Die Schweiz streitet darüber, ob es zu eng ist im Land. Aber wer zuhört, merkt: Eigentlich streitet sie über etwas anderes.29.05.2026, 05.31 Uhr16 LeseminutenDas Problem sitzt immer im gleichen Wagen, immer Wagen 9, immer in der ersten Klasse. Es hat einen unverdächtigen Namen, Thomas Meier, aber der Name täuscht.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Um 7 Uhr 32 ist Thomas Meier in Zürich wie jeden Morgen in den berüchtigtsten Zug der Schweiz eingestiegen, den IC 1, Zürich–Bern, 400 Meter Zugwaggons, davon die meisten doppelstöckig. Aber um diese Uhrzeit sind es trotzdem zu wenige Waggons, damit alle Menschen, die mitfahren wollen, einen Sitzplatz finden.Thomas Meier zieht Kopfhörer an, legt die Jacke in den Schoss, balanciert den Laptop darauf und achtet, dass seine Knie keine fremden Beine berühren. Eine routinierte Folge von Handgriffen und Bewegungen, das Ritual eines Pendlers.Aber Meier macht auch etwas, was nicht alle machen: Er wälzt in diesen Tagen eine unangenehme Frage.Alle paar Jahre streitet die Schweiz darüber, wer zu ihr gehören darf, wer rein- und wer raussoll, ob es zu viele Fremde hat oder bald zu viele Fremde haben wird. Seit ein paar Wochen ist der Streit noch viel grundsätzlicher als früher. Das Land streitet jetzt, wie viele Menschen es überhaupt verträgt, in der Badi, in der Migros, im Zug.Vor allem in diesem einen Zug: Für die Befürworter der 10-Millionen-Initiative der SVP ist der volle IC 1 zwischen Zürich und Bern das Lieblingsbeispiel dafür, dass es so nicht weitergehen kann.Dichtestress ist ein Wort aus der Rattenforschung. Als ein Wissenschafter einmal zu viele Ratten in ein Gehege steckte, fingen sie an, sich totzubeissen. Vielleicht reagieren viele Menschen auch deshalb bis heute so empfindlich, wenn es eng wird: weil die Angst davor biologisch programmiert zu sein scheint.Neben Meier haben jetzt auch andere Passagiere ihre Laptops aufgeklappt, ein Computerwald auf kleinen Tischchen. Der IC 1 zwischen Zürich und Bern ist am Morgen nicht einfach ein Zug, sondern eines der dichtesten Büros der Schweiz, wo wildfremde Menschen Schulter an Schulter Sitzungen abhalten. Sie sitzen enger nebeneinander als in jedem Sitzungszimmer.Einsteigen, aussteigen, sich aneinander vorbeischieben: Rituale der Pendler.76 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer finden, dass die Infrastruktur des Landes durch das Bevölkerungswachstum überlastet sei.Thomas Meier fragt sich: Bin ich auch mitschuldig daran? Dass einem nun tatsächlich alle zu nahe kommen? Schuld daran, dass auch er in diesem Zug jeden Morgen den Gedanken verdrängen muss, dass es vielleicht bald nicht mehr genug Platz für alle geben könnte?Thomas Meier fragt sich das vor allem aus einem Grund: Meier ist Deutscher. «Ich bin Teil der Zuwanderung und Teil des Problems.» Das Geständnis eines Dichtestressers.Meier flüstert, er will niemanden stören, er kennt das ja, normalerweise würde er jetzt auch arbeiten, die ersten To-dos erledigen, auf dem Weg in sein Büro in Bern, wo er Software für eine Computerfirma entwickelt.Vor zwanzig Jahren kam er aus Nürnberg nach Zürich, hatte keinen grossen Plan, nur ein Jobangebot. Er war neugierig auf ein neues Land, verliebte sich in eine Schweizerin und blieb.