Ein Fussballklub ist nur ein Fussballklub? Die Ostschweiz beweist in diesen fiebrigen Tagen das Gegenteil Der FC St. Gallen scheint zumindest emotional systemrelevant.27.05.2026, 17.00 Uhr6 Leseminuten«Ein Wir, das bleibt»: Matthias Hüppi, bisher und zukünftig Präsident des FC St. Gallen.Gian Ehrenzeller / KeystoneAls Matthias Hüppi am Mittwochmittag die Bühne betritt, ist er eigentlich nur ein Sportfunktionär, der über die Führungsstruktur des Fussballklubs von St. Gallen spricht. Doch sein Statement klingt wie eine Rede zur Lage der Region. Sein Auftritt hat bereits in den Stunden davor eine staatspolitische Bedeutung erlangt: Die Regierung des Kantons hat sich höchst besorgt gezeigt, eine Petition wurde gestartet, der Aufstand geprobt. Und so spricht Hüppi nicht nur zu den Journalisten, die vor ihm sitzen, sondern zum Volk der Ostschweiz. Die Rede wird per Livestream übertragen, fast achttausend Leute schauen zu, sie feiern ihn in einem Livechat wahlweise als Bundesrat oder als König.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Hüppi spricht von einem «überwältigenden bis schwindelerregenden» Support, den sein FC St. Gallen in den vergangenen, fiebrigen Tagen erfahren habe. Dann richtet er sich an die (Fan-)Gemeinde: Wir müssen verbunden sein in diesem Klub. Wir müssen unabhängig sein. Sind wir so stark? Haben wir die Kraft? Phasenweise sind es fast spirituelle Botschaften. Hüppi hält ein Booklet in die Kamera, darauf steht: «Ein Wir, das bleibt.» Darum gehe es.Was an diesem Mittwochmittag mit grossem Happy-End endet, ist eine typische Erzählung über diese Region: Der Stolz der Ostschweiz ist bedroht – in diesem Fall nicht von aussen, durch Nichtbeachtung der Restschweiz, sondern von innen. Schattenmächte mit viel Geld wollten den Mann des Volkes stürzen. Aber er wehrt und behauptet sich. Natürlich füllt der erfahrene Fernsehmann und Medienprofi Matthias Hüppi die Heldenrolle, die für ihn vorgesehen ist, mit allem aus, was er hat.Wo bleibt die Ostschweiz?Der FC St. Gallen eint die Ostschweiz, die de facto gar nicht existiert. Zu heterogen ist dieser Landesteil. Der Thurgau richtet sich gerne an Zürich aus, der Ringkanton St. Gallen kämpft seit den Anfängen um Einheit, und dazwischen thronen die beiden Appenzell und der Alpstein, Gebirge des Eigenwillens. Gemeinsam leidet man unter einer fehlenden gemeinsamen Vision. Die regionale Urempfindung formulierte der Ausserrhoder Ständerat Andrea Caroni neulich wieder, als er den Bundesrat zur Verkehrspolitik befragte: «Wo bleibt die Ostschweiz?»Die Ostschweiz gibt es nur im Fussballstadion. Hier peitscht das vereinte Publikum die Mannschaft geschlossen zu wildem Angriffsfussball. Auf dem Platz können auch übermächtige Gegner geschlagen werden, Chelsea aus London oder Trabzonspor aus der Türkei. Da wird man wahrgenommen.Selbstzerkleinernde Reflexe im grossen Moment: Publikumsliebling Jordi Quintillà streckt den Fans die Cup-Trophäe entgegen.Gian Ehrenzeller / KeystoneUmso grösser der Stolz, wenn wie am Sonntag 20 000 euphorisierte Ostschweizer nach Bern fahren, um den FC St. Gallen im Cup-Final zum ersten Titel seit 26 Jahren anzutreiben. Als nach dem 3:0-Sieg alle Dämme brechen, scheint nur einer geschafft: der Präsident Matthias Hüppi. Er sitzt alleine auf der Ersatzbank, kämpft mit den Tränen und offenbar auch mit «verschiedenen Kräften», die im