St. Gallen tritt im Cup-Final auch gegen seinen Minderwertigkeitskomplex anEine nur scheinbar fussballerische Betrachtung.23.05.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenHeimspiele des FC St. Gallen haben sich in der Ostschweiz zum gesellschaftlichen Event entwickelt. Regelmässig kommen 20 000 Zuschauerinnen und Zuschauer.Christian Merz / KeystoneIn den langen Listen der politischen Vorstösse in Bern etwas Lyrisches entdecken zu wollen, ist oft ein aussichtsloses Unterfangen. Oder lesen Sie in der «Umsetzung des Berichtes zur Evaluation der medizinischen Begutachtung in der IV» irgendetwas zwischen den Zeilen?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Im besten Fall aber transportiert ein Vorstoss ein Gefühl aus der Bevölkerung. Dass die neueste Motion zu den Weineinfuhren etwa aus der Westschweiz kommt, überrascht nicht. In der Sommersession wird auch eine Interpellation des Ausserrhoder FDP-Ständerates Andrea Caroni behandelt. Der Titel: «Verkehr ’45. Wo bleibt die Ostschweiz?»Vier Wörter reichen, um eine Ostschweizer Urempfindung zu versprachlichen. Eine Art Minderwertigkeitskomplex, den gerade Aussenstehende oft falsch deuten. Sie glauben, die Region leide noch immer unter dem Niedergang der Textilindustrie zu Beginn des 20. Jahrhunderts, und verweisen auf den angeblichen Direktzug nach Paris oder Träumereien von Olympischen Spielen, die es damals gab. Die Zuschreibung des Schweizer Theatermachers Milo Rau, wonach St. Gallen eine «verhinderte Weltstadt» sei, ist etliche Male zitiert worden.Doch die Menschen in der Ostschweiz wissen um ihre Grösse. Sie wollen nicht wachsen, sie wollen nur wahrgenommen werden. Vom Bundesrat, im «Sportpanorama» bei SRF, vom Rest der Schweiz.Der Fussball als KlammerIm früheren «Raumkonzept Schweiz» – eine Art gesamteidgenössisches Selbstbild – waren die Kantone St. Gallen, Thurgau sowie Appenzell Innerrhoden und Ausserrhoden Teil der «Nordostschweiz». Die Rede war von einem «klein- und mittelständisch geprägten» Raum, der «als Satellit von Zürich betrachtet werden» könne. 2022, als das Raumkonzept überarbeitet wurde, schrieb der Chefredaktor des «St. Galler Tagblatt» in einem Kommentar: «Ist die Ostschweiz bloss ein Hinterhof von Zürich? Zeigen wir, dass es nicht so ist.»Das funktionierte nur mässig. 2023 etwa scheiterte eine gemeinsame Ostschweizer Spitalplanung, weil der Thurgau ausstieg. Die Zusammenarbeit in der Ostschweiz kann schwierig sein, selbst innerhalb der einzelnen Kantone. Im Ringkanton St. Gallen verhindern die Parlamentarier aus den ländlichen Gemeinden gerade, dass in der Hauptstadt eine neue Kantonsbibliothek gebaut werden kann. Die Identität in der Ostschweiz ist vor allem eine lokale: Die Leute fühlen sich nicht als St. Galler oder Rheintaler. Sie sind Gossauer oder Marbacher.Auf eines aber können sich alle einigen: den FC St. Gallen, der sich unter dem Präsidenten Matthias Hüppi zu einem FC Ostschweiz entwickelt hat. Seit Hüppis Amtsantritt im Jahr 2018 beschwört er die «grün-weisse Welle». Einmal zierte eine Karte der Ostschweiz das grüne Trikot. Sie zog sich vom Bodensee bis zum Obersee, von Rorschach bis fast nach Rapperswil. Die Heimspiele sind regelmässig ausverkauft, 20 000 Zuschauer aus allen Ecken der Ostschweiz kommen ins Stadion.