Die herausragende Serie «Etty» nähert sich der Shoah über die Gegenwart anDie Arte-Produktion erzählt das Leben der jüdischen Schriftstellerin Etty Hillesum in einem heutigen Setting. Der Regisseur Hagai Levi verzichtet auf historische Folklore – und zeigt gerade dadurch, wie dünn der Firnis der Zivilisation ist.Paul Jandl28.05.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenJulia Windischbauer spielt Etty Hillesum ganz ohne Pathos.Reiner Bajo / ArteDer Amsterdamer Bahnhof ist weihnachtlich geschmückt, die Schalterbeamtin scheint freundlich. Sie sieht das J für «jüdisch» im Ausweis von Etty Hillesum, die ein Ticket nach Westerbork möchte. «Für Sie ist das gratis», sagt die Angestellte der Bahn. In Westerbork war das Durchgangslager, von dem aus die Deportationszüge nach Auschwitz und Sobibor abfuhren.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die hochgelobte Serie «Etty», die in den Mediatheken von Arte und ZDF zu sehen ist, spielt mit solchen Kippmomenten. Hinter der Freundlichkeit der Menschen steckt Zynismus, aber warum haben sich die Menschen so verändert? Was ist aus dem friedlichen Volk der Niederländer unter deutscher Besetzung geworden?Das einstmals Geschehene kann wieder geschehen«Etty» erzählt in sechs Folgen aus der authentischen Lebensgeschichte der jungen Studentin Hillesum. Die Serie basiert auf ihren in den frühen vierziger Jahren entstandenen Tagebüchern und Briefen, und sie ist eine Expedition in bisher unbekannte Gebiete moralischer Suggestion.Warum? Weil die filmische Annäherung an die Shoah hier ganz an einem Menschen hängt. Die Serien-Etty ist genau so wie das aus dem schriftlichen Werk bekannte Vorbild. Von fiebriger Lebenslust ergriffen und gleichzeitig depressiv. Bis zur Überdrehtheit unkonventionell. Voll zartester Empathie und doch auch egoman. Man muss das aushalten können, und der Regisseur Hagai Levi hat dafür einen Weg gefunden: den der Konfrontation.Sechs Stunden lang wird aus den letzten Lebensmonaten der Etty Hillesum erzählt. Von der immer stärkeren Umklammerung des jüdischen Lebens durch die politische Ordnung der Deutschen. Aber man sieht vor allem ins Gesicht einer Frau. In ein Meer der Stille, dessen wilde Tiefenströme sich im Zucken einer Augenbraue zeigen können.In der Serie ist die österreichische Schauspielerin Julia Windischbauer Etty. Und sie ist es ganz. Dem höchsten Glück, der dunkelsten Verzweiflung und am Ende auch noch der Suche nach einem tröstlichen Gott kann Windischbauer einen physischen Ausdruck verleihen, der ganz ohne Pathos ist.Apropos Pathos: Hagai Levi hat sich dagegen entschieden, seine Serie aus dem Fundus sattsam bekannter Nazikostümierungen zu bestücken. Stattdessen verlegt er die Geschehnisse der vierziger Jahre in eine ungefähre Jetztzeit. Amsterdam wirkt sehr heutig, obwohl es keine Mobiltelefone gibt. In den Strassen sieht man keine Truppen mit Hitler-Haarschnitten, sondern hochmoderne Panzerwagen. Was auf diese Weise natürlich auch angedeutet werden soll: Das einstmals Geschehene kann wieder geschehen.Ein sanftes Geflecht aus MenschenDie Geschichte der Etty Hillesum ist auch deshalb interessant, weil in ihr eine sehr persönliche Entwicklung erzählt wird. Vom Privaten hin zum Politischen. Die hochintellektuelle und belesene Siebenundzwanzigjährige sieht sich einem ganzen Komplex von Überforderungen gegenüber, der ebenfalls sehr heutig wirkt. Wie dieser Tage die Generation Z geht sie zum Therapeuten. Dr. Julius Spier, in «Etty» von Sebastian Koch mit fast scheuer