«Ohne Leute wie mich wäre es nicht so voll. Aber jetzt bin ich halt da, und ich möchte nicht mehr weg.»So denken wahrscheinlich viele: Für einen reicht es noch. Und wenn man selber dieser eine ist: umso besser.Schon als Meier kam, ein paar Jahre nach der Einführung der Personenfreizügigkeit, gab es eine Diskussion, welche Menschen und wie viele in die Schweiz kommen sollen. Meier hatte nie das Gefühl, derjenige zu sein, der zu viel ist. Als er 2007 einwanderte, lebten in der Schweiz 7,5 Millionen Menschen. Heute sind es 9,1 Millionen, fast ein Viertel mehr.Meier, 48, war dieser fleissige Deutsche, der so gute Programme schrieb, dass er in seiner Computerbude immer bessere Jobs bekam. «Ich arbeite seit Jahren in der gleichen Firma, ich bin nicht einfach durchgereist, sondern habe etwas aufgebaut.» Und jetzt auf einmal diese Frage: Bin ich das Problem?Drei Viertel des Landes sind sich einig: 76 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer finden laut einer Umfrage, dass die Infrastruktur des Landes – Wohnen, Verkehr, Schulen und Spitäler – durch das Bevölkerungswachstum überlastet sei. Meier glaubt das auch.«Aber was soll man tun?», fragt er. Bei einem Zug lässt sich das Problem vielleicht mit ein paar Wagen mehr lösen. In einem ganzen Land ist das schwieriger.Natürlich gibt es Länder, in denen mehr Menschen auf weniger Raum leben. In der Rangliste der am dichtesten besiedelten Staaten liegt die Schweiz auf Rang 67, hinter den Niederlanden, Israel oder Deutschland. Aber solche Vergleiche können auch täuschen: Ein Viertel der Schweiz besteht aus unproduktiver Fläche – aus Bergen, Fels oder Geröll. Dort lebt niemand. Und dort, wo man lebt, fühlt sich die Schweiz dichter an.Meier sagt, das Engegefühl sei stärker geworden. Und es stimmt ja auch: In den vergangenen 25 Jahren hat die Zahl der Zugreisenden in der Schweiz pro Tag von 600 000 auf über 1,4 Millionen zugenommen. Wenn Meier seine SBB-App öffnet und sich anschaut, wie viele Leute den gleichen Zug nehmen wollen wie er, sieht er morgens und abends meist drei rote Figürchen. Die Botschaft: Der Zug ist voll.Wenn Thomas Meier seinem Vater in Nürnberg davon erzählt, wie es in der Schweiz ist, wie voll die Züge sind und wie schwierig die Wohnungssuche sein kann, sagt dieser ihm: «Jammere nicht herum! Du hast dir das selber ausgesucht.»Ausgesucht hat sich Meier die Enge nicht. Er kam wegen des Jobs und blieb wegen der Liebe. Der Dichtestress ist nur der Preis, den er dafür zahlt.Es ist ja auch nicht alles schlecht an Dichte. «Es klingt paradox, aber es gibt sogar Momente, in denen ich die vielen Leute gar nicht so schlecht finde: Ich falle dann nicht mehr auf und bin anonym. Das kann sehr angenehm sein.»Manchmal mag man das Gefühl, in der Masse zu verschwinden. Wenn man glaubt, dass viele Menschen einem eher etwas geben als etwas wegnehmen, fühlt sich das gut an. Deshalb geht man gern an Konzerte und zieht in grosse Städte.Aber weil so viele Menschen in diesen Städten leben wollen, macht sich Meier Sorgen um seine zwei Buben, 12 und 13 sind sie, «sie sprechen Schweizerdeutsch, nicht so wie ich. Sie gehören selbstverständlich hierher, in die Stadt Zürich.» Meier sagt, er hoffe, dass sie noch bezahlbare Wohnungen und einen Platz auf der Wiese am See finden würden.Aber wie schafft man das?«Es sollen nicht mehr so viele kommen wie in jüngster Zeit.»Dann würde er, wenn er denn dürfte, für die 10-Millionen-Initiative stimmen?