Grosses Staunen über eine Zerfleischung: Wie die geölte Maschine des FC St. Gallen beschädigt wirdIn den Emotionen des Cup-Siegs ist der schwelende Konflikt an der Klubspitze öffentlich geworden. Es geht um die Einflussnahme des Aktionariats, um Macht, um das Erbe der Präsidentschaft von Matthias Hüppi – und um Rätselhaftes.26.05.2026, 18.55 Uhr5 LeseminutenSt. Galler Erfolgsduo: der Präsident Hüppi und der Sportchef Roger Stilz.KEYSTONEEs ist ja keine Neuheit, dass das Fussballgeschäft ein schnelllebiges ist. Doch in St. Gallen brechen sie in diesen Tagen Geschwindigkeitsrekorde.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Am Sonntag gewann der Klub den Schweizer Cup, zum ersten Mal seit 1969, und im Rest der Schweiz nahm man mit einiger Verwunderung zur Kenntnis, wie unbändig dieses 3:0 gegen Stade Lausanne-Ouchy, den Aussenseiter aus der Challenge League, gefeiert wurde.Am Dienstag ist der FC St. Gallen immer noch Cup-Sieger, und die Feier ist noch nicht viel mehr als ein paar Stunden alt. Aber schon so weit weg. Jetzt ist der FC St. Gallen ein Klub, der in einem Machtkampf versinkt. Es geht um die Zukunft des Verwaltungsrats. Und vor allem um die von Matthias Hüppi, dem Präsidenten.Mit entsprechenden Schlagzeilen des «St. Galler Tagblatt» ist die Stadt aufgewacht, wobei die Kurzfassung so geht: Weil Teile des Aktionariats sich mit dem Verwaltungsrat überworfen haben, soll das Gremium nun neu besetzt werden, auch an der Spitze, wo Stefan Kölliker, der ehemalige St. Galler SVP-Regierungsrat, von Hüppi übernehmen soll.Sogar die Kantonsregierung schaltet sich einDer Aufschrei ist gross, überall, weil Hüppi ein populärer und vereinnahmender Präsident ist. Im Fan-Forum entzünden sich rasch Debatten darüber, ob man jetzt die Saisonkarte noch verlängern soll. Auch andere Formen des Protests werden erwogen. Begonnen hatte das schon mit Transparenten am Cup-Final. Zum Wesen des Spitzenfussballs gehört, dass er öffentlich verhandelt wird.Es ist jedenfalls viel Dampf auf dem Kessel. Und noch nicht einmal Mittag, als sich sogar die St. Galler Regierung einschaltet. Man verfolge die Berichte über interne Spannungen im Klub «mit erheblicher Besorgnis», schreibt sie. Ortet das Risiko, dass eine «erzwungene Ablösung des Verwaltungsrats» Rückhalt und Ansehen des Klubs beschädigen könnte. Und bittet alle Akteure, im Sinne des grossen Ganzen zu handeln.Eine Kantonsregierung, die sich zu den Vorgängen im Innern eines Fussballklubs äussert: Das gibt es auch nicht alle Tage.Es ist nicht einfach, an diesem hektischen Tag den Überblick zu behalten. Da ist die Äusserung der St. Galler Kantonsregierung. Da ist Stefan Kölliker, der einst eben diesem Regierungsrat angehörte und jetzt gegenüber verschiedenen Medien, auch der NZZ, bekräftigt, dass er der neue Präsident des Klubs werden wolle. Da ist Matthias Hüppi, der gegenwärtige Präsident, der sich vorläufig nur diese eine Aussage entlocken lässt: «Ich kämpfe für eine Lösung.»Der Satz bleibt lange so stehen, weil der Nachrichtenfluss irgendwann einfach versiegt. Schwebezustand, während Stunden, in denen die Aktionäre des Klubs sich in einer Sitzung beraten sollen.Mittag, früher Nachmittag, später Nachmittag. Die Ostschweiz wartet, aber sie hört nichts. Sie ist es sich gewohnt, mit dem Klub zu leiden, so war das über die Jahre oft. Aber jetzt trifft sie das alles unvorbereitet.Der Cup-Sieg vom Sonntag war der Höhepunkt in der Ära Hüppi und das i-Tüpfelchen auf die beste Saison seit langem. Doch als die St. Galler Fussballer den Sieg feiern, liess der Präsident in einem Fernseh-Interview aufhorchen. Gegenüber SRF legt er offen, dass im Hintergrund schon länger ein Konflikt schwelt. Er spricht von «ultraharten Wochen». Von «verschiedenen Kräften», die wirkten. Von Schaden, den es vom Klub fernzuhalten gelte.Es ist einiges, das da im Moment des grossen Triumphs aus Hüppi herausbricht. Konkreter wird er am Sonntag auf Nachfrage noch nicht. Doch mittlerweile lässt sich vieles nachzeichnen.Er scheidet per Ende Juni aus dem Verwaltungsrat des Klubs aus: der St. Galler Mitte-Ständerat Benedikt Würth.Alessandro della Valle / KeystoneIm Zentrum des Konflikts steht die Frage, wie der Verwaltungsrat des Klubs künftig besetzt werden