InterviewThomas Minder war der bekannteste parteilose Ständerat. Er sagt: «Es ist wichtig, dass Daniel Jositsch auch als Parteiloser möglichst bald Unterschlupf in einer Fraktion findet»Minder geht davon aus, dass Jositsch die Wiederwahl problemlos schaffen wird. Er vertrete auch ohne Partei klare Positionen.05.06.2026, 10.06 Uhr4 LeseminutenThomas Minder, parteiloser Ständerat, im Jahr 2022 im Bundeshaus.Peter Klaunzer / KeystoneNach seinem sofortigen Austritt aus der SP politisiert der Zürcher Ständerat Daniel Jositsch nun als Parteiloser. Dazu gibt es ein bekanntes Vorbild: Der Schaffhauser Thomas Minder, Vater der Abzocker-Initiative, sass von 2011 bis 2023 ebenfalls als Parteiloser im Ständerat.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Herr Minder, was ist Ihnen durch den Kopf gegangen, als Sie vom Parteiaustritt Daniel Jositschs erfuhren?Das kam nicht überraschend für mich. Ich schrieb ihm bereits am Tag vor der Medienkonferenz und hiess ihn im «Klub der Parteilosen» willkommen. Ich spürte, dass das kommen würde.Verstehen Sie seinen Entscheid?Ja, sehr. Wenn man in einer Partei nicht mehr willkommen ist, muss man ihr sicher nicht noch hinterherrennen. Es ist auch richtig, dass er bei den nächsten Wahlen wieder antritt.Sie kennen Jositsch aus Ihrer eigenen Zeit im Ständerat sehr gut. Wie schätzen Sie ihn ein?Ich hatte immer viel Freude an Daniel Jositsch. Er ist ein Linker mit bürgerlichem Blut. Ich wählte ihn auch immer als Bundesrat, obwohl er als wilder Kandidat antrat. Im Ständerat braucht es Leute, die von links der Mitte oder von rechts der Mitte kommen, so wie Jositsch. Extreme wie eine Jacqueline Badran braucht es hingegen nicht.Badran wird voraussichtlich für die SP antreten, und nun hat sich sogar die SVP-Regierungsrätin Natalie Rickli ins Spiel gebracht. Das ist eine starke Konkurrenz.Ich bin davon überzeugt, dass Jositsch problemlos wiedergewählt werden wird. Er ist ein starker, eingemitteter Politiker. Ich bin kein Zürcher Wähler, aber Rickli wird sich warm anziehen müssen. Die linken Hardliner werden zwar Badran wählen, aber auf dem Wahlzettel hat es zwei Linien. Jositsch wird schon im ersten Wahlgang bestätigt werden. Tiana Moser wird ebenfalls problemlos wiedergewählt werden.Thomas Minder (links) und Daniel Jositsch im Dezember 2017 im Ständerat in Bern.Anthony Anex / KeystoneSie waren drei Legislaturen lang als Parteiloser im Ständerat. Wie schwierig war es, ohne Partei im Rücken zu politisieren?Das war kein Problem. Es ist manchmal sogar leichter, weil man als Parteiloser zwischen den Blöcken steht. Jositsch wird sowieso keine Probleme haben mit seiner neuen Rolle. Er ist schon lange im Ständerat, und er ist vollkommen akzeptiert. Wenn er in einem politischen Geschäft Hilfe braucht, dann wird er diese finden.Sie haben immer wieder betont, dass es im Ständerat im Idealfall gar keine Parteien geben würde. Warum nicht?Weil der Ständerat eine andere Rolle hat. Die Kammer der Parteipolitik, das ist der Nationalrat. Der Ständerat ist die Kammer der Sachpolitik. Es gibt im Ständerat sogar ein ungeschriebenes Gesetz, dass man keine Parteinamen nennen soll. Ich habe in meinen zwölf Jahren kaum je gehört, dass jemand «FDP» oder «SVP» sagte.Als Ständerat ist man ein Vertreter des Kantons. War da die Parteilosigkeit ein Vor- oder ein Nachteil?Weder noch. Seien wir ehrlich: Die Funktion als Standesvertreter wird überbewertet. Schauen Sie nur die Vorstösse und Themen an, welche die Ständeräte einbringen. Da kann man pro Legislatur an einer Hand abzählen, in wie vielen davon es wirklich um ein Anliegen des eigenen Kantons geht.Jositsch sagt, dass er auch nach seinem Parteiaustritt seine Kommissionssitze bis zum Ende der Legislatur behalten wolle, weil er bis dann gewählt sei. Ist das realistisch?Nein. Die SP wird das sicher nicht einfach hinnehmen. Genau deshalb ist es so wichtig, dass er auch als Parteiloser möglichst bald Unterschlupf in einer Fraktion findet.Jositsch hat die FDP oder die Mitte genannt. Sie selbst waren bei der SVP.Zuerst wollte ich zur GLP, doch Verena Diener akzeptierte das nicht.Ist es nicht etwas unredlich, wenn man als Parteiloser am Ende doch bei einer Partei unterkommt?Das ist aber nicht der Fehler der Parteilosen, sondern des Systems in Bundesbern, weil man nur als Mitglied einer Gruppe in eine Kommission kommt. Im Übrigen ist man als Parteiloser den anderen natürlich nicht gleichgestellt. Bei der Vergabe der Kommissionen muss man hinten anstehen. Das war bei mir in acht von zwölf Jahren so. Da kommt man nicht einfach so in eine Kommission für Wirtschaft und Abgaben oder eine andere Wunschkommission.Jositsch könnte sich überlegen, sich doch wieder einer Partei anzuschliessen.Das glaube ich nicht. Mario Fehr ist nach seinem SP-Austritt auch parteilos geblieben, und es hat ihm nicht geschadet. Bei Jositsch wird es gleich sein. Er braucht gar keine andere Partei, er vertritt auch so klare Positionen.Parteilos zu sein, hat aber handfeste Nachteile, unter anderem bei der Finanzierung von Wahlkämpfen.Das wird für Jositsch kein Problem sein, auch wenn Wahlkämpfe im Kanton Zürich teuer sind. Er wird sicher 500 000 Franken auftreiben müssen. Aber er wird das ohne weiteres schaffen. Er wird auch von bürgerlicher Seite unterstützt werden.Bundesrat wird man als Parteiloser mit Sicherheit ebenfalls nicht.Ja, aber das ist bei Jositsch so oder so vorbei.Passend zum Artikel