Seit über 20 Jahren ist jede neue Fernsehserie des israelischen Regisseurs und Produzenten Hagai Levi ein Ereignis. Im September letzten Jahres feierte ein besonderes Werk bei den Filmfestspielen von Venedig Premiere: „Etty“, eine Verfilmung der Tagebücher von Etty Hillesum. In ihren Aufzeichnungen aus den Jahren 1941 bis 1943 beschrieb sie ihre spirituelle Entwicklung während der Judenverfolgung im besetzten Amsterdam und im Lager Westerbork.Die Serie selbst besteht aus sechs 50-minütigen Episoden und wurde im Januar im israelischen Kino – in Anwesenheit des Regisseurs – in zwei Teilen von je 150 Minuten vorgestellt. In Deutschland wird das Werk nun in sechs Teilen bei Arte zu sehen sein. Nicht nur dieses Format weckt Erinnerungen an Claude Lanzmanns monumentale Dokumentation „Shoah“, die 1985 als Zweiteiler mit einer Gesamtlänge von über neun Stunden in die Kinos kam.
Hagai Levi begann seine Karriere mit einer Serie, die zwischen 2005 und 2008 die israelische Öffentlichkeit in ihren Bann zog: „In Behandlung“. Darin geht es um einen Therapeuten, der über neun Wochen hinweg an vier Tagen pro Woche Patienten aus verschiedenen Lebenswelten Tel Avivs behandelt. Die Serie war so erfolgreich, dass der US-Sender HBO das Konzept kaufte und von 2008 bis 2010 die amerikanische Version unter dem Titel „In Treatment“ ausstrahlte. Das Format wurde daraufhin in zahlreiche Länder verkauft. In Deutschland wurde ab 2008 die US-Fassung unter dem Titel „In Treatment – Der Therapeut“ ausgestrahlt. Julia Windischbauer als Etty© Reiner BajoDie Serie zeichnet ein Bild von Israel, das fast ausschließlich aus Tel Aviv und ihren Menschen besteht. Die Patienten gehören dem westlich orientierten, säkularen Bürgertum an. Ihre Probleme sind keine spezifisch israelischen, sondern die eines globalen Mittelstands, der den Boden unter den Füßen verliert. Die Sprache ist universell.Innerlichkeit ist ein LuxusMit „In Treatment“ vollzog sich eine Psychologisierung der Politik, auf die sich das Publikum damals bereitwillig einließ. Die erfolgreiche Serie selbst wurde zur „Behandlung“. Sie schuf einen Freiraum, in dem sich Teile der israelischen Bevölkerung als Teil einer globalen, kosmopolitischen Mittelklasse identifizieren konnten. Doch während diese Kulturelite versuchte, sich mittels Psychotherapie über nationale und ethnische Dilemmata hinwegzusetzen, zerbrach gleichzeitig die Solidarität, die einst auf Land, Religion und gemeinsamem Schicksal beruhte. Dieses Dilemma wird in der zweiten Staffel (2008) selbst zum Thema und nimmt Levis neue Serie „Etty“ vorweg. Wir treffen dort Menachem, den Vater eines Kampfpiloten aus der ersten Staffel, der sich aus Schuldgefühlen für seine Militäreinsätze das Leben nahm. Menachem verkörpert nicht nur den autoritären Vater, der den Psychologen beschuldigt, seinen Sohn verweichlicht zu haben. Menachem ist auch Überlebender der Schoa, der nach Israel einwanderte und davon überzeugt ist, dass Israelis ständig um ihr Überleben kämpfen müssen und sich wegen ihrer Geschichte keine Schwäche erlauben dürfen. Menachem versteht die Sprache der Psychotherapie nicht, er hält sie sogar für gefährlich. Innerlichkeit ist ein Luxus, den Israelis sich nicht erlauben können. Die Dialoge zwischen Menachem und dem Therapeuten Reuven sind auch Dialoge zwischen dem alten, immer kampfbereiten Israel und einer neuen Generation, die darunter leidet. Assi Dayan, der Sohn des israelischen