Die 10-Millionen-Schweiz steht für viele sinnbildlich für Überlastung. Doch auf dem Arbeitsmarkt zeigt sich: Mit der Zuwanderung sind mehr und bessere Jobs entstanden. Probleme gibt es trotzdem.29.05.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenWer heute eine Stelle sucht, braucht Durchhaltevermögen. Weil die Konjunktur lahmt, zögern viele Unternehmen mit Neueinstellungen. Gleichzeitig ist die Zuwanderung verhältnismässig hoch geblieben. Netto wanderten 2025 rund 74 000 Menschen in die Schweiz ein. Die Arbeitslosenquote liegt bei 3 Prozent. Die etwas anders gemessene Erwerbslosenquote erhöhte sich von 4,4 Prozent Ende 2024 auf derzeit 5,2 Prozent.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Vor der Abstimmung über die 10-Millionen-Initiative sind das unbequeme Zahlen. Leicht kann man sich fragen, warum die freien Stellen nicht einfach mit inländischen Bewerbern besetzt werden.Doch so einfach ist es nicht. Arbeitskräfte lassen sich nur beschränkt austauschen. Eine Hilfskraft kann an vielen Orten helfen, doch häufig suchen die Unternehmen spezifische Profile. Ein Gastro-Mitarbeiter ersetzt keinen Techniker, ein Neurologe keinen Hautarzt. Wie gross die Schwierigkeiten bei der Stellensuche sind, hängt stark vom Beruf ab.Bürokräfte haben es laut einer Auswertung des Schweizerischen Arbeitgeberverbands (SAV) derzeit besonders schwer, in etwas geringerem Ausmass auch der Verkauf und metallverarbeitende Berufe. Genau in diesen Bereichen ist die Zuwanderung im Jahr 2025 aber gering gewesen.Weiterhin gesucht sind hingegen Reinigungskräfte, technische Fachkräfte und Fachleute in der Betreuung. Hier war die Zuwanderung hoch, hingegen hat die Arbeitslosigkeit nur wenig zugenommen.Laut dem Arbeitgeberverband zeigt die Analyse, dass die Zuwanderung weitgehend komplementär zur inländischen Erwerbsbevölkerung erfolgt.Für diese These spricht, dass die Bevölkerung in der Schweiz seit der Einführung der Personenfreizügigkeit im Jahr 2002 von rund 7,3 Millionen auf rund 9,1 Millionen Menschen gewachsen ist. Parallel dazu stieg die Zahl der Erwerbstätigen von rund 4 Millionen auf knapp 5,4 Millionen. Die zusätzlichen Arbeitskräfte wurden von der Wirtschaft aufgesogen. Dabei stieg auch die Erwerbsbeteiligung, also der Anteil der arbeitenden Wohnbevölkerung.In einigen Berufsfeldern ist der Ausländeranteil inzwischen sehr hoch: Bei Montage- und Hilfskräften beträgt er etwa 53 Prozent, in der Gastronomie 48 Prozent. Weil die Löhne tief sind, werden diese Bereiche von der inländischen Bevölkerung tendenziell gemieden. Die Konjunkturforschungsstelle (KOF) der ETH geht davon aus, dass es keine systematische Verdrängung der inländischen Arbeitskräfte gegeben hat.Ausländische Arbeitskräfte waren ein Konjunkturpuffer. Heute ist die Wirtschaft robuster.Was sich in den letzten zehn, fünfzehn Jahren allerdings geändert hat, ist die Stellung der Ausländerinnen und Ausländer. Lange Zeit dienten sie der Schweiz als bequemer Konjunkturpuffer. Im Aufschwung wurde vermehrt im Ausland rekrutiert. Im Abschwung kehrten viele wieder in ihr Land zurück. Für die Schweiz hatte dieses System den Vorteil, dass die inländische Bevölkerung weniger stark von konjunkturellen Einbrüchen betroffen war. Fair war dieses Modell allerdings nie – weder gegenüber den Betroffenen noch gegenüber den Nachbarstaaten.Ganz verschwunden ist dieser Dämpfer bis heute nicht, aber er funktioniert schwächer als früher. Die Schweizer Wirtschaft hat sich verändert, wie