«Ici, c’est Saint-Gall»Der FC St. Gallen war in den vergangenen Jahren bekannt für seine spektakuläre Spielweise. Auf dem Platz griffen die Spieler hoch an und verwickelten die andere Mannschaft in ein aufwühlendes Hin und Her. Daneben, an der Seitenlinie, schrie und sprang der charismatische wie theatralische Trainer Peter Zeidler herum und provozierte damit die Gegner.Der Verwaltungsrat des Klubs hatte die Ausrichtung vorgegeben. Spektakelfussball als Beschluss der inoffiziellen Ostschweizer Regierung.Es war ein Fussball der Extreme: entweder furios gewinnen oder dramatisch untergehen. Als stünde der Klub mit dem Rücken zur Wand. Damit bot er gewissermassen eine Antwort auf den Ostschweizer Minderwertigkeitskomplex: Wir gegen den Rest der Schweiz. «Ici, c’est Saint-Gall», pflegte der frankofone Zeidler zu sagen. Hier ist St. Gallen. Der Klub vergewisserte sich seiner selbst. Weil es von aussen niemand tat?2020 war der FC St. Gallen drauf und dran, Schweizer Meister zu werden. Ende Februar stand er an der Tabellenspitze und war im Flow. Dann kam das Coronavirus und bremste das Team aus. Patricia Loher, die für das «St. Galler Tagblatt» über den Klub schreibt, fand in der NZZ Worte für das, was viele Ostschweizer damals fühlten: «Alle hundert Jahre gibt es eine Pandemie, alle hundert Jahre spielt der FC St. Gallen so stark, dass er Meister werden könnte – warum muss das zusammenfallen?»2021 und 2022 standen die St. Galler dann im Cup-Final. Aber sie verpassten den vierten Pokal in der Geschichte des 1879 gegründeten Fussballvereins. Kein Klub auf dem europäischen Festland ist älter. Der FC St. Gallen hat die Jahreszahl sogar in den offiziellen Vereinsnamen integrieren lassen, er heisst nun: FC St. Gallen 1879. Seht her, keiner ist älter!Vor dem Endspiel 2022 sprühten ein paar Fans einen FCSG-Schriftzug in den Rasen des Klosterplatzes. Die ganze Ostschweiz war emotional überdreht – und mit ihr die Mannschaft, die nicht furios gewann, sondern dramatisch unterging.Die grün-weisse Welle schwappt nach BernIn letzter Zeit lief es wieder besser für die Ostschweiz. Sie erwirkte beim Bund eine Aufwertung im «Raumkonzept Schweiz» und ist Zentrum des «internationalen Bodenseeraums», wo sie unter anderem mit einer «starken, innovativen Industrie» aufwartet.Im vergangenen November verkündeten die Kantone St. Gallen, Thurgau und Appenzell Ausserrhoden und Innerrhoden, die Spitalplanung nun doch gemeinsam anzugehen. Und dank der Hilfe des Thurgaus darf der Kanton St. Gallen sein Projekt «Wil West» bauen, das bis zu dreitausend neue Arbeitsplätze schaffen soll. Eine Zeitlang schien es sogar, als könne St. Gallen zwei Bundesräte stellen, wobei Markus Ritter schliesslich Martin Pfister unterlag.Auch der FC St. Gallen hat sich entwickelt. Er spielt jetzt pragmatischer. Weniger spektakulär zwar, aber dafür erfolgreicher. Diese Saison hat er vor den grossen Klubs aus Zürich, Basel und Bern auf Rang zwei abgeschlossen. An diesem Sonntag steht er wieder im Cup-Final in Bern. Die ganze Region ist seit Wochen fiebrig und nervös. Bis zu 20 000 Ostschweizer dürften zum Wankdorfstadion pilgern, unter ihnen auch viele Politikerinnen und Politiker. Hüppis grün-weisse Welle schwappt in die Bundesstadt.Wo bleibt die Ostschweiz? Hier kommt sie! Blöd nur: Ausserhalb der Ostschweiz interessiert’s kaum jemanden. Der Gegner nämlich heisst Lausanne-Ouchy, ein Zweitligist ohne Zuschauer.Passend zum Artikel
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Eine nur scheinbar fussballerische Betrachtung.









