Ein Fussballklub gehört nicht allein den Eigentümern. Die gescheiterten Umstürzler in St. Gallen sind nicht die Ersten, die das nicht begriffen haben.31.05.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenJubel am Cup-Final, später Aufregung über die Machtspiele im Verein: Fans des FC St. Gallen.Lara Tissières / ImagoAls Matthias Hüppi am Mittwoch den gescheiterten Umsturzversuch im FC St. Gallen verkündete, zeigte er auf ein Booklet mit der Aufschrift: «Ein Wir, das bleibt.» Der populäre Präsident betonte damit die starke Verankerung der bisherigen Führungscrew in der lokalen Bevölkerung. Derweil die Kräfte im Aktionariat, die in den letzten Wochen Umbaupläne und eine Neubesetzung des Verwaltungsrats forciert hatten, ihre Lage falsch eingeschätzt haben.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Sie haben nicht begriffen, was ein Fussballklub immer auch ist: eine öffentlich verhandelte Institution, eine Herzensangelegenheit der Fans und der Bevölkerung, die ihn tragen. Und: Die Vox Populi hat Gewicht, sie verleiht Legitimität, auch wenn sie bisweilen überborden kann. Wann wird aus Passion unkontrollierte Aufwiegelei? Geld ermöglicht dagegen höchstens Macht. Hüppi machte sich nicht das Geld, aber das Volk zunutze – und verhinderte so den Umsturz.Indem er den internen Machtkampf in einem Interview an die Öffentlichkeit trug, setzte Hüppi – ob absichtlich oder nicht – die Grossaktionäre hinter den Umbauplänen unter Zugzwang. Schnell regte sich öffentlicher Widerstand; Sponsoren, Fans, Spieler, Stadt- und Regierungsrat erhöhten den Druck. Bis dieser für die unbeliebten Aktionäre zu gross wurde, sie ihre Anteile verkauften und ihren Vertreter aus dem Verwaltungsrat zurückzogen.Die gescheiterten Umstürzler in St. Gallen sind aber nicht die einzigen Klubbesitzer im Schweizer Fussball, die in ihrer Rechnung die Macht des Volkes zu wenig berücksichtigt haben.David Degen inszeniert sich als VolkstribunBernhard Burgener hat als Unternehmer etliche Auseinandersetzungen zu seinen Gunsten entschieden, als Präsident des FC Basel scheiterte er aber. Und zwar nicht, weil sich während seiner Regentschaft zwischen 2017 und 2021 ausgerechnet der Erzrivale YB zum Serienmeister aufschwang. Die temporäre Titelflaute hätte man Burgener in Basel womöglich verziehen. Er verlor die Gunst der Fans, weil er sich nach Niederlagen gar nicht erst um den Eindruck bemühte, gemeinsam mit ihnen zu leiden. Lieber sprach er über Eigenkapitalquoten und transitorische Passiven. Als sei der von den Bürgern der Stadt so innig geliebte FCB nur noch ein austauschbares Finanzvehikel.Als sich David Degen daranmachte, Burgener abzulösen, hatte er leichtes Spiel. Der frühere Fussballer inszenierte sich bauernschlau als nahbarer Volkstribun, und schon hatte er so gut wie gewonnen. «Den FC Basel besitzt man nicht», sagte Degen in einem Interview mit der «Basler Zeitung». «Der FC Basel gehört den Fans.» Er schickte Burgener auch eines seiner alten Trikots und schrieb dazu: «Ich habe für den Klub in diesem Shirt Blut und Schweiss geschwitzt und grosse Erfolge gefeiert.»Degen hatte keine Qualifikationen vorzuweisen, die vermuten lassen konnten, dass er als Präsident ebenso erfolgreich sein werde wie als Spieler. Dennoch sehnten die Fans seinen Einstieg herbei und verliehen ihm geradezu den Status eines Heilsbringers. Im scharfen Kontrast dazu stand ihr Umgang mit Burgener: Bei einer Demonstration wurde eine Stoffpuppe verbrannt, die ihm ähnelte, und vor der Geschäftsstelle platzierte jemand einen abgetrennten Schweinskopf. Am Ende des hitzigen Frühlings 2021 gab Burgener auf, Degen erhielt dessen Aktienmehrheit.Bernhard Alpstaeg bekämpft den FCL durch alle InstanzenMit einem ungleich zäheren Gegenspieler sieht sich seit Jahren der FC Luzern konfrontiert: Bernhard Alpstaeg. Der Unternehmer war mit 52 Prozent Mehrheitsaktionär, doch seit 2022 befindet er sich mit dem FCL in einem