Kriegshelden Mosche Dayan, verkörperte den Therapeuten. Es war daher mehr als ein Fernsehdrama. Innerlichkeit wird von Menachem mit dem Bild der Diaspora und des „schwachen Juden“ verknüpft, dessen einzige Waffe das Wort war. Wir schauten dem Drama vor 15 Jahren gebannt zu, und es war klar, welche Seite wir als Zuschauer einnahmen. Es war die universelle Sprache des Traumas und ihrer Therapie, die über das historische Trauma triumphierte. Ein Tagebuch als KompassDas war etwa 15 Jahre vor dem 7. Oktober 2023. Rückblickend liest es sich wie das naive Versprechen einer vergangenen Ära, dass man in einem geschützten therapeutischen Raum gewaltfrei leben kann. Dementsprechend war auch die Spannung im Publikum in Tel Aviv bei der israelischen Vorführung von Levis neuer Serie „Etty“ im Januar 2026 groß. Die Vorstellungen waren restlos ausverkauft. Zur Premiere kamen der Regisseur und die Hauptdarstellerin Julia Windischbauer, eine österreichische Schauspielerin, die die Rolle der Etty Hillesum in der Serie spielt.Etty Hillesums Tagebücher sind dem Publikum schon seit 1985 in hebräischer Übersetzung bekannt, 2002 erschien erstmals eine vollständige Ausgabe mit dem Titel „Der Himmel in mir“, die vor vier Jahren mit den Briefen aus Westerbork erweitert wurde. Eine deutsche Ausgabe, „Ich will die Chronistin dieser Zeit werden“, erschien 2023 im Verlag C.H Beck. Für Hagai Levi haben sie eine fast rettende Bedeutung. Hagai Levi war bei der Diskussion mit dem Tel Aviver Publikum sichtlich aufgeregt. Er berichtete, wie sein eigener Therapeut ihm die Lektüre einst ans Herz gelegt habe. Levi verschlang sie förmlich. Gerade nach den Erschütterungen des 7. Oktobers wurden diese Texte für ihn zu einem Kompass. Er erzählte dem Publikum, dass in einer Zeit, die von Hass und einer lähmenden Verzweiflung geprägt war, Hillesums Aufzeichnungen ihm halfen, diesem Sog zu entkommen. Sie waren in der Tat ein Pflaster für die vielen Wunden, um Hillesum selbst zu zitieren. Und mit ihrer Suche nach Gott konnte Hagai Levi, selbst aus einer religiösen Familie stammend, sich gut identifizieren.Doch welchen Gott suchen beide? Und lässt sich eine solche Suche überhaupt verfilmen? Die theologische Botschaft der Tagebücher, die auch im Film mitschwingt, ist Teil dieser Suche. Der Mensch trägt Verantwortung gegenüber Gott und nicht umgekehrt. Gott ist uns gegenüber nicht rechenschaftspflichtig für den sinnlosen Schaden, den wir einander zufügen, vielmehr stehen wir in der Pflicht vor ihm. In diesem Sinne trägt Gott keine Verantwortung für das Handeln der Menschen und kann ihnen nicht helfen. Was in der Welt geschieht, ist die Angelegenheit der Menschheit, und es liegt allein in ihrer Verantwortung, sich dieser Herausforderungen anzunehmen. Diese Gedanken sind Teil einer langen jüdischen Tradition. Gläubige Juden verhandeln das jedes Jahr am Versöhnungstag Jom Kippur, wenn sie „Wir haben gesündigt, wir haben gefrevelt, wir haben böse gehandelt, wir haben Gräuel begangen“ gemeinsam in der Synagoge singen.Moderne Menschen unter feindlicher BesatzungTrotzdem wurde Hillesum vorgeworfen, nicht jüdisch genug zu sein. Ihre individuelle Spiritualität folge einer christlich-universalen Gottesvorstellung, weshalb sie auch den Holocaust universell und christlich verhandle, so die Kritik an ihren Tagebüchern. Hagai Levi arbeitet bewusst mit dieser Kritik. Und vor dem Publikum in Tel Aviv verteidigte er seine