«Ja.»Darf er das überhaupt sagen? Als einer, der selber zugewandert ist? Sagen, dass es eng ist, dass er es schwierig findet, immer weiterzuwachsen, obwohl er ja versteht, dass es nötig ist, wenn man den Wohlstand halten will.Eigentlich findet er schon, dass er das sagen darf. Dass er das Recht dazu hat, so wie alle anderen, jetzt, wo er hier ist.Seinen richtigen Namen will Thomas Meier trotzdem nicht sagen.Der VerzichtspredigerDer IC 1 zwischen Zürich und Bern ist am Morgen nicht einfach ein Zug, sondern eines der dichtesten Büros der SchweizManchmal muss man im IC 1 stehen wie in der Subway in New York.Ein paar Wagen weiter, zweite Klasse, sitzt gleich vor dem Durchgang in den nächsten Wagen ein Mann, ganz alleine, unauffällig, trüge er nur Kopfhörer! Oder hätte er bloss einen Laptop vor sich aufgeklappt! Oder ein Buch in den Händen! Hat er aber nicht, stattdessen sitzt er da, komplett ungeschützt im IC 1 vor den Mitreisenden, der Welt, der Dichte.In der hektischen Ruhe, in der am Morgen die Tasten klappern, als ob die Computer heimlich miteinander reden würden, braucht Stefan Kobler kein Gerät, das ihn vor der Dichte bewahrt. «Das wotti nöd», sagt er, und man versteht: Er hat sich mit dem Zug und seiner Enge arrangiert, kämpft nicht dagegen an. «Ich wott eifach e chli si.»Dabei gehörte Kobler durchaus zur Klasse der Menschen, für die es fast ein Statussymbol ist, am Morgen früh in der ersten Klasse E-Mails zu verschicken. Kobler war lange Mitglied der Geschäftsleitung eines Ingenieurbüros, jetzt, mit 61, ist er dort immer noch Beisitzer und reist geschäftlich nach Bern.Nur für die Rückreise wechselt er gelegentlich in die teurere Klasse, weil dort am Abend mehr Platz zur Verfügung ist. Wobei Kobler sagt, dass ihm diese Welt gar nicht angenehm sei, «wie im falschen Film» fühle er sich dort, denn: «Die Menschen sind total anders, wirklich, ja, einfach total distanziert.» Es ist eine merkwürdige Umkehrung des Dichtestresses: Da wäre mehr Platz, und doch zieht man sich zurück.Kobler stört die Dichte grundsätzlich gar nicht, im Gegenteil, gerne würde er im Zug mit interessanten Leuten reden, viel zu selten gelinge das nur. Dabei wäre die Gelegenheit ideal, gibt ja keinen Ort, wo man hinfliehen kann. Viel eher als die Dichte störe ihn, wenn jemand neben ihm sitze, der sich laufend hin und her bewege, «der macht und tut, alle fünf Minuten etwas hervorholt», aber dann sagt sich Kobler: «Diese Strecke ist ja nur eine Stunde, da akzeptiere ich so etwas.»Aus Kobler spricht eine Enttäuschung. Ihm erscheint die Dichte als Versprechen auf neue Kontakte, neue Menschen. Wer diese Dichte aushält, weil er sich von ihr etwas erhofft, leidet nicht an zu vielen Menschen, sondern an zu wenig Verbindung zwischen ihnen. Auch das ist Dichtestress, nur anders, als die SVP ihn beschreibt.Kobler fährt die Strecke schon seit sieben Jahren, steigt in St. Gallen zu, in Bern aus, zwei Stunden, manchmal auch zwei Stunden zwanzig, ein- bis dreimal die Woche, und er bestreitet nicht, dass es voller geworden sei in diesen sieben Jahren, aber die Diskussion über Dichtestress?«Ist mir so egal! Wieso muss man immer so negativ denken?»Manchmal findet man sogar noch Platz, um ein Spiel zu spielen.Irgendwo findet man immer einen Ort zum Sitzen: Als überfüllt gilt ein Zug erst, wenn er zu 160 Prozent ausgelastet ist.Kobler sagt dann zum ersten Mal einen Satz, den er während der Stunde nach Bern immer wieder sagen wird: «Jeder muss sich selber anschauen und sich fragen: Du, wie sieht es eigentlich bei dir selbst aus?»Was Kobler damit meint: «Jeder will einfach immer mehr, immer das Beste!» Und wenn Kobler nun fortfährt, entwickelt sich das zu einer grundlegenden Wachstumskritik, denn wer brauche denn überhaupt 100 Quadratmeter Wohnfläche, wenn er kaum je zu Hause sei, man müsse sich doch immer fragen: «Bruchsch das eigentlich? Nei, bruchsch es nööööd! Macht nur Arbet!»Kobler will das gar nicht verurteilen, er lebt ja selbst