soll. Im Gremium ziehen seit Jahren die gleichen Leute die Fäden, neben Hüppi unter anderem Christoph Hammer, der ehemalige SBB-Finanzchef, und Benedikt Würth, der St. Galler Mitte-Ständerat.Dem Präsidenten war immer viel daran gelegen, dass im Verwaltungsrat keine Aktionäre sitzen. Er fand, dass dieser unabhängig handeln können müsse. Viele Jahre war das so, und der Klub gesundete unter der Leitung von Hüppi. Als dieser angetreten war, kämpfte er mit finanziellen Problemen. Heute lebt er aus eigener Kraft, und er tut das gut; jüngst meldete er einen Umsatz von 45 Millionen Franken.Doch im letzten Sommer soll es im Klub nach einer schwierigen Saison zu Diskussionen gekommen sein. Und im Herbst wurde Patrick Thoma in den Verwaltungsrat gewählt, ein Immobilienunternehmer, der zu den acht Besitzern des Klubs gehört.Thoma gilt – zusammen mit einem anderen Aktionär, dem Thurgauer Unternehmer Roland Gutjahr, dem Vater der SVP-Nationalrätin Diana Gutjahr –, auch als Drahtzieher hinter weiteren Umbauplänen im Verwaltungsrat des FC St. Gallen. Und als Urheber einer Vorwärtsstrategie, deren Konturen noch etwas diffus sind.Im März wird Benedikt Würth und einem weiteren Verwaltungsrat mitgeteilt, dass sie ersetzt werden sollen. Daraufhin beschliessen zwei weitere Mitglieder, zurückzutreten. Hüppi gehört nicht dazu, doch auf das Angebot, seine Ende Jahr auslaufenden Vertrag zu verlängern, soll er bisher nicht eingegangen sein.Darum steht nun der Name von Stefan Kölliker als neuer Präsident des Klubs im Raum. Marwin Hitz, der langjährige Torhüter des FC Basel, der aus dem Thurgau stammt und einst im FC St. Gallen gross wurde, soll Verwaltungsrat werden. So wie die Weinfeldner Juristin Martina Wüthrich, die in einer Kanzlei tätig ist, in der mit Jakob Stark ein SVP-Ständerat Konsulent ist und mit Pascal Schmid ein SVP-Nationalrat Partner. Was in der Summe etwas viel SVP-Nähe ist und etwas viel Thurgau. Und zur Frage führt, mit wie viel Gespür der Klub da gerade umgebaut werden soll.Ist Hüppis Strahlkraft zu gross geworden?Da ist jedenfalls reichlich Nebel, weil sich viel hintenherum abspielt. Frappant an der St. Galler Spaltpilz-Geschichte ist das Rätselhafte, das Unausgesprochene, das Spekulative, das einen dazu verleitet, in die Psychologie abzudriften. Mögliche Missgunst, plötzlicher Geltungsdrang. Oder banal: Vielleicht ist jemandem die Strahlkraft Hüppis zu gross geworden.Von welcher Seite man den Ist-Zustand auch immer beleuchtet: Der Klub hat über die Jahre funktioniert, der Konsens über die Governance ist ein Erfolgsfaktor. Der FC St. Gallen gilt im schwer defizitären Schweizer (Mäzenaten-)Fussball sogar als Vorzeigemodell, blieb zwar sportlich volatil, wirtschaftete aber stets mit Vernunft und ist nicht auf Aktionäre angewiesen, die immer wieder Löcher stopfen müssen.Zudem ist schlichtweg unerklärlich, weshalb man die absehbare Erbfolge des 68-jährigen Matthias Hüppi aus dem Aktionariat auf diese Weise torpediert, wie ohne wahrnehmbare Not so viel hinterfragt wird, wie im Innern des Klubs sogar von einem «Geschwür» die Rede ist, das sich in den letzten Monaten ausgebreitet habe. Hüppi ist einer der bekanntesten Schweizer Fussballfunktionäre. Da müsste doch auf jeder Ebene ein Ur-Interesse vorhanden sein, dessen Nachfolge unter keinen Umständen im Kampf- oder Schock-Modus aufzugleisen.Warum? Damit dessen Nachfolger, der ohnehin eine schwierige Aufgabe übernimmt, von der aufgebrachten Klubgemeinde nicht bei erstbester Gelegenheit öffentlich gegrillt wird.Ob es so kommt, bleibt unklar. Gegen Abend meldet sich schliesslich Matthias Hüppi noch einmal, per Medienmitteilung. Er arbeite mit dem Aktionariat «mit Hochdruck» an einer tragfähigen Lösung, lässt sich der Präsident zitieren. Und lädt für den Mittwoch zu einer Medienkonferenz. Dort werden auch zwei Aktionäre anwesend sein. Aber weder Richard Gutjahr noch Patrick Thoma.Passend zum Artikel
Nebulöser Machtkampf im FC St. Gallen: Der Präsident Matthias Hüppi kämpft um sein Erbe
In den Emotionen des Cup-Siegs ist der schwelende Konflikt an der Klubspitze öffentlich geworden. Es geht um die Einflussnahme des Aktionariats, um Macht, um das Erbe der Präsidentschaft von Matthias Hüppi – und um Rätselhaftes.









