PfadnavigationHomeICONISTServiceSupersportwagen „Lucca“Ein Wunderwerk, dessen 16-Zylinder-Motor klingt wie aus der HölleVon Thomas GeigerStand: 08:58 UhrLesedauer: 6 MinutenSensationell stromlinienförmig: der historische Sportwagen Lucca von 1935, frisch rekonstruiertQuelle: Stefan Warter/AUDI AGEin Supersportwagen von Audi, nagelneu gebaut und trotzdem 90 Jahre alt. Der über Jahre detailgetreu rekonstruierte „Lucca“ aus den frühen Tagen der Auto Union war dabei noch viel rarer und radikaler, als es der neueste Audi-Sportwagen ist. Und heute so wertvoll, dass ihn fast niemand fahren darf.Atemberaubend schön, rasend schnell und frei von jedem Kompromiss – endlich baut Audi mal wieder einen Sportwagen zum Niederknien. Und nein, ich rede nicht vom Nuvolari. Natürlich ist der neue 1001 PS starke Bolide im puristischen Bauhaus-Design ein wichtiges Signal für die Marke. Schließlich haben die Herren der Ringe seit dem Ende von TT und R8 keine Ikone mehr im Programm und ein bisschen Lust und Leidenschaft ist gerade heute nötiger denn je.Doch der faszinierendste Sportwagen, den die Ingolstädter in den letzten Jahren auf die Räder gestellt haben, trägt einen anderen Namen. Und streng genommen ist er einerseits ein Neuwagen und andererseits über neunzig Jahre alt. Der Wagen heißt Lucca. Und er ist eigentlich gar kein Audi, jedenfalls nicht im heutigen Sinn. Sein Ursprung liegt in den frühen Tagen der Auto Union, als Audi gemeinsam mit DKW, Horch und Wanderer in Zwickau unter den vier Ringen vereint wurde und sich mit Mercedes ein Wettrüsten lieferte, das bis heute als die goldene Ära des Motorsports gilt. Während die Silberpfeile aus Stuttgart und Sachsen auf den Grand-Prix-Strecken um Siege kämpften, haben sie auf den Autobahnen und Landstraßen um Temporekorde gerungen. Mehr noch als heute ein Formel-1-Sieg galten Spitzenwerte weit jenseits von 300 km/h damals als die beste Werbung der Welt.Lesen Sie auchGenau dafür entstand jener Wagen, den Audi jetzt wieder auferstehen ließ. Nachdem Ende des Jahres 1934 Mercedes-Legende Rudolf Caracciola den Rekord für das schnellste Straßenauto eingefahren hatte, wollten die Sachsen von Auto Union zurückschlagen. Die Ingenieure verkleideten ihren Rennwagen mit einer für die damalige Zeit spektakulären Stromlinienkarosserie, die nach Versuchen im Windkanal der Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt in Berlin-Adlersdorf entstand. Das Ergebnis sah eher aus wie ein Flugzeug ohne Flügel als wie ein Rennwagen.Der Plan ging auf. Am 15. Februar 1935 erreicht Hans Stuck auf einer Straße bei Lucca knapp 327 km/h und absolviert die fliegende Meile mit einem Schnitt von über 320 km/h. Der Rekord macht den Silberpfeil aus Sachsen zum schnellsten Straßenrennwagen der Welt. Doch lange in diesem Ruhm sonnen kann sich der Lucca nicht. Wie damals üblich wurde der Wagen schon wenig später umgebaut, ausgeschlachtet und schließlich zerlegt. Vom Rekordhalter blieb kaum mehr als eine Erinnerung.Lesen Sie auchGenau diese Lücke wollte Timo Witt schließen. Der Chef des Fuhrparks der Audi-Tradition ließ den Wagen deshalb für einen niedrigen einstelligen Millionenbetrag über drei Jahre hinweg rekonstruieren. Historische Zeichnungen, Fotografien und technische Unterlagen wurden ausgewertet, Holzformen gebaut und Aluminiumbleche von Hand gedengelt. Herausgekommen ist ein Auto, das aussieht, als wäre Hans Stuck gerade erst ausgestiegen.91 Jahre nach seiner Rekordfahrt steht der Wagen wieder in der italienischen Sonne auf einer Straße in Lucca, die ziemlich genau so aussieht wie die von 1935. Nur fahren darf ich ihn nicht. „Zu wertvoll“, heißt es. Zu kompliziert. Und vermutlich auch zu gefährlich. Schon die Sitzprobe macht deutlich, warum.Damit man überhaupt einsteigen kann, bauen die Mechaniker erst das Dach ab und dann das Lenkrad aus. Erst dann kletterst du über die schmale Bordwand und lässt dich vorsichtig in das enge Cockpit hinabgleiten. Die Beine verschwinden unter dem riesigen Lenkrad in einer engen Röhre, die Schultern streifen die Aluminiumhaut, und wie ein Helm setzen dir die Mechaniker danach wieder die Haube auf. Spätestens dann fühlst du dich eher wie in einer Flugzeugkanzel als in einem Auto. Baron von Richthofen lässt grüßen.Jetzt beginnt man auch