Er war das schnellste Strassenauto der Welt: Nach fast 100 Jahren startet der legendäre Audi Lucca wieder durchAudi hat den Wagen aus den 1930er Jahren nachgebaut und ihn dort auf Jungfernfahrt geschickt, wo alles seinen Anfang nahm – in Lucca. Probefahrt in der Stromlinienkarosse.Thomas Geiger06.06.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenMehr als 120 km/h schnell ist der neue Lucca noch nicht gefahren.PDEs hallt eine Mischung aus Grollen und Heulen durchs Tal, als täte sich hier gleich die Hölle auf. Etwa so muss es schon an jenem 15. Februar 1935 geklungen haben, als hier auf einem Stück der Autostrada ein Rennwagen der Auto Union zum schnellsten Strassenfahrzeug der Welt wurde.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Damals befand sich die Autowelt des «Dritten Reichs» im Geschwindigkeitsrausch. Männer wie Rudolf Caracciola, Manfred von Brauchitsch, Hans Stuck oder Bernd Rosemeyer wurden wie Helden verehrt. Auch heutige Renngrössen wie Max Verstappen oder Lewis Hamilton können schnell fahren und werden dafür bewundert. Doch gegen die Draufgänger von damals ist ihr Job so riskant wie der eines Sachbearbeiters im Finanzamt.«Das waren heisse Zeiten damals», sagt Timo Witt, der Herr über die Fahrzeugsammlung bei der Audi-Klassikabteilung «Tradition», über die Periode der Waghalsigen vor fast 100 Jahren: Die noch junge Auto Union, entstanden aus Audi, DKW, Horch und Wanderer, entdeckte Rennen und Rekorde als die beste Werbung.Nur zwei Jahre nach der Auto-Union-Gründung startete Hans Stuck 1934 mit einem Auto Union Typ A in die erste Grand-Prix-Saison und stellte während Testfahrten im Laufe des Jahres ganz nebenbei acht Weltrekorde auf. Das brachte den Konkurrenten Mercedes in Zugzwang, und es begann das Duell der Silberpfeile aus Schwaben und Sachsen: Noch im Herbst 1934 übertraf Rudolf Caracciola den Stuck-Rekord und sicherte Mercedes auf einer ungarischen Fernstrasse mit einem Schnitt von 316,592 km/h den Bestwert für das schnellste Strassenauto.Erstmals kam der Windkanal zum EinsatzDies wiederum liess Auto Union keine Ruhe: Im Werk Zwickau legten die Ingenieure erneut Hand an den Typ A und reizten mehr Leistung aus dem irrwitzigen 16-Zylinder-Benziner. Nach Tests im Windkanal der Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt in Berlin-Adlersdorf – ein Novum in der damaligen Zeit – fertigten sie aus dünnem Alublech eine Stromlinienkarosse mit verkleideten Rädern, der Kanzel eines Kampffliegers und einem endlos langen Heck.Noch im Winter 1934 sollte die Mission zur Rückeroberung des Geschwindigkeitsweltrekords stattfinden. Weil auf der von Caracciola genutzten Strecke in Ungarn noch Schnee lag, fuhr das Team auf der Suche nach der Sonne erst weiter nach Mailand und dann nach Lucca, wo im Februar 1935 das Wetter stimmte und sich eine passende Strasse fand.1935 wurde der Stromlinienwagen im Windkanal optimiert.PDDie Weltrekordfahrt gelang 1935 auf einer Landstrasse bei Lucca.PDGenau dort liegt jetzt der infernalische Krach in der Luft, und aus der Ferne materialisiert sich jener Silberpfeil, den der Traditionschef Witt eben noch so lebendig beschrieben hat. Meter für Meter räumt dieser Rennwagen die Zweifel an der eigenen Auffassungsgabe aus: Brüllend laut und mit einem weithin sichtbaren Feuerschweif aus ihrem langen Heck schiesst die Nachbildung genau jenes Wagens vorbei, der hier am 15. Februar 1935 den Stern vom Himmel holte und die vier Ringe wieder ganz nach vorn brachte.Die Meile mit fliegendem Start schaffte Stuck damals mit 320,267 km/h, seine Höchstgeschwindigkeit lag bei damals utopischen 326,975 km/h, und die silbern schimmernde Mischung aus Auto und Flugzeug wurde zum «schnellsten Strassenrennwagen der Welt».Die Szenerie sei diesmal zwar authentisch, aber nicht so ganz echt, muss Witt einräumen. Die Rekordstrecke von damals ist heute Teil der Autostrada, und der Rennwagen wurde 1935, wie es in jenen Zeiten üblich war, für die Autos der nächsten Saison ausgeschlachtet. Der Silberpfeil war für die Nachwelt verloren.Der von Audi Tradition neu aufgebaute Lucca wirkt wie ein Kampfflugzeug auf Rädern – Feuerschweif inklusive.PDDoch Audi Tradition