in einem Einfamilienhaus, in seiner Biografie spiegelt sich das Aufstiegsversprechen der Schweiz, das mit mehr Wohlstand und auch mehr Fläche einhergeht.Kobler wuchs auf dem Land in Heiden im Appenzellerland auf, aber nicht in einem Häuschen, sondern einem der wenigen Wohnblöcke im Dorf. Sein Vater war Hauswart, die Mutter Hausfrau. Kobler hat sechs Geschwister, was bedeutete: zwei Kajütenbetten pro Zimmer, oder wie Kobler sagt: «Dichte bin ich gewohnt.»Sechs Geschwister hiess nicht nur räumlicher Verzicht, sondern ganz allgemein Bescheidenheit. «Wir hatten wenig, wir gingen nicht in die Ferien, aber ich hatte es ja trotzdem gut, wir spielten halt den ganzen Sommer Fussball, ich habe nichts vermisst!»Trotzdem. Er will das nicht verklären. Er will niemanden verurteilen, der mehr will. Das sei natürlich. Auch seinen zwei Kindern wollte er immer jeden Wunsch ermöglichen. Zuerst lebten sie in einer Wohnung, dann fand Kobler ein Haus mit sieben Zimmern. Grosses Glück habe er gehabt. Aber das Verzichten habe er den Kindern nicht beigebracht. Er lächelt, wenn er das sagt, entschuldigend, als ob er darin ein Versagen erkennen würde.In Koblers Geschichte zeigt sich die Kollektivschuld des Dichtestresses. Wir reden ja nicht nur über Menschen, die dazugekommen sind, sondern über uns alle, die wir mehr wollen. Die Schweiz wurde auch dichter, weil wir alle mehr Platz beanspruchten.Lange versuchte man, das in der Schweiz zu antizipieren, die Strecke, auf der der IC 1 nach Bern rast, oft im Dunkeln durch Tunnel, die ins flache Mittelland gebohrt wurden, ist Teil der einst visionären Bahn 2000, die das Bahnnetz für die Schweiz der Zukunft fit machen sollte. Für eine Schweiz mit mehr Menschen, die mehr Züge brauchen. Die Züge fuhren schneller und verkleinerten so das Land. Ein Erfolg, doch geplant wurde die Bahn 2000 in den 1980er Jahren, fast fünfzig Jahre ist das bereits her, ein Projekt aus einer anderen Zeit für eine andere Schweiz.Kobler, der Ingenieur aus dem konservativen Appenzellerland, fasst in sich alle Widersprüche der SVP-Initiative zusammen. Er glaubt, ganz der Ingenieur, dass man schon mehr Menschen unterbringen könnte, wenn man wollte. Er findet aber auch, dass es gar nicht darum gehen müsse. Stattdessen müsse man innehalten und ehrlich sein: Was wollen wir überhaupt?Die SVP verkauft ihr Anliegen als Nachhaltigkeitsinitiative, die die begrenzten Ressourcen der Schweiz schonen will. Und wenn man Kobler so zuhört, ergäbe es durchaus Sinn, dass man als Grüner daran Gefallen finden würde. Gerade, wenn man sich ohnehin schon lange fragt, wieso es immer mehr braucht, in einem Land, in dem man von allem genug hat, ausser eben Platz. Dass man da zustimmen kann: Ja, doch, irgendwann ist es halt genug, wieso nicht bei 10 Millionen Menschen im Land?Kobler hat für sich eine konkrete Lösung angedacht. Jetzt, wo die Kinder bald ausziehen, finde er sein Haus widersinnig.Was er jetzt tun möchte?«Verkaufen! Es ist zu groooss!»In den Wohnblöcken, in denen Stefan Kobler aufwuchs, lebten auch die Italiener und Spanier, die man damals zur Arbeit in die Schweiz holte, «Multikulti war das», sagt Kobler, «wenn du so gross wurdest, hast du nie einen Groll gegen diese Leute», und vielleicht ist Kobler deshalb für die Initiative nicht empfänglich. Weil er zwar einverstanden ist, dass mehr nicht unbedingt glücklicher macht, aber dass eben eine Zahl wie 10 Millionen immer willkürlich ist und solche trifft, die es nicht verdient haben.Oder wie es Kobler sagt: «Im Büro haben wir viele Deutsche, das sind nicht