PfadnavigationHomeRegionalesHamburgGescheitertes Referendum„Vertane historische Chance“ – wie Hamburgs Olympia-Bewerbung kläglich die Elbe runtergingStand: 17:01 UhrLesedauer: 6 MinutenHamburgs Bürger lehnen eine Olympia-Bewerbung erneut ab. Rund 55 Prozent stimmten gegen die Austragung der Sommerspiele.Mehrere Millionen Euro für den Wahlkampf, Udo Lindenberg an den Laternenmasten, der Bürgermeister auf jedem Podium – und trotzdem: Hamburg sagt zum zweiten Mal Nein zu Olympia. Die Stadt, die sich gern als Tor zur Welt bezeichnet, will die Welt offenbar lieber draußen lassen.Am Ende kam noch Udo Lindenberg, Ehrenbürger Hamburgs und gerade 80 Jahre alt geworden, an die Laternenmasten: „Cooles Ding“ lautete der ihm zugeschriebene Slogan als Fürsprecher einer Hamburger Bewerbung für die Ausrichtung Olympischer Sommerspiele. Auch viele Prominente der Stadt, dazu Sportler, Feuerwehrleute oder Schulkinder zeigten sich auf den Plakaten, die Teil einer sehr umfangreichen Werbekampagne der städtischen Bewerbungsinitiatoren wurden. Mehrere Millionen Euro wurden für die Kampagne ausgegeben, der Erste Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) engagierte sich auf vielen Veranstaltungen, die Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank (Grüne) probierte sich Instagram-tauglich in allerlei olympischen Sportarten aus. Eine große Zahl wichtiger Verbände und Institutionen aus Wirtschaft und Gesellschaft bekannte sich zu der Bewerbung. Genutzt hat es: nichts.Lesen Sie auchWie schon beim ersten Bewerbungsversuch vor elf Jahren sind die Hamburger einfach mehrheitlich nicht für die olympische Idee zu begeistern, zumindest dann nicht, wenn diese in ihrem Stadtstaat ausgelebt werden soll. Die Ablehnung fiel dieses Mal mit rund 55 Prozent Nein-Stimmen sogar noch weit deutlicher aus als 2015, als das Rennen denkbar knapp verloren ging. Dieses Mal entschwand mit jedem ausgezählten Stimmbezirk der Prozentbalken der Olympia-Gegner dem der Befürworter noch weiter, das Ergebnis stand denkbar früh fest. So gab es das Vorlauf-Aus gerade für jene Stadt, deren Regierung die eigenen Olympiachancen für besser hielt als die der anderen deutschen Bewerberregionen Berlin, München und NRW. Doch wenn im Herbst der Deutsche Olympische Sportbund in die Endauswahl für den deutschen Bewerber gehen wird, sitzt Hamburg nur vor dem Fernseher.Eine gewisse Form der SchizophrenieMan kann nun der rot-grünen Regierung nicht vorwerfen, dass das Konzept unschlüssig gewesen wäre – im Gegenteil –, die Finanzierung allzu risikoreich oder das Engagement für die Sache – siehe oben – zu gering. Die Lage an der Elbe ist vielmehr seit Jahren von einer gewissen Schizophrenie geprägt: Einerseits werden SPD und Grüne immer wieder mit recht komfortablen Mehrheiten in die Regierungsverantwortung gewählt. Andererseits haben ihre eigenen zur Abstimmung gestellten Einzelvorhaben keine Mehrheiten, während die von außen angestoßenen Volksentscheide – zuletzt etwa zum Vorziehen der Klimaziele um fünf Jahre – sehr hohe Siegchancen haben. Ein Checks and Balances norddeutscher Prägung, das das Regieren nicht leichter macht. Und Großvorhaben wie eine Olympia-Bewerbung werden verunmöglicht, denn wenn etwas zu sehr als Elitenprojekt angesehen wird, kommt gerade die Linke in Lagerfeuerstimmung – man versammelt sich noch einmal. Die Partei selbst erlebt zwar selten Höhenflüge in Hamburg, aber es gibt ein von ihr unabhängiges, großes linkes Lager, das sich leicht mobilisieren lässt. Dass große Infrastrukturvorhaben mit einer Olympiaaustragung im Rücken einfacher umzusetzen wären, dass die Stadt in der Folge internationale Investoren und auch Touristen anziehen könnte, dass das vielleicht mit Blick auf eine schwierige wirtschaftliche Gesamtentwicklung wirtschaftlich ziemlich wichtig wäre – das alles wird ja gerade nicht gewollt. Zwar hat man kein eigenes wirtschaftlich belastbares Zukunftskonzept. Aber die Einigkeit darüber, was nicht gewollt wird, hilft bei der Rudelbildung.Darum lief das Olympiarad nicht rundDamit