Machtkampf bei Swiss Ice Hockey: Bringt Marc Lüthi die Stimmen zusammen, um Präsident zu werden?Das Schweizer Eishockey wirkt in diesen Tagen hoffnungslos zerstritten. Lüthi wurde als Nachfolger von Urs Kessler nominiert, um den «Laden aufzuräumen». Nun formiert sich Widerstand.19.06.2026, 11.46 Uhr4 LeseminutenUmstrittener, als ihm lieb sein kann: der ehemalige SCB-CEO Marc Lüthi.Peter Klaunzer / KeystoneKnapp drei Wochen ist es her, dass im Schweizer Eishockey wohlige Einigkeit zelebriert wurde: Das Männer-Nationalteam stürmte an der WM im eigenen Land in den Final; Teile der Bevölkerung entdeckten den Sport erstmals oder verliebten sich neu in ihn.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Doch von der Minne des Mais ist wenig übriggeblieben. Am Tag nach dem verlorenen Final gegen Finnland demissionierte mit Urs Kessler der von anhaltenden Intrigen zermürbte Verwaltungsratspräsident von Swiss Ice Hockey. Seither schwelt hinter den Kulissen ein Machtkampf mit so vielen Schauplätzen und Wendungen, dass sich daraus durchaus eine launige Netflix-Serie kreieren liesse.Vergangene Woche nominierten die Vertreter der National League ihren Kandidaten für die Nachfolge Kesslers: Marc Lüthi, der ehemalige CEO des SC Bern. Lüthi, 64, soll bei Swiss Ice Hockey «den Laden aufräumen», so formulieren es verschiedene Exponenten aus dem Umfeld der National League.Am Montag trennte sich der Verband von der HR-ChefinEs geht unter anderem um Kostenkontrolle, welche die NL-Vertreter beim Verband seit längerem bemängeln. Zwischen der NL und Swiss Ice Hockey besteht ein Kooperationsvertrag: Die Liga kauft verschiedene Leistungen ein, etwa die Schiedsrichter. Die Vereinbarung läuft 2027 aus, die Verhandlungen dürften für Swiss Ice Hockey ungemütlich werden. Verschiedene NL-Exponenten reden davon, die Zahlungen massiv zu reduzieren.Aber es geht auch um Umgangsformen. Um teilweise erstaunliche interne Vorgänge: Eine leitende Verbandsangestellte soll kürzlich eine Lohnerhöhung erhalten haben, während die übrigen Mitarbeiter dazu angehalten wurden, die Budgets zu straffen. Es war der internen Atmosphäre wenig zuträglich, wie zu hören ist. Am Montag stellte Swiss Ice Hockey die HR-Chefin Tanja Meier frei. Vier Tage zuvor war sie am jährlichen Mitarbeiterfest noch vor der versammelten Belegschaft ausdrücklich gelobt worden.Über die Gründe der Trennung kursieren unterschiedliche, zum Teil abenteuerliche Versionen. Sicher ist: Meier war eine der wenigen Konstanten auf der Geschäftsstelle; die Fluktuation unter dem CEO Martin Baumann war in den letzten Jahren hoch.Der Ex-Präsident Kessler wollte Baumann vor einigen Wochen entlassen – und scheiterte mit diesem Antrag im Verwaltungsrat. Sollte Lüthi gewählt werden, dürfte die Luft für Baumann erneut dünn werden.Zwist zwischen Amateurhockey und LeistungssportAber so weit ist es noch nicht. Eigentlich wollte die National League in der Causa Lüthi aufs Gaspedal drücken, um ihn möglichst schnell zu installieren. Nun aber zeichnet sich eine Hängepartie ab. Denn derzeit fehlen die nötigen Stimmen zur Wahl.Jeder National-League-Klub hat drei Stimmen, die Vereine aus der Swiss League zwei. Und die Vertreter des Amateur-, Nachwuchs- und Frauensports einzeln so viele wie der Leistungssport zusammen. Bei einem Patt gilt: nicht gewählt.Das ist ein Problem, denn momentan stellen sich die Regio-League-Vertreter gegen Lüthi. Vereinfacht gesagt aus dem Grund, dass sich die Amateurvertreter nicht damit abfinden wollen, nach Stefan Schärer und Urs Kessler ein drittes Mal in Folge ohne Mitspracherecht einen von der NL selektionierten Präsidenten vorgesetzt zu erhalten.Der Zwist zwischen dem Amateurhockey und dem Leistungssport hat sich in den letzten Monaten akzentuiert. Die Regio League hat im Verwaltungsrat mit den Vertretern Martin Affolter, Marc-Anthony Anner, Katrin Lehmann und Sacha Thür viel Einfluss.Und liess in letzter Zeit immer wieder die Muskeln spielen: Die NL portierte den ehemaligen Ambri-Sportchef Paolo Duca als Nachfolger von Lars Weibel auf dem Posten des Director National Teams. Gewählt wurde Patrick von Gunten, es war eine trotzige Machtdemonstration der Regio-League-Vertreter.La Chaux-de-Fonds und Sierre verweigern Lüthi die GefolgschaftAm Wochenende halten die Regio-League-Vertreter in Winterthur ihre Delegiertenversammlung ab. Lüthi ist dabei ein zentrales Thema. In den vergangenen Tagen hat er in Hintergrundgesprächen die Wogen etwas glätten können. Aber die Frage ist, ob er die Stimmen zusammenbringt. Selbst im Wissen darum, dass mit Monika Waidacher (Frauen-Chefin bei den ZSC Lions) und Reto Waldmeier (Nachwuchs EHC Olten) zwei stimmberechtigte Personen bei Klubs aus dem Leistungssport angestellt sind.Denn mit dem HC Sierre und La Chaux-de-Fonds gibt es in der Swiss League zwei Abweichler. Beide stellen sich vehement gegen die ab der Saison 2027/28 geplante neue U-23-Liga, welche für die ohnehin schon marode zweithöchste Liga einschneidende Änderungen zur Folge hätte. In Siders dürfte der findige Stratege Chris McSorley darauf bauen, am Verhandlungstisch Konzessionen zu erreichen, mit denen er sich umstimmen liesse.Es ist eine verzwickte Situation. Und einmal mehr geht es in erster Linie um Eitelkeiten, nicht um die Sache. Neben dem Eis gibt das Schweizer Eishockey in diesen Tagen ein beklagenswertes Bild ab: Die Branche wirkt hoffnungslos zerstritten.Eine gute Nachricht aber gibt es, immerhin das: Aus der Deutschen Eishockeyliga wechselt der amerikanische Spitzenschiedsrichter Sean MacFarlane in die National League. Zuletzt leitete er Spiele bei der Olympia und der WM, darunter das Halbfinal zwischen Kanada und dem späteren Weltmeister Finnland.Passend zum Artikel