schlechtere Menschen, und es gibt auch manche Schweizer, bei denen ich sagen muss, mit denen möchte ich lieber nichts zu tun haben.»Die ZughasserinEin kleines Wunder? Ein freier Sitzplatz. Alle brauchen Platz: Menschen, Rucksäcke, Taschen, Koffer. Acht Stunden später, kurz nach 17 Uhr, sitzt eine junge Frau in der Zugmitte des Intercity 1 von Bern nach Zürich auf einer Treppe. Auf den Knien den Laptop aufgeklappt, Kopfhörer in den Ohren, redet sie, nicht laut, aber doch so, dass die anderen zwei Fahrgäste, die es sich im Raum vor den Einstiegstüren auf dem Boden unbequem gemacht haben, hören könnten, was sie bespricht.Es ist ihre letzte Arbeitssitzung, möglicherweise vertraulich, ein Gedanke, der sie, so wird sie das später erklären, immer umtreibt, den sie aber auch wegschiebt. Schliesslich ist das hier für sie ganz klar nicht einfach nur «leere Zeit», sondern auch ungeliebte Zeit, der sie etwas abzuringen versucht, indem sie sie mit Arbeit füllt.Petra Borer hat an diesem Tag viel freien Raum um sich, aber sie sitzt halt auf dem Boden, ein Ort, den sie nicht gewählt hat, wobei ihre Optionen sowieso eingeschränkt seien, weil sie es schlicht und einfach nicht aushalte, rückwärtszufahren. Und sie lächelt dabei tatsächlich sehr gequält, nicht so wie jemand, der sich verlegen entschuldigt, sondern wie jemand, der wirklich leidet und schon oft gehört hat, dass er sich nicht so anstellen soll.Dabei kann man sich nicht aussuchen, welcher Typ Mensch man ist, eine Nur-vorwärts-Fahrerin, zum Beispiel, oder jemand, der mit Dichte nicht umgehen kann.Borer fährt generell nicht gerne Zug, und Nähe mag sie auch nicht, die Situation im IC 1 Zürich–Bern ist also wenn nicht Folter, dann doch Prüfung, die sie nur auf sich nimmt, einmal pro Woche, weil der Job in Bern halt sehr spannend sei. Und spannende Jobs gebe es ja nun doch nicht wie Sand am Meer.Erträglich sei das bloss, weil sie sich innerlich darauf vorbereite, bereits am Wochenende: Bald kommt wieder dieser ungeliebte Dienstag im Zug.Das klingt nach ganz vielen ungeliebten Kompromissen, und wenn Borer nun erklärt, dass sie für die Initiative stimme, wäre das nicht erstaunlich. Aber sie sagt, sie habe sich noch nicht so viele Gedanken über die Initiative gemacht, ja sie wisse gar nicht so genau, was diese wolle. Es klingt, als wolle sie der Frage ausweichen. Ihren richtigen Namen möchte sie auch nicht in der Zeitung lesen.Denn ja, ganz klar, es sei eng hier, aber es sei überall eng geworden, auch auf dem Land beklagten sich die Leute, wobei das natürlich eine Perspektivenfrage sei, das wisse sie, vielleicht sei es auch mehr noch eine Kulturfrage. In Japan sei es ja auch dicht, aber die Leute seien nicht so laut, erklärt Borer. Und fügt dann an: «Glaube ich zumindest.»Sie schaut dabei fragend, als ob man nun diese Einschätzung bestätigen möge, ihr doch bitte zunicke und sage, dass sie schon richtigliege mit ihrem Gefühl. So ist das oft, wenn man mit Menschen über das Gefühl der Dichte redet. Sie suchen dann Vergleiche, bei denen sie gar nicht sicher sind, ob sie stimmen. Sie erinnern sich an Orte, die sie besucht haben, wo es auch dichter war als bei uns, Reisen, von denen sie zurückkehrten, um beruhigt festzustellen, dass Neapel schon viel lauter, New York schon viel schneller und Tokio schon viel voller war. Noch.Es ist ja auch schwierig zu verstehen. Borer sagt, es arbeiteten doch immer mehr Leute im Home-Office und trotzdem seien immer mehr im Zug, im Auto auf der Strasse. Sie liegt nicht falsch mit ihrem Gefühl. Mehr Leute benutzen heute den öV als je zuvor. Nicht nur in absoluten Zahlen, sondern auch im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung. Die SBB führen deshalb mehr Züge, aber in der Wachstumslogik des Systems ist freier Raum dazu da, ausgefüllt zu werden: Verlängern die SBB den IC 1 um zwei Waggons, werden die anderen nicht leerer, sondern die neuen einfach gleich voll wie die alten.