Entscheidung, Ettys Geschichte nicht als klassisches Historiendrama zu inszenieren. Die Tagebuchaufzeichnungen sind aus den 1940er-Jahren, aber die Serie spielt in einem fast gegenwärtigen Amsterdam. Wir sehen sowohl Etty und ihre Freunde als auch ihre Liebhaber wie ihr eigener Therapeut Julius Spier (dargestellt von Sebastian Koch) als moderne, urbane Menschen, die unter den Bedingungen einer feindlichen Besatzung leben, wobei die Besatzer nicht explizit als Nationalsozialisten gekennzeichnet sind. Levi betonte im Gespräch mit dem Publikum, dass es ihm um eine universelle Relevanz dieser radikalen Tagebücher geht. Hillesums Ideen seien für die heutige Welt zu dringlich, um sie rein an die historische Vergangenheit zu binden. Sie müssten, so Levi, in unsere gelebte Realität einbrechen, besonders nach den Erschütterungen der letzten Jahre. Es sind Worte von einer fast schmerzhaften Einfachheit und Radikalität, gerade im heutigen Israel, wo die Schoa oft ihrer Geschichtlichkeit entrissen wird, um als moralische Legitimation für die Härten der Gegenwart zu dienen. Levis proklamierter Universalismus gewinnt ausgerechnet in Israel eine zutiefst partikulare, persönliche Bedeutung. Wo liegt die Zukunft der Gedenkkultur?Israel ist sicher nicht der einzige Ort, an dem die Schoa aus ihrer Geschichtlichkeit gerissen wird. In den letzten Jahren lässt sich insbesondere im progressiven Milieu Europas eine zunehmende Konsolidierung einer universalisierten Holocausterinnerung beobachten. Diese Universalisierung wird oft als Akt der Aufklärung begriffen und gegenüber der partikularen jüdischen Erinnerung als die vermeintlich progressivere Form des Gedenkens verteidigt. In dieser Lesart könnte die Serie „Etty“ als Beleg für eine „Entjudung“ der Erinnerung missverstanden werden, verbunden mit dem Vorwurf, die Schoa diene hier nur noch als moderne Kulisse für allgemeine moralische Fragen. Als Gegenmodell dazu können Zuschauer die Serie im Dialog mit dem Werk Claude Lanzmanns betrachten. Die kürzlich im Jüdischen Museum Berlin gezeigte Ausstellung „Claude Lanzmann. Die Aufzeichnungen“ präsentierte 152 Original-Tonkassetten und 220 Stunden Gesprächsmaterial. Dieses Projekt stellt sich der Tendenz zur Universalisierung dezidiert entgegen und betont die radikale Konkretheit der Zeugnisse. Die Gespräche mit Tätern und Überlebenden begreifen die Schoa als singuläres, historisches Ereignis und entziehen sie so ihrer Transformation in eine bloße moralische Metapher. Das war immer schon das Anliegen von Claude Lanzmann, der auch deshalb die ständige Kampfbereitschaft Israels verteidigte. Aber ist es wirklich ein Gegenmodell zu Hagai Levis „Etty“? Könnte nicht gerade hier die Zukunft der Gedenkkultur liegen, nicht in der Entscheidung für eine der beiden Seiten, sondern im Aushalten dieser Spannung? Es bedarf der Universalisierung, um gegenwärtige Relevanz zu erzeugen, und das gerade in Israel. Außerhalb Israels braucht es die dokumentarische Konkretheit eines Claude Lanzmann, damit die Erinnerung an die Schoa den Bezug zur jüdischen Realität nicht verliert. Diese Gefahr ist auch gerade in Deutschland allgegenwärtig.Natan Sznaider lehrte bis 2023 als Professor für Soziologie an der Akademischen Hochschule in Tel Aviv. Zuletzt erschien von ihm „Die jüdische Wunde. Leben zwischen Anpassung und Autonomie“ (Hanser, 2024).„Etty“ ist ab dem 13. Mai 2026 in der ARTE-Mediathek verfügbar.







