Rein formal war die Sache noch nicht mal vorbei. In manchen Wahllokalen in Altona, Eimsbüttel oder Wandsbek waren die Helfer noch fleißig dabei, die Stimmen auszuzählen, doch um kurz vor 20 Uhr erklärte der Landeswahlleiter die Sache für entschieden. Zu eindeutig war die Tendenz bei der Auszählung, und das Ergebnis lautete: Hamburg sagt Nein zu einer Bewerbung um Olympische Spiele fürs Jahr 2036, 2040 oder 2044.Rund 50 Prozent der 1,3 Millionen stimmberechtigten Hamburger beteiligten sich an der Wahl – und rund 55 Prozent von ihnen entschieden sich gegen eine Kandidatur. Damit beschränkt sich der Wettkampf um den Status als nationaler Olympia-Bewerber künftig auf drei Kandidaten: Berlin, München sowie die Region Rhein/Ruhr mit Köln als Frontstadt. Die Wahl soll auf einer außerordentlichen Mitgliederversammlung des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) Ende September fallen.Deutsche Olympiabewerbung:Die Vision ist vage – und viele Fragen sind offenAls letzte Region lässt Hamburg seine Bürger über eine Olympiabewerbung abstimmen. Die Befürworter preisen die angeblichen Vorteile – doch vor allem das geplante Olympiastadion zeigt, wie vage das Konzept ist.Das Ergebnis in Hamburg war in erster Linie eine herbe Niederlage für die Olympia-Befürworter in Hamburg und die rot-grüne Landesregierung um den Ersten Bürgermeister Peter Tschentscher, die sich an die Spitze der Kampagne gesetzt hatte. „Viele Bürgerinnen und Bürger, die sich auf die Spiele gefreut haben, sind über das Ergebnis des Referendums enttäuscht. Auch ich bedaure das Votum sehr, bedanke mich aber bei allen, die das Ziel, die Spiele nach Hamburg zu holen, unterstützt haben“, sagte Tschentscher.Die Enttäuschung dürfte auch deswegen so groß gewesen, weil es bereits das zweite Hamburger Nein bei einem Referendum binnen zehn Jahren gewesen ist. Im November 2015 war eine Kandidatur der Hansestadt für die Sommerspiele 2024 gescheitert, damals mit 51,6 Prozent Gegenstimmen erheblich knapper als jetzt. Damals hatten neben der allgemeinen Ablehnung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) und seiner oft fragwürdigen Machenschaften nicht zuletzt die angeblich unklaren Zusagen des Bundes bei der Finanzierung als Erklärung gegolten.Hamburg hat kein Olympiastadion. Aber angeblich wollte es oder so eines bauenDie Politik wie auch der DOSB beteuerten zuletzt zwar, dass das diesmal anders sei – viele Hamburger waren von diesen Ausführungen aber offenkundig nicht überzeugt. Die Hamburger „Nolympia“-Fraktion monierte zuletzt ausdauernd, dass in den offiziellen Darstellungen große Etatposten wie jener für die Sicherheit noch gar nicht konkret beziffert seien – und dass es mit den Zusagen des Bundes doch nicht so eindeutig sei wie suggeriert. Und dann war da besonders die Sache mit dem Olympiastadion: Weil die Stadt Hamburg über keines verfügt, hätte für die Spiele eines errichtet werden müssen. Doch die Verantwortlichen argumentierten, dass dies gar nicht unter die Olympia-Kosten falle, weil man dieses Stadion doch eh für den Hamburger SV benötige.Zugleich bedeutet dieses Hamburger Ergebnis aber auch einen Dämpfer für die generelle Olympia-Erzählung des DOSB. Nach sieben aus sehr unterschiedlichen Gründen gescheiterten Anläufen hatte dieser vor drei Jahren einen neuen Versuch aufgegleist. Er steuert eine Bewerbung für 2036, 2040 oder 2044 an – auch wenn die internationalen Chancen für einen Zuschlag übersichtlich sind, vor allem für 2036. Dabei hat er zuletzt gerne argumentiert, dass es in Deutschland inzwischen generell eine sehr viel bessere Stimmung gegenüber Olympia und dem IOC gebe als noch in den Zehnerjahren. Die Ergebnisse der Referenden von München (66,4 Prozent) und Rhein/Ruhr (66,0 Prozent) verkaufte der DOSB gerne als Wandel.Der DOSB empfindet das Ergebnis als „ein bisschen frustrierend“, aber sonst nicht weiter störendNun zeigt sich, dass das in der Gesamtheit in Deutschland nicht zutrifft. Zumal die Quoten bei den beiden vorangegangen Referenden insbesondere auch deshalb zustande kamen, weil die Münchner Macher einen Trick ausheckten, den ihre nordrhein-westfälischen Rivalen dann gerne kopierten: Sie schickten mit dem Informationsschreiben für die Briefwahl gleich den Stimmzettel mit – damit senkten sie die Hürde für eine Teilnahme und steigerten die Chance auf ein Ja enorm.Formal ist eine Bewerbung zwar Sache der konkreten Region beziehungsweise Stadt, die ausgewählt wird. Aber ein olympisches Großprojekt beträfe ja ganz Deutschland und auch den Bundeshaushalt. Aufgrund der Erfahrungen der Sommerspiele von Paris 2024 und anderen olympischen Austragungen muss man davon ausgehen, dass die Kosten insgesamt in einem zweistelligen Milliardenbereich landen (erst recht unter Berücksichtigung einer Inflationsentwicklung bis 2036/2040/2044): für die Sicherheit und auch für Infrastrukturprojekte, die der DOSB gerne aus seinen Olympia-Rechnungen raushält.Der DOSB versuchte in einer ersten Reaktion, das Ergebnis vom Sonntagabend herunterzuspielen. Es sei „ein bisschen frustrierend“ nach den positiven Ergebnissen, dass Hamburg Nein gesagt habe, sagte der DOSB-Vorstandsvorsitzende Otto Fricke: „Aber das gehört dazu. Das ist auch Teil unseres transparenten Verfahrens.“ Zugleich sei das Ergebnis auch ein Beweis dafür, dass es der richtige Weg gewesen sei, „den Bewerbern erst die Möglichkeit zu Referenden und anderen Beteiligungsformaten zu geben, bevor eine demokratische Entscheidung über den deutschen Bewerber getroffen wird“.Für Berlin ist das Hamburger Ergebnis kein guter FingerzeigGanz besonders zu denken geben dürfte dieses Resultat nun der Berliner Bewerbung. Dort gab es bisher nämlich gar kein Referendum, sondern lediglich einen Beschluss des Abgeordnetenhauses als politische Rückendeckung. Möglicherweise gelingt es den Gegnern einer Olympia-Bewerbung allerdings noch, einen Volksentscheid im Jahr 2027 anzustoßen – also nach der offiziellen Wahl des deutschen Olympia-Kandidaten durch den DOSB im September.Dieses Risiko galt schon immer als ein gewaltiger Malus für die Berliner Bewerbung, zumal nach den generellen Umfragen die Olympia-Skepsis in der Bundeshauptstadt generell mit am größten eingeschätzt wird. Nun aber zeigt das Beispiel von Hamburg noch einmal eindrücklich, wie schnell ein Nein passieren kann – und dass die viel beschworene neue Olympia-Begeisterung nicht so flächendeckend verbreitet ist. Da stellt sich dann umso mehr die Frage, ob die abstimmungsberechtigten Mitglieder des DOSB im September just Berlin auswählen, und damit die Gefahr eingehen, im nächsten Jahr sogar ohne Olympia-Kandidaten dazustehen.