verfahrenen Rechtsstreit. Der hemdsärmlige Patron gab dem «Sonntags-Blick» damals ein Interview, in dem er über die Klubführung wetterte. Spätestens als er kurz danach auch noch versuchte, den gesamten Verwaltungsrat «abzuberufen», war ihm der Zorn des Volkes gewiss. Die Fans lancierten die Bewegung «Zäme meh als 52%» und forderten Alpstaeg zum Verkauf seiner Aktien auf.Der VR kam seiner Abwahl zuvor, indem er Alpstaeg Ende 2022 an einer GV kurzerhand 25 Prozent seiner Anteile aus dem Aktienbuch strich. War Alpstaegs Entmachtung rechtens? Diese Frage beschäftigt seither die Gerichte. Fans und der Klub haben ihr Urteil indes längst gesprochen: Der Financier ist zum Feind geworden. Weil er zwar jahrelang einige Rechnungen bezahlt, aber eben auch am Volk vorbei kalkuliert hat.Zur Wahrheit gehört jedoch auch, dass Alpstaeg an der besagten GV vorgeführt wurde. Irgendwann soll er im Luzerner Schützenhaus allein auf einem Stuhl gesessen und gesagt haben: «So kann man nicht mit mir umgehen.» Die Kränkung hat Alpstaeg nicht verwunden, sie erklärt, weshalb der 80-Jährige den FCL unerbittlich weiter bekämpft.Niedermaiers Entlassung kostete YB mutmasslich MillionenMit emotionalen Schäden kennen sich auch die Young Boys aus. Im Jahr 2010 war die Stimmung in Bern gut, trotz verspielter Meisterschaft im Saisonfinish. Dennoch kam es danach zu einer Erschütterung, die noch jahrelang auf YB lasten sollte. Der im Volk beliebte CEO Stefan Niedermaier, eine gewinnende Person, die das Netzwerken beherrscht, wurde vor den zwei Champions-League-Qualifikationsspielen gegen Tottenham entlassen. Er verlor den Machtkampf gegen Benno Oertig, der damals YB-Mitbesitzer war.Nach dem 3:2 im Hinspiel flog Oertig mit dem Team nach London, setzte die Sonnenbrille auf und posierte am Flughafen als neuer Zampano. Das Problem des Zürchers: Er genoss zwar den Rückhalt der Mehrheitsaktionärin, also der Familie Rihs, nicht aber denjenigen in Bern. Das Rückspiel endete 0:4. Ein Erfolg hätte den Volksärger möglicherweise etwas gelindert.Der Züri-West-Leader Kuno Lauener blieb dem Wankdorf-Stadion nach dem Abgang Niedermaiers lange fern, auch andere Sympathisanten wandten sich ab, der YB-Beirat, der für Verankerung stand, löste sich stufenweise in Luft auf. Der Bruch mit Niedermaier fügte YB emotionalen Schaden zu, der erst 2016 mit dem Eintritt Christoph Spychers behoben wurde. Die Brüder Rihs kostete der im Rückblick verhängnisvolle Personalwechsel mutmasslich Millionen.Bei GC gehört die Verachtung der Besitzer zur Fan-FolkloreIn Zürich schiessen seit 2024 die amerikanischen GC-Besitzer vom Los Angeles FC Millionen ein. Aber dafür schlägt ihnen vom Fan-Volk bloss Verachtung entgegen. Vor wenigen Wochen prangte im Letzigrund die Botschaft «Fuck off LAFC!». Zwar gehört die Unzufriedenheit des Publikums zur GC-Folklore, wenn wie fast immer im Frühling der Abstieg droht. Doch diesmal war etwas anders: Die Besitzer liessen verlauten, sie seien offen für einen Verkauf oder eine Beteiligung durch Investoren. «Beteiligung» oder «Übernahme» bedeutet bei GC, für das jährlich hohe Defizit um die 15 Millionen Franken geradezustehen.Wem GC gehört, interessiert das schwindende Publikum schon länger nur, wenn es einen Adressaten braucht für den sportlichen Kriechgang. Dabei wäre die Lösung einfach: Erfolg. Doch der kostet viel Geld. So viel, wie es der LAFC offenbar nicht aufbringen mag.Die Schlaglichter auf die Machtkämpfe von Basel bis St. Gallen zeigen es: Wer in der Schweiz einen Fussballklub besitzen oder führen will, kann das nicht ohne den Segen des Volkes tun. Denn die Fans sind hierzulande meist die Haupteinnahmequellen der Vereine, weshalb die Abhängigkeit von ihnen gross ist. Keiner hat das besser verstanden als Matthias Hüppi. Nach dem gescheiterten Putsch ist die Macht des virtuosen Volkstribuns im FC St. Gallen so gefestigt wie nie.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel