Am 31. Mai entscheiden die Hamburgerinnen und Hamburger in einem Referendum darüber, ob die Bewerbung um Olympische und Paralympische Sommerspiele weiterverfolgt wird. Die Stadt ist plakatiert mit aufmunternden Slogans, emotionalen Bildern und hanseatischen Testimonials. Die letzten Umfragen sagen ein enges Ergebnis voraus, zum zweiten Mal nach 2015 droht der Stadt eine Absage ihrer Bürgerinnen und Bürger an das größtmögliche Sportereignis.Ich selbst war als Torhüterin bei Olympischen Spielen und natürlich unzählige Male als Zuschauerin dabei, mindestens elektrisiert vor dem Fernsehgerät. Olympische Spiele sind etwas, das die Menschen noch immer auf eine besondere Weise verbindet. Ein Sportfest, das keine verschiedenen Fanlager und keine Debatten über Allüren oder Gehälter der Protagonisten kennt. Alle zwei Jahre sind die Menschen vereint in der uneingeschränkten Bewunderung für Athleten, deren Geschichte und den einen, einzigartigen Wettkampfmoment.Momente für die Ewigkeit außerhalb des eigenen PartikularraumsIn wenigen Tagen wissen wir, wie Hamburg abgestimmt hat. Die Debatte der vergangenen Wochen war geprägt von rationalen Argumenten. Kosten, Nutzen, Risiken und Chancen für die Stadt und ihre Bürgerinnen und Bürger wurden sauber aufgelistet, gegenübergestellt und abgewogen, Zukunftsentwürfe gezeichnet und leuchtend bemalt.Katja Kraus, ehemalige Torhüterin und Funktionärin, ist Geschäftsführerin der Agentur Jung von Matt Sports und Mitbegründerin der Initiative „Fußball kann mehr“.Picture AllianceDoch diese Anstrengung ist vor allem Ausdruck eines Misstrauens, das die Initiatoren der Bewerbung vorwegnehmen. Alle möglichen Einwände sind im Konzept mitgedacht, in die Kommunikation eingeschliffen. Ganz sicher haben Sportfunktionäre und Verbände in den vergangenen Jahren das Vertrauen der Menschen verspielt, indem der Sport nicht zuerst den Sportlerinnen und Sportlern und all den begeisterten Zuschauern gehörte, sondern intransparente Interessen bediente.Darüber verloren gegangen ist der Wunsch, unvergleichliche Erlebnisse zu schaffen und uns gemeinsam daran zu erfreuen. Momente für die Ewigkeit, die wir nicht in unserem Partikularraum empfinden, sondern mit vielen Menschen teilen.Trauen wir uns noch zu, gemeinsam etwas Großes zu wollen?Denn wenn wir Zweifel und Misstrauen zu unserer Grundhaltung machen, berauben wir uns der Chance, gemeinsam etwas zu erleben, was uns wieder miteinander verbindet. Wann haben wir zuletzt gemeinsam so richtig gute Laune gehabt? Wann haben wir zuletzt etwas gewollt, einfach weil es schön wäre? Wann haben wir zuletzt mit Blick auf Deutschland gesagt: „Komm, lass uns etwas Großes versuchen, weil wir wissen, dass wir es können“?Sport ist einer der letzten Räume, in denen wir uns noch erlauben, uns anstecken zu lassen von etwas, was spielerisch ist, was letztlich niemandem nutzt. Wo wir Mitgefühl für Sportler empfinden, die wir davor noch nicht kannten. Wo wir jubeln, leiden und staunen, ohne zu hinterfragen, ob das rational begründet ist. Wo die Menschen im Stadion im selben Moment aufspringen, Menschen, die sich nie begegnet sind, gleichzeitig den Atem anhalten.Die Bürger haben die Wahl: Abstimmungsunterlagen zum Olympia-Referendum in HamburgdpaOlympische Spiele schaffen diesen Raum in seiner ursprünglichsten Form. Weil sie