Verein wirken, wie er im Siegerinterview bei SRF sagt. «Es waren ultraharte Wochen und Monate für mich.» Mitten im lang ersehnten Triumph scheinen sich die selbstzerkleinernden Reflexe zu melden.Eine für alli, alli für eineAm Montagabend wird klar, wen und was Hüppi gemeint hat. Das «St. Galler Tagblatt» berichtet, dass Teile des Aktionariats einen Putsch eingefädelt hätten. Vier Verwaltungsräte und später auch Hüppi sollen ersetzt werden. Als neuer Präsident stehe der ehemalige SVP-Regierungsrat Stefan Kölliker bereit, der eine «Vorwärtsstrategie» umsetzen solle.Kölliker empfängt am Dienstag einen SRF-Journalisten in seinem Büro und erklärt: «Ich ziehe meine Linie durch, zusammen mit dem Verwaltungsrat.» Er wisse, dass er dem FC St. Gallen «viel Gutes tun» könne. Kölliker tritt auf, als sei er schon Präsident. Sein Whatsapp-Profilbild zeigt bereits ein Selfie vor dem Teambus des FC St. Gallen. Selbst ehemalige Weggefährten sind überrascht, dass Kölliker auf einmal FCSG-Fan ist. Er, der Eishockey-Enthusiast, der sich als Sportminister nur wenig für den Klub interessiert hat.Grün-weisse Bewegung: Fussballfans am Sonntag auf dem Marktplatz in St. Gallen.Gian Ehrenzeller / KeystoneInnert weniger Stunden formiert sich in der Ostschweiz eine beispiellose Widerstandsbewegung. Die Fans schalten eine Website namens «eine für alli» auf und fordern: «Niemand steht über dem Klub». In den sozialen Medien kursiert ein Post: Man solle die Saisonkarte nicht verlängern, wenn Hüppi zurücktreten müsse. Und der Fan-Podcast «Hörnli» verspricht eine Sonderfolge zum Chaos im FC St. Gallen.Die Region ist im emotionalen Ausnahmezustand, einige drehen wortwörtlich durch. Es sei zu Drohungen gegen die neuen Verwaltungsräte gekommen, kolportieren die Medien. Die «grün-weisse Bewegung», die Hüppi seit Jahren predigt, hat bisweilen etwas Sektenhaftes.Too big to failDie Ostschweiz klebt in diesen Stunden am Handy, aktualisiert die Website des «St. Galler Tagblatt», das im Stundentakt neue Artikel veröffentlicht. «Hüppis Tage beim FC St. Gallen sind gezählt – ist es das wert?», titelt die Zeitung. Oder: «Noch-VR Benedikt Würth zum Chaos beim FCSG: ‹So etwas habe ich noch nie erlebt.›»Irgendwann ruft die Kantonsregierung die beiden Lager in einem Communiqué zur Räson: «Die Regierung erwartet, dass die Verantwortlichen die gesellschaftliche Dimension anerkennen.» Die St. Galler Sportministerin Bettina Surber, die Nachfolgerin von Kölliker, begründet: «Es ging um sehr viel für unseren Kanton und die Fans.»Der FC St. Gallen ist too big to fail. Mit einem Umsatz von 45 Millionen Franken ist er für die Ostschweiz zwar nicht wirtschaftlich systemrelevant, aber emotional. Das ist auch der Verdienst von Matthias Hüppi und seinem Team.Als Hüppi 2018 Präsident wurde, liess er die Mannschaft jeweils durch die Ostschweiz tingeln. Im Sommer trainiert sie auf den Fussballplätzen von Ebnat-Kappel, Berg oder Au-Berneck, um die grün-weisse Botschaft im Land zu verbreiten. Es heisst, nächste Saison sollen die Wappen etlicher Ostschweizer Gemeinden das Heimtrikot des FC St. Gallen zieren. Unter Hüppi ist er zum FC Ostschweiz geworden.Bettina Surber hat den Klub noch anders kennengelernt. Sie stand als Teenager in der Fankurve im Espenmoos, dem alten Stadion, das mitten in der Stadt lag. Die Heimspiele waren damals noch eine eher lokale Angelegenheit.Surber