Überfüllt seien die Züge deswegen noch lange nicht – sagen die SBB. Dafür haben sie eine genaue Zahl: 160 Prozent. Dann ist ein Fernverkehrszug zu voll. Das heisst, es dürfen höchstens 60 Prozent mehr Passagiere mitfahren, als es Sitzplätze hat. Schätzt der Zugbegleiter, dass der Zug überbelegt ist, muss er einige Reisende bitten, auszusteigen und den nächsten zu nehmen. «Das kommt sehr selten vor», sagen die SBB.Aber wer will schon eine Stunde stehen? In der Metro in Athen oder in New York mag das ja völlig normal sein. In einem Schweizer Intercity-Zug hingegen erscheint es vielen wie ein Indiz für Wohlstandsverlust, etwas, mit dem Schweizer keine Erfahrung haben. Und das auch mit dem Selbstbild der Schweiz – Berge, frische Luft, ein aufgeräumter Vorgarten – kollidiert.Borer sagt zwar, für sie sei die Infrastruktur schon lange übernutzt, aber sie will eigentlich nicht so klingen. Vielleicht graust es sie gar, mit dieser Initiative in Verbindung gebracht zu werden, und sie wirkt erschöpft und in die Ecke gedrängt. Ist sie ja auch, hier im Zug, auf der Treppe, vom Journalisten, doch wohin soll sie fliehen?«Nach jeder Zugfahrt bin ich körperlich erschöpft. In der Stadt macht mir die Dichte weniger aus.»Wieso?«Dort kann ich mich bewegen. Hier kann ich nicht fliehen. Ich bin eingesperrt. Und wenn man Pech hat und der Sitznachbar nervt, kann man nicht wechseln. Es hat ja gar keinen anderen Platz frei.»Dichte ist erträglich, wenn sie freiwillig ist. Im IC 1 ist sie es nicht.Die Zugliebhaberin, deren Liebe geprüft wirdJeden Morgen und jeden Abend die gleiche Frage: Wohin mit Gepäck und Hund?Eine Zugfahrerin sagt: «Wir sind nicht zu viele. Wir haben eher verlernt, den Platz zu teilen.»Ganz am Ende des Zugs, in der zweiten Klasse, auf einem der letzten Sitze, bevor die Leute nur noch stehen, erlebt Marica Iannuzzi das, was sie als «die schlimmsten Momente» bezeichnet. Sie hat extra einen Zug später heim nach Zürich genommen, in Bern noch ein paar Einkäufe erledigt, aber jetzt ist es trotzdem voll.Im Abteil ist es still, nicht ruhig, das ist nicht das Gleiche, niemand sagt etwas, aber ständig streift jemand einen Arm, sucht einen Platz für die Tasche oder schaut nervös auf, weil sich wieder ein Körper durch den Gang drängt.Iannuzzi hält das schlecht aus, wenn sie ihren Tee nicht trinken kann, ihr Buch nicht lesen kann. «Ich bin sehr sensibel», sagt sie und wirkt dabei trotzdem etwas ratlos, weil sie nicht versteht, was genau mit ihr überhaupt geschieht.Denn eigentlich liebt Iannuzzi Züge, sie wüsste, wie es in diesem Zug sein müsste, damit es allen besserginge. Iannuzzi, 29 Jahre alt, schreibt gern, sie hat immer ein Notizheft dabei, das sie mit SBB angeschrieben hat, darin sammelt sie zum Beispiel Ideen gegen die Gereiztheit im Zug. Einander anlächeln. Neugierig sein. Mit den Leuten reden. Jemandem einen schönen Tag wünschen.Aber besonders in der zurückhaltenden Schweiz funktioniert das schlecht. Vielleicht fühlt sich Enge dort enger an, wo Menschen gelernt haben, einander nicht zu nahe zu kommen.Manchmal versucht es Iannuzzi trotzdem, kürzlich hat sie eine Frau im Abteil nebenan angesprochen, weil ihr ihr Rucksack gefallen hat. Sie