Sportlerinnen und Sportler sichtbar machen, die jahrelang unsichtbar trainiert haben. Weil sie eine Stadt und ein ganzes Land zum Gastgeber machen und uns damit die Möglichkeit geben, unsere beste Seite aus dem Gedächtnis zu holen. Und weil in diesen Wochen etwas entsteht, das sich nicht planen und nicht verordnen lässt: Menschen freuen sich miteinander. An Leistung, an Willen, an Medaillen oder an der schlichten Tatsache, dass jemand alles gegeben hat.Vielleicht der erste Schritt, wieder zu vertrauenDass wir die Initiatoren und Organisatoren in ihren Argumenten hinterfragen, ist nachvollziehbar. Der Nutzen Olympischer Spiele ließ sich auch in der Vergangenheit nicht in konkreten Zahlen ausdrücken. Für jede Betrachtung gibt es eine Studie, die ebendiese belegt. Was sich allerdings nicht messen lässt, ist die Bedeutung, die es hat, gerade in dieser Zeit etwas zu befürworten, was uns alle zusammenbringt. Und vielleicht ist der erste Schritt, uns selbst wieder Gutes zu tun, wieder zu vertrauen.Nicht nur den Influencern, denen wir bereitwillig folgen und deren Produkte wir kaufen. Sondern Menschen, die versuchen, etwas zu gestalten, was größer ist, als wir uns vorstellen können. Die dabei Fehler machen und häufig verzagen, auch deshalb, weil unser Misstrauen ihren Handlungsrahmen so eng macht.Wer Misstrauen wählt, entscheidet sich gegen FreudeUnser wichtigstes Selbstverortungsprojekt, die Fußball-Weltmeisterschaft 2006, wäre ohne den Botschafter Franz Beckenbauer nicht denkbar gewesen. Er hatte eine Vision, und viele haben sich von ihr tragen lassen; aus einem Turnier wurde für Millionen das „Sommermärchen“, das das Bild Deutschlands in der Welt veränderte. Dass diese Erzählung später Risse bekam, gehört zur Wahrheit. Umso mehr fehlt uns heute das Vertrauen in Persönlichkeiten, die uns Mut machen und und deren Glaubwürdigkeit uns überzeugt. Ich glaube nicht, dass es sie nicht mehr gibt. Ich fürchte nur, dass wir sie kaum noch sein lassen.Hamburg ist eine der wohlhabendsten, lebenswertesten Städte Deutschlands: weltoffen per Selbstverständnis, stolz auf ihre Tradition als Hansestadt, die mit allen Weltmeeren verbunden ist. München hat Ja zu Olympia gesagt, Rhein/Ruhr hat Ja gesagt, Kiel hat Ja gesagt – überall wurde vorher gebangt, und überall fiel das Votum am Ende recht klar aus. Ausgerechnet in Hamburg, wo die Zufriedenheit so hoch ist, ist die Skepsis am größten.Doch Dabeisein ist nicht naiv. Es ist eine Entscheidung. Wir reden viel über die Zukunft in diesem Land. Über Aufbruch, über Mut, über die Notwendigkeit, Dinge anders zu machen. Wir beklagen die Verdrossenheit, die Schwere, das kollektive Grau. Und dann, wenn wir konkret entscheiden könnten, wenn ein Stimmzettel auf dem Tisch liegt, der genau diese Frage stellt, entscheiden sich viele für das Nein und wählen keine Freude, nicht die Chance, nicht die freundliche Stimmung, aus der etwas entstehen kann. Misstrauen schützt uns womöglich vor Enttäuschung – aber es schützt uns auch vor Freude, Zuversicht und vor Gemeinsamkeit.
Hamburger Olympia-Referendum: Warum wollen wir keine schönen Momente mehr?
In der Debatte um eine Hamburger Olympia-Bewerbung dominieren rationale Argumente. Dabei droht aus dem Blick zu geraten, was solche Großereignisse ausmacht: seltene Momente, die Menschen verbinden.