ist nicht die einzige Regierungsrätin, die eine Vergangenheit mit dem Klub hat. Der Gesundheitsdirektor Bruno Damann war einmal Mannschaftsarzt im FC St. Gallen. Und in Wil ist man bis heute ein bisschen genervt, dass Susanne Hartmann, Vorsteherin des Bau- und Umweltdepartements, ein grosser FCSG-Fan ist.Der Klub war immer politischAls an diesem fiebrigen Dienstag durchsickert, dass sich mehrere wichtige Figuren der neuen Crew nicht nur aus der Immobilienbranche, sondern auch aus der SVP kennen, ist plötzlich von einem «Rechtsputsch» die Rede. Immerhin ist einer der oppositionellen Aktionäre, Roland Gutjahr, der Vater von SVP-Nationalrätin Diana Gutjahr. Und der kurzzeitige Schattenpräsident Stefan Kölliker war sechzehn Jahre lang SVP-Regierungsrat. Und die Fast-Verwaltungsrätin Martina Wüthrich arbeitet in dem Anwaltsbüro, zu dem auch SVP-Nationalrat Pascal Schmid und SVP-Ständerat Jakob Stark gehören.Auch die SVP des Kantons St. Gallen sieht sich zu einem Communiqué gezwungen – wohl nicht zuletzt, um elektoralen Schaden von der Partei abzuwenden. «Sport ist Sport – Politik ist Politik», erklärt die Parteileitung. «SVP nicht in allfällige Neustrukturierung FC St. Gallen involviert». Er sei völlig perplex gewesen, sagt Parteipräsident Walter Gartmann, als es auf einmal hiess, die SVP plane einen Putsch. Noch am Sonntag war er als Fan am Cup-Final, nun hält er fest: «Was seither geschah, ist gar nicht nach unserem Gusto.» Wer derart ungeschickt die Macht an sich reissen wolle, werde auch so weiterhantieren.Eine politische Dimension hat dieser Fussballklub schon lange. Zu verlockend ist die Stadionbühne für all jene, die in der Ostschweiz etwas werden wollen.Ein Edelfan mit Stammplatz in der sogenannten Präsidentenreihe des alten Espenmoos-Stadions war lange der CVP-Bundesrat Kurt Furgler. Klubpräsident in der Schweizer-Meister-Ära um die Jahrtausendwende war Thomas Müller, der bald so populär war, dass er als SVP-Mann in den Nationalrat gewählt wurde. Und der erste Namensgeber des neuen Stadions war der inzwischen verstorbene CVP-Nationalrat Edgar Oehler aus dem Rheintal, der zwar ein internationaler Unternehmer mit englischer Comboxmessage («Oehler, good morning») wurde, aber immer Ostschweizer blieb.Als Oehler nach Bern gewählt wurde, hätten die Leute ihn ausgelacht: Wie bitte, ein Halbwilder aus dem Osten? Diese Kränkung hat ihn ein Leben lang angetrieben. «Ich wollte in der Schweiz immer zeigen: Wir sind auch jemand.» Als er merkte, dass der FC St. Gallen der stärkste Triebwagen für die Region sei, engagierte er sich umso mehr: Er taufte das neue Stadion und sicherte sich die bestplatzierte Loge, die er während Spielen grün leuchten liess, wenn er mit dem Spiel zufrieden war, und sonst rot. In seinen letzten Jahren wurde Oehler zum Hauptaktionär – und er setzte Matthias Hüppi als Präsident ein.Am späten Dienstagabend schliesslich verkündet der «Tagblatt»-Chefredaktor Stefan Schmid in einem Kommentar das Ende des Machtkampfes. Der Titel: «Das Volk rettet Matthias Hüppi». Und so sollte es kommen.Hüppi hat sich gegen Kölliker durchgesetzt, dessen Profilbild am Mittwochabend nicht mehr den Teambus des FC St. Gallen zeigt, sondern einen Hund. Einen Tag lang schien es, als sei Matthias Hüppis Regentschaft zu Ende. Nun steht die Ostschweiz so geschlossen hinter ihm wie noch nie.Passend zum Artikel