auch im jüngsten Observatoriumsbericht zum Freizügigkeitsabkommen zwischen der Schweiz und der EU festgehalten wird. Neben den Zuwanderern am unteren Ende der Lohnskala rekrutieren die Unternehmen viele hochqualifizierte Fachkräfte aus dem Ausland. Diese aber sind Gutverdiener und kommen selten für befristete Verträge.Die Firmen versuchen zudem, qualifiziertes Personal in schwächeren Phasen zu halten, um beim nächsten Aufschwung nicht sofort in einen Engpass zu geraten. Für Arbeitslose macht das die Situation nicht angenehmer – aber es deutet darauf hin, dass der Arbeitsmarkt strukturell robuster geworden ist. Der moderne «Puffereffekt» zeigt sich vor allem darin, dass sich die Zuwanderung in wirtschaftlich schwächeren Zeiten verlangsamt. Genau das ist derzeit zu beobachten.Sobald die Konjunktur wieder anzieht und die Unternehmen wieder mehr Investitionen wagen, dürfte der Fokus von der Arbeitslosigkeit auf den demografischen Wandel umschwenken: Die geburtenstarken Babyboomer-Jahrgänge gehen in Pension, gleichzeitig rücken weniger junge Erwerbstätige nach. In vielen Branchen kann die Schweiz deshalb froh sein, wenn sie fixfertig ausgebildete Menschen anzieht, deren Ausbildung erst noch vom Ausland bezahlt wurde. Für Deutschland hat der «Spiegel» bereits die nächste Migrationskrise ausgerufen: Diese bestehe nicht darin, dass zu viele Menschen kämen, sondern darin, dass zu viele wegwollten, schrieb das Wochenmagazin.Europas Talentreservoir verändert die SpielregelnTrotz der positiven Bilanz gibt es Reibungsflächen. Der Zugang zum grossen europäischen Arbeitsmarkt ermöglicht den Unternehmen eine grosse Auswahl. Anstelle eines heimischen Kandidaten, der 90 Prozent der Anforderungen erfüllt, findet sich womöglich irgendwo in Europa jemand, der perfekt passt.Kritiker sprechen von einer «Zero-Gap-Mentalität», bei der keinerlei Abweichungen vom Wunschprofil akzeptiert werden. Diese Kritik ist in Zeiten steigender Arbeitslosigkeit nicht völlig von der Hand zu weisen. Kleinere Lücken liessen sich durchaus «on the job» oder durch Weiterbildungen schliessen. Aus einem Neurologen lässt sich auf die Schnelle kein Hautarzt machen, aber warum sollte aus einem IT-Generalisten kein Cloud-Spezialist werden können? Viele Arbeitgeber werden erst dann kompromissbereit, wenn sie sonst niemanden finden.Die Suche nach dem perfekten Match hat aber auch eine positive Seite. Wer den idealen Mitarbeiter einstellt, erhöht seine Innovationskraft und seine Wettbewerbsfähigkeit. Besetzt etwa ein Pharmaunternehmen eine Schlüsselposition optimal, verbessert das die Forschung, es stärkt das Wachstum – und schafft zusätzliche Arbeitsplätze. Umgekehrt gilt: Finden Firmen dauerhaft nicht die gewünschten Fachkräfte, verlagern sie Tätigkeiten ins Ausland und investieren anderswo. Aus dieser Perspektive erscheint die «Zero-Gap-Mentalität» weniger nachteilig, als sie zunächst wirkt.Dennoch ist es wichtig, dass auch Gruppen zum Zuge kommen, die bei Arbeitgebern traditionell nicht die erste Wahl sind, wie ältere Arbeitnehmer oder wieder einsteigende Mütter. Die sogenannte Arbeitsmangelquote lag 2025 für Männer bei 7,6 Prozent und für Frauen bei 12,5 Prozent. Es gibt also Menschen, die nach eigener Aussage gerne mehr arbeiten würden, wenn man sie nur liesse.Die heikle Frage der LöhneAuch bei den Löhnen ist die Diskussion komplex. Die Reallöhne sind in der Schweiz in den vergangenen Jahren vergleichsweise moderat gestiegen. Ausländer dürfen beim