hat sich dann den gleichen gekauft.Iannuzzi ist jeden Tag im Zug unterwegs, früher pendelte sie von Zürich nach Bern, jetzt nach Freiburg, wo sie eine Ausbildung zur Lehrerin macht. Jedes Wochenende reist sie heim ins Tessin zu ihrer Familie und gibt dort Kindern im Winter Eiskunstlaufunterricht.Vor kurzem hat sie einen Podcast über das Pendeln aufgenommen. Darin beschreibt sie das Zugfahren als Mikrowelt und sagt: «Der Zug war zu meinem zweiten Zuhause geworden. Zu meiner Küche, in der ich kalte Fertiggerichte ass. Zu meinem Büro, in dem ich zwischen den Kurven lernte. Zu meinem Bett, in dem das Fenster als Kissen diente.»Manchmal fährt sie einfach so durchs Land, sie kann sich gut konzentrieren, wenn es ein bisschen schaukelt, und ist lieber unterwegs als allein zu Hause. «Ich liebe das Zugfahren. Die Passagiere sind dann quasi meine Mitbewohner.»Das klingt eigentlich unglaublich harmonisch und so beruhigend für eine Nation, deren Schriftsteller auf den kleinen Zugtischchen ihre Kurzgeschichten ersannen. Aber auch dieser Mythos entstammt einer anderen Zeit, einer anderen Schweiz.Iannuzzi findet, dass in den Zügen oft zu viele Menschen fahren würden. Aber das sei kein Urteil über ein ganzes Land. Die Schweiz sei voller geworden, das schon, aber es habe immer noch Platz. In ihrem kleinen Lieblingspark in Zürich Oerlikon. Oder auch auf ihrem Lieblingsplatz in Locarno, gleich neben der Piazza Grande. Wenn sie daran denkt, wird sie versöhnlich. «Wir sind nicht zu viele. Wir haben eher verlernt, den Platz zu teilen.»Vielleicht ist es einfach ein Lernprozess, der noch nicht stattgefunden hat. Auf Instagram und Tiktok werden ganze Kanäle mit Videos bespielt, die zeigen, wie sich Passagiere in der dichten New Yorker Metro kämmen, schminken, ein Müesli zubereiten. Sie verhalten sich dabei, als ob sie unbedrängt wären, wirken ganz bei sich selbst.Der Schweizer hat zwar gelernt, im dichten IC 1 Sitzungen abzuhalten, seinen Kalender zu ordnen, Sprachen zu lernen – aber so ganz wohl scheint ihm dabei immer noch nicht.Vielleicht braucht es dafür doch noch etwas mehr, vielleicht muss der Schweizer dafür sogar lernen, etwas weniger Schweizer zu sein. Was, wenn er das nicht will? Weil es gar nicht um Dichte geht.In wenigen Minuten fährt der Zug ein, in Zürich, der Boomtown, in der Google, Meta und Anthropic Stellen mit Jahreslöhnen von 200 000 bis 600 000 Franken anpreisen. Dem Magneten, der immer stärker, immer grösser wurde. Und auch weiterwachsen wird? Zürichs neuer Stadtpräsident sagt: «Schrumpfen hilft uns nicht.»Wachstum, so hiess es immer, sei gut für uns alle, es gehe uns dann allen besser, jeder Einzelne profitiere. Doch wer kann noch wählen, wo er wohnen möchte? Nur die Reichen. Der Tisch im Restaurant? Muss man nun auch reservieren, wenn man ihn am Donnerstag oder gar Mittwoch möchte. Und die Sportstunde im Gym? Per App buchen, möglichst weit im Voraus, wenn man sich einer Yogamatte sicher sein will. Der Dichtestress zeigt sich als Buchungsstress, als Planungsstress.Im IC 1 widerspiegelt sich eine Ratlosigkeit wegen dieses gebrochenen Wachstumsversprechens. Die Angst: dass man zu kurz kommen wird, wenn noch mehr um das Gleiche rangeln, wenn man doch heute schon zu kurz kommt, schon heute keinen Sitzplatz mehr auf sicher hat. Im IC 1, im System Schweiz.Passend zum Artikel
10-Millionen-Schweiz: Ist der Dichtestress real? Oder worüber streiten wir wirklich?
Die Schweiz streitet darüber, ob es zu eng ist im Land. Aber wer zuhört, merkt: Eigentlich streitet sie über etwas anderes.