hatte bisher nur späte Silberpfeile der Typen C (1937) und D (1938) in ihrer Sammlung. Da die Erfahrung mit dem Neubau des damals nie gebauten Supersportwagens Typ 52 vor zwei Jahren so positiv war, hat der deutsche Autobauer sich zum Nachbau eines neuen Silberpfeil-Rekordwagens von 1935 entschlossen.Drei Jahre lang haben die Kunsthandwerker bei Crosthwaite & Gardiner in England gedengelt und gefeilt, geschraubt und getüftelt, ihr Werk immer wieder mit historischen Skizzen abgeglichen und nachgearbeitet – bis uns der Rekordhalter hier und heute in Lucca noch einmal mitnehmen kann auf eine rasende Zeitreise.Nur der Motor weicht vom Original abDas Aluminium der Replika funkelt wie neu, die Reifen auf den verkleideten Speichenrädern sind frisch aus dem Gummiwerk gerollt, das Leder am riesigen Lenkrad ist noch frei von Schweiss und Tränen, und der Kilometerzähler steht erst bei 63. «Aber es ist alles genau so, wie es damals war», sagt Witt und ist dabei nicht ganz ehrlich.Denn dass Audi für dieses Projekt nur einen niedrigen siebenstelligen Euro-Betrag ausgeben musste, liegt auch daran, dass er eine Art «Austauschmotor» nutzt – im Rennsport damals wie heute übrigens eine gängige Praxis. Statt wie damals einen 16-Zylinder mit fünf Litern Hubraum hat er deshalb einen Sechs-Liter-Motor ins Heck schrauben lassen. Dieser ist äusserlich vom Original nicht zu unterscheiden, gehört aber eigentlich zum Typ C von 1937.Der neu aufgebaute Lucca-Rekordwagen wird von einem 16-Zylinder-Benziner angetrieben.Stefan WarterDie Beine des Piloten erreichen die Pedalerie des Rekordwagens durch einen schmalen Tunnel im Chassis.PDDie kleine Historien-Schummelei hat aber einen angenehmen Nebeneffekt: Statt 343 PS wie damals in Lucca oder 375 PS wie kurz darauf bei einem Grand-Prix-Rennen im Mai 1935 auf der Berliner Avus-Strecke leistet der Rekordwagen Baujahr 2026 nicht weniger als 520 PS.Seit der Welle moderner Elektroautos sind Motorleistungswerte zwar völlig inflationär geworden – 500 PS erstaunen heutzutage kaum noch. Doch angesichts der maximal 4 PS, mit denen in den 1930er Jahren etwa ein Opel Laubfrosch auskommen musste, wirkt die Leistung des 16-Zylinder-Triebwerks von damals unfassbar.Selbst nach der Sitzprobe in der brandneuen Replika kann man kaum ermessen, was für Teufelskerle die Herren Stuck und Co. gewesen sein müssen, um sich auf einen solchen Höllenritt einzulassen: Das Cockpit ist eng wie eine Konservendose, die Beine passen kaum unter dem riesigen Lenkrad durch in den schlanken Tunnel, um mit den Füssen zu den Pedalen vorzudringen. Die Kanzel ist so knapp bemessen, dass man den Kopf fast schräg legen muss. Für einen Helm ist da kaum Platz, genauso wenig wie für Sicherheitsgurte.Leichtes Unbehagen schleicht sich ein: Angesichts der Tatsache, dass direkt hinter dem Rücken des Fahrers eine explosive Mischung aus 50 Prozent Methanol, 40 Prozent Bleifrei 98 und 10 Prozent Toluol im Tank umherschwappt und dahinter eine Höllenmaschine von Motor tobt, ist Insassensicherheit nicht die Prämisse.Spätestens wenn der Mechaniker den externen Anlasser abnimmt, ein paar Gasstösse das Monster auf Betriebstemperatur bringen und einem vor lauter Hitze schon zwei Meter neben dem Auto der Schweiss unters Hemd kriecht, kann man erahnen, welch Himmelfahrtskommando solche Rekordjagden damals gewesen sein müssen.Im Mai 2026 fuhr die Lucca-Replika erstmals im Gebiet der ursprünglichen Jungfernfahrt von 1935.PDMit der fabrikneuen Replika lassen es die Herren der Ringe zwar ein bisschen gemächlicher angehen, selbst wenn der Lucca mit seiner Leistung nur schwerlich haushalten kann. Schliesslich soll der Neubau länger halten als eine Saison. Zudem hängen die Fahrer von heute etwas mehr an Leib und Leben als an Ruhm und Ehre. Viel schneller als 120 Kilometer pro Stunde ist der Lucca Baujahr 2026 noch nicht gefahren. Aber ein bisschen mehr Gas geben dürfte er schon bald. Denn sein grosses Publikumsdebüt feiert der Rekordwagen Mitte Juli im südenglischen Goodwood – beim Traditionsanlass «Festival of Speed».Die Testfahrt wurde durch Audi unterstützt.Passend zum Artikel
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