Lohn nicht diskriminiert werden, Lohnunterbietungen wird über die flankierenden Massnahmen der Riegel geschoben. Das schützt die Löhne der inländischen Bevölkerung. Dennoch könnte das grössere Arbeitskräfteangebot die Verhandlungsmacht der Arbeitnehmer reduzieren. Wenn Unternehmen wissen, dass qualifizierte Fachkräfte aus dem Ausland nur zu gern in die Schweiz kommen, sinkt der Druck, Löhne stärker zu erhöhen.Eine rein statische Betrachtung greift aber zu kurz. Ohne Zuwanderung würden höhere Löhne wohl über steigende Preise an Konsumenten weitergegeben. Gleichzeitig würden die exportorientierten Unternehmen an Wettbewerbsfähigkeit verlieren und weniger in der Schweiz produzieren.Ihre Stärke sei aber der wesentliche Grund, warum Bäcker und Coiffeure in Zürich mehr verdienten als in Wien, sagt Patrick Chuard-Keller, Chefökonom des Arbeitgeberverbandes. KOF-Ökonomen argumentieren zudem, dass die Nachfrage nach Arbeitskräften steigt, wenn Unternehmen wachsen. Das könne sogar zu steigenden Löhnen führen. Das Argument des Lohndrucks ist also mit einer gewissen Vorsicht zu geniessen.Fit für die Wirtschaft von morgenEine vermutlich noch unterschätzte Herausforderung besteht darin, die Menschen fit zu machen für das KI-Zeitalter. KI verändert die Arbeit in hohem Tempo. Berufsbilder, die heute noch gefragt sind, könnten in zehn Jahren ganz anders aussehen – oder gänzlich verschwinden. Grundsätzlich ist die Schweiz für diese Herausforderung gut gerüstet. Das duale Bildungssystem und die starke Hochschullandschaft sind Standortvorteile.Gleichzeitig steigt der Druck zur ständigen Weiterbildung. Hat die inländische Bevölkerung nicht das zu bieten, was die Unternehmen brauchen, entsteht ein «mismatch». Die Menschen passen dann nicht mehr zu den freien Stellen. Will die Schweiz wirtschaftlich erfolgreich bleiben, sollte diese Lücke so klein wie möglich gehalten werden.Die Erwerbslosenquote von 5,2 Prozent und eine Arbeitsmangelquote von 9,9 Prozent zeigen: Der Schweizer Arbeitsmarkt ist weit davon entfernt, perfekt zu funktionieren. Hinter diesen Zahlen stehen Menschen, die keinen Job finden, der ihrer Ausbildung entspricht, die weniger arbeiten, als sie möchten, oder beruflich nicht dort angekommen sind, wo sie eigentlich hinwollten.Die entscheidende Frage lautet jedoch, ob alternative Zuwanderungsmodelle der Schweiz und ihrer Bevölkerung tatsächlich besser dienen würden. Dass nicht nur die Arbeitgeber, sondern auch der Schweizerische Gewerkschaftsbund fest hinter der Personenfreizügigkeit stehen, ist deshalb kein Zufall. Denn dass restriktivere Modelle tatsächlich zu weniger Arbeitslosigkeit und höheren Löhnen führen würden, ist alles andere als ausgemacht. Der Arbeitsmarkt ist kein geschlossenes System, in dem ein zusätzlicher Arbeitnehmer automatisch einem anderen den Platz wegnimmt. Zuwanderung verändert die Struktur der Wirtschaft: Unternehmen wachsen schneller, investieren mehr und schaffen eine zusätzliche Nachfrage nach Arbeitskräften.Eine «Kontroll-Schweiz», in der sich alternative Modelle unter identischen Bedingungen testen liessen, existiert nicht. Dennoch sprechen mehrere Entwicklungen dafür, dass sich der Arbeitsmarkt mit der Personenfreizügigkeit sehr robust entwickelt hat: die hohe Erwerbsquote, die zunehmende Nachfrage nach hochqualifizierten Arbeitskräften sowie Zweitrundeneffekte, bei denen zusätzliche Beschäftigung und mehr Konsum wiederum neue Jobs und steigende Löhne ermöglichen.Passend zum Artikel