allein ist die deutliche Niederlage allerdings nicht zu erklären, es gibt einige weitere Stöcke im großen Olympiarad. Da sind jene Bezirke, die sich chronisch abgehängt fühlen wie Harburg und Bergedorf, die sich kaum mehr als Teil einer ganzheitlichen Stadtentwicklung sehen. Hinzu kommen viele, denen die baulichen Misserfolge der vergangenen Jahrzehnte noch präsent sind, die Elbphilharmonie ist hier nur das bekannteste Beispiel. Wieder andere glauben, dass gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten diese Art Investitionen nur Fehlanreize setze und am Ende dazu führen könnte, dass das Wohnen und das sonstige Leben noch teurer werden, sollte das IOC für ein paar Wochen die Stadt übernehmen. Das Misstrauen in die Handelnden und in ihre Motive ließ sich anders als in den anderen Bewerberregionen nicht mehr tilgen. Mit einfachsten Aussagen konnten die Gegner in diesem Umfeld punkten.Lesen Sie auchUnd am Ende ist Hamburg eben längst nicht mehr das Tor zur Welt, als das es sich gern sieht. Die sechstgrößte Stadt der EU ist in ihren Strukturen weit weniger international, als es die Selbstbehauptung suggeriert. Und sie ist auch nicht die kraftvolle Stadtgemeinschaft, die an einem gemeinsamen Strang zieht, wenn es um die Wurst geht. Vielmehr fiel schon im Bewerbungsprozess auf, wie sehr Partikularinteressen eine Rolle spielten. Eine Polizeigewerkschaft etwa riet den Hamburger Polizisten zu einem Nein, weil aktuelle Tarifforderungen nicht erfüllt wurden. Der Denkmalverein sorgte sich um die Bauten an der Binnenalster während einer möglichen Eröffnungsfeier. Und insbesondere viele Ältere, die der Jugend kaputte Sozialsysteme und ein Klimadesaster hinterlassen, stimmten überproportional mit Nein – so, als müssten ausgerechnet sie, die die Spiele in den Jahren 2040 oder 2044 nur noch mit Fortune erreichen würden, als Beschützer späterer Generationen auftreten.Die geliebte InselstellungHelmut Schmidt, der berühmteste Sohn der Stadt, hatte Hamburg einmal als „schlafende Schöne“ bezeichnet. Angesichts eines florierenden Hafens, einer wertschöpfenden Industrie und eines regen Handels konnte man sich mit dieser besonderen Inselstellung in Deutschland ganz gut arrangieren. Was haben doch alle anderen zu kämpfen! Dass sich das in den nächsten Jahrzehnten zuungunsten Hamburgs verändern dürfte und dass deswegen jede Investition und vor allem jedes attraktive gemeinsame Ziel auch für Hamburg von großer Bedeutung sein dürfte – diese leider gut belegbaren Aussichten reichten bei diesem Referendum nicht für ein Erweckungserlebnis.All jene, die es sich anders gewünscht hatten, versammelten sich am Sonntagabend in der Hamburger Handelskammer. Eigentlich sollte hier gefeiert werden, so aber war die Enttäuschung greifbar. Recht zügig konnten die Stehtische wieder abgebaut werden. Das Wahlvolk war weder den Appellen der Wirtschaft noch denen von großen Teilen der Politik gefolgt, wieder einmal. Die Linken jubelten in einem Sitzungssaal im Rathaus und forderten schnell Konsequenzen im Senat, die Afd Tschentschers Rücktritt. CDU-Oppositionsführer Dennis Thering sprach von einer „vertanen historischen Chance“. Der vom Senat beauftragte Olympia-Organisator Stephan Rülke konnte sich nur noch bei den vielen Freiwilligen bedanken. Er war von außen in eine Stadt der Verzagtheit gekommen, deren Ruf doch so ein anderer war. Noch vor 21 Uhr äußerte sich Bürgermeister Peter Tschentscher im Rathaus, es war kein einfacher Gang. Er hatte schon vorher gesagt, dass es sich hier um eine zwar wichtige Abstimmung handele, aber eben in einer Sachfrage – im Grunde also, dass es nicht um seine Regierung oder gar um ihn geht. Jetzt kündigte er an, die Bewerbung Hamburgs zurückzuziehen, wenngleich es richtig gewesen sei, die Kandidatur zur Abstimmung zu stellen. Es gehe jetzt darum, auch ohne die Chance auf ein Austragen der Spiele die großen Infrastrukturvorhaben umzusetzen. Gestärkt hat Tschentscher dieser olympische Absturz sicher nicht. Kein „cooles Ding“ für den bekennenden Lindenberg-Fan.