Olympia in Hamburg? Die Bevölkerung sagt Nein danke – das dürfte die deutschen Mitbewerber freuenHamburg hat sich per Volksentscheid gegen Olympia ausgesprochen. Welche deutsche Region sich nun um die Olympischen Sommerspiele bewirbt, entscheidet sich im Herbst.Eric Matt, Berlin01.06.2026, 12.09 Uhr4 LeseminutenVor der Abstimmung am 31. Mai forderten die Gegner, die Hamburger Olympiabewerbung abzulehnen.Bode/ImagoHamburg hat sich entschieden. Die Bürgerinnen und Bürger wollen nicht, dass die Olympischen Sommerspiele 2036, 2040 oder 2044 in der Hansestadt stattfinden. Mit 54,9 Prozent stimmte eine Mehrheit der Bevölkerung gegen eine Bewerbung, während sich 45,1 Prozent dafür aussprachen. Rund 1,3 Millionen Menschen waren bis Sonntag um 18 Uhr an die Wahlurnen aufgerufen, die Wahlbeteiligung lag bei 49,5 Prozent.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Ablehnung kam überraschend deutlich, da viele mit einem Kopf-an-Kopf-Rennen gerechnet hatten. Es ist bereits der zweite gescheiterte Olympia-Anlauf an der Elbe, schon 2015 hatte die Bevölkerung eine Bewerbung abgelehnt. Hamburg war die letzte von vier deutschen Regionen, die über Olympia abstimmen musste. Dies war bis zum 31. Mai möglich. Zuvor entschieden sich bereits Berlin, München und Rhein-Ruhr für eine Bewerbung.Am 26. September stimmt eine Mitgliederversammlung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) über den offiziellen Kandidaten ab.Niederlage für Hamburgs RegierungschefHamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher teilte am Sonntagabend mit, der Stadtstaat habe seine Bewerbung bereits zurückgezogen. Der Sozialdemokrat sagte, man habe zur «Bühne Deutschlands in der Welt» werden wollen, doch die Bevölkerung habe sich «leider» anders entschieden. Das Ergebnis ist für ihn auch eine persönliche Niederlage, hatte er doch intensiv für Olympia geworben.Die Gegner einer Bewerbung hingegen zeigten sich erfreut über das Ergebnis. Eckart Maudrich, Sprecher der Initiative «NOlympia Hamburg», sagte: «Die Hamburgerinnen und Hamburger lieben ihre Stadt und lassen sich nicht von einer Millionen Euro teuren Werbekampagne hinter die Fichte führen.»Hamburgs Regierungschef Peter Tschentscher hatte sich für eine Olympiabewerbung ausgesprochen.Bode/ImagoGefreut haben dürften sich auch die Olympia-Fans in München, Berlin und Rhein-Ruhr. Denn Hamburg fällt nach dem Volksentscheid als Konkurrent weg. In München fand im Oktober 2025 bereits ein Volksentscheid statt, bei dem 66,4 Prozent für eine Bewerbung gestimmt hatten. Es wären die zweiten Olympischen Spiele in München nach 1972. Im vergangenen April stimmten auch alle siebzehn beteiligten Städte in Nordrhein-Westfalen ab und sprachen sich einheitlich für eine Bewerbung aus. Köln führt die Rhein-Ruhr-Bewerbung als «Leading City» an, beteiligt sind weitere Grossstädte wie Düsseldorf oder Essen.In Berlin war das Verfahren ein anderes. Statt einen Volksentscheid durchzuführen, stimmte das Landesparlament für die Olympiabewerbung. Die Gegner haben jedoch bereits angekündigt, einen Volksentscheid erzwingen zu wollen, der 2027 durchgeführt werden könnte. Sollte Berlin im Herbst also zum deutschen Kandidaten gekürt werden, könnte es zu der Situation kommen, dass die Bevölkerung die Bewerbung nachträglich noch ablehnt. Wie es danach weitergehen würde, ist unklar. Es wäre ein für den DOSB unerfreuliches Szenario und könnte dazu führen, dass er sicherheitshalber auf München oder Rhein-Ruhr setzt.Das Video zeigt, wie die Olympischen Sommerspiele in Hamburg hätten aussehen sollen. Doch daraus wird nun nichts.Welche Region letztlich den Zuschlag erhält, hängt von verschiedenen Bewertungskriterien ab, die der DOSB entwickelt hat. Dazu zählen etwa «internationale Wettbewerbsfähigkeit und nationale Akzeptanz», die «sportfachliche und operative Eignung» oder «Kosten und Finanzierung». Laut dem DOSB kann eine Bewerbung nur «erfolgreich sein, wenn Deutschland jederzeit geschlossen und mit einer Stimme auftritt».Dies war in der Vergangenheit jedoch selten der Fall. Kritiker bemängeln vor allem die entstehenden Kosten in Milliardenhöhe, die in Teilen mit öffentlichen Mitteln getragen werden. Sie argumentieren, dass dieses Geld stattdessen etwa in Bildung, Wohnungsbau oder den Klimaschutz investiert werden könnte. Hinzu kommt die Befürchtung, es könnten jahrelange Baustellen entstehen, die die Lebensqualität einschränkten. Manche sehen auch die Rolle des Internationalen Olympischen Komitees (IOK) kritisch, das immer wieder unter Korruptionsverdacht steht.Unterstützer halten dagegen, dass Olympia die internationale Bekanntheit einer Region stärke und den Tourismus ankurble. Zudem könne das olympische Dorf, in dem die Athletinnen und Athleten leben, anschliessend für günstigen Wohnraum genutzt werden. Auch würden im Zuge der Vorbereitungen sanierungsbedürftige Sportstätten oder die generelle Infrastruktur modernisiert, wovon die Allgemeinheit langfristig profitiere.Auf derartige Vorteile verweist auch Holger Preuss, der Professor für Sportökonomie und Sportsoziologie an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz ist. Bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris war er Präsident des Beratungskomitees für die wirtschaftlichen und sozialen Folgen. Preuss sagt: «Die ökonomischen Auswirkungen werden sehr positiv sein, und die austragende Region wird keine zu hohen Kosten haben.»Hinter den Bewerbungen um die Olympischen Spiele stehen verschiedene Interessen von Parteien und Ministerpräsidenten.Halil Sagirkaya / ImagoDie Region, für die sich die Verantwortlichen am 26. September aussprechen, wird sich gemeinsam mit dem DOSB beim IOK um eine Austragung bewerben. Ob Deutschland dann – in Konkurrenz mit internationalen Bewerberregionen – den Zuschlag für die Spiele erhält, dürfte sich frühestens 2027 entscheiden.Sicher ist: Deutschland hat internationale Konkurrenz. Laut dem IOK gibt es allein für das Jahr 2036 eine «zweistellige» Zahl von Interessenten, darunter Indien oder Katar. Auch der Experte Preuss verweist darauf, dass der internationale Wettbewerb zwar stark sei. Dennoch stuft er Deutschlands Chancen, den Zuschlag zu erhalten, als «recht hoch» ein, unabhängig von der Region. Grund dafür sei die politische und finanzielle Sicherheit in Deutschland.Da Olympia 2028 in Los Angeles und 2032 in Brisbane stattfindet, wäre im Jahr 2036 zudem wieder Europa am Zug. Preuss sagt daher: «Nach über fünfzig Jahren ohne Olympische Spiele besteht ein gutes Argument, diese mal wieder nach Deutschland zu vergeben.»Passend zum Artikel