Als das Ergebnis des Hamburger Olympiareferendums zur Gewissheit geronnen war, erspähten Beobachter, wie im Hamburger Rathaus ein weißer Schal in die Luft gereckt wurde. Dieses modische Accessoire war bis zuletzt das Erkennungszeichen der Olympiabefürworter, am Sonntagabend aber wurde der Schal stolz im Fraktionszimmer B des Rathauses präsentiert – dort feierte die Fraktion der Linken, der Fanblock der Hamburger Olympiagegner. Das dabei auch Insignien des Gegners ausgestellt werden, gehört sonst eher zur Praxis verfeindeter Fußball-Ultras. Die echten Hamburger Olympiafans schulterten den subversiven Akt jedenfalls sportlich, wie die größere Schmach des Abends: 54,9 Prozent der Stimmberechtigten hatten gegen eine Bewerbung votiert, knapp vier Prozentpunkte mehr als beim verlorenen Referendum vor elf Jahren.„Ein bisschen frustrierend“, so rahmte es Otto Fricke ein, der Vorsitzende des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB). Im größeren Kontext sollte das wohl so verstanden werden: Das war bloß ein Ausreißer nach unten in einer ansonsten großartigen Kampagne, die der DOSB als Regisseur vor Jahren angestoßen hat und die nun zeige, wie sehr sich das Land wieder Paralympische und Olympische Spiele wünsche. Das Hamburger Nein stehe ja 18 teils klaren Ja-Voten gegenüber, von Bürgern und politischen Gremien in München, Rhein-Ruhr mit Köln als Frontstadt und diversen angeschlossenen Kommunen sowie in Berlin und den potenziellen Segelstandorten Kiel und Rostock. Und statt eines nationalen Vierkampfes trage man nun halt einen Dreikampf aus, bis eine DOSB-Mitgliederversammlung am 26. September entscheidet, welcher Kandidat beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC) ins Rennen ziehen soll um die Spiele 2036, 2040 oder 2044.Dieses Bild wirkte dann allerdings doch in etwas zu grellen Farben gepinselt. Und nach Lage der Dinge ist der Dreikampf in der Praxis eher ein Zweikampf – in dem im internationalen Geschäft wohl nur einer eine halbwegs realistische Chance hätte.Deutsche Olympia-Bewerbung:Da waren es nur noch dreiDie Hamburger Bevölkerung spricht sich in einem Referendum deutlich gegen eine Olympia-Bewerbung aus. Damit bleiben im nationalen Rennen nur noch München, Rhein/Ruhr und Berlin – doch das Ergebnis versetzt dem ganzen Projekt einen Dämpfer.Zunächst ist das Hamburger Ergebnis insofern interessant, als es im Grunde die stärkste Kraft aller bisherigen Referenden in sich trägt. Fast 50 Prozent der rund 1,3 Millionen Wahlberechtigten hatten abgestimmt, klar mehr also als jene 42 respektive 35 Prozent in München und „KölnRheinRuhr“. Zum anderen wirkte es so, als hatten die Hamburger, bei allem Lokalkolorit, ihr Konzept vor dem Referendum noch am hellsten von allen Bewerbern durchleuchtet. Das Hamburger „NOlympia“-Bündnis hatte in der Informationsbroschüre auf mehreren Seiten geworben (anders als in München); überhaupt hatten die Gegner sehr effektiv argumentiert – auch, weil der Hamburger Senat zumindest an manchen Stellen die Kosten bündig aufgeschlüsselt hatte (anders als die Behörden in Nordrhein-Westfalen); 18 Millionen Euro allein für die Bewerbung etwa.Eine straff organisierte Gegenkampagne kann Unentschlossene rasch auf die andere Seite ziehenDas dürfte vor allem einem der noch drei verbliebenen Kandidaten ein bisschen Sorgen bereiten: Berlin. Dort hatte die Pro-Seite um den Landessportbund Berlin erwirkt, dass sich das Landesparlament hinter die Spiele stellt – ein Volksentscheid bis zum olympischen DOSB-Konvent im September wäre schwer zu schaffen gewesen. Einen solchen wollen nun aber die Berliner Olympiagegner anstrengen – ganz bewusst im Jahr 2027, nachdem der DOSB seinen Kandidaten gekürt hat. Zwar betonen die Berliner Befürworter, dass es schwer werden dürfte, die dafür nötigen 175 000 gültigen Unterschriften zu sammeln, und