Zurückhaltung gespielt, ist ein schillernder Psychoanalytiker und ehemaliger Schüler von C. G. Jung.Die wechselseitige Anziehung verstärkt sich in der leiblichen Komponente seiner Therapiemethode. Spier ist Chirologe und liest seiner Klientin aus der Hand. Der Befund, dass es ihr an Hingabe fehle, führt zu seltsam handgreiflicher Medikation. Um ihre Blockaden aufzulösen, so Dr. Spier, muss der Arzt mit der Patientin ringen. Man landet auf dem Teppich der Praxis und nach sehr vielen Tagebucheinträgen Etty Hillesums bei Küssen und noch mehr.Spier ist ein gutmütiger Menschenfreund. Ein jüdischer Emigrant aus Berlin, der dem eigentlichen Freund Ettys, Han (graubärtig und väterlich gespielt von Leopold Witte), keine Konkurrenz machen möchte. Es ist ein sanftes Geflecht aus Menschen, das die Serie zeigt. Dazu gehören auch noch der Journalist Klaas und der Familienclan der Hillesums, der aus russisch-jüdischen und niederländischen Künstlern und Schöngeistern gemischt ist.Was aus diesen filigranen Freundschafts- und Verwandtschaftsbanden in den neuen Zeiten wird, führen Hagai Levi und sein grossartiger Kameramann Martijn van Broekhuizen in immer dichteren Bildern vor. In der Stadt mehren sich Schilder mit der Aufschrift «Für Juden verboten». Die Befehle, bei der Gestapo zu erscheinen, sind Vorboten der Deportation.In einer der besten Szenen bewegt sich ein immer stärker werdender Strom von Fahrradfahrern, unter ihnen Etty, durch die Stadt. Auf einem Industriegelände neben der Autobahn müssen die jüdischen Besitzer ihre Fahrräder abgeben. Aufeinandergetürmt, ähneln sie dem Berg von Brillengestellen der Ermordeten von Auschwitz.Was «Etty» kann: auf sehr deutliche Weise dezent sein. Unversehens verwandelt sich die studentische Coming-of-Age-Geschichte der Etty Hillesum in ein zeithistorisches Drama. Wer noch kann, flieht. Wer nicht mehr fliehen kann, versucht seine Würde zu behalten.Der Jude und Psychoanalytiker Dr. Spier muss bei seiner Gestapo-Vorladung ausgerechnet einem SS-Mann aus der Hand lesen. Der hat schon von seinen besonderen Ideen gehört und ist neugierig. Als Spier dem Deutschen eine «hohe feminine Sensibilität» attestiert und ausserdem auch noch einen Vaterkomplex, verdüstern sich die Chancen des Emigranten, im Land bleiben zu dürfen.Während ihrer Therapie ist Etty Hillesum aufgeblüht. Jetzt herrscht zerstörerische Gewalt. Spier stirbt 1942 an Lungenkrebs. Seine Geliebte und Patientin kann sich durch ihre Arbeit beim Judenrat noch kurz vor der Deportation ins deutsche Konzentrationslager retten. In Westerbork kümmert sie sich um die Kranken und Schwachen, bis auch sie, so wie ihre Familie, nach Auschwitz gebracht wird. Dort wird sie am 30. November 1943 umgebracht.Ihren Dialog mit Gott, der weite Teile ihres Tagebuchs einnimmt und auch das Ende der erstaunlichen Serie «Etty», konnte sie in diesem Leben nicht mehr zu Ende führen. Der letzte Eintrag Etty Hillesums in ihren Aufzeichnungen findet sich schon ein Jahr vor ihrem Tod. Wenn Gott nicht trösten kann, dann müssen es die Menschen tun: «Man möchte ein Pflaster auf viele Wunden sein.»«Etty»: 6 Folgen à rund 50 Minuten in der Mediathek von Arte und ZDF.Passend zum Artikel
Etty: Diese Serie über die jüdische Schrifstellerin ist erschreckend aktuell
Die Arte-Produktion erzählt das Leben der jüdischen Schriftstellerin Etty Hillesum in einem heutigen Setting. Der Regisseur Hagai Levi verzichtet auf historische Folklore – und zeigt gerade dadurch, wie dünn der Firnis der Zivilisation ist.









