekt und unter anderem breitere Velostreifen. Die AL kritisiert das Projekt ebenfalls als «städtebaulich misslungen» und kritisiert zusätzlich die Art der Finanzierung – konkret, dass die Stadt das Projekt erst durch eine höhere Beteiligung beschleunigen konnte. Die SVP sieht bei dem Projekt ebenfalls mehr Nachteile als Vorteile – genannt werden die Bäume, die Enteignungen und der Fahrspur- beziehungsweise Parkplatzabbau. Zudem zweifelt sie dessen Notwendigkeit an, da das Quartier mit den Bussen bereits gut an das Stadtzentrum angeschlossen sei.Wo stehen die Parteien?Wie geht es bei einem Ja weiter?Gemäss den Abstimmungsunterlagen ist bei einer Zustimmung ein Baubeginn im März 2028 vorgesehen. Das Tram würde ab 2031 verkehren. Das ist allerdings reichlich optimistisch, und zwar aus zwei Gründen.Erstens haben etwas mehr als 100 Personen Einspruch gegen das Projekt eingelegt; derzeit sind noch rund 25 hängig. Es geht dabei vor allem um die Enteignungen. Gewerbetreibende beklagen den grossen Verlust von Parkplätzen. Unter den Rekurrenten ist auch der VCS. Es ist damit zu rechnen, dass einige den juristischen Weg beschreiten werden.Zweitens muss auch der Kantonsrat noch über seinen Anteil an der Finanzierung beraten. Dieser ist deutlich kleiner als ursprünglich vorgesehen: Weil der Kanton das Projekt aufgrund des finanziellen Aufwands zurückstellte, rang sich die Stadt Zürich zu einem grösseren Anteil durch. Das Geschäft dürfte im Kantonsrat bis Ende Jahr behandelt werden. Dagegen kann ein fakultatives Referendum ergriffen werden. Käme es zustande, müsste der Kanton über das Projekt in einem Stadtteil von Zürich abstimmen.Eine Verzögerung erhöht die Gefahr, dass die maximal rund 106 Millionen, die der Bund an das Projekt zahlen will, wegfallen. Die Bedingung für das Geld aus dem Agglomerationsprogramm: Baubeginn bis Ende März 2029.Die Position der NZZDie NZZ unterstützt das Projekt. Affoltern wächst deutlich schneller als andere Stadtquartiere. Die Entwicklung wird sich voraussichtlich in den nächsten Jahren fortsetzen. Eine Tramverbindung erhöht nicht nur die Kapazitäten des öffentlichen Verkehrs, sondern ist auch zuverlässiger als eine Busverbindung – sie ist damit ein sinnvolles Infrastrukturprojekt für kommende Generationen.Passend zum Artikel