überhaupt sei laut einer aktuelleren Umfrage gar keine Mehrheit der Berliner mehr gegen die Spiele, sondern zu 60 Prozent „dafür“ oder „eher“ dafür.Andererseits hat Hamburg gezeigt: Eine straff organisierte Gegenkampagne in einem Ballungsraum, den weniger Megaprojekte in frühestens einem Jahrzehnt kümmern, sondern zerbröckelnde Schulen, Bäder und Turnhallen im Jetzt, kann Unentschlossene rasch auf die andere Seite ziehen. „NOlympia ist nicht nur laut und schrill, sondern auch mächtig und kann mobilisieren“, kommentierte der Berliner Tagesspiegel am Sonntagabend. Und bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus könnte im Herbst eine Rot-Rot-Grüne-Mehrheit an die Stelle von Rot-Schwarz rücken, diese wäre wohl deutlich olympiakritischer. Gewählt wird übrigens eine Woche vor dem DOSB-Entscheid.Intern bereiten sich manche olympischen Fachverbände im DOSB, die im September wohl die entscheidende Stimme haben, schon auf einen Zweikampf vor, zwischen München und „KölnRheinRuhr“ – und da geriet zuletzt einiges in Bewegung. Dominik Krause, der neue Münchner Oberbürgermeister der Grünen, unterstützt die Bewerbung – anders als mancher lokale Parteifreund –, und als er mit Ministerpräsident Markus Söder Mitte Mai das verfeinerte Konzept präsentierte, wartete dies mit einem interessanten Detail auf. Nachdem das voraussichtliche Sportprogramm der Spiele sich geändert hat, die Münchner bei den Sportstätten noch einmal hin und her gerechnet haben, kommen sie nun auf 12,5 Millionen Tickets, die sie anbieten könnten – und damit eine Handvoll mehr als zuvor.Eine Wahlempfehlung? Da bleibt der DOSB-Vorstand Otto Fricke diplomatischDas könnte am Ende insofern wichtig werden, als „KölnRheinRuhr“ zuletzt mit „bis zu 14 Millionen Tickets“ geprotzt hatte, ein olympischer Sommerspielrekord. Dieser Posten wird in der sogenannten Bewertungsmatrix des DOSB jedenfalls mit vielen Punkten belohnt, weil der DOSB glaubt, dass dies die Chancen eines deutschen Kandidaten internationalen Wettstreit erhöht. Ab dem 4. Juni wird eine Evaluierungskommission mithilfe dieser Matrix die verbleibenden drei Kandidaten bewerten – wobei die Fachverbände, die Ende September das letzte Wort haben sollen, gar nicht an diese Matrix gebunden sind.Als Otto Fricke am Sonntag im NDR nach einer Wahlempfehlung gefragt wurde, antwortete der DOSB-Vorstand diplomatisch. Berlin steche „mit seinem Ruf“ hervor, „NRW mit seinem großen Einzugsgebiet“, „München mit seiner Erfahrung und den Sportstätten“. Das sollte wohl die Stärken aller Drei betonen, ganz neutral. Legt man die aktuellsten Gastgeber von Sommerspielen daneben, von Rio de Janeiro über Tokio und Paris bis Los Angeles (und ein das offenkundig taktisch motiviertes IOC-Geschenk an Brisbane) – dann ergab das aber schon ein Bild für sich. Eine Neuauflage in den Olympiastätten von 1972 wäre zumindest eine Erzählung, die in einem Wettstreit europäischer Bewerber nicht gänzlich aussichtslos ist.Noch sind manche Volten nicht geschlagen, könnte das nationale Rennen noch die eine oder andere Wendung nehmen. Als etwa das geplante Sportfördergesetz jüngst im Parlament zur ersten Lesung kam, versprach auch der CSU-Abgeordnete Stephan Mayer, dass man das Gesetz im Sinne des organisierten Sports nachschärfen werde – auch wenn Mayer betont hat, dass dies mit den bayerischen Olympiaambitionen selbstredend gar nichts zu tun habe. Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst, der mit seinem Kollegen Markus Söder nicht nur bei der Olympiabewerbung buhlt, teilte auf Instagram zuletzt jedenfalls mit: „Ihr hört bald von uns.“
Olympia-Aus für Hamburg: Ein Dreikampf, der rasch zum Zweikampf werden könnte
Nach dem Hamburger Nein sind noch drei Regionen im Rennen um die deutsche Olympiakandidatur: Echte Chancen haben aber wohl nur zwei Bewerber.














