KommentarSchwere Fehleinschätzung: Den Aktionären des FC St. Gallen war nicht bewusst, wie öffentlich Fussball verhandelt wirdPersonelle Zäsuren wirbeln im Fussball oft Staub auf. Im St. Galler Machtkampf befremdet, wie wenig die Besitzer den emotionalen Boden des Fussballs auf der Rechnung hatten – und wie wenig die Mobilisierungskraft des Klubpräsidenten Matthias Hüppi.28.05.2026, 17.20 Uhr3 LeseminutenSeit 2018 gibt sich der frühere und weitherum bekannte Fernsehmoderator Matthias Hüppi mit viel Energie im FC St. Gallen ein.Gian Ehrenzeller) / KeystoneIn Fussballklubs sind Gründe für Personalwechsel schnell zur Hand. Wenn das Team kriselt, wird rasch die Trainerfrage gestellt. Oder auf die Führungsebene bezogen: Wenn Mäzene immer wieder Geld in den defizitären Betrieb einschiessen, hoffen sie, mit neuer Leitung weniger bluten zu müssen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Nichts davon trifft auf den FC St. Gallen zu. Er gewinnt den Cup und wird Zweiter im Championat. Und, vor allem: Das Aktionariat muss nicht Geld nachschiessen. Der FC St. Gallen trägt sich als Volksgut selbst und gilt im Schweizer Fussball als ökonomisches Vorzeigemodell. Und dies in einem Business, in dem der Kapitalbedarf vielerorts systemimmanent ist. Wie etwa beim FC Zürich und beim Grasshopper-Club.Darum haftet dem Ostschweizer Fall, diesem Machtkampf, der von der bisherigen Führungscrew um den Präsidenten Matthias Hüppi schnell für sich entschieden worden ist, Rätselhaftes an.Immobiliendeals sind keine FussballgeschäfteEs erstaunt, wie falsch einige Aktionäre die Lage eingeschätzt haben. Erfolgreiche Geschäftsleute aus der Ostschweiz, vernetzte Immobilienhändler aus dem Thurgau, dazu der frühere St. Galler Regierungsrat Stefan Kölliker, der mitten im Taifun gegenüber dem Schweizer Fernsehen in aller Seelenruhe ein Interview gibt, als wäre er der neue, vom Aktionariat von langer Hand auserwählte König.Die eklatante, nicht nur von einer Person zu verantwortende Fehlbeurteilung weist auf Softfaktoren wie Neid, Missgunst und Geltungsdrang hin. Darum geht es in den Fussball-Machtkämpfen oft, weil Spitzenfussball Öffentlichkeit bedeutet. Matthias Hüppi, der bekannte und eloquente frühere Fernsehmoderator, hat an der St. Galler Klubspitze viel Sonne erhalten. Für einige wahrscheinlich zu viel. Wenn diese nach mehr Licht streben, muss zuerst Hüppi in den Schatten.Im Gegensatz zum Immobilienunternehmen wird der Fussball öffentlich verhandelt. Er ist emotional aufgeladen und wird bisweilen sogar fragwürdig grobschlächtig, wenn sich etwa Fankurven gegen Geldgeber wenden. Im FC Luzern hat dies im Zuge eines Aktionärskonflikts Bernhard Alpstaeg erlebt. Der schwerreiche Unternehmer fand zunächst Gefallen daran, plötzlich in der Fussball-Öffentlichkeit zu stehen. Er gab kuriose Interviews. Doch 2022 erfuhr er, wie es ist, wenn sich die Vox populi geballt gegen einen entlädt.Im FC Basel kam der Unternehmer Bernhard Burgener 2021 als Präsident auf den öffentlichen Grill, als er sich gegen die Einflussnahme des heutigen Klubchefs David Degen wehrte. Burgener war heftigen, teilweise nicht zu tolerierenden Angriffen ausgesetzt. Die Dynamik: Lokalmedien enthüllen latente Konflikte, das Volk regt sich, ergreift Partei, worauf die Medien weiter berichten und sich das Volk noch mehr entrüstet. Im digitalen Zeitalter bilden sich in den sozialen Netzwerken zusätzliche Echokammern der Empörung.In Bern zahlte die Familie Rihs Lehrgeld in MillionenhöheIn Bern leisteten sich die Aktionäre rund um die Familie Rihs 2010 mit der Entlassung des beliebten CEO Stefan Niedermaier eine Zäsur, von der sich YB jahrelang nicht erholen sollte. Die Ablehnung war damals in Bern ähnlich stark wie jetzt in St. Gallen, aber es gab kein Zurück. Die Folgeschäden dürften die Familie Rihs einige Millionen Schweizerfranken gekostet haben.In St. Gallen wirkte der überhöhte Cupsieg gegen einen schwachen Zweitligisten wie ein Hüppi-Turbo. Ob gezielt oder zufällig: Stärker kann die Resonanz nicht sein. Nach dem Cuperfolg waren im Wankdorfstadion Transparente zu sehen, deren Worte der Hüppi-Crew den Rücken stärkten. Dies diente dem Fernsehmoderator als Steilpass. Dann brach es aus Hüppi heraus.Der Irrtum der Aktionäre und deren Zurückkrebsen ist damit zu erklären, dass ihnen als Branchenfremden offenbar unbekannt war, wie ein Fussballklub funktioniert. Wie öffentlich und von Instinkten geleitet Fussball sein kann. Das erklärt ihren Absturz, ihr Schweigen. Als müssten sie einen Schock verdauen.Passend zum Artikel