zu verstehen, was für Teufelskerle Männer wie Hans Stuck gewesen sein müssen. Selbst wenn der Motor noch aus ist, bringt die Sonne die Röhre auf Backofentemperaturen. Eine Lüftung gibt es nicht. Direkt hinterm Rücken ist der Tank. Sicherheitsgurte? Fehlanzeige! Von Airbags oder Überrollbügeln ganz zu schweigen. Und in so einer Mischung aus Seifenkiste und Sardinenbüchse erreichten Stuck & Co Geschwindigkeiten, von denen die meisten Menschen damals nur träumen konnten. Selbst Fliegen war (noch) langsamer. Lesen Sie auchNoch steht der Lucca ruhig vor einer Villa in der Sonne. Die Aluminiumkarosserie glänzt. Die verkleideten Räder wirken wie aus einer anderen Zeit. Das lange Heck läuft scheinbar endlos hinter der engen Kanzel aus. Kein Wunder, schließlich verbirgt sich darunter auch ein Monster von Motor mit 16 Zylindern – so viele, wie sie heute nur noch Bugatti einbaut. Man könnte ihn stundenlang anschauen und würde doch immer wieder neue Details entdecken.Dann kippen die Mechaniker eine explosive Mischung aus Methanol, Benzin und Toluol in den Tank. Hinten wird ein externer Anlasser angesetzt. Und plötzlich ist Schluss mit der Romantik. Der Motor springt an und die Grillen fallen vor Schreck aus den umliegenden Zypressen. Aus dem Heck schlagen Flammen, die Luft darüber beginnt vor Hitze zu flirren. Nichts wirkt gedämpft oder gefiltert. Man hört Zahnräder, Ventile und Verbrennung. Der Lucca klingt wie eine Maschine. Und zwar eine, die direkt aus der Sportwagenhölle kommt. Audi nutzt für den Nachbau zwar nicht exakt den ursprünglichen Fünfliter-V16, sondern einen technisch verwandten Sechsliter-Motor aus späteren Silberpfeilen, weil der dann auch in andere Oldtimer der Sammlung passt. Statt der einstigen 343 PS stehen deshalb heute rund 520 PS bereit. Und Leistung kann man schließlich nie genug haben. Doch die Zahl spielt ohnehin kaum eine Rolle. Entscheidend ist das Erlebnis.Denn selbst im Stand wirkt der Lucca wie ein Tier, das man besser nicht reizen sollte. Die Werksfahrer gehen entsprechend respektvoll mit dem Einzelstück um. Niemand möchte riskieren, einen Rennwagen zu beschädigen, an dem Spezialisten jahrelang gearbeitet haben. Niemand möchte herausfinden, wie sich ein Unfall in einem Auto anfühlt, dessen Sicherheitskonzept im Wesentlichen aus Mut bestand. Deshalb bleibt mein Platz neben der Strecke.Und ehrlich gesagt, reicht mir das vollkommen. Klar lassen mich die Neugier und der Berufsethos davon träumen, selbst diesen Höllenritt zu wagen. Doch irgendwo tief hinten im Hirn meldet sich die Stimme der Vernunft und ist Witt und seinen Kollegen dankbar für die Sturheit, wenn es um den Platz hinter dem Steuer geht. Und schon als Zuschauer versteht man sofort, warum die Rekordjäger der 1930er Jahre bis heute verehrt werden. Das Auto wirkt leicht, schnell und ungeheuer entschlossen. Flammen schlagen aus dem Heck, der Motor brüllt über die Hügel, und plötzlich erscheint alles, was wir heute für spektakulär halten, gefährlich gezähmt. So laut und leidenschaftlich der Nuvolari bei seiner Jungfernfahrt Anfang Juni in Monaco auch geklungen haben mag – gegen den Lucca ist er ein Auto für Sonntagsfahrer. Denn damals war Geschwindigkeit nicht nur eine Frage des Motors, sondern vor allem des Mutes. Der Nuvolari mag das schnellere Auto sein. Der Lucca aber ist der größere Abenteurer. Und vielleicht deshalb der wahre Supersportwagen im Zeichen der vier Ringe.Aber ein wenig vom Geist des Lucca lebt trotzdem im Nuvolari weiter. Denn auch er wird ein Renner der Rekorde: Mit über 1000 PS, mehr als 350 km/h Spitze und einem Preis von rund 600.000 Euro wird er der stärkste, schnellste und teuerste Audi aller Zeiten. Und einer, für den du kein Himmelhund sein musst, um ihn zu fahren. Sondern wie bei jedem modernen Supersportwagen werden damit auch Laien am Lenkrad zurechtkommen, als wäre es ein Kinderspiel.
Audi Lucca: Der vergessene 1935er Rennwagen, der die Geschichte neu schreibt - WELT
Ein Supersportwagen von Audi, nagelneu gebaut und trotzdem 90 Jahre alt. Der über Jahre detailgetreu rekonstruierte „Lucca“ aus den frühen Tagen der Auto Union war dabei noch viel rarer und radikaler, als es der neueste Audi-Sportwagen ist. Und heute so wertvoll, dass ihn fast niemand fahren darf.







